Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1936)
- Date
- 1936-09-30
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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30. September-1936 Der Israelit Nr. 40 Seite 3 der Unternehmer diesen Bauauftrag ausführte, da hatten wir uns alle am Fest der Gesetzesfreude beim Rabbiner eingefunden. Wir pflegten an diesem Fest den ganzen Tag nach dem Beten beim Rabbiner zu verbringen; das war bei uns schon wie ein ungeschriebenes Gesetz. Gegen zwei, drei Uhr nachmittags wurden wir plötzlich gewahr, daß Reb Schmuel, der Unternehmer, fehlte. Man war schon recht in Stimmung und lustig, und Reb Schmuel hatten wir alle gern; er war sehr freigiebig und gern ausgelassen. Alle Jüdische Musiker aus Safed, Rubin, Tel Awiw 1931 fragten; wo ist Reb Schmuel? Dabei fiel ein Scherz und eine Anspielung, Der eine sagte, Reb Schmueis Frau, als die Tochter eines Mißnagged, sei wohl der Meinung, man müsse am Fest der Thora zu Hause, zusammen mit Frau und Kindern zu Mittag speisen. Ein anderer behauptete, Reb Schmuel selbst sei plötzlich ein Mißnagged geworden und habe sich wohl nach dem Essen schlafen gelegt. Kurzum, es wurde der Beschluß gefaßt, zu ihm zu gehen und ihn zum Rabbiner zu holen. Er wohnte zwar weit draußen, fast schon außerhalb des Städtchens, was will das aber für Ghassidim bedeuten? Weit oder nicht, Reb Schmuel mußte zur Stelle geschafft werden. Man beratschlagte, wer hingehen solle, denn es mußte einer sein, der ihn unter allen Umständen herbeibrächte, ob er will oder nicht, und wenn er sich noch so sträubte . . . Da erhob sich Reb Noohum und sagte: v „Ich gehe, ich bringe ihn. Laßt nur Awrohom den Dorfmann mitkommen." Reb Awrohom war ebenfalls ein großer Lerner und ein großer Chassid. Man nannte ihn den Dorfmann, weil sein Vater einstmals auf dem Dorf gewohnt hatte, und er war mit Reb Schmuel sehr befreundet. Reb Awroihom erklärte sich seinerseits bereit, mitzugehen. Zwar rief einer dazwischen, er zweifle, ob Reb Nochum und Reb Awrohom noch fest genug auf den Beinen wären, doch Reb Nochum schiimpfte ihn einen Mißnagged, erhob sich und zeigte, daß er ohne Schwanken auf dem gleichen Dielenbrett hin- und zurückgehen könne. Uebrigens, fügte er hinzu, wenn man es wünsche, möge Abbe, das war ich, ebenfalls mitgehen. Alle waren einverstanden, daß wir drei, Reb Nochum, Reb Awrohom und ich hingehen und um jeden Preis Reb Schmuel herbeibringen sollten. Sie versprachen auch, mit dem Trinken zu warten, bis wir «nit Reb Schmuel zurück sein würden. Und so machten wir uns auf, Reb Nochum nahm eine Flasche mit, Reb Awrohom ein Gläschen, ich erwischte noch schnell einige saure Gurken, und wir zogen los. Versteht sich, daß wir, ehe wir noch aus dem Städtchen hinausgelangt waren, die Flasche bereits geleert hatten. Darüber waren wir ein wenig betrübt und auch etwas schwerfälliger auf den Beinen. Als wir aus dem Städtchen hinaus waren, sagte Reb Nochum: „Hört zu, wollen wir uns nicht ein wenig hinsetzen und ein chassidisches Wort wiederholen?" Während wir im Gehen noch überlegten, wandte Reb Nochum sich an Reb Awrohom: „Awrohom!" „Was ist?" fragte der so Angeredete. „Es dreht sich." „Der Kopf?" fragte Reb Awrohom. „He," sagte Reb Nochum, „du bist doch wahrhaftig ein Dorfmensch und ein Mißnagged dazu! Wieso der Kopf? Was für ein Einfall! Umgekehrt . . . die Welt! 'die Welt dreht sich. Siehst du's denn nicht? Der Himmel, die Erde, der Wald dort, alles dreht sich, und so geschwind!" Wir gingen weiter. Plötzlich fragte Reb Nochum mich: „Abbe, glaubst du an den Rabbi?" Ich geriet darüber in Zorn. „Ach," sagte er, „bist ebenfalls ein Mißnagged. Ich scherze doch nur. Aber wie wohl wäre mir jetzt, wenn ich in Kopust beim Rabbi wäre! Das ist doch noch eine ganz andere Freude. Du weißt, er ist in der Nähe, bist nicht allein, es ist Feiertag . . . lebendig ... du fühlst, wie es in dir hell ist, freudig zumute. So aber zerrt doch noch etwas am Herzen; es zieht, es drängt nach Kopust, zu ihm . . . Wahrhaftig, wahrhaftig!" Da merkten wir mit einem Male, daß wir alle drei am Boden liegen. „Awrohom!" rief Reb Nochum. „Was ist?" fragte Reb Awrohom. „Setzen wir uns!" Wir richten uns auf. „Awrohom!" wiederholte Reb Nochum. „Was ist?" fragte er wieder. „Hartes Pflaster," klagte Reb Nochum, „steinhart ..." „In der Tat hart . . .", stimmten wir zu. Blinder Straßenmusikant in Wilna (Aus ein „Ghetto im Osten", Verlag Orell=Füßly, Zürich-Leipzig.) Plötzlich krempelte Reb Nochum den rechten Aermel hoch, drehte den rechten Daumen nach oben und wandte sich an Reb Awrohom: „Weißt du was, Awrohom?" „Was?" „Soll ich das Pflaster mit dem Daumen ausheben? Soll ich?" Reb Awrohom erschrak: „Ist doch verboten! Das Pflaster gehört doch dem Fiskus . . . Fang ja nicht mit denen an . . . Verboten!"! „Nein? Du willst nicht? Dann nicht," gab Reb Nochum nach und streifte den Aermel wieder herab. Was soll ich dir viel erzählen? Wir blieben so bis spät in die Nacht auf der Chaussee liegen. Was macht das schon? Es war doch nur aus Freude an der Thora . . . Ich will dir aber erzählen, wie wir das Fest des Wasserschöpfens gefeiert haben. 0, und wie gefeiert! Ich sage dir, wenn ich mich daran erinnere, webt es mich von der Stelle ... es war eine andre Welt früher, eine andere Welt! Ja, also das Fest des Wasserschöpfens. Die wahren Anführer waren eben dieselbigen, Jüdische Musikanten im Städtchen, Leonid Pasternak Reb Nochum der Lehrer, Reb Awrohom der. Dorfmensch und neben ihnen noch Reb Josef der Krämer, ein Mann von hohen Graden, und Reb Schaul der Vorbeter, einer vom edlen alten Schlag und ein großer Eingeweihter in die Geheimnisse der Kabbala. Dieser war ein kleiner, magerer Mann mit ungewöhnlich großen Augen, immer traurig und versonnen, stets allein und in Gedanken vertieft. Wir pflegten ihn den Tiefsinnigen zu nennen. Sobald jedoch ein Feiertag kam und er etwas getrunken hatte, war er völlig verändert, nicht wiederzuerkennen. Er wurde dann vergnügt und ausgelassen und pflegte alle* in Stimmung zu bringen. Man mußte sich nur wundern, wie er sich so verwandeln konnte. Am Ausgang der ersten Hauptfeiertage des Hüttenfestes, am Abend zu Beginn der Halbfeiertage, gleich nach dem Abendgebet, pflegten wir, jene vier, ich und noch einige andere, uns vom Bethaus zum Rabbiner zu begeben. Wir nahmen in der Laubhütte Platz, legten Geld für Getränke zusammen und begannen langsam zu kosten. Man erzählte sich Geschichten vom Rabbi, sang einen Niggun, inzwischen kamen immer mehr der Unsrigen dazu, es wurde lustiger, und in der Laubhütte fing es an eng zu werden. Doch fand man bald einen zureichenden Vorwand, der erlaubte, sich ins Haus zu begeben. Der eine behauptete, eine Wolke ziehe heran, ein anderer, der Regen spritze schon los, ein dritt-ir meinte, es sei einfach kalt und eng in der Laubhütte. Der Rabbiner murrte zwar eine Weile, schickte aber schließlich Boten hinaus, um nachzusehen, ob in der Tat Regenverdacht bestehe, und endlich ging man doch ins Haus hinüber. Der Uebergang vollzog sich munter und fröhlich, mit Gesang. Das erste war, daß man frischen Schnaps und Heringe holen ließ und das Fäßchen mit sauren Gurken ins Haus schaffte, welche die Frau des Rabbiners bereits im Sommer für diesen Zweck eingelegt hatte. Einige trugen Holz herbei und heizten den Ofen, weil das so Brauch bei uns war, an jedem Fest des Wasserschöpfens den Ofen zu heizen und Kartoffeln zu kochen.