Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 42 (22.10.1936)
- Date
- 1936-10-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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22. Oktober 1936 - .'■ Nach der Eroberung Samarias heißt (2. Kge. 18, 11), daß der König von Assyrien die Israeliten nach Assyrien fortführte und sie nach Ha- Iah und Habor, an den Strom Goson und in die Städte von Medien versetzte und ferner (2. Kge. 17, 24), daß er Völkerschaften aus Babel, Kuta, Awa, Ham^t und Sefarwajim iherbeibrachte und sie in den: Städten Samariens statt der Israeliten wohnen ließ. Vollständig entsprechend heißt es in den finalen des Königs Sargon: „Im Anfange meiner Regierung und in meinem ersten Regierungsjahre Samaria belagerte und eroberte ich 27 290 Einwohner, schleppte ich fort 50 Streitwagen hob ich dort aus. Ich stellte wieder her und machte es wie früher. Leute aus allen Ländern, meine Gefangenen siedelte ich dort an. Meine Beamten setzte ich als Statthalter über sie. Tribut und Abgabe wie den assyrischen legte ich ihnen /auf.'' - Wohl die hervorragendsten Dokumente mente für .die beispiellose Treue der geschichtlichen Berichte der heiligen Schrift sind die Inschriften Sancheribs. ,,Im vierzehnten Regierungsjahre des Königs Hiskija", so heißt 2. Kge. 18, 13, ,,zog iSancherifo, König von Assyrien, gegen alle festen Städte von Juda und eroberte sie. Da sandte Hiskija, König von Juda, an den König von Assyrien nach Lachis und ließ ihm sagen: Ich habe gefehlt! Ziehe wieder ab von mir; was du mir auferlegen willst, will ich tragen. Der König von Assyrien legte dem Hiskija, König von Juda, dreihundert 'Kikar Silber und dreißig Kikar Gold auf. Hiskija gab alles Silber her, das sich im Hause des Herrn vorfand und in den Schatzkammern des Königshauses. Zu dieser Zeit riß Hiskija von den Türen des Tempels des Herrn und von den Pfosten das Gold ab, womit Hiskija, König von Juda, alles überzogen hatte und gab es dem König von Assyrien." Diese Ereignisse schildert auch Sanchertb selbst auf dem sogenannten Taylor Prisma in folgender Weise: In meinem 'dritten Feldzuge zog ich nach dem Lande Hatti. Und von Hiskija, dem Judäer, der sich nicht unter mein Joch gebeugt 'hatte, belagerte ich 46 feste Städte mit Mauern versehen, die kleineren Städte in ihrer Umgebung ohne Zahl mit der Niedertretung der Wälle und dem Ansturm der Widder. 200150 Menschen gefangen. Ihn selbst sperrte ich in Jerusalem wie einen Käfigvogel ein. Er zahlte Tribut 30 Talente Gold, 800 Talente. Silber und andere Kostbarkeiten. Man möge einmal idie Annalen der Weltgeschichte bis in die Gegenwart hinein daraufhin nachprüfen, wo eine Niederlage von dem unterlegenen Teil mit allen demütigenden Einzelheiten mit einer derartig vollendeten Objektivität festgehalten ist, wie es 'hier im Buch der Könige geschieht. Selbst die Summe des gezahlten Tributs stimmt genau mit der von Sanoherib angegebenen überein. In beiden Berichten ist von 30 Kikar Gold die Rede. Den 800 Talenten Silber des assyrischen Berichts entsprechen die 300 Talente des Buches der Könige, da das palästinensische Silbertalent 8/s des leichteren assyrischen gegolten hat. (Brandis, Münzwesen in Vorderasien; vergl. A. Marcus, Jüdische Chronologie S. 76.)' * ■ In seiner Strafrede gegen die Stadt Ninive droht der Prophet Nahum ihr die völlige Zerstörung ein. Es werde sie dasselbe Schicksal ereilen, welches Assur der ägyptischen Stadt NoAmon (Theben) bereitet habe. (Nahum 3, 8, 10): „Bist du besser als NoAmon, das an den Nilarmen wohnte, vom Wasser umgeben, 'dem das Meer als Bollwerk diente; dies Meer war seine Mauer. Auch dieses wurde gefangen, in die Verbannung geführt, auch seine Kinder wurden zerschmettert an allen Straßenecken. Ueber seine Vornehmen warf man das Los und alle seine Großen wurden mit Ketten gefesselt." Diese Stelle wurde von der modernen Wissenschaft für ein späteres Einschiebsel erklart, da von einer Zerstörung Thebens in jener Zeit nichts bekannt war. Die assyrischen Inschriften haben das , Sinnlose eines solchen Vorgehens in das hellste Licht gerückt. Danach Der Israelit hat Assurbanipal in seinem zweiten ägyptischen Feldzug gegen Urdumani der Stadt Theben jenes vom Propheten geschilderte Schicksal bereitet. „Meine Truppen," so heißt es in der Inschrift, „brachten ihn in der Schlacht in einer weiten Ebene eine Niederlage bei und. schlugen seine Truppenmacht. Urdumani floh allein und warf sich nach No, seiner Königsstadt. In einem Marsohe von einem Monat und 10 Tagen zogen sie auf unwegsamen Pfaden hinter ihm her, nahmen jene Stadt in ihrem ganzen Umkreise ein, warfen gleich dem Sturmwind sie nieder. Gold, Silber, den Staub des Landes, Gegossenes? Kostbarkeiten? den Schatz seines Palastes, Gewänder von Berom? und KUM, große Pferde, Männer und Weiber . . . pagi und kupi, das Erzeugnis ihrer Berge in zaihlloser Menge führten sie aus ihr fort, bestimmten sie zur Gefangenschaft gen Ninive, meinem Herrsohersitze, brachten sie sie wohlbehalten und sie küßten meine Füße." (vergl. A. Marcus, Chronologie S. 78, Barsilai S. 225). Völlig entspricht dieser Bericht den Schilderungen des Propheten, die als Fälschung hinzustellen, die Wissenschaft sich nicht gescheut hat, solange kein assyrischer Bericht sie eines Besseren belehrte. In ganz ähnlicher Weise hat diese wissenschaftliche Methodik bei der Wertung des Berichtes der Thora über den Kriegszug des Amrafel (I. B. M. 14) ihr völliges Versagen einräumen müssen. Hierüber heißt es bei Sellin (Geschichte d. Israelit, jüdischen Volkes S. 38): „Auf der anderen Seite folgt das Alter des Kernes des Berichtes mit Sicherheit zunächst aus einer ganzen Reihe sachlicher und sprachlicher Einzelheiten, die man früher wegen ihrer Singularität im A T. für erdichtet bezw. jung hielt, deren Zuverlässigkeit bezw. Alter aber gerade die neuere Erschließung des alten Orients bewiesen hat (S. 39). Ein spezielles Problem stellen noch die Namen der Könige des Ostens. Während man diese früher einfach für erdichtet hielt, sind auch sie zum guten Teil entweder als geschichtliche oder wenigstens geschichtlich sehr wahrscheinliche nachgewiesen; . . . Jedenfalls liegt die Sache jetzt sö, daß die, die früher kühn behaupteten, es sei offenkundig, daß hier durch einen späteren Midrasch Abram in einen historisch ganz unmöglichen Rahmen 'hineingestellt sei, allen Grund ihaben, ihre Aeußerungen vorsichtiger zu gestalten." Bewiesen ist mithin zweierlei. Einmal die gänzliche Unzuverlässigkeit der sogenannten wissenschaftlichen Methodik. Denn wenn die Erschließung des alten Orients ergeben hat, daß „eine ganze Reihe sachlicher und sprachlicher Einzelheiten alt und. zuverlässig sind", obschon man sie mit den Mitteln wissenschaftlicher Methodik für erdichtet bezw. jung erklärt hatte, daß ferner Namen, die man für erdichtet hielt, geschichtlich oder doch geschichtlich se'hr wahrscheinlich sind, und schließlich ein Bericht mit historisch zuverlässigen Details zu Unrecht als ein tendenziöser späterer Midrasch bezeichnet worden ist, dann beweist das zur Evidenz, daß diese Methodik in ihren Prämissen falsch sein muß, Hieran ändert auch nichts die Selbstherrlichkeit, mit der sie nach wie vor an solchen Stellen auftritt, bei denen noch keine Inschriften die Unrichtigkeit ihrer Ergebnisse klargestellt hat. Dort wo eine Möglichkeit zur Nachprüfung bestand, hat sie ihr Versagen zugeben müssen. Ebenso klar ergibt sich aber auf der anderen Seite die absolute Zuverlässigkeit der Quellen unserer Geschichte auch in den feinsten Einzelheiten, dort wo ihnen wirkliche Tatsachen gegenübergestellt werden körinen. Das zeigen die im Vorstehenden betrachteten Beispiele zur Genüge. Daraus folgt aber zwingend, daß wir diesen Quellen auch dann vertrauen müssen, wenn solche Tatsachen nicht vorhanden sind und lediglich die aus unrichtigen Voraussetzungen gezogenen Schlüsse einer verfehlten wissenschaftlichen Methodik ihnen entgegenstehen. ___Nr. 42 Seite 7 Somit kommen wir zu dem Ergebnis, daß eine wirklich voraussetzungslose Wissenschaft immer tiefer und fester von der Wahrheit des uns überlieferten Geschichtsbildes überzeugen muß, derart daß die durch sie gewonnene Ueberzeugung unerschütterlich wird, weil sie nicht nur Sache des Glaubens, sondern im Sinne des rijn'l •pab b$ naWl ÜVn in erster Linie auf klare Erkenntnis der Dinge gegründet ist. Hierbei haben wir ein wichtiges Hilfsmittel und eine willkommene Ergänzung in den Tatsachen, welche die moderne Wissenschaft uns liefert. Scharf zu scheiden ist hierbei aber zwischen Tatsachen auf der einen, Folgerungen, Schlüssen und Urteilen auf der anderen Seite. Nur erstere sind von Bedeutung. Letzter haben als auf falschen Voraussetzungen beruhend von vornherein auszuscheiden. Unerläßliche Vorbedingung für die Benutzung der modernen wissenschaftlichen Literatur ist sonach die sichere Fähigkeit, scheiden zu können zwischen dem, was als Tatsache anzuerkennen und dem, was Urteil, Schluß oder Folgerung ist. Wenn wir diesen Grundsatz beherzigen, dann werden wir verstehen, was unserer Zeit jene Sätze zu sagen haben, mit denen das dritte Kapitel des Hohenliedes beginnt, jenes Hohenliedes, welches die Erlösungssehnsucht des jüdischen Volkes kündet. „Auf meinem Lager in den Nächten," so heißt es dort, „suchte ich ihn, den meine Seele liebt; suchte ihn, aber fand ihn nicht. Ich möchte doch aufstehen, in der Stadt umherstreifen auf den Straßen und Plätzen, suchen ihn, den meine Seele liebt; ich suchte ihn, aber fand ihn nicht. Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen: Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt? Kaum war ich weiter geschritten, von ihnen entfernt, da fand ich ihn, den meine Seele liebt. Ich ergriff ihn und lasse ihn nicht fahren, bis ich ihn heimgeführt habe in das Haus und das Gemach meiner Mutter." „Auf meinem Lager in den Nächten", das sind die Nächte des schlimmsten Golus', in welchen die Sehnsucht der jüdischen Volksseele nach voller Entfaltung keine Erfüllung fand. Das Zeitalter der Emanzipation bricht herein. Geblendet von der Fülle des hereinströmenden Lichtes erhebt sich das jüdische Volk und hofft, in der plötzlich sich öffnenden Weite das Ziel seiner Sehnsucht zu erreichen. Vertrauensvoll wendet es sich an die Hüter der Kulturen jener Umwelt, denen es sich willig beugt, an sie die bange Frage des Herzens richtend. Befriedigung findet die Seele jedoch trotz aller Selbstaufgabe nicht. Erst als es sich schließlich,« durch die Ereignisse belehrt, von ihnen losreißt, da findet es den Weg, der zum Ziele führt, den Ersehnten der Seele in der Heimat heimisch zu machen! (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen. Deutsches Reich. Kein Kostenersatz für Behördenangehörige bei Beanspruchung von jüdischen Aerzten und Rechtsanwälten. Frankfurt a. M., 13. Okt. Für Kosten, die durch Inanspruchnahme von jüdischen Aerzten, Zahnärzten; Apotheken, Heilperso* nen, Kranken* und Heilanstalten, Entbindungsheimen, Beerdigungsinstituten, Rechtsanwälten usw. entstand den sind, werden, wie die „Frankfurter Zeitung" meldet, nach einem Runderlaß des Reichsministers des Inneren Notstandsbeihilfen oder Unterstützungen an Behördenangehörige nicht mehr gezahlt, es sei denn, daß ein ganz besonders gelagerter Einzelfall