Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-10-15 · Heft 41 (15.10.1936) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 41 (15.10.1936)
Date
1936-10-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450949--82466-2540422
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

•SfWJf«?^!* Seite 6 Nr. 41 Der Israelit 15. Oktober 1936 Einführung in die jüdische Geschichte. Von Dr. Ph. Biberfeld. III. Durch diese Hartnäckigkeit erhält der Charakter des jüdischen Volkes auch heute noch sein Gepräge. Unbeugsam ist es im Idealismas, ebenso unbeugsam im Materialismus. Hier wie dort unvergleichliche Hingabe an das für recht Erkannte. Getragen noch immer von schärfster, mit Ironie getränkter Geistigkeit, die sich als zersetzend nur dort erweist, wo die Verbundenheit mit der eigenen Volksüberlieferung gelöst ist. (Vgl. :rD Wenn nun ein solches Volk, dessen unbeugsamer Charakter in allen Phasen seiner Geschichte so deutlich zutage tritt, sich doch nach langem Widerstreben vor der Wucht solcher Tatsachen gebeugt hat, die in ihrer Erscheinungsform scharfer Geistigkeit soviele Angriffspunkte bieten, dann ist dieses allerdings ein starker Beweis für die Wahrheit dieser Tatsachen. Man sollte doch nicht ernsthaft den Gedanken in Erwägung ziehen, daß ein Volk von der charakterlich^n und geistigen Anlage der Juden sich irgend einem priesterlichen Mummenschanz gläubig gebeugt und sich von irgendwelchen dunklen Skribenten ein das Leben bis in die feinsten Einzelheiten regelndes Gesetz als g'ttiich hätte aufoktroyieren lassen, um ihm dann Jahrtausende hindurch unverbrüchliche Treue bis in den Tod zu bewahren. Die bei einer solchen Annahme auftretende Diskrepanz zwischen Volkscharakter und Geschichte enthielte des Wunderbaren und Unerklärlichen weit mehr als der überlieferte Verlauf, der von dem der Erfahrung entsprechenden Volkscharakter geradezu postuliert wird, und in den sich dieser völlig zwanglas einordnen läßt. (Vergl. hierzu S. R. Hirsch 2. B. M. 32, 11; 34, 9). Hinzu kommt aber weiter, daß das jüdische Volk 'im ganzen Verlauf seiner Geschichte von Führerpersönlichkeiten geleitet worden ist, deren geradezu fanatische Wahrheitsliebe und sittlicher Adel aus jeder Zeile und jedem Worte hervorleuchten, die sie uns hinterlassen haben. Sie, deren Leben von fortwährendem Kampf gegen jede Lüge und Verstellung, gegen alles Niedrige und Schlechte erfüllt war, hätten sich niemals dazu hergegeben, dem Volk ihre eigenen Worte oder die Thora als g'ttiich hinzustellen, wenn das nicht die reine Wahrheit war. Die schärfsten Worte haben sie stets gegen die falschen Propheten gefunden, die eigene Gedanken als g'ttliche Offenbarungen zu verkünden wagten (vergl. Jirmija Kap. 23, 9, Jecheskel Kap. 13). Da sollten sie selbst nichts Anderes gewesen sein! Größer wäre auch hier das psychologische Wunder, das die rationalistische Auffassung aufgibt, als das Wunder der Prophetie und Offenbarung selbst, das sie durch ihre „natürliche" Erklärung beseitigen will (vergl. hierzu Carlebach, Die drei großen Propheten, S. 70ff.). Volkscharakter, so wie wir ihn erleben, Persönlichkeit der Führer, so wie sie uns in der unantastbaren Reinheit ihres sittlichen Adels entgegentreten, lassen uns Offenbarung, Prophetie und Wunder als geschichtliche Wahrheiten erkennen. Was bedeutet demgegenüber menschliche Erfahrung, willkürlich gesammelt aus dem Verlauf der geschichtlichen Entwicklung anderer Völker! Aber es trifft nicht einmal zu, daß die menschliche Erfahrung, wenn sie nur richtig gewertet wird, nicht zu genau demselben Ergebnis führt. Einzigartig ist der Verlauf der jüdischen Geschichte auch der letzten zwei Jahrtausende, die in allen Einzelheiten nachprüfbar vor uns liegen. Das Phänomen eines von Staat und Land gelösten Volkes, welches trotz weitgehender körperlicher und geistiger Anpassung an alle Völker der Erde doch noch immer als ein Volk von urwüchsiger Geisteskraft erhalten bleibt, spottet der Einordnung in die aus geschichtlichen Erfahrungen anderer Völker zu gewinnenden Denkkategorien Daß dieses Volk inmitten einer Welt voll Haß und Verachtung, trotz fortgesetzter Verfolgungen und Bedrückungen, trotz Vertreibungen aus Städten und Ländern, die seit zwei Jahrtausenden die Blätter seiner Geschichte füllen, nicht untergegangen ist, ist ein geschichtliches Wunder allerersten Ranges, welches der Spaltung des Schilfmeeres an Bedeutung nicht nachsteht. Wenn nun dieser so einzigartige Verlauf der jüdischen Geschichte bereits seit Jahrtausenden in allen Einzelheiten vorausgesagt ist, dann be steht ehrlicher Weise keine andere Erklärungsmöglichkeit, als daß es sich um eine g'ttliche Offenbarung handeln müsse, (Vergl. hierzu und zum Folgenden Ramban 3. B. M. 26, 16; S. R Hirsch 5. B. M .28, 20; Isaac Breuer, Der neue Kusari, S. 66 ff.). Vorausgesagt ist das Golusschicksal: „Es wird Dich G'tt unter alle Nationen von einem Ende der Erde zum anderen Ende der Erde zerstreuen." ,,Und unter diesen Völkern wirst Du keine Ruhe finden und der Sohle. Deines Fußes wird keine Rühestätte werden. Es gibt Dir G'tt dort ein j Herz voller Zittern und Schmachten der Augen und Betrübnis der Seele. Dein Leben wird Dir immer in ferner Schwebe sein; Du wirst Nachts und Tags in Angst sein und keinen Glauben an Dein Leben haben." (5. B. M. 28, 64 ff.). Auch jetzt nach Verlauf von 2000 Jahren Golusgeschichte könnte diese nicht klarer und eindringlicher geschildert werden, als es in diesen knappen Worten längst vorher geschehen ist. Vorher verkündet ist aber auch die wunderbare Erhaltung des Volkes trotz aller Verfolgungen. ,,Aber selbst auch dies: selbst während sie im Lande ihrer Feinde sind, habe ich sie damit nicht verachtet und nicht verworfen, sie zu vernichten, meinen Bund mit ihnen aufzuheben; denn ich, G'tt, bleibe ihr G'tt." (3. B. M. 26, 44.) Vorausgesagt ist auch die ebenso einzigartige wie unerklärliche Verödung des Landes, welche bis in die Gegenwart hinein gewährt hat. ,,Euch aber zerstreue ich unter die Völker und zücke hinter euch her das Schwert; euer Land aber bleibt öde und eure Städte bleiben Trümmer." (3. B. M. 36, 33) „Und es sagt dann das spätere Geschlecht, eure Söhne, die von euren Nachkommen erstehen, und der Fremde, der aus fernem Lande kommt, und sie sehen die Schläge dieses Landes und seine Erkrankungen, welche G'tt über es gebracht: Schwefel und Salz, verbrannt der ganze Boden, wird nicht besät, läßt nichts wachsen, kein Kraut kommt darin auf . . ." (5. B. M. 29, 21.) Die Bedeutung dieser Verkündung läßt sich erst richtig ermessen, wenn man bedenkt, daß sie sich auf das Land bezieht, welches „von Milch und Honig floß". Deutlichst vorausgesagt sind schließlich auch Einzelheiten der Zerstörung des (jüdischen Staates: (5. B. M. 28, 49) „Es bringt G'tt über Dich ein Volk aus der Ferne von der Erden-Ende herauf, so wie herab stößt der Adler, ein Volk, dessen Sprache Du nicht verstehst, ein Volk harten Gesichts, das keine Rücksicht kennt für den Greis und keine Gnade schenkt dem Knaben." Konnte das erbarmungslose Römervolk, welches unter dem Zeichen des Adlers kämpfte, treffender gezeichnet werden, als es hier in der Thora geschehen ist, längst bevor die yRömer eine Rolle in der Weltgeschichte spielten! Und könnte der römische Feldzug besser vorausgesagt werden als mit den folgenden Worten geschehen ist: (5. B. M. 28, 52) „Er (bedrängt Dich in all Deinen Toren, bis Deine hohen und festen Mauern, auf welche Du Dich verlässest, damiederliegen in Deinem ganzen Lande, welches G'tt Dein G'tt Dir gegeben hat." Wörtlich erfüllt haben sich, auch die Worte: „Und es läßt dich G'tt in Schiffen nach Mizrajim zurückkehren, auf dem Wege, davon ich dir gesagt, du wirst ihn nicht wiedersehen. Ihr werdet dort den Feinden als Knechte, und Mägd^ zum Verkaufe angeboten werden, und niemand wird kaufen." (5. B. M. . 28, 68.) Titus hat die' jüdischen Gefangenen nach Aegypten geführt, wo er nur wenige aussuchen ließ, die ihn auf seinem Triumphzuge nach Rom begleiteten. (Josephus, Jüd. Krieg VII, 5, 3.) Angesichts dieser geradezu überwältigenden Fülle von Zeugnissen für die Wahrheit g'ttlicher Offenbarungen kann ehrlicher Weise, die Behauptung nicht aufrecht erhalten bleiben, daß eine solche Offenbarung unserer Erfahrung nicht entspreche. Aber nicht nur das Geschick des jüdischen Volkes ist in solcher, Wahrheit und. Bedeutung g'ttliche Offenbarung ständig »bezeugenden Weise, seit Jahrtausenden vorausgesagt. Dasselbe gilt für Geschiente und Entwicklungsgang aller Menschheitsstämme. „Gemüter öffnet G'tt dem Japhet, wohnt jedoch in Hütten Scherns; und es wird Kenaan ihnen Knecht." (1. B. M. 9, 27). Mit diesen knappen Worten hat die Thora den ganzen Gang der geistigen Menschheitsgeschichte bis auf unsere Zeit für jeden verständlich vorgezeichnet. Griechentum und Judentum, Japhet und Schern, sind die geistigen Lehrmeister der Menschheit gewesen. So wie die Menschheit in Bildung, Kunst und Wissenschaft den Hellenen gefolgt ist, so ist das, was an religiösem Gut von Schern ausging, Grundlage aller höheren G'tteserkenntnis geworden, die noch heute auf Erden zu finden ist. (Vergl. S. R. Hirsch z. St.). „Und es wird Kenaan ihnen Knecht." Welch' menschliches Hirn hätte auch nur diesen Satz auszudenken vermocht, der bis in die Gegenwart hinein seine fortwährende Erfüllung durch die Geschichte gefunden hat. Bis in die Neuzeit ist der hamitische Menschheitsstamm Sklave den anderen Menschheitsstämmen gewesen, die ihn in der geistigen und kulturellen Entwicklung hinter sich zurück gelassen haben. Die Sklaven auch des neuen Kontinents Amerika gehörten dem hamitischen Menschheitsstamm an. Ueber den Stammvater der Araber heißt es in der Thora: (1. B. M. 16, 12) „Er wird ein Freier ünter den Menschen sein; seine Hand wider alle und aller Hand wider ihn, und im Angesicht aller seiner Brüder wird er seinen Platz einnehmen." Damit ist, Jahrtausende bevor dieses Wüstenvolk in die Geschichte eintritt, sein Wirken in der Geschichte, sein sozialer und ethnologischer Grundcharakter mit Maren Worten vorgezeichnet. Das Wort bezeichnet das von dem Joch der Menschen und dem Zwang der Städte ungebundene Freie. (Vergl. S. R. Hirsch z. St.). Drang nach Ungebundenheit und Freiheit bilden noch heute den Grundzug des arabischen Volkes. Als ein halibizivilisiertes Volk hat es sich im Kampfe gegen Alle zu behaupten gewußt. Noch keiner Macht ist es gelungen, dieses freiheitsliebende Wüstenvolk wirklich auf die Dauer zu unterwerfen. (Vergl. auch A. Marcus Barsilai, S. 167.) Die Hauptstadt des alten babylonischen Reiches schon um 2650 v; d. übl. Ztr. war Babylon, die Metropole des Altertums, Mittelpunkt der orientalischen Kultur. Im 6. Jahrhundert vor der übl. Zeitr. wurde sie von Nebukadnezar II. neu aufgebaut. Ueber diese Stadt heißt es bei Jesaja 13, 19 ff: „Babel der Schmuck der Königreiche, die stolze Zierde der Chaldäer, wird sein wie Sodom und Gomorrha, das G'tt zerstört hat. Es wird niemals mehr bewohnt sein, und b i s i n d i e spätesten Geschlechter wird niemand dort ruhen. Der 'Beduine wird sein Zelt nicht aufschlagen und Hirten werden ihre Herden dort nicht lagern lassen. Aber es werden dort Steppentiere .lagern und ihre Häuser werden voll von Dornen. Strauße werden dort hausen und Dämonen ihr Wesen treiben. Schakale werden in ihren Palästen heulen und Waldtiere in den ehemaligen Tempeln der Lust. Es nahet die Zeit der Strafe heran | und ihren Tagen ist keine Datier mehr foeschieden." So die Voraussage; und genau so auch die Erfüllung bis auf den heutigen Tag. Die Riesenstadt des Altertums ist seit bald 2Ö00 Jahren ein Trümmerhaufen, dessen Ruinen in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.