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Der Israelit · 1936-10-15 · Heft 41 (15.10.1936) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 41 (15.10.1936)
Date
1936-10-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Femlleton- Beilage Der Israelit Nummer 41 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.) „Prosper, wir sind doch keine Knaben mehr . . sohalt David. Prosper nickte. Mit verächtlichem Gesicht wollte er sich von dem Schreiber abwenden. Der erfaßte blitzgeschwind, daß er eine Dummheit beging und der einflußreichen Freundschaft verloren gehen mußte, wenn er nicht zu Kreuze kroch. Wie er diesen Juden haßte! Er fand Worte, er war nicht verlegen darum. Ob man nicht mal einen Spaß machen könnte. Er sei aber empfindlich geworden, Er zwang sich sogar, sich an David zu wenden und ihn zur Bestätigung dieses Satzes anzurufen. David würdigte ihn keiner Antwort. Er bückte sich nach einem Stein, den ein fleißiger Arbeiter behauen hatte. Kraft und Freude schienen aus dem Stein zu brechen und verlöschten den gemeinen Satz des Schreibers in seinem Innern. Prosper gönnte dem Feigling .Burkhardt die Niederlage bei David. Es stimmte ihn milder. „Noch einmal solche Späße, und ich mach' dir Beine mit den Hunden . . ." drohte er und drehte auch sich um. Burkhardt fühlte, daß er überflüssig war und rettete seinen Abgang durch ein lachendes Oho. Damit wandte er sich um und ging seiner Wege. Erst am Ende der Landstraße drehte er sich vorsichtig um. Die Beiden standen immer noch am Bauplatz, jetzt eifrig debattierend. „Dir werd' ich auch mal was bauen, du Jude," fluchte Burkhardt vor sich hin und spuckte aus, ehe er weiterging. Aber auch David wußte, daß er einen Todfeind in diesem Menschen besaß . . . 10. Ein Freitagabend über Heikenbrunn. Sachte ging die Sonne unter; sehr langsam nur, als bedaure sie den heutigen Abschied von den Blüten, die in wildem Reigen ihren Duft durch Stadt und Land schickten. Um sich und dem Schönen den Abschied leichter zu machen, vergoldete der letzte Sonnenstrahl .jedes kleine Ding und verlieh ihm die Pracht, die nur die Himmelslampe allem Irdischen zu geben vermag. Darüber noch nachsinnend, war Githa ins Haus des jungen Vorstehers David ben Joseph .■getreten, wo sie, wie in alten Zeiten, wieder einmal den Freitagabend durchleben sollte. Ihre Tante war bereits anwesend und half nach besten Kräften. Weil alles drunter und drüber ging bei der ein wenig aufgeregten Frau, bemerkte sie nicht die heiße iRöte im Gesicht des jungen Mädchens. Küche und gedeckter Tisch "waren ihr wichtiger im Augenblick. Einer sah es genau, auf den ersten Blick. Auch fühlte er das gedrückte Wesen, das Scheue in ihr, das allem Fragen auswich. Doch konnte Pavid von seinem Pflichtkreis als liausherr nicht abweichen und mußte den Besuchern seines Hauses durch Gebet und Frömmigkeit den Salbbat Tüfingen. i. Ein rührendes Bild war es stets, wenn er die Hausfrau seines Heimes, die alte;Schwester des Vaters, ihrer eigensten Pflicht entgegenführte. Die Alte, annähernd blind und taub, in sich die stolze Erregung, daß man sie noch nötig hatte, taumelte am Arm des Neffen zu den Leuchtern. Man verstand nicht ihre betenden Worte; David müßte die lichterspendende Hand mit dem Holzspänchen führen, denn nur ein matter Schimmer noch drang bis zur Netzhaut der alten Frau. Das freute sie. Sie kicherte vor sich hin, wenn man sie zu ihrem Sessel zurückführte, ein Ereignis war es für sie, an dem sie eine Woche lang zehrte. Heute abend glitt der Blick Davids zu Githa, von den Lichtern weg zu ihrem klaren, weißen Gesicht, aus dem die dunklen Augen brannten, als sie seinem fragenden Auge begegneten. Sie gab Besaheid, ohne mit dem Blick zu fliehen. Nicht daß sie noch nicht Hausfrau war, betrübte sie, nein, gewiß nicht das — sie gönnte der Alten die kleine Spanne Hausfrauenzeit. Was aber anderes bedrückte sie? fragte sich David weiter, und es verfolgte ihn durch die Gelbete, die. er mit Ueberzeugung sprach. Er liebte seine Religion mit der Inbrunst seiner reinen Seele. Er verlangte von dem Höchsten nichts für sich. Nur flehte er ihn in einer stummen Minute an diesem Abend an, sein Mädchen ihm zu bewahren in der bangen Zeit des Wartens. Sie saßen beim Essen nicht zusammen, zwischen ihnen plauderten die Muhme und der Mosche, ein Paar, dessen lustige Streiche, die ihnen ohne ihr Wollen unterliefen, stets die Gasse erfreuten. Sie zankten sich stets. Wie sie verwandt waren, wußte keiner. Vielleicht waren sie Vetter und Base, David allein wußte, daß es Wahlverwandtschaft war. Das muntere Zanken lag zwischen ihm und Githa, die ein stilles Lächeln, wohl ihm zur Beruhigung, um die Lippen hatte. Endlos lange dünkte ihm die Speisefolge. Nahm sie nie ein Ende? Ihn traf Githas beruhigender Blick. Sie las ihm scheinbar alles von der Stirne ab. Sie versuchte sich in einem neckischen Lächeln. Er wußte, was sie damit bezweckte und gab sich der Freude der Erinnerung hin. Das war damals gewesen, als sie beide sich noch wie zwei widerborstige Tierlein bekämpften und sich doch schon liebten. Da schrie der erzürnte Knabe: „Dich lade ich nie zu Freitagabend bei uns ein . . ." Damit neckte sie ihn gewiß lebenslang. Auf einmal standen sie nebeneinander. Wie im Flug war der Rest des Mahles vergangen. Die Menschen um den Tisch verteilten sich in Grüppchen, die lebhaft miteinander redeten. Githa wehrte sich nicht, daß David sanft ihre Hand ergriff und sie in den entlegensten Winkel der großen Stube führte, wo zwei niedere, gepolsterte Stühle standen, auf denen sie sich niederließen. Nun gab es für ihn kein Halten mehr. ,,Du bist verstimmt, Liebste," sagte er geradezu, jeden Hinterhalt in Worten beiseitelassend. Ihre Hand zuckte widerstrebend in der seinen. „Nein, nein," wehrte sie ab. Aber er ließ die feinen Finger nicht los. „Du kannst nicht lügen, du nicht! Hast du mir nicht geschworen, Freud und Leid mit mir zu tragen? Wie stolz sagtest du damals: ein echt jüdisches Brautpaar wollen wir sein; beide bewußt der Würde und Bürde, die uns mit einer Ehe auf die Schultern gelegt wird. Bist du dessen schon jetzt leid?" Sie fuhr herum und nun war sie es, die seine Finger umklammerte. „Wie kannst du so etwas denken!" entfuhr es ihr rasch. Aber er wiegte bedenklich den Kopf. „Du verschweigst mir etwas. Du weißt, es ist nicht Neugier, daß ich dich fra£e. Ich aber weiß, es ist nicht müßige Laune, /die dir jenen angstvoll-gehetzten Zug in die Äugen schreibt. Deshalb frage ich nur . . ." Sie senkte das schöne Köpfchen. Noch widerstand es ihr, die Wahrheit zu sagen, aber es lockte sie, ihr Herz auszuschütten. Nun war es ein Leichtes für David, alles aus ihr zu fragen. Er ahnte es, deshalb war sein Gemüt hart und dennoch aufnahmefähig für die Beleidigung, die seinem Mädchen widerfuhr. Um Burkhardt handelte es sich. Zuerst war es Githa nicht bewußt gewesen, daß das wiederholte Begegnen mit diesem Menschen Absicht von dessen Seite war. Erst die frechen Blicke, mit denen er sie musterte, klärten sie auf. Sie ging zurück zu dem ersten Treffen mit Burkhardt. Sein Benehmen war ihr damals schon verabscheuungswürdig vorgekommen. Nun verachtete sie ihn wie ein giftiges Reptil. Er schien davon nichts zu merken. Er schlich ihr nach, rief ihr offen, wenn er sich in der Gasse mit ihr allein sah, anzügliche Worte nach. Immer vermochte sie, wortlos zu entfliehen. Aber am heutigen Abend —^ die Muhme war bereits vorausgeeilt, um beim- Mahl hier zu helfen — erreichte er sie allein. „Schönes Judenkind," sagte er zu ihr, und sein nach scharfem Alkohol duftender Atem berührte nahe ihr Gesicht, „da sind wir ja!" Sie wollte, wie gewohnt, entfliehen. Doch schien ihn die Dämmerung mutiger gemacht zu haben. Er packte ihren Arm und zwang sie so, neben ihm stehen zu bleiben. Seine wüsten Worte, deren Sinn ihr die Scham in die Wangen trieb, gellten ihr noch jetzt in den Ohren. Wie von Sinnen riß sie sich los und schlug dem Frechen ins Gesicht, Weil er taumelte, konnte sie ungehindert entfliehen. Kaum hatte sie Atem, als sie hier anlangte. Sie mußte zuerst verschnaufen, ehe sie eintrat. Deshalb lag die tiefe Röte in ihrem Gesicht ... Jede Sehne spielte in dem beherrschten Gesicht Davids. Leicht waren die Adern an der Stirne geschwollen, auf den Backenknochen lagen rote Flecken. Seine Stimme war heiser, als er aufstand und sagte: „Ich werde diesen Kerl zerschmettern . . ." Aber er kam nicht weit. Githas Hand hielt ihn zurück. „Du willst um der Rache willen, die G'tt allein vorbehalten ist, den Sabbat entweihen?" Das schmetterte ihn förmlich auf seinen Sitz zurück. Lange sann er vor sich hin. Was konnte man anderes von einem durch und durch verderbten Menschen verlangen? Griffen solche schmutzigen Hände nicht auch nach Reinem? Vielleicht gerade nach dem Reinsten. Er wurde wieder Herr seiner selbst. Ruhig gab er Githa einige Verhaltungsmaßregeln. „Ich ordne die Sache schon, auch ohne den Sabbat zu entheiligen. Da es spät wird heute abend, bleibst du mit der Muhme über Nacht hier. Es ist dir wohl recht!" Sie atmete auf. Dankbar griff sie nach seiner Hand. Was sie ihm nicht gesagt hatte, ahnte er: der Kerl lauerte ihr auf. Ich ordne die Sache schon! gellte es in seinem Innern. Weiter rief es: Am Sabbat sollst du dies und das nicht tun — auch mit deinem Feind nicht abrechnen. Dennoh trat er, als die Lichter im Hause erloschen waren und alles schon der Ruhe pflegte, vor die Haustüre und starrte ins Dunkle. Ein paar Schritte nur brauchte er zu gehen, als vor ihm eine Gestalt vorbeihuschte, wie in einem Schrecken über die Enttäuschung, die ihm die Schritte brachten, stehen blieb und nun nicht los konnte von dem Blick des riesenhaften Mannes. (Fortsetzung folgt.)

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