Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1936)
- Date
- 1936-09-30
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 40 D e r I s e I i t 30. September 1936 gemietet. Daß du hingegen mit sehr realem und vorhandenen Bargeld dafür zahlen mußtest, das steht auf einem anderen Blatt. Reden wir nicht davon. Als vorsichtiger und seriöser Geschäftsmann legst du also schriftlich fest, daß deine Wohnung zu jenem sagenhaften „Mucharim" — der dank der Ungenauigkeit des Mondjahres im Laufe der Zeit eine Rundreise durch den gregorianischen Kalender unternimmt und sowohl im Frühling und Sommer, wie im Herbst und Winter auftaucht — fertiggestellt ist. Du willst sicher gehen; also sagst du nicht obenhin — fertig, sondern präzise — „schlüsselfertig". Der Hauswirt willigt lächelnd ein. Generös sagt er dir ein halbes Pfund pro Tag Entschädigung zu, falls er sich nicht an diesen Termin hielte. All dies gibt er dir schriftlich. Man unterschreibt, schüttelt sich vergnügt die Hände, gießt vielleicht noch einen Kognak hinter die Binde, denn jetzt ist alles in Ordnung, es kann nichts mehr passieren — meinst du. Du fieberst dem sagenhaften Mucharim entgegen, deine Frau hat deinen Gesundheitszustand bereits sichtlich herabgemindert durch unausgesetztes Durchbesprechen von Einrichtungsplänen, du stehst vor dem finanziellen Ruin, da immer noch etwas für das neue Heim angeschafft werden muß — aber dennoch bist du guter Dinge und kritzelst auf dein Löschblatt traditionsschwangere Sprüche, wie diese: „Mein Heim ist meine Burg" oder „Eigner Herd ist Goldes wert" (was du unter Beweis gestellt hast) doer, was auch sehr sinnig ist „Klein aber mein" und „Mein Heim — meine Welt" usf. Mucharim! Kleide dich festlich, versammle Weib und Kinder, bestelle einen Spediteur und brich auf, deinem Heim entgegen. Dann aber, lasse alle Hoffnung fahren. An dem Bauplatz angelangt, wirst du feststellen, v daß sich seit dem Tage, da du ihn zum ersten Male sahst, nur wenig geändert hat. Felsblöcken gleich liegen die unbehaunen Bausteine wie seit eh und je umher, du gelangst nur unter Aufbietung aller Kräfte über diese Steinmassive hinweg, stürzst in sinn voll-listig angelegte Gruben — die dereinst wohl baulichen Unternehmungen dienstbar gemacht werden, vielleicht erleben das noch deine Enkel, oder deren Kinder — und stehst dann entkräftet wohl, aber immer noch hoffend vor den nur um wenige Zentimeter gewachsenen Grundmauern, die gleichmütig und grau wie ehedem in den leeren Himmel ragen. Unmotiviert aber und — um ein Urväterwort zu gebrauchen — „wie vom Esel im Galopp verloren" steht inmitten dieser Leere, schön lackiert und durchaus fertig — eine Haustüre. Und davor; lächelnd und guter Dinge wartet bereits dein Hauswirt, der dir die Schlüssel zu dieser „einzelgängerischen" Türe — sie scheint tatsächlich allein hierher gegangen zu sein — überreicht und dir fröhlich guten Einzug, Gesundheit, Glück und langes Leben wünscht. Wende nicht ein, daß das Haus noch unfertig sei, wie am ersten Tage, du wirst auf keinerlei Verständnis stoßen. Wände — eben die nichtvorhandenen trennen dich von der Seele des gekränkten Biedermannes, den dir der Himmel zum Hausherrn erkor. Rede nicht! Denn du wirst erfahren müssen, daß es nichts Unzulänglicheres gibt, als die menschliche Sprache. „Schlüsselfertig" wird die stereotype Antwort des wackeren Hausherrn sein, „ist die „Wohnung". Und damit wirft er dir in heiligem Zorne die Schlüssel vor die Füße und enteilt, erhobenen Hauptes, jeder Zoll ein König. Du aber stehst auf den Trümmern deiner Träume und dein Los sind Tränen und ein teures Hotelzimmer. Freudenfeste einst-1 Was soll ich dir sagen? . . . Für mich, der ich mich noch erinnere, wie es einst war, wie man früher einmal gelebt hat, ist es jetzt schwer zu leben, sehr schwer. Du findest keinen „Platz —-, wohin immer du dich kehrst und wendest, alles ist anders geworden, es ist nicht mehr das, was einmal war, ganz und gar nicht Ist es nicht so? Wie? Die Sendestation -des Palästinarundfunksi habt und seien darum vergnügter gewiesen? ... , Ach nein! Juden waren immer in der Galut. Aber es war mehr Wärme, mehr Glut, mehr Feiuer in den Herzen und, versteht sich, mehr; Glauben, mehr G'ttvertrauen, das ist der Grundr weshalb auch die Freuden echt jüdisch waren,, voller Feuer und Hingabe mit Leib und Seele, ... Es war eine andre Welt damals, es waren andre Menschen. Man hat anders gelebt, anders. Ich entsinne mich all dessen noch, als wäre es jetzt. Der größte Jubel war am Feste des Wasserschöpfens.i) Wie wir das Fest der Gesetzesfreude feierten, wie ausgelassen wir an diesem Tage zu sein pflegten, das ist gar nicht wiederzugeben; man könnte Tage und Nächte lang erzählen, wie man sich da vergnügte. Es war wirklich ein wahres Fest der 1 Freude an der Thora. Man ging aus I sich heraus . . . buchstäblich aus sich heraus . . . Man vergaß alles. Juden .;• freuten sich mit der Thora, und wie freuten sie'sich! Du hättest nur sehen sollen, was Reb Nochum der Lehrer am Fest der Gesetzesfreude i alles anstellte ... Wie? Du hast von Reb Nochum noch niemals etwas gehört? Weißt nichts von ihm? Dieser Reb Nochum war bei uns im Städtchen der beste Lehrer für Talmud. War er doch ein großer Eiferer im Dienst G'ttes und ein gar glühender Chassid. Die meiste Zeit des Lehrhalbjahres pflegte er zwar beim Rabbi in Kopust zu ver- Nehmen wir nun zum Beispiel die alten jüdischen Freudentage — mit welcher Fröhlichkeit haben Juden früher doch ihre Festtage gefeiert! j bringen. Ihn zog es eben stets nach Kopust zum Zaddik, zu der Chassidut. „Nicht in Kopust", erklärte er oft, „bin ich nicht ich selbst, es drängt mich geradezu zu ihm." Trotzdem pflegte man die begabten Kinder ihm anzuvertrauen. Denn: wenn er wirklich einmal mit ihnen lernte, so gab es keinen zweiten, der ihm an Scharfsinn und in der Fähigkeit, etwas zu erklären, gleichkam. Und immer war er in Festtagslaune, immer in seiner atlaßnen Kapote mit dem seidenen Gürtel. Die strahlende Schönheit seines Antlitzes war ungewöhnlich. Er war von hohem Wuchs und lebhaft, sein Gesicht leuchtete von innerer Glut und Leidenschaft, und seine Augen strahlten Heiterkeit und Güte aus. Erblickte man ihn nur in seiner atlaßnen Kapote mit dem seidenen Gürtel, war einem auch schon heiter und feiertäglich zumute. Ihn fragte einmal jemand an einem Wochentag: „Reb Nochum, warum seid Ihr so feiertäglich angezogen, was für ein Fest feiert Ihr denn heute?" „Erstens," antwortete er, „gedachte ich heute nach Kopust zu fahren. Dann aber . . . ich will Ihm ja dienen in Freude, ich freue mich, daß Er jeden Tag das Werk der Schöpfung erneuert, darum ist für mich m der Tat jeder Tag ein Feiertag." Und erst am Fest der Gesetzes-, freude hättest du Reb Nochum sehen po.Men. Sein sich Freuen! seine Niggunimf und sein Tanzen, sein Jubeln! Was soll ich dir sagen, man war lustig mit Leib und Seele, weil G'tt uns die Thora gegeben hat. Was soll ich dir Märtyrergräber auf dem Tel Awiwer Friedhofe Und jetzt? Wo kannst du heute auf den Gesichtern noch diese Freude aon Fest, den Genuß der Freude, den Dienst durch Freude sehen? Wo Palästinensische Kinder spielen auf selbstgeschnitzten Blockflöten Dieses Bild, sowie die Bilder der jüdischen noch viel erzählen? Von den Festen Musikanten auf Seite 3 sind dem Kunstder Gesetzesfreude, wie sie 'einstmals kalender des Jüdischen Frauenbunw;aren, will ich gar nicht mehr reden, des entnommen (Siehe Nr. 36 des „Israekt ) nQch yor vor zehn, zwölf Jahren, wie konnten kannst du jetzt noch an einem Feiertag fühlen, | Juden noch fröhlich sein an diesem Freudentag daß Juden Juden sind? Alles ist so vertrauert, der Thora! Ich erinnere mich--es ist vielleicht nicht von nüchtern und wochentäglich! Glaubst du vielleicht, die Juden hätten es damals besser ge- *) Aus der im Schocken-Verlag vor kurzem erschienen Erzählung „Reb Abbe" von Onechi geben wir hier den Abschnitt über die jüdischen Freudenfeste wieder. Das prächtige Buch, das in wenigen Bildern das Gesicht des Städtchens mit all seinen frohen und leidvollen Zügen zeichnet, ist von Fega Frisch aus dem Jiddischen übersetzt. großem Belang, und trotzdem werde ich es nievergessen. Einmal, es ist noch gar nicht lange her, es war zu der Zeit, als die ^Behörde die Chaussee nach Schklow baute und Reb Scihmuel Das in die Tage des Hüttenfestes fallende . Fest des .Wasserschöpfens (für ein Gußopferji war zur Zeit des Tempels ein fröhliches Volksfest. Die Erinnerung daran wird noch heute gefeiert'. GxZtSamtBat m nnnuttaftti T&Si UjuiUlU JIBi'JH'mi j|»«UIM»luui!l.