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Der Israelit · 1936-10-29 · Heft 43 (29.10.1936) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 43 (29.10.1936)
Date
1936-10-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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29, Oktober 1936 Oer Israelit Nr. 43 Seite 3 Das politische Problem des Heiligen Landes. (Fortsetzung von Seite 1.) Heiligen. Lande gegeben. Ueberall sonst auf der Welt befindet sich das jüdische Volk nach der von der Geschichte wundersam bestätigten Weissagung der Thora stets nur ,,auf der Durchreise", stets nur im Lande seiner Gegner. Stärker, ab zu irgendeiner Zeit in der Vergangenheit, macht sich heute diese Gegnerschaft fühlbar. Auf Alijah und Bodenerwerb kann das jüdische Volk nicht verzichten. Alijah und BodenerWerb sind nach den Gesetzen der Thora heilige Pflicht. Ein wirkliches Volksdasein ist ohne sie undenkbar. Beide aber führen, wenn unverkümmert fortgesetzt, zur jüdischen Majorität im Heiligen Lande. 3. Auch die Kantonisierung ist kein geeigneter Ausweg. Sie bedeutet im jetzigen Stadium entweder eine verschleierte Verkümmerung von Alijah und Bodenerwenb oder den verschleierten Verlust der arabischen Majoritätsstellung. Sie verkennt auch das innere Lebensgesetz eines in Entwicklung begriffenen Volksdaseins. Wachstumshemmung ist Wachstumslähmung. Einem Lebenswesen die Grenzen seiner Wachstumsmöglichkeit von vornherein vorschreiben, heißt das Lebewesen verzwergen. Das politische Palästina ist klein genug. Die Schweiz ist kein Vorbild. Dort hat keine Wachstumsmechanik ihre täppische Hand angelegt, sondern politische Klugheit geschichtlich gewordene Wachstumsreife allenthalben anerkannt. 4. Also unlösbar? Also Gewalt nach der einen oder anderen Seite? Gewalt nach ibeiden Seiten? a) Vom rein palästinensischen Standort gesehen, ist das Problem in der Tat unlösbar. Weder die Araber werden auf solchem Standort darauf verzichten, Majorität zu bleiben, noch die Juden, Majorität zu werden. Auch die Königliche Kommission wird daran nichts ändern. b) Aber das Problem darf eben nicht vom rein palästinensischen Standort aus behandelt werden. Seine Lösungsmöglichkeit liegt nicht in der Zergliederung seiner Merkmale, die immer wieder nur auf das Gesetz des Widerspruchs zurückführt, sondern in .der richtigen Art der Betrachtung. Geht man nämlich vom rein palästinensischen Standort aus, so gelangt man fast unwillkürlich zu der Annahme, daß dem Anspruch des jüdischen Volkes als Eindringling der Anspruch des Palästina bereits innehabenden Volkes, eben des arabischen Volkes, gegenüberstehe, dessen Nationalismus in Palästina seine territoriale Fixierung habe. Diese Annahme bedeutet letzten Endes, daß es eine palästinensische Nation gebe, mit der gegenwärtig die jüdische Nation sich auseinanderzusetzen habe. Unter solchem Aspekt ist das Problem allerdings unlösbar. c) Aber eine palästinensische Nation gibt es nicht, so wenig es, seit vielen Jahrhunderten, einen palästinensischen Staat gab. Nicht auf eine palästinensische Nation stößt das jüdische Volk, sondern a<uf die arabische Nation, zu der sich die siebenhunderttausend Menschen in. Palästina rechnen. Der in Palästina erwachte ' Nationalismus macht an den Grenzen Palästinas nicht halt. Ob Panarabismus oder Anschluß an irgendeinen der vorhandenen arabischen Staaten: ein spezifisch palästinensischer Nationalismus existiert nicht. d) Wenn freilich Palästina ein selbständiger Staat .werden soll, erhebt sich sofort die Frage, ob dieser Staat ein arabischer oder ein jüdischer zu sein hat, und der arabische Nationalismus wird schwerlich sich davon überzeugen' lassen, daß Palästina als selbständiger Staat kein jüdischer .zu sein brauche, selbst wenn die Juden die ausgesprochene Majorität bilden werden. Umgekehrt, ist gerade die Vorstellung Palästinas als eines selbständigen Staates in höchstem Maaße geeignet, einen palästinensischen Nationalismus unter den in Palästina wohnenden Arabern allererst zu entwickeln und damit das: Problem endgültig unlösbar zu machen. e) Die Lösbarkeitdes Problems liegt im Anschluß Palästinas an einen der vorhandenen arabischen Staate n. Wird dieser Anschluß klar und deutlich als das unverrückbare politische Ziel des Völkerbundes als treuhänderischen Inhabers derpalästinensischen Souveränität ausgesprochen, hat also künftighin die Mandatsregierung nicht nur die Errichtung des jüdischen Nationalheims in Palästina, sondern auch den Anschluß Palästinas an einen der vorhandenen arabischen Staaten vorzubereiten, so bleiben die Juden innerhalb des kommenden Gesamtstaates eine Minorität, ob sie gleich im palästinensischen Teilstück dieses Gesamtstaates die Majorität bilden werden. Daß eine durchaus selbstbewußte und stolze Nation auf einem wenig bevölkerten und wenig entwickelten Teilstück seines Gesamterritoriums Glieder einer anderen Nation aufnahm und mit weitgehenden Sonderrechten versah, ist in der Geschichte keine Ausnähmeerscheinung. Würden diese Sonderrechte zudem noch die Majorisierung der in Palästina wohnenden Araber, trotz jüdischer Majorität ausschließen, so würde eine solche, durch Tatsachen gestützte Ordnung auch den letzten Stachel zu entfernen geeignet sein. f) Das Recht des jüdischen Volkes, innerhalb des arabischen Gesamtstaates sein Nationalheim zu errichten und zu unterhalten, wäre unter die Garantie des Völkerbundes und unter den exekutiven Schutz der Mandatarmacht zu stellen. Garantie und Schutz brauchten nicht stärker und nicht schwächer zu sein, als sie es unter den gegenwärtigen Verhältnissen sind. g) Die vorgeschlagene Regelung mutet Arabern wie Juden Verzichte zu. Sie sind aber nicht untragbar. Die arabische Nation wird sich damit abfinden müssen, daß Palästina eine Art Goschen innerhalb des arabischen Gesamtstaates werde, Sie hat aber dafür die Gewißheit, daß Palästina ihr erhalten bleibt, und sie braucht selbst in Palästina nicht das niederdrückende Gefühl einer Minorität zu haben, da sie selbst, in Palästina durch seinen Anschluß an den arabischen Gesamtstaatstaatsrechtliche Majorität bleibt und vor allem keine Sorge zu haben braucht, daß ihr die siebenhunderttausend Nationalgenossen verloren gehen. Von den wirtschaftlichen Vorteilen, die dem Gesamtstaat vom jüdischen Nationalheim in Palästina zufließen könnten, soll in diesem Zusammenhang nicht gesprochen werden. Das jüdische Volk wird auf gewaltsame Errichtung des jüdischen Staates in Palästina, ganz im Sinne der Gesetze der Thora, endgültig zu verzichten haben, und zwar nicht durch Worte, sondern durch Schaffung von unwiderruflichen Fakten. Diese Fakten werden das arabische Mißtrauen endgültig beseitigen. Die Türe zur Freundschaft wäre geöffnet. Das jüdische Volk hätte sich damit abzufinden, daß es innerhalb des arabischen Gesamtstaates eine Minorität bilde, zufrieden, daß es im Rahmen dieses Gesamtstaates auf dem Boden der Väter ein nationales Volksdasein im vollen Sinne des Wortes pflegen könne. h) Bis zur Erreichung des Doppelzieles der neuen Völkerbundspolitik mit Bezug auf Palästina wäre die Mandatsverwaltung natürlich aufrecht zu erhalten. Sowohl in Palästina wie auch im arabischen Anschlußstaat müssen die Dinge erst zur Reife kommen. Aber die Reife könnte in Frieden und wachsender Freundschaft von beiden Völkern einträchtig gefördert werden. 5. Ganz außer Betracht bleiben die etwaigen besonderen Ziele, die England in Palästina verfolgen könnte. Hierüber Mutmaßungen anzustellen, ist müßig. Wären Juden und Araber einig, hätte man schnell genug Klarheit. Weise wäre es von beiden Völkern, setzten sie sich am runden Tisch zusammen. Aber mit leeren Händen kann und soll man sich nicht zusammensetzen. Die Quadratur des Kreises wird auch am runden Tisch nicht gefunden. Die Zeit für konstruktive Vorschläge ist gekommen. Wochenrundschau, Vom Konzerte zum Schauspiel.. . . Die Raumnotfür die jüdische Kunst, oder sagen wir korrekter für das Kunstleben der Juden in Deutschland, hat schon voriges Janr dazu geführt, daß man Synagogen in Konzertsäle verwandelte. Es waren naturgemäß zunächst die liberalen und Reformsynagogen, die sich dazu hergaben, während konservative Gemeinden auch unter; dem Drucke der Raumnot sich nicht entschließen konnten, in, die ^'tt^eweihten Hallen die, profane Kunst eindringen zu lassen. Es handelte sich in allen Fällen, — das sei gerne zugegeben — um ernste Musik, die ganz gewiß der seelischen Erhebung dient. Aber trotzdem waren die Bedenken schwerwiegend und durchaus berechtigt. Den Weg, den die Seele mit dem Gebete zur Höhe nimmt, wird sie mit Oratorium und Symphonie nicht finden. Das Vorhandensein , einer ,,Kunstandacht" im Konzertsaal wollen wir nicht bestreiten, aber Kunstandacht ist nicht gleichbedeutend mit religiös e r Andacht. Daß Chorgesang in künstlerischer Vollendung, an der Peripherie der Gebetordnung, zur Hebung des G'ttesdienstes (beiträgt, haben auch die strengorthodoxen Synagogen im Westen wie im Osten immer anerkannt. Aber es macht doch einen gewaltigen Unterschied, ob der G'ttesdienst das Primäre ist, dem sich dienend der Gesang, soweit er vom Kern der Gebete nicht ablenkt* einordnet, oder eine musikalische Veranstaltung in die Gebetsstätte verlegt wird, wo sie, eine rein profane Attraktion, von der Weihe des Ortes noch einen sakralen Charakter erhalten soll. Auf dieser Ebene bewegte sich voriges Jahr schon die Diskussion. Man wußte, die Befürworter der Konzerte in der Synagoge taten es nicht aus Bosheit, auch nicht aus Respektlosigkeit vor dem G'tteshause, und die Opposition der Gegner kam erst recht nicht aus einer Minderbewertung der Kunst und ihrer Wirkung auf Herz und Seele des Menschen. Wer treu zur Tradition hält, vermied es, in der heiligen Stätte, wo er sein Herz im Gebete auszuschütten pflegte, eine musikalische Veranstaltung weltlicher Natur zu genießen. Nun aber erleben wir, 'daß man jetzt schon, vom Konzert zum Schauspiel übergeht. In der Synagoge Oranienburgerstraße fand, nach einem Berichte der Jüdischen Telegraphenagentur, die europäische Uraufführung der Freitag-Abend-Liturgie von Jacob Weinberg (New York) statt, wobei als Solistin Paula Salomon-Lindberg mitwirkte. In einer anderen Berliner Synagoge wird demnächst ein Schauspiel über die Bühne (Almemor oder Aron hakodesch?] gehen, und man möchte heute schon dieses Experiment anderen Gemeinden, die keine geeigneten Säle für ihre Veranstaltungen haben, zur Nachahmung empfehlen. Es soll hier kein Werturteil .über das Stück gefällt werden, das wir nicht kennen und das aus der Feder eines bekannten Berliner Rabbiners und Schrift-

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