Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1936)
- Date
- 1936-09-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 39 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.j Im Amt setzte er die ihm eigene Heuchlermiene auf, deren er sich auch den Kollegen gegenüber befleißigte. Seine Arbeit erledigte er zur Zufriedenheit, keiner besaß eine sauberere Feder als er; die Sinnlosigkeit seiner Wortverdrehungen — was meist dann eintrat, wenn er selbständig arbeiten wollte — reizte eher zum Lachen als zum Schelten. Doch sagte ihm am dritten Tag schon der Kämmerer, dem die Schreiber unterstanden, er solle schreiben, aber nicht denken, was ihm tödlichen Haß im Innern Burkhardts eintrug. Aeußerlich lachte er mit und gewann so den Boden wieder, der ihm zu entgleiten drohte. Lange wagte er nicht, sich durch irgend eine Frage eine Blöße zu geben, doch preßte ihm die Neugier, was es denn mit dem Tempelbau auf sich habe, bald das Herz ab. Er mußte es eben erfahren. Der Zufall war ihm günstig. Er bekam eine Abschrift, bei der er lediglich voll Wut in sich hineinschimpfen konnte, Weiß der Himmel, der Jude hatte recht gehabt. Hier stand es schwarz auf weiß. Daß er es auch noch abschreiben mußte, ärgerte ihn wütend. Wenn der Burgherr weiter nichts vorhatte, als Judenkirchen zu bauen, konnte er einem leid tun. Wort um Wort mußte er nieder zeichnen: Daß die Stadtkämmerei von Heikenbrunn und Umgebung des allergnädigsten Herrn Wunsch billige, den Juden von Heikenbrunn und Umgebung einen Tempel zu stiften, um sie so äußerer und innerer Vorteile halber, nicht zuletzt eines frommen Gelübdes wegen, an die Stadt zu binden. Platz und Zeit der Tempelerbauung seien genehm, jedoch sei der Stadtsäckel zu arm, um aus Eigenem dazu zu spenden. Sand und .Steine dagegen stelle man gern zur Verfügung, nachdem die Juden erklärten, selbst den Tempel aufzubauen. Der Brief datierte zurück um einige Wochen, Man brauchte die Abschrift fürs Archiv. Seitdem waren längst die Arbeiten für den Tempel begonnen worden. Sachte begann Burkhardt bei den anderen zu bohren, was denn dies für ein Gelübde sei, das der Burgherr zu erfüllen bereit wäre. Er erfuhr die Geschichte, die ihm lediglich ein Lächeln abzwang. Da hatten die Juden wieder einmal ihren Vorteil schlau wahrgenommen. Man widersprach ihm heftig. Das habe man zuerst auch geglaubt, aber die Sache stehe in Wahrheit anders. Der Burgherr stelle den Boden und je einen gelernten Arbeitsmann, der die jüdischen Leute unterwies. Sand und Steine kamen von der Stadt, auch Wagen stellte man leihweise zur Verfügung. Holz durfte den Beständen des Burgherrn nach Belieben entnommen werden. Was sonst noch an baren Kosten zu bestreiten war, trugen die Juden selbst, so daß kein Pfennig dazu gegeben werden mußte. Darüber staunte Burkhardt zuerst, nannte es aber insgeheim heuchlerischen Schwindel. D:e Juden würden schon mit Forderungen kommen. Ingrimmig hörte er, daß David im Land herumfuhr, weit über die Grenzen Heikenbrunns und bei reichen jüdischen Gemeinden Schmuck für die neue Synagoge sammelte. Daß er die Gebetsrollen schon wie ein Heiligtum in seinem Hause aufbewahrte und Becher genug hatte für die ganze Dauer der Heikenbrunner Gemeinde. Der Leuchter sei eine Sehenswürdigkeit. Ihn habe ein jüdischer Privatmann gestiftet und aus reinem Silber sei er angefertigt. Lange schon hörte Burkhardt nicht mehr. David, das war doch der Judenbengel, der ihm immer in die Quere bei der Freundschaft mit Prosper kam, Der war also hier eine Nummer geworden. Anzeichen dafür waren ja damals schon vorhanden. Mit verbissenem Gleichmut hörte er die Nachrichten über den klugen Vorsteher der jüdischen Gemeinde, auf den schon Leute genug aufmerksam geworden waren und den der Landesherr vor nunmehr zwei Jahren zu sich bestellte, auf daß er ihm eine schwierige Aufgabe losen half. Das war ein Aufsehen gewesen, als die Nachricht hier durch die Schreiberstube kam. Den Brief hatte man leider nicht mehr, durch den der Bürgermeister aufgefordert wurde, den Juden David ben Joseph zu benachrichtigen, daß der Landesherr ihn zu sprechen wünsche. Mit Spannung hatte man den Verlauf der Dinge verfolgt. David, ohne sich großartig aufzuregen, war damals gelassen im Bürgermeisteramt erschienen und nahm die Nachricht freundlich auf. Damals war er lediglich Gehilfe seines Vaters gewesen beim Amtsgeschäft und konnte gut abkommen zur Reise in die Hauptstadt des Landes. Drei Wochen blieb er aus. Eines Tages hieß es, David sei wieder da. Still und ohne Lärm war er wieder heimgekehrt. Von anderer Seite her mußte man erkunden, wie alles ausgefallen war. Die ihm gestellte Aufgabe hatte er so gut erledigt, sein Rat hatte derart Erfolg gehabt, daß er ohne Mühe den Herzenswunsch der Gemeinde anbringen konnte, die des Judenschutzbriefes durch landesherrliche Hand noch entbehren mußte. Dafür verwandte sich der hohe Herr bei dem Heikenbrunner Burgherrn, der, froh, einen solch klugen Juden in seiner Gasse wohnen zu haben, seine Unterschrift gerne gab. Was der Landesherr David selbst gab, wußten nur die Eingeweihten, denn keiner ahnte, daß der blitzende Ring an seinem Finger von der Hand des Landesherrn selbst dorthin wanderte mit der Zusage, dies sei ein Zeichen seines ehrlichen Dankes. Wenn einmal die Not an ihn trete, habe er nur die Mühe, den Ring an den Landesherrn zu senden. Der Hilfe könne er j gewiß sein. Daß sich David bei dem Plan zum Tempelbau nicht an den gütigen Landesherrn wandte, sprach für ihn. Denn unter Not verstand der Landesherr nicht die geistige des jüdischen Gemeindevölkleins, sondern lediglich die körperliche. Burkhardt spürte den giftigen Neid, den er lange schon vergessen hatte, wieder wie in Jugendtagen in sich aufkeimen. So hatte dieser gewitzigte Bursche sein Ziel erreicht. Er spuckte aus. Auch ein Ziel, Vorsteher der Juden zu sein. Aber er brachte es nicht aus seinem Innern, daß der Jude höher gestiegen war als er, dem doch alle Tore offen standen. „Sein Köpfchen und deine Heimtücke, das gäbe was," hatte Prosper immer gespottet. „So aber hat er sein Köpfchen und du allein deine Dummheit!" Er wütete gegen sich. Er versuchte, sich in Bücher zu vergraben, aber das Brett vorm Kopf" wollte dadurch nicht weichen. Im Gegenteil, die Geistesarbeit machte ihn mürrisch und der Erfolg bei den willigen Mägden* die Hoffnungen auf den Schreiber hegten, versagte. Deshalb ließ er es lieber sein. Muß man, so fragte er sich, durch so harte Kopfarbeit sein Ziel erreichen? Irgendwo — hoffte er — mußte doch ein Loch vorhanden sein, durch das er wie ein Maulwurf schlüpfen und zu Ehren kommen konnte. Und er wollte schon aufpassen, daß er diese Gelegenheit nicht verpaßte . . . 9. Strahlend brach ein Sonntagmorgen über Heikenbrunn an. Anstatt sich, wie sonst üblich, auszuschlafen, hatte die Sonne dieses herrlichen Frühlings alle Menschen aus den Federn gelockt und schon früh belebte allerlei Volk die Straßen und Gassen. Nur in die Judengasse kam der lichte Himmelsschein etwas später, denn er hatte Mühe, durch die engen Reihen und noch schmäleren Fenster in die Stuben zu dringen, um dort zwar nicht zum Lachen und Sichfreuen die Menschen zu wecken, so ihnen aber doch zu verkünden, daß ein neuer Tag angebrochen war. Besondere Mühe machte sich der Sonnenstrahl, um in die gewundenen Winkel des alten Vorsteherhauses zu dringen, doch stutzte der schimmernde Strahl, als er am geöffneten Fenster bereits David mit langwachen Augen gewahrte. David war Frühaufsteher, aber dieser Morgen hatte die Besonderheit, ihn noch zeitiger aus dem Bett zu rufen. Einesteils wegen der milden Luft, die in die Judengasse wie ein Wunderdrang, andernteils der Gedanken wegen, die ihn nicht länger im Schlafe litten. Sorgen waren es keine. Die letzte herbe Sorge war mit der Aussicht auf Erfüllung seines Planes zum Bau eines Tempels geschwunden. Aber das drängende Gefühl hatte große Aehnlichkeit damit, denn es ließ ihn nicht schlafen. Schon vor Tagesanbruch lag er wach auf seinem Lager und winzige Melodien spielten in seinem Hirn, unaufhörlich wieder von vorne beginnend, war er mit ihnen am Endreim angelangt. Es war fast quälend, den Klängen aus dem eigenen Innern folgen zu müssen. Er versuchte, ihnen ZU entgehen, indem er an anderes dachte. Siedehitze kam in ihn beim Gedanken an seine schöne Githa. Nun litt es ihn nicht länger auf dem Lager, er sprang auf, wusch sich eiskalt, verrichtete seine religiösen Pflichten mit gewohnter Genauigkeit und stand nun am Fenster, wo es allmählich anfing, golden zu werden. Nun hatte er den Gedanken zur Ablenkung gefunden. Heute sollte er sich mit Prosper auf dem Bauplatz treffen. Der alte Bote brachte den Bescheid und nahm die Zusage mit aus Davids Heim, David wußte, daß ihm Prosper die Pläne nun praktisch zu demonstrieren wünschte. Der gute Junge, es schien ihm Spaß zu machen, den armen Juden hier ein bißchen zur Freude zu verhelfen. Aber David glaubte sich von dem alten Burgherrn bei weitem noch besser verstanden zu sein seit dem letzten Gang durch die Judengasse, Davids Gedanken glitten ab und fanden in dem Tempelbau wieder ein festes Ziel. Wie seltsam glatt alles gegangen war. Zuweilen mußte er sich mit Gewalt zusammenraffen, um daran glauben zu können. Das leicht Verzagte im Juden war auch in ihm. Er leugnete es gar nicht. Hindernisse mußten eintreten bei Unternehmungen jüdischer Art. Er war, vorher der Mutigste, in seiner Gemeinde wohl jetzt noch der Einzige, der sich mit Zweifeln plagte. Der Tempelbau war für die Juden Heikenbrunns der erste Schritt zu Vermenschlichung ihres bisher seelisch vergewaltigten Daseins, Sie sahen sich im Geiste den Bürgern Heikenbrunns gleichgestellt, ausgestattet mit Heimatrechten und den dazugehörigen Pflichten, die ein Uebermaß wie bei jedem nicht überschritten. (Fortsetzung folgt.)