Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 41 (15.10.1936)
- Date
- 1936-10-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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15; Oktober 1936 Der Israel i t Nr. 41 Seite 5 Neue religiösliberale Experimente in Palästina. Wiederholt machte das liberale Judentum Versuche, sich in Palästina festzusetzen, zum Glück ohne Erfolg, da Reformen in Nachahmung fremder Kulte nicht allein im alten Jischuw auf große Widerstände stoßen, sondern auch unter der Nationalen keine Resonanz finden. Mit der Vermehrung der jüdisch-deutschen Kolonie in Palästina glaubt man aber in London und Berlin die Voraussetzungen für neue Versuche gegeben. Wir erfahren aus dem ,,.Hajessod", daß zu den letzten Feiertagen wiederum Sendboten aus England und Deutschland nach Palästina gekommen sind, mm liberale G'ttesdienste für diejenigen, die ,,einen geordneten G'ttesdienst in Jerusalem und Tel Awiw vermissen", einzurichten. Eine Gefahr" für das traditionelle Judentum besteht auch bei den neuesten Versuchen nicht, und dennoch mahnen 'die gesetzestreuen Blätter Palästinas mit Recht zur Vorsicht. Gelingt es irgend einem Konventikel, einen Reformg'ttesdienst mit Orgelklang und Frauengesang einzurichten, dann steht zu befürchten, daß er eine Zugkraft auch auf gewisse \junge Menschen in den neueren Kibbuzim, die sich aais jungen Menschen aus Deutschland zusammensetzen, ausübt. Viele werden vielleicht zunächst nur aus Neugierde sich die neue Form des G'ttesdienstes ansehen wollen, und aus Neugierde kann bei Menschen, deren religiöse Substanz ohnehin nicht sehr entwickelt ist, leicht Interesse und innere Teilnahme werden. Und bei den vielen Brücken, die seit dem Umbruch in Deutschland von den Nationalen ins religiösliberale Lager* hinüberführen, kann die Gefahr einer Reformbewegung in Palästina nicht mehr so leichthin von der Hand gewiesen werden wie in früheren Entwicklungsperiaden des Jischuw. Es kommen jüdische Menschen aus Kreisen ins Land, die mindestens die nötige Dosis von Gleichgültigkeit mitbringen, die der Reform von jeher den Boden sichert. Es ist schwer, diese Leute über Nacht in jüdische Juden umzuwandeln. Bei ihren Kindern sollte die Umwandlung gelingen, das wünschen in vielen Fällen die Eltern selbst. Um so mehr müssen sich alle Führer des Jischuw zusammentun, jenen Experimenten den Boden zu entziehen. Zwischen den Zeite Eine Erez Israel-Bilanz. Von Rabb. Moscne Blau in Jerusalem. II. Politische Arbeit. In ihren politischen Maßnahmen stand die Agudas Jisroel ganz auf der Höhe. Entschieden und zielbewußt war ihr Verhalten in der Frage des Legislative Council. Agudas Jisroel forderte auch bei diesem Anlasse eine Vereinigung aller Kräfte. Ihr Memorandum, das sie bei der Beteiligung an der Delegation vor dem High Commissioner diesem überreichte, spiegelt die Wünsche des gesamten Jischuw deutlich wider und wurde wegen seiner klaren Form und seines erschöpfenden Inhalts überall als Ausdruck des jüdischen Wollens gewertet. Die Aguda verlor sich nicht in einzelnen politischen Forderungen, sondern gab ihrer Gesamtforderung die eigent-* lieh jüdische Prägung. Agudas Jisroel unternahm auch alle Schritte bei der Regierung sowohl in Sachen der allgemeinen Alijah, sowie auch der Alijah für Rabbinen und Jeschiwahörer. Sie trat auch für die sogenannten ,,Illegalen" ein, wie sie überhaupt überall am Platze war, wo jüdische Interessen gefährdet waren Und eine Intervention bei den Behörden sich als nötig erwies. Viermal besuchten die Führer der Agudas Jisroel den High Commissioner in verschiedenen Angelegenhei- I ten, mehrmals auch die ihm untergeordneten Behörden, und sie blieben in steter Verbindung mit dem Einwanderungsdepartement und bis zum gewissen Grade auch mit den anderen Departements, wie mit dem der Erziehung, der öffentlichen Arbeiten, der Finanzen usw. In der Anerkennung des gesetzestreuen Judentums als eigene Gemeinschaft ist in diesem Jähre kein Fortschritt zu verzeichnen. Um die Pessachzeit regte die Regierung neue Verhandlungen zwischen Waad Leumi und Agudas Jisroel an. Agudas Jisroel erklärte sich bereit zur Verhandlung auf der Grundlage der offiziellen Anerkennung gesonderter Gemeinden nach Innen und einer einheitlichen Gemeinschaft nach Außen, wo weltanschauliche Fragen nicht berührt werden. Als Zeitpunkt für die neuen Verhandlungen waren die Tage nach dem Pessachfeste angesetzt. Leider brachen bald die Unruhen aus und die primitiven Lebensfragen des Jischuw mußten alle anderen Fragen zurückdrängen. Ungeachtet der kritischen Lage und der schweren Sorge des Jischuw um seinen Bestand, setzte der Waad Leumi seinen politischen Seelenfang fort. In den Listen der Großjährigen, die er zum Zwecke der Werbung für Kenesses Israel veröffentlichte, befanden sich auch mehrere gesetzestreue Juden. Man unternahm dieses Manöver in der Hoffnung, daß in den Tagen der allgemeinen Verwirrung die Genannten weder Zeit noch Sinn finden, um gegen ihre stillschweigende Aufnahme in. K. I. zu protestieren. Allein die Charedim ließen sich nicht irre^machen und reichten ihre Austrittserklärung rechtzeitig ein, in Jerusalem allein an 2000 Personen, in entsprechender Zahl auch in Tiberiasf Safed, Petach Tikwah, usw. In diesem Zusammenhang müssen besonders lobend die Mitglieder des Kibbuz in K e f a r S a b a hervorgehoben werden, die in corpore ihren Austritt aus Kenesses Israel erklärt haben, obwohl nicht alle in den Listen genannt waren. Es galt, mit dieser kollektiven Erklärung für eine Sondergemeinde der Charedim wirksam zu demonstrieren. Auch an anderen inneren Umwälzungen fehlt es in diesem Jahre nicht. So ist der Riß in der Schechitainstitution durch Verschulden der Gemeinde des Waad Leumi entstanden. Ein sogenannter Religiöser Rat sollte scheinbar den Ansprüchen der religiös Gesinnten in der Gemeinde des Waad Leumi in Sachen des Kaschruth entgegenkommen. Im Zusammenhang damit standen auch die Zwistigkeiten bei der Lösung der Rabbinatsfrage. Rabbi Frank, der von einem Kreise seiner Freunde und einer Anzahl von Wohlfahrtsmstitutionen zum Rabbiner von Jerusalem anerkannt wurde, hatte sich die1 Gegnerschaft der Gemeinde des Waad Leumi zugezogen, weil er mehr Selbständigkeit für den Religiösen Rat forderte. Die Entscheidung, die für den Monat Iijar festgesetzt war und die auch Klarheit bringen sollte, ob Rabbi Frank noch Mitglied der Kenesses Israel ist, wurde durch die inzwischen eingetretenen Unruhen hinausgeschoben. Viele religiös gesinnte Elemente, die zu Lebzeiten von Oberrabbiner Kuk sich noch mit Rücksicht auf die große Persönlichkeit des Rabbi davon abhielten, aus K; I. auszutreten, führten jetzt, nach dem Heimgange des Rabbi, doppelte Verhandlungen: mit der Charedimgemeinde der Agudas Jisroel auf der einen und mit der Gemeinde des Waad Leumi auf der anderen Seite. Man gedachte und hoffte, im Waad Leumi religiöse Forderungen durchzusetzen, hielt sich aber für den anderen Fall den Weg zum Eintritt' in die Gemeinde der Agudas Jisroel frei. Auch diese Verhandlungen kamen mit Ausbruch der Unruhen ins Stocken, um so mehr als der Waad Leumi die Wahlen für das Oberrabbinat für unbestimmte Zeit vertagte. Der Kampf des Waad Leumi gegen Rabbi Frank lebte zu Sommeranfang dadurch auf, daß einer der Jerusalemer Rabbiner in aller Form in die Gemeinde des Waad Leumi eintrat, um sich gegen diesen Preis den Oberrabbinertitel zu erkaufen. Dadurch wurde dem Waad Leumi der Arm gestärkt, da er nun die Konkurrenz ausspielen konnte. Zu bemerken ist noch, daß sich auch ein Kandidat der Golah für den Oberrabbinerposten des Waad Leumi fand, und es ist dabei an die Möglichkeit gedacht, daß Rabbi Frank neben dies e m Oberrabbiner von Palästina als „Jerusalemer Raw" in seinem Amte verbleibt. All diese Dinge gehen das thoratreue Judentum in Palästina nicht unmittelbar an. Die Agudas Jisroel und ihre Gemeinde stehen diesem ganzen S£rele der Kräfte fern. Mittelbar haben wir an/,- der' Entwicklung der Dinge insofern Interesse, als mit Rabbi Frank, sollte er mit Waad Leumi gänzlich brechen, eine ganze Reihe von bedeutenden Persönlichkeiten und Institutionen in die Agudas Jisroel-Gemeinde abwandern, was für die Charedim ein nicht zu unterschätzender Gewinn wäre. Am guten Willen der Aguda, Rabbi Frank und seinem Kreise diesen Weg zu erleichtern, wird es ganz gewiß nicht fehlen. Inzwischen nimmt die Charedimgemeinde, unabhängig von allen politischen Schachzügen auf der anderen Seite, einen merklichen Aufschwung. Die Gemeinde erhielt einen bedeutenden Kraftzuwachs durch Einwanderung aus Deutschland. Die Eingewanderten verliehen zum Teil der Gemeinde innere Kraft und äußeren Glanz. Die wertvollen neuen Mitglieder zeigen großes Interesse für alle Gemeindebelange und arbeiten zusammen mit dem gegenwärtigen Vorstande emsig an der Erweiterung und Erstarkung der Gemeinde. Viele organisatorische Fragen, die bisher in der Schwebe waren, konnten mit Hilfe dieser neuen Mitglieder jetzt gelöst werden. Es wurden Kommissionen gebildet, die die einzelnen Arbeiten übernahmen. Wenn auch die Arbeit der am letzten Pessach gebildeten Kommissionen durch die Unruhen gehemmt wurde, so zeigt sie schon jetzt einige greifbare Erfolge. Im Monat Ijar wurden etwa 200 neue Mitglieder in die Listen der Gemeinde eingetragen, von denen der größte und wichtigste Teil aus Deutschland kam. Gut 'organisiert war im letzten Jahre auch die Pessach aktion in Jerusalem. Geplant ist die Berufung einer anerkannten Thoragröße aus der Golah, die an der Seite von Oberrabbiner Duschinski als Vorsitzender seines Besdin wirken soll. Es ist zu hoffen, daß auch diese Frage bald gelöst wird. (Schluß folgt.) Wochenkalender. Vom 17. — 24. Oktober 1936 / Vom 1. — 8. Marcheschwan 5697 Samstag Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag Okt. 17 18 19 20|iwm» 21 22 23 24 Vif tp D'nai T> TO TB P rr 13' a mn w\i '3 m 1>-T>