Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1936)
- Date
- 1936-09-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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.,K<£'^"*\y/v Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 40 1936 mm Basukkaus teschwu schiwas Jomim. Von Julie Laßmann. „Sieben Tage wohnt in Hütten! Wisseni söllen die Geschlechter! So Jisroels Söhne wohnten, Die ich führte aus Mizrajim." >,Sieben Tage wohnt in Hütten!" — So verlassen sichren Schrittes Wir das festgebaute Haus, Wissend, in des Höchsten Schutze Ruht man sicher, wohnt mian gut, Sei's auch in der leichten Hütte, Wie vordem die Väter wohnten. Vierzig Jahre in der Wüste Trotzten kühn sie den Gefahren In dem ruhevollen Wissen: Er, der Höchste, ist uns Schutz! Und sie fanden nach der Heimat. — „Sieben Tage wohnt in Hütten!" Hast Du eingebracht die Ernte Des Ertrages Deiner Felder, Frucht auch fleiß'ger Geistesarbeit — Zieh' an Hütten! Lerne D&muhl Ist der Wert Dir des Besitzes, Oft vergöttert von den Menschen, Denn so groß auch, wie er scheint? — Doch ward minder Dir gesegnet, Jude, Deiner Hände Arbeit, Bangst um Vorrat für den Winter, — Nicht verzagen! Blick' zur Höhe! Siehst Du schimmern durch das Laubdach Deiner Sukkoh die Gestirne? Der gezeichnet ihre Bahnen, Der erbarmend Nahrung bietet Allen Wesen, die er schuf, Wird auch Deiner liebend denken. Heute rauhe Stürme brausen, Dräuen tobend um das Haus'. Was wir glaubten fest gefüget, Wohnstatt noch für Ferngeschlechter, Heute wankt's und droht zu stürzen, „Sieben Tag' in Hütten wohnet!" Sieh', o Ew'ger, wir vertrauen! Du, der über Wolken thronet, Du wirst neu das Haus uns bauen. Der Tempelbau zu Heikenbrunn. 'Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung^ David, der vorher so aufmunternde Optimist, begann zu warnen. Im Kleinen unternahm er es, vor vorzeitigen Hoffnungen einen Riegel zu . schieben. Aber es waren zu viele hinter dieser Hoffnungspforte und drängten nach, 'daß er es nicht vermochte, den Ausblick in die nahe oder ferne Zukunft ganz zu verschließen. Oeffentlich begann er zu sprechen. „Die Juden müssen frei werden, gewiß," sagte er, „grausamen Quälereien entgehen, Menschen werden, alles steht in der Zukunft verheißen. Aber — eines bringt Gefahr für sie, wenn sie aus der Gasse, jenem engen Ghetto ■entfliehen, daß sie sich -nicht zerstreuen, sondern den Zusammenhalt, den die Gasse ihnen aufzwang, auch frei- -willig für weiter bindend anerkennen. Wehe ihnen, wenn sie sich zu sehr ihrem eigenen Wesen entfremden und anderes Sein anzunehmen sich gewöhnen. Eines Tages wird man sehen, daß es glückhafter war, die Gasse zu beleben, als in eingebildeter Freiheit gefangener zu sein ..." Man ließ ihn reden, aber David schwor sich: sie glaubten ihm nicht mehr. Er jedtoch, 'die Hände ineinanderkrampfend, wußte in dieser Stunde des frühen Somntagmorgens, daß die Juden seiner Gasse, vielleicht alle Juden solcher Gassen, anfingen, den neuen erschlossenen Weg in die wahre Freiheit mißzuverstehen. Sollte das gläubige Judentum den meisten nur ein Trost solange gewesen sein, als wie sie eingesperrt in die Enge einer Gemeinschaft waren? Er wollte es nicht glauben, wenngleich gewisse Anzeichen ihm die Besorgnisse bestätigten. Der Tempelbau, so tief sein Plan der Gläubigkeit entnommen wurde, bestärkte die Juden in ihrem Freiheitsdrange. David schalt sich einen finsteren Zweifler. W arum sollten denn gerade die Juden in ewigen Aengsten schweben? Sollte es ihnen nicht vergönnt sein, aufzuatmen, als Menschen unter Menschen zu leben? Gewiß, David sagte es sich ehrlich, das mißgönnte er den Juden niemals, nein, gewiß, das niemals. Aber daß in den Juden die Sucht zur Verleugnung alles althergebracht Jüdischen steckte, sobald sie es nicht mehr für sich als nötig anerkannten, das wußten vor ihm schon Erlesenere. Das zu festigen, was Liebe zum Judentum, also gewissermaßen Heimatliebe bedexitete, war bisher sein Streben gewesen. Nicht als Zwang die Gebräuche, Sitten und Gebote zu betrachten, ließ er der Jugend schon durch die Lehrer gewiß werden. Kein Zwang ist das Judentum, keine Last, Begnadung vielmehr vor vielen Millionen Menschen, jene unauslöschliche Religion sein eigen nennen zu dürfen. Er hatte viele Getreue, die gleich ihm dachten und handelten, aber es waren nicht alle Juden seiner Gasse. Genau so würde es in anderen Städten, überall wo es Juden gab, vor sich gehen. Wehe dem Tag, da die Gasse offen war für alle und die Freiheit lockte. Judesein heißt gewissermaßen die Last nicht vergessen, die der Herr auf die Schultern seiner Auserwählten legte. Irgendwie, gleichviel in welcher Gestalt, würden sie in eine Gasse zurückgestoßen werden. Und der Weg zurück, ist schwerer als jener, der vorwärts geht. Im Hause fiel ein Gegenstand hart auf die Erde. David. schrak.. aus . seinem Sinnen. Er mußte schon hinunter, das Frühotück einnehmen. Er blickte in der Stube umher, ob er nicht unnötiges Durcheinander beim Ankleiden hinterlassen hatte, doch fand er nichts, denn strenge Selbsterziehung — weil früh mutterlos — hatte ihn an Ordnung gewöhnt. Als er das Zimmer verlassen hatte, schaute er vorsichtig in die gegenüberliegende Stube, wo die alte Schwester des Vaters noch schlafend lag. Mochte sie sich ausruhen von allem Schweren im Leben. Er war ein guter Sohn. Die Vermächtnisse des Vaters hütete er streng. Unten fand er sein Frühstück, das er schnell verzehrte, denn gar zu früh war es nicht mehr. Er kante Prosper. Morgens schoß er in den Wäldern die Braten für die Küche, idaizu mußte er früh aufstehen. Eilig verließ er Haus und Gasse und langte noch ein Endlein früher an als Prosper. Doch reichte die kurze Spanne Zeit bis zu dessen Eintreffen nicht aus, um sich in die Freude des ungewohnten Anblicks des Tempelbaus zu vertiefen. Er hörte die frische Stimme Prospers, der den Knecht mit der. Jagdbeute heimgeschickt hatte und in der Vollkraft seiner Jugend über die aufgeworfenen Gräben sprang. „G'tt zum Gruß, wenn mein G'tt dir genehm ist," neckte er ihn, indem er David auf die breite Schulter hieb. Die helle Freude am Anblick des stattlichen Freundes leuchtete ihm aus den Augen. Gleich begann er zu erzählen. Die Treppe bekam nun doch edleres Material. Er meinte die innere Treppe, die zum Allerheiligsten führte: Das setzte er denn doch durch. Nicht gerade besten Marmor, aber Marmor. Ein Studienfreund besaß einen Marmorbrueh und hatte beschlossen, eine Freundlichkeit Prospers aus vergangenen Zeiten hedimuz>ahlen, indem er ihm die genügende Menge Gestein ohne Geld überließ. „Kann man glückhafter bauen, als unter solchen Umständen . . ." Prosper war glückselig. Den Arm um die Schultern des Freundes geschlungen, zog er ihn zu dem neuen Schacht, der genau und ordentlich vollzogen wurde. „Die Judenbübchen machen sich als Arbeiter. Wie der Teufel lernen sie^lles. In diese aufnahmefähigen Köpfchen rast, nur alles so hinein . . ." sagte Prosper vor einiger Zeit seinem Vater. Sie verstanden wirklich, was man ihnen erklärte, und wandten es nutzbringend an. Der Schacht sollte einen neuzeitlichen Keller ergeben, für Zeiten, die unruhig waren. Nicht allzu umfangreich, aber groß genug, um die wenigen Reichtümer der Juden in der Gasse feuer- und diebessicher unterzubringen. Prosper war in seinem Element. Jeden Strich am Boden kannte er. Er begutachtete neu an?/' gekommene Steine. Der Sonntag war ihm,/ an ihm nicht gearbeitet wurde, gerade reck* so nach Herzenslust mit dem Freund df Fortschritte zu bewundern. Sie taten*n a^er Frühe, weil gegen mittag immer N^ieri^c ka" men. Jetzt waren sie allein. Plötzlich lachte Prosper mif .»Weißt du, wem ich heute begegnete, ger^e vorhin auf der Straße? Keinem andere*„als unserem gemeinsamen Freund Burkh/*"*' David wunderte >lch ein wenig. Der war also wieder im Landf „Er schwor s*cn d°cn zu, nie wieder her zu kommen!" Veräcbrfich verzog Prosper die Lippen. „Ein Schwur dieses Gesellen. Ich mag ihn einfach nicht/ verteidigte er sich gleich, denn er kannte den mißbilligenden Blick Davids, der es nicht ausstehen konnte, einen Abwesenden zu kritisieren. „Ich bin keinem Menschen feind, aber diesen Burschen habe ich nie leiden können." David hörte nicht zu; sein Blick traf voll die Gestalt .Burkhardts, der wohl die letzten Worte gehört haben mußte, denn er schlich Prosper nach, um zu sehen, wohin der Junker so früh am Morgen eilte. Ohne Reue drehte sich nun auch Prosper um und kaum merklich verzog er die Lippen zum Gruß. Die lebhaft hingestreckte Hand des ehemaligen Kameraden ergriff er sehr langsam. David selbst war um einen Schritt zurückgetreten. Sehr von oben herab traf Burkhardts Gruß ihn selbst, aber freundlich erwiderte ihn David. Prosper verwünschte 'diesen Schnüffler, der ihm den schönen Vormittag störte, aber sein ritterliches Blut duldete es nicht, sich weniger gelassen als der jüdische Freund zu geben. „Wieder da in der Stadt," sagte er herablassend. Burkhardt ergriff mit Freuden den weniger herben Ton in Prospers Stimme auf. „Gewiß, man braucht meine Dienste . . schmeichelte er. Als Schreiber — zu mehr langte sein Heldentum nichtj das er uns immer vorpredigtef bedeutete Prospers Blick an David, doch zog der es vor, zu schweigen. Fühlte er doch genau die unversöhnliche Feindschaft aus dem Wesen des Heimgekehrten. Wie in der Knabenzeit betrach- A