Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1936)
- Date
- 1936-09-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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^mß^^m-^s^.^. J30^Sept£!mber 1936 Ii e r 1 s r a e 1 i t Nr: 40 Seit© 3 Die goldene Frucht aus Erez Israel. (Fortsetzung von Seite l;) Und auf der anderen Seite, im thoratreuen Kreise, hatte man■■abgesehen von den treuen Wächtern der alten > Mauern, den mainn Vl/OUP' und den sich aufopfernden Chaluzim des altneuen Jischuw in den Spitälern und den Lehrhäusern in Jerusalem — den mittleren Teil der Pflicht nicht ganz in dem erwünschten Maße gepflegt. Man pflegte die mXö und erfüllte sie, so gut es ging, mit der Liebesmünze, die man in die Challohbüchse tvarf, mit dem Obulus, den man hie und da an 'die heiligen Stätten abführte. Man wußte selbstverständlich auch um Erez Israel, dem alles Beten, alles Sehnen, alles Hoffen gehörte. Der 2W, der Aufbau im Großen, fand aber nicht unsere ganze Aufmerksamkeit, die ganze restlose > Liebe unseres Herzens- Wir kennen ja die Gründe und kennen auch die Rechtfertigung. Man achtet die Hemmungen, die, erst vor kurzem uns noch einmal von offizieller Stelle in Wort und Schrift auseinandergesetzt wurden. Das ändert aber nicht an der Tatsache, daß der 2W> auf uns wartete, uns rief, ' uns mahnte, uns fragte und fragte: „wann kommt Ihr? Es ist Zeit!" Wir folgten dem Rufe etwas spät, aber wir folgten. Dieses Jahr, nachdem uns 85 't3',ll?VTj? wiederum mit eisernen Ketten an Erez Israel klammern, wird die Esrogfrucht uns insbesondere ein•■ Memento sein. „Kommt Ihr? . . ." Die Ruhe in Eretz Israel wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, bald hergestellt sein. Dann erst treten die neuen schweren Aufgaben an oims heran. Sind wir beireit? Wir halben J a gesagt,, aber wir werden zu unserem Ja auch mit gesteigerter Kraft stehen müssen; Die m2J» muß von uns ganz und ungeteilt, mit der ganzen Aufopferung, die wir für die fnx» haben, mit der ganzen Kraft, die wir für den aufbringen und mit der ganzen. Sehnsucht, die wir für Erez Israel empfinden, erfüllt werden. Als Hilel zum Freudenfeste des Wasserschöpfens kam, tat er den Ausspruch ]SD DN 7N3 ^Dn* nWenn ich hier bin, so ist alles hier!" Dieser vielgedeutete Ausspruch aus dem Munde des bescheidensten aller Lehrer könnte, unabhängig von seinem ursprünglichen Sinn, heute eine Parole, ein Losungs- und Erlösungswort sein. T Viele sind der Meinung, Hilel habe mit diesem Worte auf das ">JK' das..Ich jedermannes hingewiesen, das hei jeder Freude, jeder Kundgebung, bei jeder Miiizwoh dabei sein muß. Wo das das Ich, das Innere, fehlt, sind alle Ausdrucksformen einer angeblichen Freude und Begeisterung ohne Seele und nutzlos. Andere wiederum möchten im ^tf einen Hinweis auf Ihn, den Lenker des Alls wie unserer kleinen Welt, sehen, der oft im alten Schrifttum mit 'SK bezeichnet wird. Wir dürfen heute jenes Wort in dem einen u n d anderen Sinne verstehen und uns merken. Wo das jüdische Ich da ist, wird es keine Terrorhand, keine Bombe und keine Brandfackel verdrängen. Es ist etwas Großes, mitanzusehen, wie unsere jungen Menschen sich trotz allem und allem zu der Alija drängen, an ihre Zerti fikate sich wie an einen Rettungsanker klam mern und zu vielen Hunderten aus den Häfen ausfahren, dem Lande entgegen, von dem ihnen zunächst keine Glücksgüter, nicht einmal Ruhe und Sicherheit entgegenwinken, wo ihnen fürs erste Hindernisse aller Art den Weg verbauen. Dieses Heldentum von Menschen, die Gefahren entgegenstürmen, ist einzigartig <und wird in der Geschichte des jüdischen. Volkes festgehalten werden, als die Liebe, die, nach dem Hohenliede, „das große Wasser nicht verlöschen und die Ströme nicht hinwegfluten können , . ," Allein das Hilel-Wort im anderen Sinne möge all den Stürmenden .und Strebenden voranileuchten. Werden unsere Söhne Ihm, der unser "MN ist, im heiligen Lande eine Stätte errichten, dann dürfen sie allen Gefahren trotzen, über alle Widerstände hinweg dem leuchtenden Ziele entgegenstreben. Es haften Tränen dieses Jahr an der goldenen Frucht, Sie führt Klage und Anklage, aber sie ist und bleibt — wenn sie uns an unsere Schuld gegen unser Erez Israel gemahnt — doch Symbol der Festesfreude, Kütfderin der G'tteshilfe. kj njpttnn im Wochenrundschau, Zehn Jahre jüdisches Pflegewesen. Im Hause der Synagogengemeinde Elberfeld, "Genügsamkeitstr. 7, arbeitet seit 10 Jahren die Pflegestellen- und Adoptionszentrale des Jüdi,-, sehen Frauenbundes in Deutschland, Die. Zentrale war im Jahre 1922 als Adoptionsvermittlungsstelle von der inzwischen verstorbenen Frau Lina Mosheim-Barmen gegründet worden, dehnte aber im Laufe der Zeit ihre Arbeit auch auf die Vermittlung von Pflegestellen aus, da bei weitem nicht jedes zur Adoption gemeldete Kind dafür geeignet war. Da die Interessen der Adoptiveltern in gleichem Maße zu berücksichtigen sind wie die des zu adoptierenden Kindes, konnte' man häufig eine Adoption nicht verantworten, Nur ganz vereinzelt standen damalsjüdische, Pflegestellen zur Verfügung, aber eirii: jüdisches Pflegewesen gab es in Deutschland hoch nicht; Frau Samuel-Elberfeld suchte diese; Lücke der jüdischen Sozialarbeit auszufüllen. Durch Verbindung mit anderen - Organisationen, besonders mit dem .LehrerverbaÄd, (konntendie ersten :Stelle», gefunden werden, .und heute nach 10: Jahren' ['st; fast in; allen* .Teilen Deutschlands •; eine Anzahl jüdischer Pflegestellen zur Aufnahme von Kindern bereit. Der Zentrale stehen medizinische und juristische Sachverständige zur Verfügung, und ihrem Vorstand gehören Vertreter aller in Frage kommenden jüdischen Verbände an. Laufende Kontrolle der Arbeit wird gewährleistet durch ununterbrochene Verbindung mit den Vertrauenspersonen in Deutschland und im Auslande. Handelt es sich um die Unterbringung eines Säuglings oder Kleinkindes, so wird in der Regel von der Zentrale die Unterbringung in einem Heim empfohlen, da die hygienischen und pflegerischen Notwendigkeiten dort besser als in einem Privathaushalt erfüllt,Werden können. Bei schulpflichtigen Kindern wird heute besonderer Wert darauf gelegt, daß sich am Orte eine jüdische Schule befindet. Auch für die schulentlassenen Schützlinge arbeitet die Zentrale weiter und bemüht sich um die Beschaffung geeigneter Lehrstellen, bei Eignung auch um Unterbringung in Hachscharahstellen. In vielen Fällen wird Adoption des gemeldeten Kindes gewünscht, da oft der Meldende sich von der Verantwortung für das Kind befreien möchte. Bei der Nachprüfung von Herkunft, Veranlagung und Gesundheit wird jedoch oft festgestellt, daß das Kind "zur Adoption nicht geeignet ist, und die Unterbringung in Familienpflege fmuß der meldenden Stelle empfohlen werden. Nachdem das Pflegestellehwesen geschaffen; war, stellte sich die Zentrale die Aufgabe, die •in-. christlicher Pflege, untergebrachten Kinder wieder in jüdische Umgebung zu verpflanzen. So konnten in den 10 Jahren fast 100 Kinder wieder der, jüdischen Gemeinschaft zugeführt werden; Das Gewissen der jüdischen Gemeinden ist durch die Arbeit der Zentrale soweit geschärft, daß von verantwortlicher jüdischer Seite im Laufe dieser 10 Jahre kaum mehr Kinder in christlichen Pflegestellen untergebracht worden sind. Anders liegt der Fall oft bei den Kindesmüttern, wenn sie ihre Kleinen aus Diskretionsgründen von sich aus in diesen Pflegestellen unterbringen. Das Entgelt für die. Aufnahme eines Pflegekindes ist klein und deckt kaum den bloßen Lebensunterhalt des Kindes. Wirkliche Liebe zum Kinde muß daher ausschlaggebend sein. Nach lOjähriger Beobachtung ist besonders bei den Kindern, die die Pflegestelle schon wegen Berufsausbildung verlassen haben, festzustellen, daß ein" herzliches Familienverhältnis zwischen Pflegeeltern und -Kind besteht. Immer wieder werden unentgeltliche Pflegestellen gefordert. Wenn auch die Zahl der zur Aufnahme eines Kindes bereiten Pflegestellen größer ist als die Zahl der gemeldeten Kinder, so kann heute kaum einer Pflegefamilie die völlig entschädigungslose Aufnahme eines Kindes zugemutet werden. Eine kleinere Anzahl Schützlinge der Zentrale sind in ausländischen Heimen kostenlos aufgenommen worden: * hier muß besonderer Dank dem Gertrude Jacobsohn Orphanä'ge in Glasgow und den Waisenhäusern in Utrecht, Amsterdam und dem Haag abgestattet werden, die sich liebevoll dieser Kinder angenommen haben. Gleicher Dank aber gebührt den in und mit der Zentrale unermüdlich Mitarbeitenden. Die für die breitere Oeffentlichkeit fast unsichtbare Kinderschutzarbeit des Jüdischen Frauenbundes, die immer wieder eine Lösung für traurige .Kinderschick - sale sucht und auch den Müttern zur Seite steht, sollte gleich anderen jüdischen Einrichtungen Anteilnahme und Unterstützung in den Kreisen der jüdischen Gemeinschaft finden. Zu dieser uns von zuständiger Stelle zugegangenen erfreulichen Darstellung ist nur zu bemerken, daß nicht jedes jüdische Haus oder Heim schon an sich für eine jüdische Erziehung bürgt. Wir haben keinen Grund zur Annahme, daß die Aid optionszentrale des Jüdisch e*n Frauenbundes es nicht wisse und nicht danach handele. Aber es fällt doch eiiMigernnaßen -asui, daß "im Berichte jede Andeutung dahin fehlt, daß bei der Unterbringung der Kinder darauf gesehen wird, daß sie in ihren neuen Heimen des kostbaren Gutes des Sabbats, der Speisegesetze und aller anderen religiösen Vorschriften und Bräuche nicht fürs ganze Leben verlustig gehen. Die Religiösliberalen befürchten..* In einem Rundschreiben der Vereinigung für religiös-liberales Judentum zum neuen Jahre wird nach Festlegung des Arbeitsprogramms für das kommende Jahr nach den bekannten Richtlinien u. a. gesagt: „Gegenüber dem Streben in manchen Gemeinden, die Orgel aus den G'tteshäusern zu nehmen, scheine die Notwendigkeit zu bestehen, für die Aufrechterhaltung des liberalen Kultus besorgt zu sein. Hierbei käme es an sich auf die Orgel selber nicht so sehr an, aber es sei zu befürchten, daß mit der Abschaffung der Orgel auch die Rückkehr zum konservativen Gebetbuch und anderen längst abgeschafften Bräuchen im G'ttesdienst erfolgen wende." Diesiß Furcht der Religiösliberalen läßt sich weder vom historischen Gesichtspunkte aus noch unter partendeologischen Rücksichten erklären. Historisch: Die Orgel spielte vor bald hundert Jahren mit vollen Registern, erst in Seesen, dann in Berlin und Hamburg, idie neue Zeit ein, die der Reform, die von ihren ersten Wortführern als „Gegengift gegen die Assimilation" deklariert wurde, gewissermaßen als iScbleuse, die die Strömung auffangen und von den letzten Resten jüdischen Denkens und Tuns ablenken sollte. Hat aber nun die Zeit diese Arbeit übernommen und ist es „das Salz der Leiden", wie sich Talmud gelegentlich ausdrückt, das jene