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Der Israelit · 1936-09-30 · Heft 40 (30.9.1936) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 40 (30.9.1936)
Date
1936-09-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Nr. .40 D e r h ra e Iit 30. September 1936 Korrespondenzen. Deutsches Reich. Reichsinstitut zur Geschichte der Judenfrage, Berlin, 23. Sept. In Heft 18 der Zeitschrift „Der Deutsche im Aus lahd" veröffentlicht Dr. Wilhelm Grau einen Auf' satz „Zur Erforschung des Judenproblems". In ihm schreibt er, daß dem Arbeitsplan der Forschungsab teilung „Judenfrage" des Reichsinstituts für die Ge schichte des neuen Deutschland die doppelte Einsieht zugrundeliege! daß die Judenfrage eine Aufgabe ist, an der in gleicher Weise die Wissenschaft und die Weltpolitik Anteil nimmt. Außerhalb Deutsch lands sei der Erkenntnistrieb der Wissenschaft noch allzustark an die liberale Legende gefesselt und be hindert, das Forschungsgebiet der Judenfrage zu 'durchstreifen. Um so größer sei deshalb die Verpflichtung der freien deutschen Gelehrtenwelt, den Dienst an der Wahrheit anzutreten. Wir hoffen, so sichreibt Dr. Grau, durch unser© deutschen Bemühungen, wenn nicht heute, so doch morgen auch die nichtjüdische Wissenschaft anderer Staaten zur Erforschung des Judenproblems in der Geschichte anregen zu können. Wir haben uns daher kein gerin* geres Ziel gesteckt, als in München 'die größte europäische Bibliothek zum Judenproblem zu begründen. Dr. Grau teilt sodann die weiteren notwendigen Auf* gaben in Bezug auf eine Auswertung der Archive mit und schreibt in diesem Zusammenhang, daß jüdische Archive aufgefordert werden würden, gewisse Bestände zu öffnen, damit die Erkenntnis der Wahrheit voranschreite. Es werde heute schon danach gefragt, wann das Haus Rothschild in der Lage ist, seine Archivbestände der Forschung zugänglich zu machen. Die Bibliotheks- und Archivarbeit der Forschungsabteilung wird von einem Referentenstab getragen werden, dem führende deutsche Fachgelehrte angehören wenden. Gleichzeitig wird die ForschungS* ab teilung vier eigene Forschungsunternehmen aufnehmen, von denen eins der Oeffentlichkeit bekanntgegeben wird. Und zwar wird eine historische Statistik über .die Judentaufen- und Mischehen, vor allem in Emanzipationsepoche, vorgenommen werden. Dieses Thema sei von grundlegender Bedeutung für die deutsche Volksgeschichte, für die internationale Religionswissenschaft, wie für 'die Rassenkunde, Der Reichs- und Preußische Innenminister hat unter dem 31, August einen Runderlaß an alle Behörden herausgegeben, der jetzt im „Reichsministe* rialblatt für die innere Verwaltung" veröffentlicht wird. Der Erlaß ordnet an, daß das Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland für Personenstandsurkunden, yjprirchenbuchauszügen usw, Gebühren* freiheit genießt. Auch im übrigen ist das Reichsinstitut als Reichsbehörde im Verkehr mit staatlichen und kommunalen Dienststellen in gleichem Umfang« wie sonstige Reichsbehörden von der Zahlung von Gebühren befreit. Der Erlaß bezieht sich vor allem auf 'die Arbeiten des Reichsinstituts zur Geschichte der Judenfrage. Im Rahmen dieser Forschungen ist u. a. nunmehr eine umfassende Untersuchung über Judentaufen und Mischehen im 19. und 20. Jahrhundert in Angriff genommen worden. Nach den Bestimmunigen des Personenstandsgesetzes haben die Standesbeamten in Zukunft zu statistischen Zwecken bei der Beurkundung von Geburs. ten, Eheschließungen und Sterbefällen die Religion der Eltern, der Eheschließenden und des Verstorbenen zu erfragen, um den öffentlich»rechtlichen Religionsgesellschaften hierüber Auskunft erteilen zu können. Die Rassentrennung im Schulwesen soll gesetzlich geregelt werden. B e r 1 i n, 22. Sept. Die von Prof. Alfred B ä e um 1 er herausgegebene „Internationale Zeitschrift für Erziehung" bringt in ihrem neuesten Heft einen Aufsatz über „Die Trennung der Rassen im Schulwesen der Vereinigten Staa ten und des Deutschen Reiches". Der Grund für die Trennung der Rassen in der Schule liege in der Er fahrung, daß das Gemeinschaftsgefühl in einer ras sisch gemischtem Schulklasse zerstört wird und sich zum Teil überhaupt nicht entwickeln kann. Die Schüler werden von vornherein in mehrere Gruppen zerspalten, .die einander innerlich fremd gegenüber5 stehen. Noch unheilvoller wirkte sich die rassische Verschiedenheit von Lehrer und Schüler aus, zwischen denen sich ein erzieherisches Verhältnis nicht bilden könne. Der Aufsatz geht sodann auf die Rassengesetzge bung in den Vereinigten Staaten und Deutschland ©in. Die deutsche Raissengesetzgebung, die noch nicht völlig abgeschlossen sei, ist in den Nürnberger Gesetzen niedergelegt. Ebenso wie eine rassische Mischheirat verboten ist und die politischen Rechte der Rassen für das ganze Reich gesetzlich geregelt sind, wird auch die Rassentrennung im Schulwesen für das ganze Reich einheitlich geregelt werden. Ein solches Gesetz befindet sich in Vorbereitung, Es ist eine völlige Rassentrennung in den Volksschulen ohne Rücksicht auf 'die Religionszugehörigkeit vorgesehen, die Errichtung öffentlicher Judenschulen ist geplant, Grundsatz für beide Schulen wird die Rassengemeinschaft zwischen Lehrer und Schüler sein. Der in-bestimmten Schulgattungen und Hochschulen eingeführte Numerus clausus bezweckt, zwar keine grundsätzliche Trennung der Rassen, aber er bezeichnet eine Abwehrmaßnahme gegen die völlige Verjudung bestimm* ter Berufe. Der Grund für die deutsche Maßnahme liege in der Erfahrung, 'die man in dieser Beziehung in der Vergangenheit habe sammeln können Es handele sich nicht um rassische Vorurteile, sondern um grundsätzliche Verschiedenheiten, die von der Natur gesetzt sind und von der Rassenlehre erkannt wurden. Solche natürliche Verschiedenheiten dürfe man nicht übersehen, wolle man nicht den Völkern größten Schaden zufügen. Ein© alt© Erfahrung lehre, daß der Frieden zwischen den Rassen am besten durch Trennung gewahrt werden kann. Polen. Fingiertes „jüdisches Attentat" auf den Bischof von Witna zur Hervorrufung eines Pogroms. Warschau, 23. Sept. Gegen den Wagen des katholischen Bischofs von Wilna, wurde, als er 'durch das Städtchen Nalibokie fuhr, eiin Stein geschleudert, der ein Fenster des Wagens zertrümmerte. Der Stein kam aus der Richtung eines jüdischen Hauses. Es entstand sofort ein Zusammenlauf, und die Juden begonnen die Läden zu schließen. Es fanden sich sofort „Zeugen", die erklärten, 'gesehen zu haben, daß ein Jude den Stein geschleudert habe. Ein jüdischer Junge lief auf den Bischof ZU und bezeichnete einen christlichen Jungen als den Täter. Der Bischof rief diesen heran und brachte ihn zu dem Geständnis', tatsächlich den Stein geworfen zu haben. Er erklärte, zu der Tat von jungen Leuten angestiftet worden zu sein, die durch das fingierte Attentat einen Judenpogrom hervorrufen wollten. Auf Grund.der Aussagen des Jungen wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Große Kundgebung der Warschauer Judenheit gegen Schmälerung ihrer Rechte. Warschau, 25, Sept. Die erste Sitzung der neugewählten Repräsentanz der neoien Warschauer jüdischen Gemeinde baute sich über ihr Programm hinaus zu einer P r o.3 testversanunlung und einer scharfen ideologischen Auseinandersetzung zwischen den Parteien aus. Es zeigte sich, daß d&e neuem 'Herren der Situation, die Bundist en, keineswegs gewillt seien, aus der Opposition herauszutreten Und konstruktive Arbeit zu leisten. Gleich zu Beginn der Sitzung ergriff der Bundist Henryk E h r 1 i c h das Wort und wünschte, daß sich die erste Sitzung mit der Frage der „zwangsweisen Evakuierung" von nahezu einer Million Juden aus Polen befasse. Als er heftige Angriffe gegen Jabotinsky unternahm, kam es zu einem schweren Zusammenstoß mit den Revisionisten. Er polemisierte .auch scharf gegen Griinbaum, der ebenfalls den Antisemiten in die Hand arbeite. In der weiteren Debatte zeigte sich zwar keine Liebe für die Evakuierungspläne, aber die bundistische Resolution wurdle wegen ihrer allgemeinen Palästdnafeindlichkeit abgelehnt. Die Fraktionsführer berieten dann über eine Einheitsliste für die Wahlkommission, es 'gelang aber nicht, auch die Bundist en zur Mitarbeit heranzuziehen, dagegen kam eine taktische Kooperation zwischen dem Nationalen Block und den Agudisten zustande, deren Resolution im Plenum mit Stimmenmehrheit angenom* men wurde. Die politische Resolution schildert die schwere Lage der Juden in Polen und bringt den Protest der Warschauer Gemeinderepräsentanz gegen die antisemitische Hochflut und gegen 'die Bestrebungen, die Juden als Bürger zweiter Klasse zu behandeln, zum Ausdruck. Im weiteren wird, bei aller Anerkennung der Notwendigkeit einer Emigration und einer Alijah nach Erez' Israel, in schärfster Weise dagegen protestiert, daß die Juden als „überzählig", nach dem Wunsche der Antisemiten, aus dein Lande gebracht werden. Zuletzt wird in der Entschließung das. Mit» gefühl mit dem Jischuw in Erez Israel und die Hoffnung ausgedrückt, daß es ihm in der Folge .gegönnt sein möge, sich in Ruhe und Frieden weiter zu entwickeln. Die 'Gemeinderepräsentanz schließt sich * der Forderung aller Juden der Welt an, daß dem Terror keine Zugeltändnisse in Form einer Beschränkung der, jüdischen Einwanderung in Erez Israel gemacht werden. In Polen leben 120.000 jüdische Bauern. Warschau, 25. Sept. Die Jüdische Landwirtschaftliche Gesellschaft (Hag) in Polen zählt 75 Bezirksgruppen. Dazu kommen 15 landwirtschaftliche Viehzucht- und Milchwirtschaftskooperativen, Der letzten Lemberger Tagung der Hag wohnten über hundert Delegierte bei. Es wurde berichtet, daß in Polen über 120,000 jüdische Landwirte leben. Es wurde eine straffere Organisation gefordert, damit sich 'die jüdischen Landwirte besser gegen Terror verteidigen können. Die Gesellschaft ist dabei, jetzt für die infolge des neuen Schächtgesetzes brotlos gewordenen jüdischen Flei* scher Hühnerfarmen und Milchwirtschaften zu begründen. Die ICA organisierte Kurse zur landwirtschaftlichen Ausbildung der jüdischen Jugend, an denen 216 Jugendliche teilnahmen. Frankreich. Zentralstelle zur Abwehr des Antisemitismus. Paris, 21. Sept. Das Zentralkonsistorium der französischen Juden und das Pariser Konsistorium .geben die Schaffung einer Zentralstelle zur Abwehr des Antisemitismus bekannt. In der diesfeezügMcheii. Kundgebung wird u. a. ausgeführt: „Erschüttert durch 'die Fortschritte des Antisemitismus haben wir uns entschlossen, «im Zentrum der Wachsamkeit und der Dokumentation zu schaffen. Denn obwohl nach dem Gesetz vom 19. Dezember 1905 über die Trennung von Kirche und Staat den Konsistorien lediglich 'die Sorge für Ausübung und Unterhaltung des jüdischen Kultus obliegt, halten sich die Mitglieder des Verwaltungsrates des Konsistoriums gemäß dem von ihren Glaubenge«ossen> ihnen anvertrauten Mandat für berechtigt, die Interessen des Judentums über . da» streng religiös« Gebiet hin» aus wahrzunehmen. Die neugeschaffene Zentralstellei wird alle das Judentum betreffenden Fragen studie-1 ren und dem Konsistorium entsprechende Entscheidungen vorschlagen; seine Tätigkeit wird sich auf Frankreich und die Kolonien 'erstrecken."

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