Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1936)
- Date
- 1936-09-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 39 Der 1 s r a e I i t 24. September 1936 Die Geschichte unseres Volkes erzählt von einem Tag der Teschuwa, der Umkehr, nach welcher kein Rückfall in die Sünde mehr eintrat: Die Sünde des Götzendienstes hatte während der fast 10OO Jahre von der Gesetzgebung am Sinai bis zum babylonischen Exil nicht ausgerottet werden können. Immer wieder war auf eine kurze Zeit der wohlgemeinten Teschuwo, der Abkehr vom Götzendienst, wieder der Rückfall in den Polytheismus gefolgt. B!> zu jenem großen Teschuwo-Fasttag am 24. Tischri, von dem das 9. Kapitel Nechemja berichtet. An jenem Tage gelang es, so berichtet die Ueberlieferung unserer Weisen, dem fastenden und weinenden Volk, für alle Zeiten den Hang zum Götzendienst aus Jisroel zu bannen. Aber diesem großen Tag der Umkehr war ein Rausch Haschono vorangegangen, von dem es heißt: Weinet heute nicht, esset und trinket fette und süße Speisen und Getränke (als Symbole des Beginns eines besseren Lebens), und seid nicht betrübt, denn die Freude mit G'tt, sie ist eure Stärke. Soll der Jaum Kappur gelingen, soll in den 10 Tagen der Umkehr der Tag des Fastens und Kasteiens zum Tag der endgültigen Versöhnung mit G'tt heranreifen, dann muß ihm ein Rausch haschono vorangegangen sein, an dem ijeder, auch der Sündigste, sich bewußt war, daß er durch die 'bloße freudige .Königshuldigung G'ttes — CDD^S? 'aiD^an — und frohgemute vertrauensvolle Unterstellung unter G'ttes Herrschaft mit allem, was er ist, was er fühlt und will, denkt und tut, ein neues Leben im Lichte gütlichen Wohlgefallens beginnen kann. Süßapfel und Honig am Beginn des Jahres — so sagt der Sch'lo — sind Mahnung an vollständige Umkehr zu G'tt. Und der vielfach geübte Brauch, während der ganzen 10 Teschuwo-Tage Honig auf den Tisch zu stellen, symbolisiert eben dasselbe, was unsere Weisen uns einprägen wollen, wenn sie uns gebieten, in den Gebeten dieser Tage immer wieder das Königtum G'ttes zu betonen, daß nämlich wahrhafte und dauerhafte Teschuwo auszugehen hat von dem, von der Trauer über die Sündenlast der Vergangenheit ungehemmten, freudigen und vertrauensvollen Bekenntnis zu G'ttes Königsherrschaft, in deren Glanz wir allezeit ein neues ganz gutes „süßes" Leben im Lichte G'ttes, im Bewußtsein, von einem Funken g'ttiicher Freiheit durchleuchtet zu sein, beginnen können. 'idV.t yis twi ti nynn 'siv dsrn ">-vdx> heil dem Volke, derjenigen, die den aufrüttelnden Schofarton so verstehen, daß sie im Lichte Deines wohlgefällig ihnen zugewandten Antlitzes, o G'tt, fortschreiten. Kleines Feuilleton. Die religiöse Weihe der Ehe nach dem Gesetz Moses und Israels. Von Rabbiner Ed. Dukesz in Altona. Die bekannte Formel bei der religiösen Weihe der Ehe lautet: „Du sollst mir angetraut (geweiht) sein durch diesen Ring nach dem Gesetze Moses' und Israels." Die neunte These des liberalen Judentums, die jetzt in London aufgestellt wurde, ist ebenfalls überschrieben: „Die religiöse Weihe der Ehe", nur ist es fraglich, ob auch „nach dem Gesetz Moses' und Israels" oder nach der Bestimmung der jeweiligen Führer der Reform. Wie weit derartige Reformbestrebungen führten, sei hier an einem Beispiel illustriert. Im Jahre 1869 erschien in Berlin, bei Julius Benzian gedruckt, eine Predigtsammkuig von Dr. S. Hold heim, in der auf Seite 211 eine „ T r a u r e d e bei Einsegnung einer Mischehe" abgedruckt ist. Am Schluß dieser Rede ist u. a. zu lesen: „Der Vater im Himmel, dessen Kinder wir alle sind, er sieht mit Wohlgefallen auf Euren Bund usw. . . ." „Daß sein Vaterherz Eure heiligen Gelübde entgegennimmt, und um noch kräftiger an seine Heiligkeit zu erinnern, stehe ich hier in seinem Namen, Euren Bund zu weihen und zu segnen, von seiner Gnade für Euch den höchsten Segen, den Frieden, zu erflehen." War auch diese Mischehe '"pkib?'! nvn ms geschlossen, die dergestalt die „religiös« Weihe" erhielt?! Denn: aariK inua *ai pni^a an« 'a ms1? bmv nmtPN 3ff 03*3« heil Euch, Jisroel, in G'ttes Angesicht reinigt Ihr Euch, G'tt selbst ist es, der Euch reinigt, Euer Vater im Himmel, dem ihr Euch anvertraut. inua nipan na bmvr* mpa 'w •^nw nK inna n^apn «ja o^aun m Wochenrundschau. Polens Interesse an jüdischer Palästinaeinwanderung. Jabot insky, der Präsident der N. Z, O., knüpfte, wie schon berichtet, Verhandlungen mit dem polnischen Ministerpräsidenten an, um den „Ueberschuß" an Juden in Polen, — der Ausdruck stammt von einem polnischen Minister — mit Hilfe der polnischen Regierung nach Palästina abzuleiten. Jabotinskys Popularität bei den Juden Polens ist durch diesen „diplomatischen Schritt" nicht gewachsen. Es setzte schärfste Opposition gegen dieses eigenmächtige Einhaken in einen antisemitischen Plan ein, die bezeichnend ist für die Psyche unserer Brüder in Polen. Wir werden über die tiefe Erregung, die Jabotinskys Plan in der polnischen Judenheit ausgelöst hat, noch eisagehend referieren. Hier sei nur aus einer Auslassung des bekannten Dichters Schalom Asch einiges wiedergegeben: „Ein solcher „Zionismus," schreibt Asch, „der sich mit einer Evakuierung von Juden identifiziert, muß in der ganzen Welt erbittertsten Kampf hervorrufen, denn er wird zum gefährlichsten Werkzeug in den Händen unserer Feinde und untergräbt unsere nackte Existenz. Wir sagen nicht, daß Polen* Icein Immigrationsland braucht oder daß es den Juden in Polen so gut geht, daß sie nicht auszuwandern brauchen. Seit sechzig Jahren, seit 1880, tun wir doch eigentlich nichts anderes als auswandern. Das Streben, die Juden aus Polen mit der Zustimmung und Beihilfe Herrn Jabotinskys zu evakuieren, wird nicht dazu beitragen, die Tür irgendeines Immigrationslandes auch nur um Spaltbreite weiter zu öffnen. Im Gegenteil. Herr Jabotinsky wird nur dazu helfen, daß die Tore jeder Auswanderungsmöglichkeit sich noch wei- ——^—————^^^M Ansehließend daran möchte ich zur Bedeutung der Worte ^tmp'i rwa nu bemerken: Sie finden sich in mmro ~oa Seite 3, wo der Lehrsatz aufgestellt ist: iznp» ]ann xnjnx tnpan bo „Jeder, der eine Frau ehelicht, tut es nach Anordnung der Rabbinen". Dazu Tausfaus: „Deshalb sprechen wir bei einer Trauung die Worte bvnwi nvn m:*- Der doppelte Ausdruck: „Nach dem Gesetze Moses' und Israels" findet sich auch in der Tausefto Kesubaus 4 und mag vielleicht folgende Bedeutung haben: In der Thora selbst steht nur (Deworim 22): „Wenn jemand eine Frau nimmt": Wie und wo-- durch dies geschieht, ist uns durch die U eberlief erung der Weisen igelehrt worden, nämlich, daß es in erster Reihe durch „Kinjan Kesisef", durch Erwerben mittels Geldes oder Geldeswertes geschehen soll. Da aber Geld die Währung verlieren könnte, ist es allgemein jüdischer Brauch geworden, durch einen Ring ohne Stein die Frau sich anzutrauen, und der Bräutigam spricht beim Ueberreichen des Ringes die Worte: „Du sollst mir geweiht sein nach dem Gesetz Moses' und nach dem üblichen Brauch in Israel! . . ." Die Juden in Spanisch-Marokko. In Spanien tobt der Bürgerkrieg. In Spanisch- Marokko hat jetzt schon die Militärpartei die Oberhand, und die jüdischen Gemeinden bleiben von den Ereignissen nicht unberührt. Nach den letzten Zählungen befinden sich in Spanisch-Marokko etwas über 22 000 jüdische Seelen, von denen der größte Teil in der Stadt T e t u a n lebt. In dem Teile Marokkos, der von den F r a nzosen beherrscht wird, leben über 120 000 Juden. Das kleinere jüdische Kontingent in Spanisch-Marokko ter schließen, weil eine zur Auswanderung gedrängte Bevölkerung in jedem Land als unerwünschtes Element, als Einfuhr billiger Arbeitskraft betrachtet werden und schon im voraus Widerstände in den dortigen arbeitenden Massen auslösen wird. Schon rein gesellschaftlich ist eine solche Auswanderung nach Amerika, Argentinien oder in ein anderes Land unmöglich." „Wir haben," erklärte Schalom Asch, „keine Invasion vorgenommen, daß man uns evakuieren müßte. Das Vorhandensein der jüdischen Bevölkerung in Polen ist das Ergebnis eines tausend Jahre langen geschichtlichen Prozesses. Die Juden Polens haben Anspruch auf ihren Anteil an dem Land wie jedes andere Element des polnischen Volkes. Wollte Polen judenfrei sein, dann hätte es das im Jahre 1919 in Versailles erklären müssen, als der polnische Staat entstand. Vielleicht hätten dann die Volker der Welt für uns ein Stückchen .Erde unter der Sonne bestimmt .vielleicht hätte dann das Palästina-Mandat anders ausgesehen. Jetzt, da Tür und Tor für uns verschlossen ist, und die Lage der polnischen Juden bei allen besseren Menschen auf der Welt Sarge erweckt, diese Juden in eine Lage zu bringen, in der sie einerseits aus ihrem Lande herausgetrieben und andererseits in kein anderes Land hineingelassen werden, dazu muß man jedes menschlichen Gefühls bar sein. Gewiß, Polen braucht ein Immigrationsland, aber nicht von einem rein jüdischen, sondern von einem rein polnischen Standpunkt. Selbstverständlich kann und wird das jüdische Element hierbei eine entscheidende Rolle spielen, aber eine Beschleunigung des Prozesses der Vernichtung menschlicher Existenzen, das Niedertreten von Menschen und das Ausbreiten eines Meeres von Tränen und Leiden wird nicht dazu beitragen, die wirklichen Notbedürfnisse Polens zu befriedigen, sondern den Prozeß verlängern und Mißtrauen zu der Fähigkeit Polens erwecken, Mandate zu übernehmen," Es ist nicht zu leugnen, daß der Dichter Asch die Dinge klarer und realer sieht, als der Politiker Jabotinsky. Die Wiener „Reichspost", der Vatikan und Palästina. Es ist unseren Lesern nicht unbekannt, daß schon vor Jahresfrist in Wien so etwas wie eine „Katholische Aktion" gegen das „Ueberhandnehmen des Judentums und eine angebliche Gefährdung katholischer Interessen in Palästina" eingeleitet wurde. Kein Wunder eben, daß die Wie-, ner „Reichspost", die sich seinerzeit in den Dienst hat aber eine ältere Geschichte und altgeheiligte Traditionen. In Marokko wohnten schon Juden im achten, und neunten Jahrhundert, und als die aus Spanien vertriebenen Juden um 1500 zum Teile den Weg nach Nordafrika nahmen, fandein sie dort schon Brüder, die sie brüderlich aufnahmen. In der größten Gemeinde diesies Teiles, in Tetuan, zählt die jüdische Bevölkerung etwa 16 000. Im Judenviertel befinden sich sechzehn Bethäuser, sechs Jeschiwoth und eine große Reihe von Chederschulen. Man kann in Tetuan im Cafe jüdische Menschen am Tisch sitzen sehen, die über Maimonides, über .die „Eigenschaften G'ttes" usw. diskutieren, genau wie man vor 800 Jahren in Cordova und Toledo über die philosophischen Probleme stritt. Die Stadt Tetuan isteigentlich ein. Komplex von drei besonderen Städten, deren jede mit Türmen und Mauern von der anderen abgegrenzt ist. Die M e5 dina ist die eigentliche Stadt, wo die Arabermassen wohnen. Dann kommt die Kosbo, wo die Behörden ihren Sitz haben, die Regierungsbeamten wohnen und die großein Kasernen das Militär beherbergen. Von hier aus kommt man in die jüdische Stadt genannt M e 11 a h. In der jüdischen Stadt sind alle Türen an den Häusern offen. Es kann jeder zu jedem kommen. Gäste werden stets freundlich aufgenommen und bewirtet. In der Regel führen artis einem Hof drei Türen zu drei Zimmern. An den Türen hängen Messusoth und Mogen-Dowid=Sterne. Die Fenster haben alle einen blauen Rand. Die Synagogen sind einfach, aber solide gebaut, ohne Arabesken und Malereien, mit flachem Dach. Die Juden in Tetuan sind zum größten Teile Weber, Schuhmaoher und Schmiedemeister, zum klei-