Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 42 (22.10.1936)
- Date
- 1936-10-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Feuületon- Beilage; Nummer 42 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn, Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.) Kein anderer als Burkhardt war es, der nun endlich ans Ziel zu kommen zu hoffen glaubte. Die Enttäuschung war herb und erschreckend. Wie vom Blick eines edlen Raubtieres gebannt, stand er da und vermochte nicht zu entfliehen. Aber nichts geschah, außer daß ihn David anschaute mit einem Blick, der fast tödlich auf den Feigling wirkte. Denn, so sagte sich David ingrimmig, kein Gesetz im jüdischen Brauchleben verbietet den Augen das Spiel der Drohung selbst am Sabbat. „Aeh — äh—" suchte Burkhardt endlich seiner .selbst Herr zu werden, aber kein Ton kam sicher aus der Kehle. Er wandte sich offensichtlich feige um und entfloh wie in der Knabenzeit hastig und stolpernd. Was aus dem Blick des Judenvorstehers idrohte, verstand Burkhardt. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Aber der Schleicher liebte gerade Wege nicht und — floh, sich und seine Leidenschaft verdammend. : David wußte, Githa hatte Ruhe. Er hatte dem Burschen die einzige Hoffnung gezeigt, die ihm blühte, wagte er ein zweitesmal, die Braut des „Juden" anzutasten . , . , .-: , IL ■ Der Burgherr wollte es. Der alte Sterenberg setzte es sich" eben in den Kopf: kein Bau ohne RichtfesL - Mühsam versuchte Prosper in Davids Sinn dem Alten dies "auszureden. Es sei ein altes Gebot der Juden, seit der Vertreibung aus dem Heiligen Land keine Feste zu feiern, es sei denn zu G'ttes Ehren.: Schlicht und einfach, ohne jede Zeremonie sollte es vor sich gehen. Dagegen hatte Sterenberg aber allerhand einzuwenden. Schließlieh, behauptete er am Schluß, sei es ihm wohl zu gönnen, mal eine Abwechslung zu schaffen, die mit einem Richtfest verbunden war. , " Prosper richtete nichts weiter aus, als daß es in engem Rahmen bleibe und mehr eine kleine Feierlichkeit als eine Volksbelustigung werde. Das konnte Sterenberg versprechen. David war es nun, der Prosper zuredete, man sollte dem Burgherrn die Freude gönnen. Wenig kam er mehr zu Festlichkeiten, ein schlimmes Reißen zwang ihn oft in dicke Wickel und an den Ofen. Die warme Sonne, das gute Wetter und die schmerzfreien Tage lockten ihn eben zu einer Festlchkeit, bei der* er alle Freuden eines munteren Tages auszukosten gedachte. Unter den Juden war fieberhafte Aufregung. Seitdem sie Heikenbrunn bevölkerten, und dies war schon eine geraume Weile her, war so ein Vorfall nicht eingetreten. Ein Richtfest zu Ehren ihrer Synagoge! Wer konnte da traurig bleiben? Wie zu einem hohen Festtag rüstete man sich. Aus den ärmsten Häusern fing es an zu1 duften und den Kindern lief das Wasser im Munde zusammen. Richtfest — sie hatten keine Ahnung, was es bedeutete, aber sie verbanden es mit Kuchen und lachenden Mienen. Manche wußten Bescheid, sie hatten heimlich in der Stadt bei Neubauten zugesehen. Sie klärten dann die anderen auf. 'Wie Glut stob die Begeisterung auch unter den Erwachsenen auf., Sie belebte ihre Züge, kaum daß man es erwarten konnte, daß der Tag des Richtfestes anbrach. Alles verlief nach bestem Wunsch. Es waren nur geladene Gäste aus der Stadt da, man produzierte das Richtfest den Juden als ein Gesetz und mit gemischten Gefühlen nahmen die Juden diese neue Luft ihrer Gasse in sich auf. Ungeahnte Hoffnungen keimten. auf. Sie sahen schon die Mauern fallen, in die Reihe mit jenen Vornehmen treten, geachtet und gleichgestellt, und gar heimlich glitt die Sehnsucht dazwischen, daß diese Zeit recht bald eintreten möge. Fast vergaß man den Zweck des Richtfestes. Nur David nicht. Er litt unter der Feierlichkeit. Wußte er doch genau, welche Wünsche auftauchten in den blassen Gesichtern der Juden, die sonst im Gebet und ihrer täglichen Pflicht das Höchste sahen; Nun stand vor ihnen noch ein leuchtendes Bild, unter dem geschrieben war: Freiheit! Wie die Freiheit aussah in ihrem jüdischen Sein, das vermochten sie schwerlich jetzt schon ganz zu erfassen. Halten hätte er sie mögen, fassen und rütteln, um ihnen Enttäuschungen zu sparen, die auf jeden Fall kommen mußten. Enttäuschungen und Rückschläge. Prosper neben ihm sah die Falte seiner Stirne, doch schrieb er es anderen Gedanken zu und puffte ihm freundschaftlich in die Seite, während einer der Gäste kräftige Worte sprach. Das weckte den jungen Vorsteher und keine Pflicht versäumte er, die er im Namen seiner Gemeinde abzulegen hatte. Selbst Sterenberg sprach einige warme Worte. Ihm gefiel die festliche Aufmachung der Juden, er empfing sie wie eine Ovation für sich selbst. Ein bißchen eitel war er schon darauf. ,,Nun macht euch ans Werk," hatte er gesagt, das nahmen sie ernst. Es wäre ihnen, nach dem Richtfest, auf sich allein gestellt, nicht wenig schwer gefallen, alles allein zu schaffen. Aber der Tempelbau hatte sich in der Gegend herumgesprochen und die wenigen Arbeiter aus Heikenbrunn wurden viele durch den Zuzug aus anderen Städten. Jeder wollte der Mizwah teilhaftig werden, an einem jüdischen Tempelbau mitgeholfen zu haben. Das war ein Glück für die Heikenbrunner Juden. Denn manches Hindernis trat ein. Der Heikenbrunner Steinbruch war einesteils durch zu weiches Gestein unbrauchbar geworden. Die gestifteten Steine aber mußten weither geholt werden. Mit wahrer Wonne unterzogen sich die jungen Arbeiter der größten Mühe. Fehlte es in Pferden vor den Karren, so spannten sie sich selbst ein und zogen das Gestein an Ort und Stelle. Stundenweit liefen sie zu einer Sandsteile, aus der sie schöpfen durften. Das sollte ein Fundament geben, das durch Jahrhunderte hielt! Nicht Marmor und sonstiges edles Gestein brachten sie ein, einfachstes Material, grau;n grau, belichtet aber durch die Wonne, zu solchen Werken begnadet zu sein. Ausgeschachtet hatten sie mit dumpfem Staunen den Grund und Boden, nun aber, vor sich die Steine, befähigt, ihnen Leben zu geben zu einem heiligen Haus, wurde ihr Drängen und Arbeiten eine Lust. Stets war der Bau umstanden vpn Neugierigen aller Kreise. Nicht allein aus der Gasse kämen sie, um zu staunen. Man wunderte sich über die Körperkraft der als schwach verschrienen Juden. Es war, als gebäre 'diese Arbeit Muskeln an den Armen und Beinen der jungen Männer. Sie fühlte sich Jahrtausende zurückversetzt in ' jene Zeit des Tempelbaues zu Jerusalem. Wieviel- Tausende von Menschen arbeiteten an jenem Wunder aller Zeiten? Waren sie aber, die Heikenbrunner Juden, nicht besser dran als jene in Jerusalem. Jene keuchten unter der Last, die ihnen schwer erschien. Sie aber freuten sich jedes Schweißtropfens, der um diesen Tempelbau vergossen wurde. Kam ihr Vorsteher zum Bau, dann konnte es geschehen, daß auch er die Ueberkleider von sich warf und mithalf. Wunderbar war es, als der junge Burgherr ihn einmal dabei überraschte, als er Steine, gewöhnliche Steine lud und sie auf den breiten Schultern den geübten Arbeitern zutrug. „Zu mehr langen meine Kenntnisse nicht," lachte er Prosper zu, der nichts Besseres zu tun wußte, als Wams und Gürtel abzuwerfen, um desgleichen wie der Freund zu unternehmen. Das war ein lustiges Steinschleppen gewesen, von dem die Juden noch lange erzählten. Freude und glückliche Hand lagen über dem Bau. Jedoch nur sehr langsam, dem Arbeiten jener Zeit entsprechend, ging der Bau vor sich. Das Fundament schien eine der Hauptsachen für Prosper zu sein. Dem Plan entsprechend mußte alles gehalten werden. Jedoch wurde er nie ungeduldig, wenn die vielen ungelernten Juden halb verzweifelt um seinen Rat flehten. Was den anderen langsam war, schien den Juden beflügelt. Sie genossen die kleinsten Anfänge des Bauens, wie eine Freude. Was noch so langsam ward, war immer ein Stück des Tempels. Sie sahen ihn schon vor sich. Aufgereckt, mit kleiner Kuppel, wie es im Plane vorgeschrieben ward, ein Wahrzeichen beginnender Freiheit. Wird der Tempel — so wird auch die Freiheit, sagten sie sich scherzend. Und der Tempel wird — Nirgends eine Wolke — alles heiter und zuversichtlich, y v Scheinbar wenigstens ... 12. Irgend einx Heikenbrunner Poet, den Sehnsucht und Glückshunger in die fremde Welt verschlugen, gab seinem Schmerz nach der Heimat den Ausdruck: „Ueberm Tal, wo Sonne und Glück sich mischen, Wo von Bergeshöhen schäumende Bäche zischen, Ueber diesem so überaus gesegneten Land Steht die Burg wie eine mild mahnende Hand/' Das Lied sangen die Heikenbrunner, wenn sie festliche Tage hatten, ein wenig gedankenlos, ohne sich dabei veranlaßt zu sehen, jene mahnende Hand und ihre Mikle selbst zu bewundern. Es war nur Fremden, die als Besucher die Stadt bewohnten, jenes Staunen gegeben, die angesichts des auf hohen Felsen erbauten schloßartigen Burghauses sich die Frage vorlegten, wie vermochte man jenes Gebäude dort oben zu errichten. Selbst den Abgebrühtesten kam eine Ahnung von jenem unmenschlichen Frondienst vor hunderten von Jahren, den arme Menschen den reichen gegenüber zu leisten hatten. Ein einziger Jammerzug geplagter Menschen schlich unsichtbar den Weg zur Burg entlang. Dem alten, jetzigen Burgherrn waren Fragen unbequem, die jener Erbauung der Burg galten. Peinlich fast berührte ihn die Erinnerung, die festgelegt in den Familienbüchern war und bedeutete, daß Abertausende von Menschen mitgeholfen hatten bei dem Burgbau. Sie mochten von der „mildmahnenden Hand" nichts gemerkt haben, denn mit Fäusten und Speeren wurden sie zur Arbeit angetrieben. Das Vieh hatte es besser dazumal als die Menschen. (Fortsetzung folgt.)