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Der Israelit · 1936-09-24 · Heft 39 (24.9.1936) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 39 (24.9.1936)
Date
1936-09-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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24.i-September 1936 D e r 1 s t a c 1 i \ Nr. 39 Seite 3 (Fortsetzung von Seite 1.) „Kehret zu mir um mit Fasten, mit Weinen und Klagen", und wer seine Sünden tief und echt bereut, dem wird qualvoller Seelenschmerz ob seiner Verfehlung nicht erspart bleiben können. Wenn man sich aber solchem Reueschmerz hingibt, ehe die oft mühevolle und langwierige, aber keineswegs schmerzbetonte Arbeit der Kürin ni^ty der Lostrennung von der Sünde in heiterer Freude vollbracht worden ist, so heftet sich dieser Schmerz notwendigerweise an Gedanken von der scheinbaren Ohnmacht gegenüber der Sünde, weil ja die tatsächlich jedem Menschen gegebene Freiheit, gegen die Sünde anzukämpfen, sie zu überwinden und sich von ihr zu trennen, dann noch nicht erprobt ist. Anstelle der heilsamen Reue über die eigene Schuld durch eigenen falschen freien Willensentscheid treten das qualvolle Empfinden nutzlosen ohnmächtigen Schmerzes über das scheinbare Ndchtanders-Können als Sündigen aus innerem und äußerem Zwang, die gerade bei nach Reinheit strebenden Jugendlichen oft wahrzunehmende entmutigende Traurigkeit über die scheinbare Schwäche des eigenen Willens, über die eigenen unverbesserlichen Anlagen und unwiderstehlichen Triebe, über die gegebenen ungünstigen Verhältnisse, schlechte Umgebung und Beeinflussung und dazu die widersinnige selbstquälerische Pein des „reuigen" Sünders, daß er offenbar für all dies doch nicht selbst Verschuldete persönlich verantwortlich gemacht wird und dafür büßen muß. Je tiefer, ehrlicher und anhaltender solcher,' nach jüdischer Lehre verfrühter iTBin -Schmerz ist, um so mehr bohrt sich der Gedanke der Ohnmacht 'gegenüber der Sünde in den „Reuigen" hinein. Der Schmerz und die Trauer der Reue, sie sind das reinigende Tauchbad, das, je ehrlicher und tiefer sie empfunden werden, uni so gründlicher die Sünde von der Seele des Umkehrenden abwäscht (R. Jona). Wer aber sich in diese „Mikwo" begibt, bevor es ihm gelungen ist, sich tatsächlich von seinen Sünden zu trennen, der ist TPS ^"HFl VaiB' der nimmt gleichsam das ihn verunreinigende Kriechtier mit in das Reinigungswasser. Gerade durch seine schmerzbetonten Reuegedanken, die ja n,och gar keine Reue über seinen persönlichen Anteil an seiner Verfehlung zum Inhalt haben können, verstrickt er sich immer mehr in die Sünde, und die Wege zur wirklichen Umkehr scheinen sich ihm immer mehr zu verschließen. Daher, lautet die jüdische Lehre von der Teschuwo, muß vor der 'Reue über die Verfehlung in der Vergangenheit die in Heiterkeit und Freude angefangene Aenderung des Wandels für die Zukunft vorangehen. Ja, die Erkenntnis idessen, daß jeder (Mensch g'ttlich-frei ist, daß man auch anders, ganz sündenrein sein kann, wenn man nur will, daß alle inneren und äußeren Schwierigkeiten, die sich m dieser Aufgabe -entgegenstellen, schwerer oder .leichter, überwunden werden können, —und durch die s,wachsende Erkenntnis dieser Freiheit. immer leichter — diese beglückende Erkenntnis der eigenen g'ttlichen Freiheit gegenüber der; Sunde un^VerV suchung, sie ist schon die eigentliche Teschuwo selbst, denn sie hat die als frei erkannte Wahl des Guten zur Folge. Daher behandelt der Rambam — vielleicht in Anlehnung an Deworim .30, 11—14, auf die Teschuwo bezogen, und folgende Verse — den; Erkenntnissatz. von .der 'Willensfreiheit des Menschen, gerade in den Hiichaus Teschuwo, und das Gebot, der Teschuwo auf alle Vergehen ist enthalten in' dem Wort: <T /ri 13*703)' mnnV „jeder bekenne' sich", s ejinfe Schuld.; nicht innere Anlagen und äußere Verhältnisse sündigten; er allein, seine ganz persönliche freie Wahl war die Sünde.?TTV sich als schuldig /bekennen, ist Teschuwo. Nach solchem. Bekenntnis und auf Grund isolcher Erkenntnis, die durch die praktische Er- ' probung eines sündenfreien 'Wandels zur innersten frohen Ueberzeugung geworden, entsteht und wächst die Reue, Schmerz und Trauer darüber, die Freiheit zum Guten nicht früher ausgenutzt zu haben, echte ,1ülri' Reue über den eigenen Fehler, wie sie dem Umkehrenden geboten ist: nsDöm "0331 mxn )2W> Wenn dann der Umkehrende in Tat und selbst Gedanken schon weit von der früheren Sünde entfernt ist, erst dann tritt die Forderung heran: jhflNtJm TOD "H^ seiner früheren Verfehlung stets eingedenk zu sein, sie stets in schmerzlicher Erinnerung zu haben; dann führt die anhaltende und tiefe Trauer über die Sünde die immer vollständigere Reinigung der Seele von der sie trübenden Sünde herbei, und schützt zugleich davor, der Schwäche, die schon einmal zu der Sünde geführt hat, wiederum nachzugeben. Aber dieses schmerzliche Reuegefühl desjenigen, der aus der Tiefe der Versündigung heraus den Höhenweg g'ttgleicher Freiheit, in Gttes Satzungen zu den Zielen des g'ttlichen Weltplanes zu wandeln, erklommen hat, es drückt nicht nieder, sondern mit der wachsenden Scham über das selbstverschuldete Versäumnis wächst das Gefühl des Stolzes, einen Funken g'tt- 1 i c h e x- Freiheit in sich zu tragen, die ihn zu dieser immer größeren Selbsterhebung befähigt. Ein solcher edler Schmerz — selbstverständlich auch hoch erhaben über die persönlichen schmerzlichen Erlebnisse, die als Züchtigung des „unvergleichlichen Erziehers" den ersten Anstoß zu dieser Teschuwo gegeben haben — wandelt sich, stets weiter erhebend und veredelnd, in die alles Schlechte verzehrende, fruchtbare Sehnsucht nach g'ttähnlicher größerer Vollkommenheit. Und der Schmerz über die eigene Unvollkommenheit erweitert sich zum tiefen, unbändigen Schmerz über all das, was dem ganzen auserwählten Volke G'ttes fehlt an innerer Sündenreinheit und darum, ja nur darum — "»JDO - - irKBn — an Würde und Herrlichkeit, fehlt und damit auch seinem durch sein Volk auf Erden verherrlicht sein wollenden G'tt, seinem liebenden Vater, der das unendliche Leid seiner Kinder — um ihrer Sünden willen — selbst mitleidet. So wächst aus dem reinigenden Schmerz der Reue über die eigenen Sünden, aus der Scham, des Wandeins im Angesicht G'ttes nicht würdig gewesen zu sein, die heilige Sehnsucht nach der Offenbarung der Herrlichkeit G'ttes über seinem Volke vor der ganzen Erde. Vorher aber, unbeschwert von den Qualen der Reue, müssen die yizn ITDIXin die „Knäuel der Bosheit" entwirrt werden, muß der persönlich zu verantwortende Faktor in der bösen Tat erkannt werden, jener Faden, der die inneren und äußeren Gegebenheiten zur Sünde verknüpft hat, herausgefunden und seine Verknotungen gleichsam aufgelöst werden. Nur bei heiterer seelischer Ruhe kann diese Erkenntnis — 'VTV mnni — des persönlichsten Anteils an der Verfehlung gewonnen werden, ohne welchen trotz ungünstigster Umstände es nicht zur Sünde gekommen wäre. Erst dann,, wenn der persönliche Fehler . erkannt und', ausgeschieden ist, werden sich die inneren und äußeren Motive der bösen Tat beseitigen ' und unschädlich macheri1 lassen, um schließlich in* den Dienst des Guten gestellt zu werden. Denn die Aufgabe des Baal Teschuwo lautet: nvvasrVw rn'rsn m^nn tvvv tajr 13 iKürw nan trjrnx - msa bw mV'an paaa twv •ownna Eine solche ruhige und ehrliche Prüfung der eigenen Handlungen erleichtert es auch dem Thorage/bot nachzukommen,' die Handlungen des Nächsten stets wohlwollend, günstig zu beurteilen. fl-DT *pb rinn riK ]1;:*in 'ri'asr msir/n pisa Was sich in unserer eigenen Brüst regt, ist uns zu verstehen möglich und geboten, damit wir immer den Faktor der persönlichen Verantwortung in unseren Taten erkerinen. Der Einblick in die innersten Regungen 1 des Nächsten ist uns verschlössen, die Erkenntnis des Anteils an .seinen Taten.; für den er ganz persönlich verantwortlich ist, nicht möglich. Bei der Beurteilung seiner Verfehlungen haben wir an alle die Faktoren zu denken, die von seiner freien Persönlichkeit nicht abhängig sind, und die seine Verfehlungen verzeihlich machen. Berechtigt und von der Thora geboten ist Abscheu vor der Sünde selbst. Auch gibt uns die Thora für unser Verhalten gegenüber der Person des Sünders vielfache genau zu beobachtende Vorschriften, die eine gewisse Fernhaltung vom Sünder und seine Maßregelung bezwecken. Aber G'tt allein, der „Herz und Nieren prüft", ist es vorbehalten, die persönliche Verantwortlichkeit des Sünders für seine Taten zu beurteilen. Uns ist eine derartige persönliche Verurteilung des sündigen Bruders keineswegs gestattet. Und wenn wir gelohnt sind, in unsern eigenen Handlungen das Persönlich-Verantwortliche von dem durch innere und äußere Momente Bedingten zu unterscheiden, werden wir uns nie für berechtigt halten, zu glauben, daß wir unter den gleichen Umständen, Anlagen, Trieben usw. nicht ebenso oder noch schlimmer der Sünde und dem Verbrechen eilegen wären. Wer in einem Milieu geboren und erzogen ist, in welchem die Beobachtung der den Gesetzestreuen kennzeichnenden G'ttesgebote selbstverständlich ist, wird dies ehrlicherweise als ein persönlich nicht verdientes Glück aufzufassen haben. Dieses Glück wird ihm Aufgabe sein, auf dieser Grundlage in ständiger tlVft] 7$ T\2Wn sich zu immer größerer G'ttesnähe hinaufzuarbeiten. Er wird sich ehrlich gestehen müssen, daß der bedauernswerte Bruder, dem dieses Glück nicht in die Wiege gelegt wurde, auch wenn er noch nicht zum Gesetzesgehorsam gelangt ist ,sich vielleicht schon weit mehr persönliches Verdienst erworben hat auf dem Weg von völliger G'ttesferne zur G'ttesnähe hin, als der von Geburt Gesetzestreue in der Erfüllung der ihm gestellten Aufgabe. Aufrichtige Teschuwo, ■>VT1' „sich selbst Bekennen" bringt uns dazu, ganz durchdrungen zu sein von der Ueberzeugung. daß der Gesetzesgehorsam und die damit verbundene G'ttesnähe, die wir durch Teschuwo stetig weiter gewinnen, das einzig Wahre, da seinzig erstrebenswerte Gute ist, und uns doch von jeder Selbstgerechtigkeit fern zu halten. Dadurch werden wir den Bruder, der G'ttes Gesetze noch nicht so vollkommen erfüllt, so ansehen, wie der Gesunde den unglücklichen Kranken und ihm seine G'ttesferne — denn wer von G'ttes Thora fern ist, ist von G'tt fern — nicht als seine persönliche Schuld anrechnen. Dann aber wird es eher möglich sein, dem unglücklichen Bruder auf dem Wege zur Gesundung, zur G'ttesnähe zu helfen. Denn jede Sünde, jeder Verstoß gegen den in der Thora eindeutig ausgesprochenen G'tteswillen ist eine Krankheit der Seele, die weit schlimmer ist als der körperliche Tod, aber eine Krankheit, von welcher der Kranke vollständig gesunden kann, wenn er nur will. So können wir als Baale Teschuwo die Aufgabe erfüllen, die unsere Teschuwo vollendet und krönt (R. Jona), /wie der königliche Sänger in seinem Teschuwo-Psalm sich wünscht: "TöVk '"DI "pYT D">J?UnD» Wir sind beseelt von dem heißen Verlangen, daß alle entfernten Söhne und Töchter unseres Volkes sich dem Dienste unseres G'ttes wieder ganz in Liebe nähern. Wir empfinden in erster Reihe u n s e r e eigene, sicherlich vielfach aufzuzeigende M i t v e r a mtwortung für ihren Abfall vom G'ttesgesetz und für ihr Verharren im Abfall. Unsere Weisen erklären; Jeder Taanis, an dem wir, im Gefühl dieser unserer Mitverantwortung, nicht auch l?KH2*'' "WEHS für die Teilnahme an unserer Umkehr zu G'tt gewonnen haben, gilt bei G'tt nicht?als Taanis. Daher beginnen wir den großen Tag der Teschuwo mit der feierlichen Proklamation, daß kein Gesetzesübertreter, auch der Entfernteste, aus der Gemeinschaft der zu G'tt reuig Umkehrenden ausgeschlossen sei.

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