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Der Israelit · 1936-09-30 · Heft 40 (30.9.1936) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 40 (30.9.1936)
Date
1936-09-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Nr. 40;.D e r I s r.a e 1 i t tete David den Widersacher als eine jener .hemmungslosen Kreaturen menschlicher Art, ebenen es nicht gegeben war, Frieden zu halten. Die Genugtuung war ihm stets zuteil. geworden .— auch ohne daß er dies wünschte — Burkhardt für seine ausgemachten Gemeinheiten bestraft zu wissen. Als Knabe rächte man sich gegen und für das Angetane mit harter Faust, die zu gebrauchen ihn Prosper lehrte. Stets aber im ehrlichen Zweikampf, zu dem der ritterliche Freund Burkhardt zwang. Gegen des Burschen Tücke jedoch waren sie beide .machtlös. Natürlich verdarb er den Morgen, Es: konnte gar nicht anders kommen. Schmeichlerisch wandte sich Burkhardt bei seinem Reden hur an Prosper, lobte dessen Bauten, — von denen er übrigens nichts wußte — und ignorierte David so offensichtlich, der gelassen aii Prospers Seit'6 weiterging, daß es in dem Junker tobte. Diesem Kerl mußte er eines auswischen. Aber er kam nicht dazu. Zu glatt und' speichelleckerisch war Burkhardt geworden. Er bot in seinem Charakter keine Angriffspunkte. Und ihn, wie in der Knabenzeit, verprügeln, ging erst recht nicht an. Keiner aber ist klüger als sein Geist es zuläßt. Burkhardt beging den Fehler — zu denken. Und was er dachte, war irrig. Er glaubte, die Seele des Tempelbaues sei der Burgherr, der alte Sterenberg und mit leicht spöttischem Ton — den Seitenblick auf David nicht vergessend — fragte er Prosper, ob er denn auch genau der Hebräer Eigenarten studiert habe beim Bau ihres Er glaubte Prosper jetzt mehr in den Erfahrungen und gewillter, seinen derben .Spaßen zu folgen. Die Ritterschule duldete keine JudenfreundschaJt. Irgendwie mußte etwas davon auf Prosper abgefärbt sein. Zu seiner Genugtuung sah er David zusamme ducken. Dieser 'beherrsöhte und, dem er die saubtT^ Kleider, das stattliche Aussehen nicht gönnte, -r^iQ ^ch also auch ärgern! \ Zum G^ftß dieses Triumphes kam er nicht. Wütend dre/%f sioh prosper, dem nichts entgangen war, ^'Beleidigung des Tempels, des Freundes Zusamm^^n und die Bosheit des Schreibers, um und t^kte ihn, wie in alten Zeitenf nun doch am Vta^ um i,nn so zu rütteln. Es war eine harte '^gust, die Burkhardt beutelte, doch eine feste H%jjV nicht minder kräftig, löste sachte des Junkers^äiiste von dem Elenden, der grün vor Feigheit ^j^e. (Fortsetzt^ folgt.) ■ " *t >. Durch jüdische Landgemeinden. Von S. Briickheimer in Marktbreit, 1. Ein alter Mann weint. Lebhaft redend-schritt mein Begleite^ lieben mir her. Er mäßigte seinen Schritt '„auch' "'nicht, als die Dorfstraße zur Synagoge hin langsam, anstieg. Niemand hätte den. rüstigen Alten für einen Achtziger gehalten. Mit dem Synagogenschlüssel deutete er auf die Häuser, die früher jüdischen Besitzern zueigen waren. Vor einem unscheinbaren Bau, an dem nur das kleine Entree und die etwas größeren Fenster das G'tteshaus ahnen ließen, konnte ich hinunter und weithin in, eine von Sonne überstrahlte Landschaft sehen, die von einem lieblichen Flußtal durchschnitt: ten und von dunklen Nadelwäldern abgegrenzt war. Um so größer war daher der Gegensatz, als ich meinen Blick (zurückwendete auf die altersgraue Synagoge. Garstig ächzte der Schlüssel im Schloß und wie ein Wehruf knarrte die Türangel. Es war kein erhebender Anblick, der sich dann bot. Auf den Sitzen im Männerraum lagen zumeist schadhafte Thoramäntelchen und Wimpel, die bis auf den Fußboden herabhingen. Aus den Betpulten, deren Türen in den Scharnieren hingen, drang starker Modergeruch. Er kam von den alten, vom Wurm zerfressenen Büchern und den zerfetzten Tallesim, mit welchen die Stände vollgepfropft waren. Auf einer engen Stiege kamen wir zur Frauenabteilung. Dort war ein Teil der Decke herabgefallen. Die Brocken des Bewurfs lagen über die Dielen hin zerstreut, und der aufgewirbelte Sandstaub bedeckte, die Sitzplätze. Mein Begleiter ließ sich trotzdem, auf einem derselben nieder. Ich machte ihn aufmerksam. „Tischohbeaw", sagte er und deutete auf den Zerfall ringsum Dabei zitterte seine vorhin noch so feste Hand und sein Atem ging hörbar. Auch seine Mitteilsamkeit schien versiegt zu sein. Beklemmend wirkte die Stille. Ich sah durch das fast blinde Fenster hinaus an den blauen Himmel, an dem die weißen Wolken langsam hinsegelten. „Sollte man glauben," hörte ich hinter mir eine mühs&me Stimme, die ich kaum als 'die meines Begleiters erkannte, „sollte man glauben, daß vor 25 Jahren die Plätze kaum ausreichten, und für die Frauen dieser Anbau notwendig war? In zwei Ab teilungen. machte man die Umzüge mit dem Lulow, und ' zu Kol-Nidre mußte der Schir-häjichüd versteigert werden,; damit unter den vielen Bewerbern keine Streitigkeiten entstanden . . . Und jetzt stehen wir am Schabbos zu viert da drunten. .Im Winter, mags Stein und Bein zusammen frieren, bin ich sogar älleih/'Ich singe den Adon=olom, den Boruch-scheomar und den , Schochen=ad nach alter Weise.-»Und deinetwegen, mögen Sie mich für kindisch halten! Zwischendurch sehe ich mich um, -ob sie nicht doch noch kommen: der- Rosenblatt, der Neumann, der Kahen, >der länge Dövid und die Baums. Aber nur die Sonne kommt und legt punkt halb zehn Uhr durch das runde Fenster einen blassen Schein auf;!den\ Älmemor. Wie. einst. Nur sie ist sich gleich geblieben." Mein Begleiter stockt. Eine Träne ist ihm über den Stoppelbart in den Mund gelaufen . . . 2. Das Memorbuch. Auf dem Rückwege . wird der Alte wieder ger sprachig. Er greift noch einmal in die Vergangenheit zurück. Dieses Mal aber um die geistige Haltung der' Gemeinde zü umreißen! So erzählt er von Männern, die allnächtlich bis über die Mitternachtsstunde hinaus sich zum Thorastudium zusammensetzten, von frommen Frauen, die freiwillige Fasten auf sich nehmen und heilige Gelübde strenge hielten. „Und Reb Salme erst," seine Stimme sinkt zum Flüstern herab, „Reb Salme konnte dem Feuer gebieten!" Ich sehe meinen Begleiter fragend an. Einige Male nickt er heftig mit dem Kopfe, als. wollte er dadurch die schon erwartete Zweifelssucht abwehren. „Mein Vater, sein Andenken sei zum Segen, iiat es mir so gesagt," fügt er an, um seiner Erzählung größere Beweiskraft zu geben. * „Als ein Brand einst die ganze Mühlstraße., hinabraste und eine vollgefüllte Scheune nach der anderen auffraß, hat Seb Salme einen Laib Brot, mit heiligen Zeichent,beschrieben, in die Glut geworfen. Und dem Feuer wurde Einhalt geboten. Seine, Gelehrsamkeit und sein allzeit wohlmeinender und trefflicher Rat haben ihm die Verehrung des ganzen Dorfes eingebracht. Er war auch ein weit* hin gesuchter Sofer. Kein Fehler ist ihm unterlaufen. Wenn er im Begriff war, einen solchen1 zu schreiben, soll sein Gänsekiel gebebt haben. .„Wie; man es bei alten Büchern findet, mit farbigen Buchstaben und Blattgerarike hat er auch das Memorbuch unserer Gemeinide angelegt. Mit seinen gepreßten Deckeln und dem Versohlußstück muß es ein wahres -Kunstwerk gewes.en sein." „Also äst es nicht mehr da." -'*' 10 „Nein! Es ist verschwunden. Seit einigen Jahrzehnten schon. Ob's wahr ist, was man .sich darüber erzählt, ob's nur eine böswillige Erfindung ist .— ich will Ihnen die Geschichte mit allen Vorbehalten mitteilen: Er ist noch nicht allzulange gestorben, der Hohne. Göidmann; ein wenig rechthaberisch war er und aufbrausend. Dä-> erftÄuseinem gubiüjdischen Hause,» r.itammte, kannte er moeff das Re^gionsgesetz ■ und ■nafcm oIcl1 zur Richtschnur. Er respektierte'mich aen Minhag. Nur -das „Memem"*).-! könnte er nichl leiden. Es dauerte ihm zu lange. Das war der einzige Grund. Deshalb machte er regelmäßig vor Scho* wuos und Tiischoh=beaw Jan die Verwaltung der Gemeinde eine .Eingäbe, die in .ihrem Wortlaut den Kindern schon geläufig war: . . . j „Ich beantrage, das Memerh einzustellen, mischum tirche dezibure."2) ."' ' ' Obwohl er damit bei einem Teil der Jugend Anklang fand, ließ sie sich solche Eigenbrödelei als Zielscheibe für den Spott nicht entgehen. Die Jugend ist ja einmal nicht immer konsequent. Und so' stellten sich die jungen Leute Freitag abends, bevor seine Eingabe wieder einmal fällig gewesen war, vor Hohne -Goldmanns Hause auf und brüllten, in zwei Chöre geteilt, 'die eine Abteilung: „Feh beantrage das Memern einzustellen", die andere: ' '•. •:' „Mischum tirche; dezibure". Die -Jungen® freuten sich höllisch "auf den Mo* ment, wo Hohne mit seinem großen^ Köpf ausdem Fenster führe, um mit bösen Worten au' vergelten^ M^rkwürdige-rweise geschah dies aber; nicht.. /Man* eher von den Alten meinte am andern Morgen, daß eine noch so heftige Antwort besser gewesen wäre, als diese auffallende Zurückhaltung. ' - - *) Das Verlesen frommerMänner fund Frauen, Märtyrer und solcher. Orte, wo im . Mittelalter1. die jüdischen Gemeinden ausgerottet wuifden, r<! 2) In Rücksicht auf die Gemeinde:' •;*•":. Als " aber zwei Wochen später, ' am Schabboschason, unser Vorbeter nach dem. Memorbuch greifen wollte/suchte er umsonst nach ihm. Er rief den- Par- " nos auf die Bimah, Der schaute in; jede Ecke . desin den Almemor eingebauten Schränkchens und legte Wimpel für Wimpel um. Er fand eine seit Jahren vermißte silberne Jad, aber nicht das Memorbuch-. Weil man immer, noch an einen Schabernack dachte, öffnete der Synagogendiener den Deckel eines jeden Betpultes, Hohne Goldmann, nach dem mancher sich, umblickte, stand in der ganzen Zeit ruhiig auf seinem - Platze, schaute unverwandt in das aufgeregte Durcheinander und ließ dann mit aller Ruhe :■auch seinen- Stand untersuchen. Gründlicher kann keiner sein ^Haus nach Chomez durchsuchen, als am Sonntag darauf die Synagoge bis hinauf zum obersten Boden' durchsucht, wurde/ Aber das Memorbuch war und blieb. verschwenden.; ' :': Noch heute gTäubeii wir, daß Hohn© Goldmann das Memorbuch verbrannt habe. Eine allerdings nicht ganz1 eindeutige Bemerkung seiner Frau hat dieser Annahme eine Stütze» gegeben... —- - '. „!. ... 3. Heimweh, " -;V [ '"" - •'>'''■'J -y- Als ich am Abend/durch., die; innner hoch;belebte' ' Dorfstraße gehe, sehe/ ich ^imeinep. Begleiter 'auf "der.- Bank vor seinem Hause sitzen. 'Gerne .folge ich sei- ' , ner .Einladung .und - ne.bme ,neben; ihm ".Platz.' ^ÄUS'' ' seiner Stummelpfeife 'steigt: feiger,. Rauch kerz&nge* rade in den ins Grünliche übergehenden r^mmel, .ah J dem sich die Venu® schon in. ihrerganzen Strahlen-'' pracht herausgestellt hat. . Nöchr k^jhriit' ein ..'Erntewagen hinter dem andern . hoch beladen' vom Felde her. Die Bauern nützen den; ,Tag vöjl\äus, um. die " Frucht trocken in .die» Scheune -.zju 'b^ejkojnmen*/*-- Ruckartig nimmt der ,Alte^ neben mit; seine'Pfeife, aus dem Mund, zeigt auf ein e^en .vprüberfahrendes•;' ' Gespann und redet so langsam,, daß. ich Mühe .habe; die Worte zu ganzen Sätzen zusammenzuziehen.; 'i' „Der Bauer, ja . . . der ist mit dem Böden seiner Heimat fest verbunden. Acker, Wiese und Gärten geben ihm Schwere und Sässigkeit, - Doch—? .ich meine, das allein erzeugt noch nicht das Heimatge,- fühl. Die Schwalbe sucht auch ihr -altes Nest wie^ der auf, und den Hund und!das Pferd treibt -es zii--, . rück an den Ort, wo sie aufgezogen wurden. Es ist . beim Menschen zum großen Teil das'seelische Gut der Erinnerung, das Bewußtsein von der . Schönheit, der Heimat und die Kenntnis, ihrer Geschichte, die das Verbundensein mit: ihr so innig gestalten. Daher trifft auch den Juden, trotz der ihm . von seinem Schicksal auferlegten. Ünstetigkeit, die Trennung vöö der Heimat bis in die letzte Tiefe feines' Empfindens. Ich will Ihnen etwas erzählen,, was noch 'deutlicher ausdrückt, wie ich es meine. *"" Drei Wochen mögen es her sein, dch »saß auch hier auf der Bank, als . aus der Dämmerung eine mir . bekannt scheinende Gestalt gerade dort .von : der. Hauptstraße her auf mich zukam. „Hanne!";„rufe ich meäne'r 'Fratr:--zu, diö über mir zum Fenster heraussieht. „Hanne, is't'das nicht mein1 alter Freund Naph« tali Schloß?" Ich gehe ihm entgegen. Mit kleinen, trippelnden Schritten und auf einen; Stock': gestützt, kommt er näher Viele Jahre iätte ich; ihn jnicht ge« seheüi Infolge des frühen Todes seines Vaters hatte '* er noch als Jugendlicher ^^'ÄoH'^T^^'^^^^^'"v sich befindliche Geschäft übernehmeh müssen, Um dann später, seiner Schwester' den Platz frei ma-' chend, einige hundert Kilometer von; hier,-entfernt,; ein neues zu begründen. Von Zeit.'zu-»Zeit kam er wieder; uni 'seine Kunden am Ort .und in der Umgegend aufzusuchen. - ,; j „So spät noch?", sage ich naoh , der Begrüßung, . „Aber jetzt kommt doch kein Zug mehr!" .Er lacht leise in sich hinein. Genaunoch so wie . rin" unseref^Schülzeit, wenn^er allein von allen Schulern'die Rechenaufgabe" gelöst-„ hatte. . „Nein/ ich habe die Eisenbahn ja auch: nicht benützt. Seit zehn Tagen'.schoh bin, ich, auf der Wan-. derschäft. 'Ich iwö-llte.:noch einmal;* bevor der. da dro- . .bein das Schlußzeichen gibt, alle Orte, tselien und . alle Freunde besuchen, die mir von Jugend auf vertraut sind. Wenn; man dabei •ni^tr^'iinan^r.7a«f die Uhr schauen, nicht |yom Fahrplan ,gehe.tzt ^-seiii ' und 'eb^it so' ganz gemütlich. plaudern .-"wall,., dann ''t^^'määi half ' zu Fuß gehen. Und. es war schön, mean Liefeerr'Ein' Stündchen da, eines \dprt,, das Kramen in alten Er*! innerungen — sie haben, meinem Herzen wotir getair. '; Aber jetzt bin ich müde!" Dabei' blickte';ef iä'-dse Richtung' seines' früheren' 'Vate'rliause's. ' ,J3u bist für heute mein Gast," sagte ich zu ihm. Er aber winkte ab. „Ich will noch einmal ganz daheim sein!" Damit wandte er sich jenem Hause zu .;:. ,}! Als ich am anderen Morgen die Türe' äuf'schlöß, -stand meih Freund Näphtali mitten in der Dorfstraße, sah bald in diese'Ecke, bald; -hinter; jenen?. Zaun, i.:als us wollte er auch noch die .Schlupfwinkel r^betrachtjen,...; die er einst! beim -Spiel, benü,i?^.. hatt^.;,^ann ^am, er zuj mir heräufi!!! Ii;;;..c■ M/.; k'->y.;v;S';n~u'. I „Weißt Du,"- sägtet er,;,heute is,t: inein"-SOj; Ge* . bujrtstag. 1 Ich habe-, in . der -y;CTgangenen i Nacht ^'m selbe-n'; Zimmer; auf dea:: gleicheiij Ste-lle — so zwischen , dejm Bett meiner-«eligen; ^Mutter lUnä^dem, jneine^,verr.. .'t t ^ewigten11Vaters•; geschlafen-, genau wie -vor 8.ff hll TT V '"x 1 1 t \*>%<M'i*±'i<>. •'■«»»•••.ji Jan reu,,, Undv ,mir; ist, als hatt» ich. seit jener.. £eax. •>.T t t. ' ••*•'' '■'**' ui:;/:•£• J-;•,'ui>-. . ' ^niemjals besser' geschlafen. . . .

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