Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1936)
- Date
- 1936-09-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite « Nr. 38 Der 1 s r'a e Ii t 16. September 1936 sie geleugnet, was zur Folge hat, daß im ganzen Bilde der jüdischen Geschichte kein Stein auf dem anderen bleibt. In welcher Weise den Tatsachen mit Rücksicht auf diese Voraussetzung Gewalt angetan wird, möge das folgende Beispiel veranschau liehen, welches einem bekannten Wissenschaft liehen Werk (Die Keilinschriften und das Alte Testament von Eberhard Schräder, 3. Aufl. Berlin 1903) entnommen ist. Dort heißt es in der grundlegenden Einführung in die Geschichte Israels (S. 204) folgender maßen: „Die Geschichte eines Volkes beginnt mit seinen schriftlichen Aufzeichnungen. Die Frage, wo wir die verbürgte Geschichte Israels anfan gen lassen können, hängt also in erster Linie davon ab, wann wir annehmen dürfen, daß Auf Zeichnungen zuerst gemacht worden sind. Ueber deren Wesen ist dann 'das Urteil durch die Erfahrung gesprochen . . . Die einfachsten Erfahrungen, die jeder an sich selbst machen kann und welche alle Versuche auch in einfachen Kulturverhältnissen bestätigen werden, zeigen, daß eine Erinnerung über die Zeit der Großväter schon kaum noch den Anspruch auf geschichtliche Verwendbarkeit machen kann. (S. 205). . Die bloße Möglichkeit, wann in Israel Aufzeichnungen stattgefunden haben können, und die Unmöglichkeit früherer hängt von seinem Seßhaftwerden und seiner Entwicklung zum geschlossenen Volk ab., Eine Aufzeichnung des Geschehens ist nur dann möglich, wenn im Volke derjenige Grad gesellschaftlicher Entwicklung erreicht ist, der Personen, welche dazu die Mittel haben, auch das Bedürfnis darnach auferlegt, wobei natürlich Bedürfnis und Beschaffung der Mittel wie stets in unmittelbarer Wechselwirkung stehen . . . Von viel einschneidenderer Bedeutung ist der zweite Grund für die Entwicklung des Schreib- «resens: die Bedürfnisse der Verwaltung. Diese gehört aber erst zum entwickelten Staat. (S. 206) Daraus folgt also, daß eine geschichtliche Ueber - lieferung Israels selbst erst mit der Zeit seiner Könige beginnen kann, denn erst das Königtum konnte den Mazkir halten, der die Taten seiner Herren in Chroniken verzeichnete." Nur mit wachsendem Staunen kann man diesen Ausführungen folgen. Sie zeigen freilich mit nicht zu überbietender Deutlichkeit, wohin es führt, wenn man Erfahrungen, die auf einem begrenzten Gebiet zutreffen mögen, zu allgemein gültigen erhebt, um sie alsdann als Gradmesser gegenüber den Geschichte anderer Völker zu benutzen. Wenn bei noch so vielen Völkern schriftliche Aufzeichnungen vor dem Seßhaftwerden nicht vorhanden waren, so beweist dieses nicht im geringsten, daß nicht ein Abraham bereits schriftliche Aufzeichnungen gemacht hat! Wenn andere Völker Aufzeichnungen nur machen, wenn dieses im Interesse der Staatsverwaltung erforderlich ist, so beweist dieses nicht im geringsten, daß in Israel das Bedürfnis zu schriftlichen Aufzeichnungen nicht schon viel früher mit Rücksicht auf g'ttliche Offenbarungen bestanden hat! Wenn schon diese grundlegende Einführung auf derartigen „Erfahrungssätzen" aufgebaut ist, so kann man sich unschwer vorstellen, in welcher Weise die Einzelheiten des Verlaufs der jüdischen Geschichte unter Anwendung dieser Methodik ausgestaltet oder besser gesagt verunstaltet werden müssen. Die Erscheinungen der Offenbarung und der Prophetie entsprechen nicht der allgemeinen Erfahrung, daher werden sie geleugnet. Die in den heiligen Schriften ausgesprochenen Prophezeiungen werden daher stets nach dem Zeitpunkt der Ereignisse datiert, welche in ihnen vorausgesagt sind. Der allgemeinen Erfahrung entspricht ja nur die vaticinatio ex eventu, die nachträgliche Voraussage der Antike. Daher muß das Buch Jesaja willkürlich in zwei oder drei Teile zerrissen werden, weil anders die in ihm enthaltenen Voraussagen nach allgemeinen Erfahrumgsgrundsätzen nicht erklärt werden können. Die Entstehung des Buches Daniel, welches Ereignisse der Makkasbäerzeit voraussagt, muß in diese Zeit'hinabgerückt werden. Eine nähere Prüfung der für diese Betrachtungsweise so grundlegenden Voraussetzung, daß nur dasjenige anerkannt wenden kann, was \ der menschlichen Erfahrung entspricht, ergibt ihre völlige Unhaltbarkeit. Zunächst gibt es ja viele Dinge, die bis zu einem gewissen Zeitpunkt j der menschlichen .Erfahrung nicht entsprochen haben, alsdann aber gefunden wurden. Der Erfahrung der Antike hat weder die Kugetnatur: der Erde noch das Vorhandensein eines Kontinents Amerika entsprochen. Gleichwohl waren sie vorhanden. Bis in die jüngste Zeit entsprach der Gedanke eines Atomzerfalls nicht dermenschlichen Erfahrung, obwohl, das Radium längst existierte. Darüber hinaus, gibt es auch' Dinge, die wir als existent anerkennen müssen, die sich aber trotzdem unserer Erfahrungswelt und unserem Vorstellungsvermögen entziehen. Der Weltenraum, an dessen Existenz niemand: zweifeln kann, muß nach unseren Erfahrungen: entweder begrenzt oder unbegrenzt, endlich oder: unendlich sein. Trotzdem können wir uns keine einzige dieser Möglichkeiten vorstellen. All dies führt aber unabweislich zu der Erkenntnis, daß der unzulängliche Schatz menschlicher Erfahrungen keine zuverlässige und ausreichende Grundlage für die Ablehnung solcher Erscheinungen sein kann, die ihnen nicht zu entsprechen scheinen. Gewiß ist er daher auch kein geeignetes Kriterium für die Beurteilung solcher Erscheinungen der jüdischen Geschichte, die mit menschlichen Erfahrungssätzen nicht im Einklang zu stehen scheinen. Zu dieser ersten Voraussetzung der modernen Wissenschaft, die sich-aus ihrer allgemeinen Methodik ergibt, tritt nun eine weitere, die ihre Vorstellungen über jüdische Dinge im Besonderen beherrscht und leitet; ein gewisser mehr oder minder klar zutage tretender Antisemitismus. Es ist ja nun ohne weiteres verständlich, daß antisemitische Vorstellungen schon die Beurteilung lebender Juden in sehr hohem Maße erschweren. Erst recht bilden sie ein außerordentliches Hindernis für die gerechte Beurteilung und Bewertung solcher Handlungen und Personen, die bereits der Geschichte angehören. Ein Beispiel nur möge dieses verdeutlichen. Ueber König David heißt es bei Sellin (Geschichte des Israelitisch-jüdischen Volkes Bd. I, S. 181); „All diesen Lichtstehen auch Schattenseiten gegenüber, die zügellose orientalische Sinnlichkeit, die wenigstens einmal in dem Raub der Bathseba sich offenbart, und die mit der Klugheit sich leider leicht paarende Verschlagenheit, die in der Handlungsweise gegen den treuen. Uria zur Tücke wird; hier kommt ein Charakterzug seines Volkes zum Durchbruch, der sich ja auch in der Jakobssage spiegelt." (Fortsetzung folgt.) m Korrespondenzen. Deutsches Reich. Rosch-Haschana-Grüße der Reichsvertretung der Juden in Deutschland. Berlin, 11. Sept. 'Die Reichsvertretuiig der Juden in Deutschland hat zum Jahresbeginn folgende Botschaft erlassen: „Den Juden in Deutschland, den Männern und Frauen, dem Alten und Junigen, sprechen wir zum Jahreswechsel unsere herzlichen Wünsche aus. Neue Aufgaben bringt das kommende Jahr, neue Bewährung erwartet es. Von uns ist im Ernste der Zeit ein Aufbauen gefordert. Wir können dessen fähig sein, nur wenn jeder den Platz kennt, den seine Pflicht ihm weist, nur wenn wir das heranwachsende Geschlecht zu einem Weg der Arbeit erziehen. Jeder von uns steht im seiner Gemeinde, ohne sie wäre er verlassen. In unserer Gesamtheit sind unsere Gemeinden geeint, ohne das wären sie verloren. Diesem Geiste der Gemeinschaft dienen wir, diesen Willen zur Gemeinschaft wollen wir pflegen". Möge •die Arbeit, die uns alle verbindet, gesegnet sein." Oesterreich. Die jüdischen Schüler vom Schreiben, Zeichnen und Handarbeiten am Sabbat befreit. Wien, 8. Sept. Der Stadt schulrat für Wien hat in einem Erlaß erklärt, daß die jüdische Jugend durch Schul* leitungen und Direktionen nicht gezwungen werden kann, das jüdische Gebot, sich am Sabbat des Schreibens, Zeichnens und Ha nd a rb ei-t ens zu enthalten, zu übertreten. Auch werden im gleichem Erlaß die Schulleitungen und Direktion em auf gefordert, in dem Stundenplänen das Gebot der Saibbatheiligumg zu berücksichtigen. Der Vorstamd der Jüdischen Kultusge1 mednide in Wien ersucht die jüdische Elternschaft, ihre Kinder vom Schreiben am Sabbat abzuhalten und macht sie darauf aufmerksam, daß hierdurch den Kindern keim Schaden erwächst. - -Mi .... Verbilligte Glückwunschtelegramme zum jüdischen Neujahr. Wien, 8. Sept. Die österreichische Post- und Telegraphendirektion teilt mit, daß anläßlich des jüdischen Neujahrs Glückwunschtelegramme zwischen Oe st erreich und Palästina zu einer ermäßigtem Eimhedtsgebühr zulässig sind. Auch vom Post= und Telegraphen-Ministerium in Prag wird mitgeteilt, daß in der Zeit vom 14. bis 29. September im Verkehr mit einigen fremden Ländern verbilligte Glückwunschtelegramme zum jüdischem Neujahr zugelassen werden. Im Verkehr mit Palästina werden Telegramme mit beliebigem Text befördert; im Verkehr mit dem Vereinigten Staaten von Nordamerika, mit Kanada und Kuba, sind Telegramme mit zwölf Stanidardtextem, von denen der Absender einen •wählen kann, zulässig. Schweiz« Semestereröffnung in Montreux. Montreux, 14. Sept. Da© neue Semester auf ider Jesohiwoth von Montreux beginnt am 1. Ghesohwan, d. h. am 18. Oktober 1936 und sind Meldungen >bis zum 10. Oktober an den Rosch Jeschiwa, Rabbi R. Botschko, zu richten. Die Jeschiwoh in Montreux bat sich mit Recht eine solche Popularität erwonben, daß sich empfehlende Worte fast erübrigem. Erwähnt sei' nur, daß der Lehranstalt ein Internat angeschlossen ist, in dem die älteren wie die jüngerem Schüler ein echt jüdisches Heim mit allem modernen Komfort linden. Insbesondere für erholungsbedürftige Kinder kann man sich kaum einem schönerem Platz denken, als Montreux am Genfer See, diese schweizerische Riviera, die den Jungem neben der geistigem jüdischen Vervollkommnung auch eine Stärkung des Körpers o.etet. Polen. Die antisemitische Unruhewelle ia Polen. — Wieder ein Jude getötet. Warschau, 8. Sept. Am Sonntag, den. 6. September, wänrend verschiedene Verbände die Wiederkehr des „blutigen Mittwoch" des Jahres 19,06 Meierten, wurden nicht nur jüdische Geschäfte zerstört, sondern auch zahl* reiche Juden überfallen .und niedergeschlagen. Die Ueberfallsgruppen setzten sich aus mit eisembeschlagemen Stöcken bewaffneten Studenten zusammen- Der 33jährige Jude Ignati GlücksfiLber wurde aus