Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1936)
- Date
- 1936-09-30
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 40 Der Israelit Ja, ich muß an die einstigen Feste des Wasi war ja zweimal so groß und stark wie jener — serschöpfens denken. Einmal, erinnere ich mich, er tanzt mit ihm auf einem Bein und ruft; munwar man schon in recht gehobener Laune, die ter! munter! Und es entsteht ein Taumel, ein Leute gingen bereits aus sich heraus. Im Eßchassidisoher Taumel! Wer spricht da noch von zimmer beim Rabbiner war man recht lustig, Buße? Wer denkt noch daran? Man ist lustig, und in der Küche nebenan waren zwei, drei Wo bin ich also stehen geblieben? Ja, also, man Leute damit beschäftigt, den Ofen zu heizen und pflegte den Ofen zu heizen, die Kartoffeln zu Kartoffeln zu schälen. Die Zubereitung der Heschälen und die Heringe zu putzen. Indessen ringe hatte Reb Schaul der Vorbeter übernomtraf unsere Kapelle ein. Sie bestand aus drei men. Er stand also allein am Tisch in der Ecke Leuten: Berl der Schmied, ein kräftiger, ein- und zog die Heringe ab. In seine Arbeit versun- | facher Mann, der aber den Chassidim sehr anken, stimmte Reb Schaul die Stelle aus den Gebetspoesien der „furchterregenden Tage" an: „Des Menschen Grund ist Staub." Sonst war es schwer, Reb Schaul zu bewegen, irgendeins seihing, die Gelehrten ehrte,, ein rechtschaffener Jude vom alten Schlag war, spielte die Pauke. Fischel Reb Leibs, ein ebenfalls angesehener Mann und im Spielen kundig, brachte die Baßner Stücke vorzutragen. Einen Niggun sang er geige mit, und die Fiedel spielte Reb Scholem wohl manchmal, doch nie eins von den synago- Chazkels, der noch ein junger Mann und beim galen Gebetsstücken, um nichts in der Welt Rabbiner sehr beliebt war. Unsere Kapelle ge wollte er außerhalb des Bethauses etwas davon singen, dazu war er nicht zu bewegen. Jetzt aber hatte er, in Gedanken vertieft, unwillkür lich zu singen begonnen. Seine Stimme war süß und zart, und wenn er etwas Trauriges an stimmte, griff es einem ans Herz und es war lieblich, ihm zuzuhören. Sofort wurde es still, im Eßzimmer blieben alle wie erstarrt auf ihren noß einen großen Ruf in der ganzen Gegend. Die drei Männer wurden oft gebeten, auf Hochzeiten aufzuspielen, doch weigerten sie sich, das zu tun, nur in der Feiertagszeit oder wenn es ein chassidisches Fest gab oder sonst bei einer besonderen Gelegenheit pflegten sie zu kommen und die Leute mit ihrem Spiel zu erfreuen. So bald die Kapelle erschien, wurde sie mit einem Plätzen stehen, der eine mit dem Glas, der anlauten freudigen „Gut Jomtow!", mit einem dere mit der Schnapsflasche oder mit der Gabel chassidischen Niggun und mit Branntwein bein der Hand. Man hielt den Atem an und hörte zu. In der Küche prasselte der Ofen, die Män ner drin 'hielten im Kartoffelschälen inne, buch stäblich, als wären sie an ihren Plätzen festge schmiedet. Und Reb Schani fuhr fort in seinem Vortrag: „Des Menschen Grund ist Staub". Wenn Reb Schaul so ein Stück vortrug, war jedes Wort des Textes wie ausgedeutet, so verständlich. Er weinte und erzählte,2) daß der Mensch vom Staube stammt, daß der Mensch wie ein Traum ist, der verfliegt, wie ein Schatten, der vorüberwillkommt. Es kam auch vor, .daß die drei auf die Arme genommen, in die Luft gehoben wurden und daß man so mit ihnen herumtanzte. Vor allem sollten sie Reb Nochum und Reb Awrohom zu ihrem Tanz aufspielen. Du hättest nur hören sollen, wie da die Kapelle spielte, und sehen, wie Reb Nochum und Reb Awrohom ihren Tanz aufführten! Es war, als streichelte die Musik einem das Herz, so wohl, so hochgemut wurde es einem im Gemüt, so freudevoll. Und Reb Nochum und Reb Awrohom, beides fromme zieht, wie ein Wind, der vorbeiweht. Und so Juden und glühende Chassidim, tanzten ... so weich, so herzzerreißend scheint seine Stimme leicht, so schön, mit solcher Inbrunst. Es war, zu flehen, als bekenne er, daß dies alles wahr als schwebten sie in der Luft und berührten den ist: der Mensch ist wirklich nichts als ein zer- Boden gar nicht. Reb Awrohom hatte seine brochener Scherben, eine zerstiebende Wolke, I Rockschöße in den Gürtel gesteckt, seine Beine sein Ende ist in der Tat Staub und Erde . . . schwangen sich und wirbelten in der Luft. Er Und doch fleht er: warum ist es so? Er weint hebt die Arme in die Höhe und ruft Reb Nochum und fleht wie ein kleines Kind, so zart, so lind. zu: Munterer, Nochum! Und Reb Nochum schwebt Wir standen alle tief ergriffen da. Man wünschte so anmutig, leicht wie auf Flügeln ihm entgenoch mehr, noch stärker, noch schmerzlicher, geil( schlägt mit Inbrunst die Hände über dem noch tiefer ergriffen zu werden. Als er schloß, Kopf zusammen und ruft: Höher, Awrohom, höwußten wir buchstäblich nicht, wo wir uns beher . . . Und uns hebt es von den Plätzen, es fanden. Er selber schien auch verwirrt und sah trägt uns mit, es zieht uns einen zum andern, verstört um sich. Reb Nochum, der Lehrer, kam es ,drängt uns zusammen, alle zusammen, alle in als erster zu sich. Er trat mit Tränen in den | ejns Wir können uns nicht mehr halten, wir Augen auf den Rabbiner zu und sprach: „Rabbi, man muß ihm eine Buße auferlegen. Wir schwiegen. „Es ist wahr," argumentierte Reb Nochum, „er singt schön, er ist ein großer Vorbeter. Heute ist doch aber ein freudiger Festtag, und er hat uns traurig gemacht.' Inzwischen waren auch wir zu uns gekommen. „Ja, ja!" riefen wir alle durcheinander, „eine Buße, eine Buße!" Es erhob sich ein Getümmel und Lärmeni und doch fühlte jeder noch den Druck auf dem Herzen, man war noch nicht ganz davon befreit. klatschen zum Takt in die Hände, und unseren Kehlen entringt es sich auf einmal in inbrünstigem Gesang: Was wir sind, das sind wir, Aber Juden bleiben wir, Was wir tun, das tun wir, Aber G'tt 'dienen wir. Und Reb Nochum fällt ein, wie es so seine Art war: Was wir sind, das sind wir, Aber Juden bleiben wir, Was wir tun, das tun wir, Doch Zum Rabbi fahren wir. Und wir wachsen alle zusammen, werden alle eins. Hand in Hand, Herz in Herz. Ein Tau- Reb Schaul trat indessen an den Tisch, groß rael ergreift uns, und wir tanzen im Reigen mit einige Gläschen hinunter und zog sich zum solcher Inbrunst, mit solcher Hingabe, mit Feuer, Schein in eine Ecke zurück. Einen Augenblick mit Glut, daß das ganze Haus vor Jubel einspäter jedoch hörte man seine liebliche, süße I zustürzen droht. Das war das erste Werk der Stimme sich schon in einer fröhlichen chassi- Kapelle. Dann, wenn die Nacht warm und hell dischen Weise ergießen. Er sang sie ohne Worte, war, pflegten wir uns ins Bethaus zu begeben, lustig und munter. Es war ein Aufruf an Alle, um Schir ha-Maalot?) zu versteigern. Auf dem lustig, fröhlich zu sein. Es drängte Einen mitzu- I Wege ins Bethaus und dann wieder auf dem singen, in die Hände zu klatschen, zu tanzen. J Rückweg weckten wir mit unserem Singen und Reb Schauls Gesang erhebt sich immer fröhlicher, immer jauchzender, heißer, es wird uns leicht, lustig ums Herz, es öffnen sich die Lippen, die Füße heben sich, Hand schlingt sich um Hand --der Reigentanz beginnt, und was für ein Tanz! Man singt und man tanzt mit Hingerissenheit, mit Jubel! Reb Nochum, der Lehrer, hat Reb Schaul ergriffen und auf sein Knie gesetzt — er Tanzen das ganze Städtchen. Wir trugen Kerzen in den Händen, schwangen uns im Reigen und sangen. Und was spielte sich alles erst im Bethaus ab! Unsere Tänze um die Bima! Es kam aber auch vor, daß man nicht in die Schul zog, dann hielt der Rabbiner uns eine chassidische Ansprache. Danach wurde es noch inbrünstiger, Alles folgend© entsprich* Wendungen der Gabetepoesie Unetanne tokef, welcher der Abschnitt „Des Menschen Grund ist Staub" angehört. 3) Die Ehre, synagogale Verrichtungen versehen zu dürfen, wind zuweilen zu wohltätigen Zwecken versteigert. Hier handelt es sich um den Vortrag von Psalmen. *ir^^Vi*'^Jf^^^^^^r, _30. September 1936 j noch hochgemuter, und Schaul, der Vorbeter, wurde mit Bitten bestürmt, seine „Auferstehung der Toten" aufzuführen. Er ließ sich nicht lange bitten, Die „Auferstehung der Toten" war eine Art Tanz, den nur Reb Schaul tanzen konnte. Er stellte einen Menschen in der Agonie dar, wie er stirbt und bei der Auferstehung der Toten wieder zum Leben erweckt wird. Die Kapelle spielte zu diesem Tanz eine eigene We:se als Einleitung. Das ging so vor sich: Wir stellten uns alle im weiten Kreis auf und ließen in der Mitte einen freien Raum für die. Kapelle und für Reb Schaul. Dieser stellte sich dabei erst so ruhig an, als ginge ihn das alles, gar nichts an. Die Kapelle fing indessen leise und traurig ihre Weise an. Die Fiedel tönt zart, leise und bekümmert, die Baßgeige .brummt gelassen dazu, und die Pauke schlägt langsam, Schlag um Schlag. Reb Schauls Gesicht wird dabei immer bleicher, tiefe, kummervolle Furchen graben sich ihm ein, Die Weise wird trauriger, Reb Schauls Gesicht noch, bleicher, .die Furchen werden tiefer und schmerzlicher. Seine Gestalt scheint immer kleiner zu werden, sie schrumpft zusehends zusammen. Wir alle stehen dicht gedrängt, still, mit verhaltenem Atem und starren auf ihn. Reb Schaul beginnt jetzt zu ächzen, echt, schwer und bitter — die Agonie hat begonnen; er macht es* so kunstvoll, daß wir glauben, ihn sterben zu sehen. Einen Augenblick scheint er etwas munterer zu werden, die Schmerzen scheinen nachzulassen, dann aber verzerrt sich sein Gesicht von neuem, die Todesqualen und das bittere Aechzen kehren wieder. Ich sage dir, .genau, ganz genau, wie ein Mensch in seiner Sterbestunde . . . als ringe er mit dem Tod, als streite er mit ihm. Einen Augenblick lang scheint er ihn zu überwältigen — er wird am Leben bleiben! und nach einer Weile ist der Tod wieder obenauf. Und die Musik wirft sich 'dabei hin und her: jetzt meint man, die Fiedel will fröhlicher werden, der Baß und die Pauke unterstützen sie, da klagt sie nach einer Weile wieder schmerzlich, flehend und doch zugleich auch, als ob sie zürne, als wolle sie es nicht dulden. Und der Baß brummt mit tiefem Ingrimm, als streite er wider. irgendwen erbittert und in großem Zorn. Die Geige aber klingt genau so, als frage sie mit Worten, warum der Mensch so leiden muß. Die Pauke ist böse, schlägt hart und laut, mit großer Kraft. So dauert die Agonie eine geraume Zeit. Wir stehen umher und starren mit weit aufgerissenen Augen, als geschähe das alles in Wirklichkeit, und wir warten gespannt, wie das enden wird. Wird er am Leben bleiben? Da ertönt die Pauke mit einem gewaltigen Schlag, der Baß ächzt seltsam auf, die Fiedel wimmert, als waren plötzlich (die Saiten gesprungen. Und Reb Schaul liegt tot auf dem Boden. Wir fühlen im Herzen etwas zerreißen. Eine Weile ist dann eine Stille im< Zimmer, daß man die Menschen atmen hören kann, starr und bleich stehen wir da. Indessen beginnt Reb Schaul sich wieder zu rühren, doch vorerst nur so leicht, daß man es kaum bemerkt, eine ganz leise Bewegung mit dem Fuß, mit der Hand. Auf seinem Gesicht erscheinen allmählich Anzeichen von Leben, seine Augen öffnen sich und werden lebendig, das Gesicht erhellt sich und wird immer heiterer und heiterer, bis er auf einmal aufspringt und freudig jubelnd aufschreit: „Auferstehung! Auferstehung!" Wir erwachten buchstäblich wie aus einem qualvollen schweren Traum. Die Kapelle löste die Erstarrung indessen mit einer lustigen, feurigen chassidischen Weise, Reb Nochum begann zu tanzen, während er mit Inbrunst immer wieder „Auferstehung! Auferstehung!" rief. Reb Schaul faßte ihn an der Hand und sang hingerissen jubelnd mit. Uns erfaßte ein Taumel, wieder zog es uns einen zum andern, riß es uns alle in eins zusammen, wieder preßte sich Hand in Hand, hoben sich die Füße, und uns allen entrang sich noch einmal der inbrünstige Gesang: Was wir sind, das sind wir, Aber. Juden sind wir, In der Gakit zwar sind1 wir, Doch den Schöpfer haben wir.