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Der Israelit · 1936-09-16 · Heft 38 (16.9.1936) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 38 (16.9.1936)
Date
1936-09-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 38 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.) Daß er jedoch nie die Geisteshöhe Davids erreichen konnte, wußte er schon' damals und gab es neidlos zu. Die Schriften des jungen, David erfüllten ihn mit Hochachtung. Wenn sich der Knabe aus der Gelehrtenstube seines Lehrers dennoch hinausstahl zu Prosper und Burkhardt, um dort die körperliche Ausgleichung durch Toben, Jagen, Schießen und Reiten auf Prospers Ponny zu finden, so entzückte es den ritterlichen Freund um so mehr, wenn er kindlich, wie er selbst, sich über eigene Ungeschicklichkeiten halb totlachen wollte. Prosper allein wußte, wie rein und >gut die Seele des Freundes blieb trotz aller frühen Weisheit. Kamerad wie er war selten einer. Dabei sah Prosper verächtlich auf Burkhardt, der sich an den Abfällen dieser seltenen Freundschaft schadlos hielt, Doch auch das war es nicht, was Burkhardt zu ewigem Haß. in sich einschloß. Daß sein Geist unwillig sich aufschloß den Lehren, die er von klugen Leuten seines Standes erhielt, brachte ihn außer sich. Er befand sich sozusagen in der Lage, zwischen zwei Quellen geistiger Art zu stehen, deren einer Strom zu David und der andere zu Prosper glitt, während er selbst im Trockenen stand. Er faßte nur unendlich schwer das Vorgesagte, er kaute daran, bis der Bissen bitter schmeckte. Ein Gelehrter, spotteten die eigenen Lehrer, wird nie aus dem Jungen. Was er als Erbteil besaß, war eine glatte saubere Handschrift, die Fähigkeit, wundersame Schnörkel zu zeichnen. So sehr er sich gegen diesen angestammten Beruf stemmte, denn er wollte hoch hinaus, höher als beide Kameraden zu Geld und Ruhm, um so unaufhaltsamer kam dieser Dienst auf ihn' zu. Er taugt zu nichts anderem, hörte er den eigenen Vater sagen, und je wilder er sich dagegen wehrte, um so weniger aufnahmefähig wurde sein Geist allem anderen gegenüber. ■Schreiberlein, neckte Prosper und empfing den giftigen Blick des Buben wie eine wohlgelungene Anerkennung. Er mochte den Heimtücker einfach nicht mehr, seitdem er ihn im Sumpfe hatte stecken lassen. Als das ernste Schaffen die drei Knaben trennte, wies das Schicksal Burkhardt streng auf die vorgezeiclinete Bahn. Er mußte noch froh sein, dem Schreiberberuf die notwendigen Fähigkeiten entgegenbringen zu können. Sein Vater, dem er verweichlicht schien, schickte ihn Tcurzerhand in die Fremde. Bei einem Oheim lernte er, sich ducken und als armer Verwandter am Tisch mitessen. Das gab seinem ohnedies versteckten Wesen den entscheidenden Richtpunkt. Keinem Menschen zugetau außer sich selbst, verbrachte er die freudlosen Lehnjahre in einem stickigen Büro, schluckte Staub und Demütigungen und vermochte es, sich aus dem Xehrlingsleben durch unterwühlende Zwischenträgereien und Intriguen zum ersten Schreiber -eines großen Hauses hinauf zuschmeicheln. Doch gefiel ihm die Stellung auf die Dauer -nichtEr wollte in den Dienst eines großen Herrn und mit beiden Händen griff er zu, als i» Helfenbrunn die Stelle , eines Stadtschreiibers an «einen Einheimischen vergeben werden sollte. Sein Vater war bald gestorben, die Mutter lange schon im Grabe, Geschwister hatte er keine, nur eine alte Muhme wartete in dem verwahrlosten Hause seines Vaters mit einer Heimat auf, der er freudlosen Herzens entgegensah. Im Aeußeren war er sonst ein schmucker Bursche, doch verdarb das mürrische Gesicht den freundlichen Eindruck, den seine gutgewachsene Gestalt zuerst auf den. Beschauer machte. Seiner Kleidung hing auch jetzt die Geckenhaftigkeit an, wenngleich Staub und Hitze sie unscheinbar machte. Ihm übelwollende Kollegen spotteten ihn aus, indem sie behaupteten: Burkhardts Sauberkeit reiche nur bis zum Hemd, tiefer bequeme sie sich nicht. Auch die fremdartigen Düfte, die er sich kaufte, konnten den säuerlichen Geruch seines Körpers nicht verdecken. Noch heute erinnerte sich Prosper mit großem Vergnügen an die gehörige Lehre, die man zusammen dem Knaben (Burghardt angedeihen ließ. Er kannte die Furcht des Jungen vor allen Reinigungsmitteln. Man lockte ihn zu einem in der Sonne warm gewordenen Teich, dann fielen sie über ihn, entledigten ihn der Kleider, tauchten ihn ein ins Wasser und mit Bürste. Seife und allem Begleitenden ging die Säuberung des Wasserscheuen vor sich. Schnaubend und nackt entwich er ihnen schließlich, bis sie aus Mitleid für den Frierenden scheinbar fortgingen. Aber aus der Ferne, verborgen hinter Dickicht, lachten sie mächtig über den klappernden Frierenden, der fluchend in die Kleider schlüpfte. In Gedanken daran — er grübelte nur über das nach, was andere ihm einmal antaten — kratzte er wieder an sich und blieb mitten in der Bewegung stehen. Er ließ sich von einem Teufel reiten, wenn da nicht gebaut wurde. Das war an sich nicht verwunderlich,-doch kannte er die Gegend zu genau, um sich zu täuschen: hier endete doch die Judengasse! Und hier wurde gebaut? Er hatte sich im Sinnen Heikenbrunn genähert und nicht auf den Weg igeachtet, deshalb überraschte ihn das vor seinen Augen Liegende. Emsig waren Männer — bei näherem Hinblicken erkannte er, daß es Juden waren — damit beschäftigt, die Malier einzureißen, jeden Stein sorgsam auf eine Karre zu laden und sie irgendwohin zu fahren. Die Neugierde plagte Burkhardt so sehr, daß er die Verachtung vor Juden hintenansetzte und nähertrat. Vor Menschen, die er nicht anerkannte, trat er wie ein Herr auf, verächtlich und grob, deshalb milderte er seine Stimme um keinen Ton, als er einen jungen jüdischen Menschen, der mit aller Inbrunst sein Endchen ausschachtete, anrief. ,,He, Jude, was macht ihr da — was fällt euch ein, hier zu graben und die Mauer zu verletzen . . Uebers Gesicht des jungen Juden lief es wie Zorn, aber er beherrschte sich und dachte an die heilige Arbeit, zu der ihn der Herr begnadete. Freundlich schickte er sich an, Antwort zu geben. . is „Hier wird ein jüdischer Tempel errichtet," sagte er lediglich und griff wieder nach der Schippe, die er für eine Weile neben sich gelegt hatte. Burkhardt starrte ihn blöde an, dann wurde er zornig. „Dich hat die Sonne wohl im Hirn veribraniiti" schrie er den Juden an und trat näher. Als der ihn, wortlos und noch immer beherrscht, reden ließ, schlug er ihm die Faust an die zur Arbeit gesenkte Stirne, daß der Mann taumelte. Doch ehe sich der junge Arbeiter ermannen konnte, um auf den Peiniger zu stürzen, schrie schon eine helle Stimme, die alle ihier kannten: „Elender Feigling, einen Schwächeren zu schlagen ist keine Heldentat . . ." Burkhardt, der den Arm festgehalten fühlte, wandte sich wütend dem neuen Angreifer zu und erstarrte zu einem bösartigen Grinsen. Vor ihm rstand Githa, zomesrot und ließ jetzt verächtlich die Hand von dem rohen Menschen sinken. Sie wandte sich dem Arbeiter zu und schickte ihn zu einer anderen Stelle, wo er weiterarbeiten sollte. „Beschmutze dir nicht die Hände an einem rohen Menschen —" hörte Burkhardt sie sagen, ohne daß Zorn in ihm aufstieg. Aber sie brachte es fertig, daß der wutglühende Jude sich wegdrehte und an den befohlenen Platz ging. „Eine solche Beschützerin möchte ich auch haben —" sagte Burkhardt mit seiner unangenehm gequetschten Stimme. Githa drehte sich ihm wieder zu und maß ihn von Kopf bis zu den Füßen. '■■ Er vergaß Jude und Tempel und trat neben Githa. Es schien, als wollte er den Arm um sie legen, doch ballte sie nur die Faust und sah ihn an. Alle Feigheit wallte in ihm auf, denn er wußte ihre Glaubensgenossen in der Nähe. Deshalb sagte er nur süßlich: „Auch ich bin des Trostes bedürftig, schönes Kind — und dankbar, wenn du mich wieder froh machen könntest . . ." Githa wandte sich wortlos von ihm ab und ließ ihn stehen. Die Verachtung litt es nicht, daß sie noch ein Wort an diesen Menschen verschwendete. Burkhardt sah ihr nach. Es reizte ihn immer, wenn Frauen sich ihm widerspenstig zeigten. Diese kleine Katze zu sich zu zwingen, würde ihm einen Heidenspaß machen. Besserer Laune, doch nicht den Mut besitzend, ihr zu folgen, wandte er sich wieder dar Straße zu. Erst als er eine Weile gegangen war, drehte er sich wieder um. Er sah die fallende Judenmauer, das ausgeschachtete große Viereck — verächtlich zuckte er mit den Achseln. „Judentempel — lachhaft," sagte er und pfiff im Weitergehen ein Lied vor sich hin, dessen Inhalt keine Lyrik in sich trug . . . 8. Nicht gerade mit Schmerzen, so aber doch mit einer gewissen Neugier erwarteten die Kollegen den neuen Stadtschreiber Burkhardt. Gutes war es nicht, was man von ihm wußte. Sein Ruf als Schürzenjäger jedoch schien echt zu sein, denn er wehrte sich nicht, als man ihm beim Antritt seines Amtes mehr in dieser Beziehung zutraute, als in Wirklichkeit der Fall war. Darüber verschmerzte er, daß von seinen Fähigkeiten um so weniger gesprochen wurde. Wort- und prunklos reihte man ihn in die nicht unbeträchtliche Anzahl von Schreibern ein. Noch immer hatte sich Burkhardt nicht an diese Art gewöhnt, mit der man im Berufsleben mit ihm umging. Beherrschen konnte er sich jedoch, verstellen und eine Maske tragen. Sogar auf die leichte Prahlerei verzichtete er, seitdem er merkte, er machte sich damit lächerlich. Tag und Nacht jedoch lauerte er auf Gelegenheiten, die er sich und seiner Zukunft zunutze machen konnte. Man munkelte, daß er in der Stadt, die er mit seiner Anwesenheit so lange beglückte, irgendwie einmal Mitglied einer (disziplinlosen Bande gewesen war, deren Ziele jedoch nicht bekannt wurden. Ob es wahr war, konnte nicht festgestellt werden. Burkhardt brachte Alibis, die besagten, daß er seine Nächte „nutzbringender" als in Räuberhorden zubrachte. Daß er damit Frauen mitleidlos mit ins Gerede brachte, fiel ihm wenig aufs Gemüt.

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