Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 41 (15.10.1936)
- Date
- 1936-10-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Nr. 41 Der i s r .a, e 1 i t 15. QktoberM936 Die Festhätte im Taunus. Weitab vom Orte und von der Bahnstation liegt zwischen Laubbäumen und Gartenanlagen das würfeiartige Haus mit dem pittoresken Türmchen, an dessen Mauern sich das vom Herbste rotgefärbte Laub hochrankt. Von der Gartentüre weg windet sich der Weg 'direkt zu den nahen, bewaldeten Tai nusbergen. Wendet man sich rechts ums Haus zum Tale hinunter, wo 'das Dorf liegt, reiht sich Weinberg an Weinberg, in denen jetzt zwischen den Reben sich die gebückten Gestalten bewegen, um die goldenen Trauben von der Staude zu lösen und in den riesigen Fässern zu verstauen. Nur wenige Häuser sind in der Nähe des Heimes, die, ebenso wie dieses von Gärten und Bäumen umgeben, .im Silberglanze des schönen Herbstes glühen. Eine friedliche Stille ringsherum, in die, wenn sie einmal unterbrochen wird, friedliches Lachen hineinschallt. Eine kleine Festgemeinde hatte sich auf dieser Friedensinsel für eine Woche festgesetzt, um das Fest der Freude zu feiern. Die unvergeßliche Jeanette E 111 i n g e r hat, als sie vor 27 Jahren zum Andenken an ihren Gatten hier ein Heim für das jüdische Kind errichtete, selber noch nicht ahnen können, welcher Segen in der Folge aus diesem Werke mit den Rosen im Garten und den Ranken an der Mauer für Generationen emporblühen wird. Nahezu 6000 Kinder haben seitdem die schönsten Tage des Jahres, vielleicht sogar die schönsten Tage ihres Lebens, hier im Garten und in deri umliegenden Taunuswäldeim bei würziger Waidluft und vortrefflicher Pflege des Körpers und des Geistes verbracht. Die Aufgabe des Heimes hat sich mit den veränderten Zeiten stets gewandelt und blieb doch stets die gleiche: Friede und Freude in ermattete junge Herzen zu leiten. In beschaulicher Friedenszeit entstanden, hatte das Haus in der Folge mitten im Elend des Krieges und des Nachkrieges sich zu bewähren, sich auf Inflation und Deflation umzustellen, in Krisenzeiten gesteigerte Pflichten zu übernehmen, und blieb doch immer was es war: Eine Friedensinsel, ein Ferienparadies des jüdischen Kindes, gleichviel aus welchem Kreise, welchem Milieu es kam. Noch erinnern wir uns lebhaft der ehrwürdigen Dame in Schwarz, die die letzten Jahre ihres Lebens ganz dem Hause widmete, wie sie gegen Abend bei Sonnenuntergang am Rande stand, um die aus den Wäldern in froher Lust heimstürmenden Kinder in Empfang zu nehmen. Unbeschreibliches Mutterglück glättete die Falten im guten Gesichte der Frau, der Kindersegen nicht beschieden waren. Ein gutes Wort fiel für jedes „ihrer Kinder" ab, bevor es, nach kräftigem Mahle, ermüdet und doch erfrischt, zu Bette ging. Ihr zur Seite stand damals ein junges, blondes Mädchen, das unter Anleitung der Meisterin die Kinder betreute. Die Matrone, ging 1919 von dannen, gewiß mit, einem glücklichen Lächeln über das vollbrachte Lebenswerk im Dienste des Kindes. Die gelehrige Schülerin nahm die Arbeit auf, und blieb treu, voller Rührigkeit und Aufopferung, mit einer von warmer Menschlichkeit gemilderten strengen Sachkenntnis am Werke. Bis sie vor kurzem, nach ©iebenundzwanzigjähriger Arbeit, von Haus und Kind Abschied nahm, um als Ehefrau ein eigenes Haus zu beziehen. Aber das Heim wird die Namensänderung seiner Leiterin kaum zur Kenntnis nehmen. ■. Der Name Fräulein Heller ward im Hause ewig den gleichen hellen Klang behalten. Sie steht jetzt noch als Mitglied der Verwaltung dem Heime mit Rit und Tat zur Seite, und ihre Nachfolgerin, Tochter einer uns allen bekannten Frankfurter Familie, war eine so gelehrige: Schülerin der bisherigen Leiterin, daß ihre große Jugend jetzt schon durch reife Erfahrung und grenzenlose Liebe zur Sache ausgeglichen wird. Am Geiste des Hauses hat sich nichts geändert. Das machen sich in letzterer Zeit auch unsere Schulen in Frankfurt und anderswo zunutze, die hier für einige Winterwochen ihr Landheim aufschlagen. Zwischen den Zeiten, da das Haus seines eigentlichen Inhaltes, der Kinder, bar ist, in der Fest* wo che, kamen wir( lauter gute Frankfurter, als eine kleine Festgemeinde und annektierten: für acht Tage das herrliche Heim, schlugen hier unser Zelt in buchstäblichem Sinne auf, unsere Hütte des Friedens. Und merkwürdig: In den hellen Zimmern mit den weißen Wändsn, an denen farbige Jugendbilder aus deutschen Märchen hängen, fand man etwas von seiner frühen frohen Jugend wieder. Man konnte wieder lachen, man konnte im Walde laut jauchzen wie anno dazumal, man konnte vergessen, man konnte wieder nur für den Tag, für die Stunde, denken. Menschen am Ende ihres Lebensherbstes erfuhren, wie schön und erquickend eine Herbstlandschaft im Silberglanze später Sonne sein kann und konnten sich auch am Herbste ihres Lebens wieder freuen. Man ging aus sich heraus, und manch einer, der -in der Großstadt still und verdrossen seines Weges dahingeht; entpuppte sich als Mann von Geist und Witz, der einiges zu bieten hat ... Und im Dorfe wie auf den Wald- und Wiesenwegen grüßten die Bauern ven -den Fuhren herab, nickten die Winzer zwischen den Reben, wankten die Gärtner von der an die Apfelbäume gelehnten Leiter herab. Ein „Fest des Einsammelns", desErntedankea. Ein Hauch des Sukkausfestes im eigenen Lande wehte uns an auf unseren kurzen und längeren Spaziergängen zwischen Feldern und Baumgärteh. Im Hause, aber f eierte die Gemeinde, eine gute Frankfurter Gemeinde in Miniatur. Ein jüngerer stimmbegabter Vorbeter zaubert uns mit den anvertrauten Melodien 'die Synagoge der Heimat vor die Seele, ein! achtbares* Mitglied stellt mit Witz und Umsicht den „Parneß von Format", ein Kohen, dessen Musikalität sich freilich mehr in der Theorie aus* wirkt, läßt den Segen in Melodien ohne Worte wie eine Sturzwelle über uns hinrollen. Auch ein bekannter Dozent aus Frankfurt ist für die ersten Feiertage auf diese Insel der Seligen verschlagen, und, er muß selbstverständlich herhalten. Vor Fest- und Sabbatausgang lauscht und lacht die kleine Gemeinde, weil der Redner es liebt, ernste Gedanken aus Koheleth und den Festgebeten in heller heiterer Schale zu präsentieren. Raphael Janette Ettlingensches Kinderheim Hofheim a. T. In den letzten Chol-Hamoed-Tagen packt aber einige der Kolonie das Heimweh nach der Gemeinde, nach der großen Synagoge. Andere bleiben da, um den Kelch der Freude bis zur Neige zwischen Wald und Wiese auszukosten. Wieder andere, die in den Zwischentagen' vom Berufe heimgerufen waren, kommen wieder. Und so vergehen auch die letzten Fest* tage in Freude und Wonne, mit Festklängen, die wie ein Echo der Thorafreude durch die Wälder hallen, mit einem „Bräutigam der Thora" und einem „Bräutigam des Anfangs", mit allem, was zu einem wahren Simchasthora gehört. Mit Sabbatausgang ist das Fest verklungen. Eine kleine Gemeinde löst sich auf, ein Traum im Herbstwalde ist zerronnen. Aber wenn alles Leben „fliegender Traum" ist, so bedeutete dieser Traum ein. Zurückfinden ins eigene bessere Ich. Liebe Kinder! Für jdie. langen; Winterfreitagabende, an denen wir im Scheine der Sabbatkerzen guter jüdischer Literatur doppelt zugänglich sind, haben wir für Euch eine angenehme Ueberraschung. Nächste Woche findet Ihr im „Israelit" eine eigene Beilage, die Euch, und nur Euch gehört. Der Kleine Israelit wird mit dem großen mindestens alle vier Wochen in Eure Hand gelangen, und er wird — da wir einen Stäb sachverständiger Mitarbeiter für diese Beilage gewonnen, haben — das Beste vom Besten aus der alten und neuen jüdischen Literatur, aus Geschichte und Weltanschauungsschriften Euch allen, den älteren wie den jüngsten Jahrgän* gen, in leichter und schöner Form bieten. Wir erwarten von Euch, liebe Kinder, daß Ihr unsere Bemühungendurch Mitgehen, durch passive und aktive Teilnahme, belohnt, aber auch durch W erb u n g n e u e r Abonnenten und Freunde, die uns in den Stand setzen, auch Euer Blatt so auszugestalten', wie wir es gerne möchten, und in der Folge womöglich auch in kürzeren Zeitabstäriden erscheinen zu lassen, I Die Sohriftleitung des „Israelit", der Agudas Jisroel-Bewegung- Beth Jakob in Engelberg. Eine ansehnliche Schar wißbegieriger Mädels aus. :der Schweiz und dem Elsaß hatte sich in;Ehgelberg zusammengefunden, um in gemeinsamer Arbeit die verschiedensten jüdischen Fragen zu besprechen, in regem Gedankenaustausch aktuelle Probleme zu behandeln und von den bewährten Führern des Kurses Anweisungen und Anregungen fürs Leben mitzunehmen. Der 12tägige- Kurs wollte aber nicht ein Maximum von Schiurim und Lehrstoff erreichen, oder, wie die anderen Ferienlager, nur einen schönen Kuraufenthalt bieten. Er wollte vielmehr in alle Herzen den Keim einpflanzen, der später lebendige Früchte zum Segen des Judentums treiben soll. Und das ist uns, dank des harmonischen Zusammenwirkens der verehrten Leiter einerseits und der Teilnehmerinnen andererseits, vollkommen gelungen. Der Geist, von dem die große Familie durchdrungen war, war gekennzeichnet durch die besonders schöne jüdische Stimmung,' die im Beth Jakob Heim, Villa Felsenburg, herrschte. Etwas ganz neues war ' es, daß sich eine große Anzahl Mädels zusammenfand, um sich in die jüdische Lehre zu vertiefen, — sei es durch Einführungen in die Propheten, wie sie Herr Rabb. Dr. Münk, Ansbach uns bot, sei es durch die lebendige Darlegung der Psalmen durch Herrn Rabbiner Brom, der es meisterhaft verstand, die Fülle der Erlebnisse König Davids in die heutige Zeit einzupassen. Des weiteren wurde durch mehrere lehrreiche Vorträge ein Ueberblick gegeben über die verschiedenen Gebiete, die jüdisches Denken beschäftagen und beherrschen. In einem ausführlichen Vortrag über das Wesen des Mussar vermochte es Herr Rabbiner Brom zwingend darzustellen, wie sehr der jüdische Mensch in seinem ganzen Leben von den ethischen Gedanken des Mussar durchdrungen sein soll. Ferner sprach Herr Rabb. Brom über die Offenbarung G'ttes, Dieser Vortrag, der von einer besonders lebhaften Aussprache gefolgt war, gab allen neues Verständnis für die sichtbare g'ttliche Waltung in der Welt und eine Stärkung in Emunoh und G'ttvertrauen. In einem auf freiem Felde abgehaltenen Vortrage gab Herr Rabb. Dr. Münk die Bedeutung der'Mizwoth zu verstehen. Inmitten der lebendigen Natur schilderte er die Bedeutung, die den Mitzwoth iii Unserem Leben zukommt, wie sie uns Halt und Stütze auf dem Lebensweg sein müssen, und endlich auch selbst Weg und leuchtendes Ziel. Vor einem größeren Kreise sprach Herr Rabb. Dr. Münk über den Begriff der Natur im Judentum und zeigte auf, wie wir in jedem Teilchen der Natur die Größe G'ttes erkennen und auf uns einwirken lassen können.. —.' Weiter sprach er über jüdische Ethik im täglichen Leben und in einem Vortrag über pädagogische Fragen behandelte er ausführlich die jüdische Erziehung), die allein den Fortbestand des Judentums sichert. Als Höhepunkt und größtes Erlebnis des 12tägigen Beisammenseins wurde wohl der S c h a b b o s empn . funden, zu dem jede mit vollem Herzen und innerer Freude ihr Beste® beitrug, um ihn schöner und: würdiger zu gestalten.. In dem mit Blumen festlich geschmückten Raum richtete Freitagabend Herr Rabb. Brom seine eindringlichen Worte an uns. Scha'bbos.- vormittag bot Herr Rabb. Dr. Jung einige jüdische Gedanken, ausgehend von . einem Possuk der Sidroh, den er an Hand eine® Midrasch in sinnigen Er? klärungen auslegte. Am Nachmittag wurde von Herren Rabbiner Brom die Sidroh v.orgelernt: Daraufhin folgte ein Referat von Herrn Rabb. Dr. Münk über jüdische Ethik. Es würde zu weit führen, alle Vorträge, und besonders auch den ganzen Schabboß; einzeln zu be* sprechen, denn die Fülle des Gebotenen läßt sich nicht einfach schildern. Bemerken möchten wir nurnoch, daß das Gebotene den meisten etwas ganz neues war, das im kommenden Jahre zu verwerten und wirklich auszuführen sich alle fest vorgenommen haben. — Im Laufe der Woche, fanden auch mehrere gemeinsame Ausflüge statt, bei denen in freier Unterhaltung Gedanken über das Gehörte und innerlich Erlebte ausgetauscht wunden. — Einige Abende ,waren der gemütlichen Unterhaltung gewidmet, die durqb. allerlei. Gesänge, Aufführungen usw.. ausgefüllt, waren. Anläßlich der Schlußfeier am Montagabend? den, 10. August, wurden Vorträge Und Referate gehalten von. Herrn.Rabbiner Brom,.-Drv E Muhle, RabJ$. Dr. L. Jung ' und Rabbaner1 Brunsc^i'g, idie :alle. .darin aüsklängen: Ari.eitet. weiter" im, Sinne jdes jüo^schen Beth-Jakob,: entfacht den entzündehäen Funken zur