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Der Israelit · 1936-09-16 · Heft 38 (16.9.1936) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 38 (16.9.1936)
Date
1936-09-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 38 Oer I s r .a e 1 i t 16. September 1936 Aber dennoch — aller psychologischen Erklärung zum Trotz — haben die Zionisten und Misrachisten nicht dennoch recht bekommen von der Geschichte, wenn sie alles, ob auch aus Verzweiflung, auf die eine Karte „Erez Isroel" setzten? Haben sie mit diesem Trumpf ihr Spiel nicht gewonnen? Darüber sollte man vielleicht im Angesichte d i e s e s Roschha-schono, der Araber und Juden und Briten, vertreten durch ihre D'DsVö' vor dem Throne des Weltgerichtes, mit einander hadernd, auftreten sehen wird, doch noch ein wenig reflektieren. ra. Die Schicksalsfrage. Die englische Palästina-Politik steht vor verhängnisvollen Entschlüssen. Inwieweit diese Entschlüsse in völliger Freiheit gefaßt, wieweit sie über alles freie Wollen und Urteilen hinaus aus der Tiefe weltgeschichtlicher Teleologie ihren Charakter erhalten werden — welches Menschenhirn, vermöchte diesen Rätseln nachzuspüren! Wir können nur so reflektieren, als spiele sich das ganze Hin und Her projüdischer oder panarabischer Tendenzen, unbedingter Vertragstreue oder geschickter Interpretationskunst an der Balfour-Erklärung, ganz und gar im Bereiche menschlicher Freiheit ab. 1 Und auch da wird man nicht zur Klarheit gelangen können, sobald man sich an die kleinen Züge der Tagespolitik klammert und über diesen die großen Grundlinien vergißt, an denen sich erfahrungsgemäß die Entwicklung doch immer wieder zu orientieren pflegt. Ob die jüdische Einwanderung nach Erez Isroel für eine gewisse Zeit eingeschränkt oder unterbrochen wird, ist zwar für den Respekt des mittleren Ostens vor der englischen Konsequenz und Entschlossenheit, also für Englands Prestige, und auf der anderen Sefte für tausend jüdische Ekizelschicksale von Bedeutung, aber entschei d e n d, wenn am Roschha-schono die ganze Zukunft des G'tteslandes und G'ttesvolkes auf des Messers Schneide steht, sind solche Episoden nicht für die geschichtliche Entwicklung. Auch darüber kann kaum ein Zweifel sein, daß es der britischen Militärmacht früher oder später gelingen wird, mit oder ohne Kriegsrecht in Palästina Ordnung zu schaffen und dem Guerillakrieg der arabischen Freibeuter ein Ende zu machen. Möchte es nur bald der Fall sein. Aber das alles berührt ja nicht die Schicksalsfrage: führt von der Balfour-Erklärung ein gerader, ob auch mit Schwierigkeiten, Leiden, Kämpfen besäeter Weg aus dem Golus „Mit seiner Seele gewinnt er sein Brot!" Von Dr. Erwin Hamburger. Die Gebete einer Gemeinschaft sind ein untrügliches Spiegelbild für ihren Charakter, denn in der andächtigen Zwiesprache mit G'tt ist der Mensch losgelöst von den Hemmungen des. Alltages und offenbart das Innerste seiner Seele. Alle Wünsche und Sehnsüchte, alle geheimen Regungen und Begehrungen treten im Gebet zutage, weil der ehrlich Betende sich Rechenschaft gibt über sein versohwiegenstes Wollen. Wenn nun der jüdische Mensch am Rosch Haschanah und Jomkippur voller Inbrunst und Hingegebenheit vor seinem G'tte steht, wenn er; ergriffen als Höhepunkt im Mußaf=Gebet das f|pn nanai spricht^ so liegt ein tiefer Ernst über dieser Stimmung. 1. „Am Jahresbeginn -wird es vejrzeä^lmel, und &m Jömkippur wird es besiegelt, wer lebensoll und wer sterben." Der Gedanke an den Tod, das i Bewußtsein von d'er Ungewißheit des menschlichen; Schicksals 'schafft;'die Erkenntnis der Winzigkeit 'de® .Menschen im . Weltall, die die wichtigste, , Voraus"setzüiig für echte Demut ist. 2. „Der Mensch — sein Ursprung ist aus Staub, und sein Ende ist für den Staub". Dieses Rewußtzum Wiedererstehen nationaler jüdischer Selbstä n d Lg k e i t, oder bedeutet das auf alle Fälle wunderbare Geschehen, das zur Aufrichtung eines neuen J i s c h u w auf dem verlassenen Boden Erez Isroels führte, nur eine geographische Verlagerung des Golus mit mehr oder minder neuen Problemen und Fragestellungen, nicht aber einen qualitativen Umbruch in der Golusgeschichte des jüdischen Volkes? Da aber — so scheint es — führen rationales und religiös bestimmtes Denken den nach historischer Wahrheit Suchenden zu dem gleichen Ergebnis. Wäre das arabisch-jüdische Problem ein wirtschaftliches, handelte es sich wirklich darum, ob in dem Lämdchen am Jordan genügend Wirtschaftsraum ist für eine Million Juden neben einer oder anderthalb Millionen Arabern, man brauchte an der Möglichkeit einer friedlichen Verständigung wahrlich nicht zu verzweifeln. Aber hinter diesen vorgeschobenen Wirtschaftsfragen birgt sich ja nur der aus der Kulturwelt nur allzugut bekannte Ruhmesanspruch des territorial gebundenen Nationalismus, der unglücklicher Weise die Tendenz hat, mit fortschreitender Zivilisation zu wachsen und sich zu verhärten. In Palästina aber reichen sich .gar, wie sonst nirgends, zivilisierter und traditionsgebundener Chauvinismus die Hand zum Bunde. Jischmoel betrachtet — bis dereinst der Messias- König mit Zeichen und Wundern die normale geschichtliche Entwicklung durchbricht — das Abraham verheißene Land als sein nationales Eigentum und wird Jaakows Söhne immer nur als geduldete Gäste in seiner Mitte wohnen lassen; Balfour-Erklärung und Mandat konnten und können daran nichts ändern. Wird England den Willen und die Macht haben, mit den Waffen in der Hand die ganze mohammedanische Welt zu einem Kampfe herauszufordern um seiner dem jüdischen Volke verpfändeten Ehre willen? Oder läßt sich nicht die sorgfältig stilisierte Balfour-Erklärung, die ja nicht ,,Palestine as a national home", sondern nur ,,a national home i n Palestine" verheißt, mit dem arabischen Nationalismus dem Buchstaben nach letzten Endes auch so in Einklang bringen, daß ein limitiertes Golusheim für palästinensische Staatsbürger jüdischen Glaubens herauskommt? Haben wir ja in der letzten Woche die sensationelle Tatsache erlebt, daß der Führer der zionistischen Weltorganisation auf öffentlicher Tribüne davon gesprochen hat, Balfour-Erklärung und Mandat konnten zunichte werden, niemals aber -der von G'tt u n s r e m Vater Abraham gewährleistete Anspruch auf den nationalen /Boden des jüdischen Volkes — — — Niemand weiß, was die Zukunft bringt. In dem Kampf um die jüdische Zufluchtsstätte auf dem heiligen Boden Erez Isroels, um die Verteidigung der kümmerlichen Rechte, die ein Lichtblick der Weltgeschichte dem gehetzten jüdischen Volke in den Schoß geworfen zu haben schien, werden alle Söhne dieses Volkes einmütig zusammenstehen. Aber nicht an dem Ob- . siegen in diesem Kampfe mit zweifelhaftem Ausgang hängen die ewigen Hoffnungen Israels, wenn es, mit Arabern und Briten hadernd, zitternd vor seinem G'tte steht — über alle politischen Niederlagen hinweg schreitet das jüdische Volk seiner und der Menschheit Erlösung entgegen, wenn und solange es mit Herz, Seele und Vermögen seinem G'tte und dessen Gesetz gewordenem Willen sich zu eigen gibt; und auf dem geweihten Boden des Landes seiner Vergangenheit und seiner Zukunft kann sich unter allen politischen Formen und Konstellationen die gewaltigste Heiligung des G'ttesnamens und seine furchtbarste Entweihung vollziehen, je nachdem die dort lebende jüdische Gesellschaft ihrer geschichtlichen Aufgabe gerecht wird oder sich ihr versagt. Aber noch mehr. Wenn neunzehn Jahre nach Erlaß der Balfour-Erklärung der Mann selber, der sie in vorderster Reihe, erstritt, gezwungen ist, mit ihrer Vergänglichkeit oder Nutzlosigkeit zu rechnen und statt ihrer auf die G'ttes-Erklärung an Vater Abraham zurückzugreifen — dann scheinen unsre vielverspotteten rabbimschen Größen der vorigen Generation mit ihrer „ungläubigen Skepsis" gegenüber einem diplomatischen Messianismus als Erlösungsvehikel doch nicht gar so kurzsichtig gewesen zu sein. Denn die „Erklärung" G'ttes an Vater Abraham, sie war ja, wie das historische Dokument, dem allein wir sie - entnehmen, klar und deutlich sagt, an Bedingungen geknüpft, sie war Bestandteil eines ins» das heißt eines zweiseitigen Vertrages zwischen G'tt und Israel, und der Bruch dieses Vertrages durch das jüdische Volk hat uns zweimal aus dem verheißenen Lande ins Exil getrieben. Wird die zionistische Organisation, werden sich ihre Führer mit Weizmann auf diesen gesein beherrscht den gläubigen Juden Zeit seines Lebens, wie es heißt: „Du sollst Buße tun einen Tag vor Deinem Tode!" Da dieser Zeitpunkt Dir nicht bekannt ist, so mußt Du täglich für den Tod gerüstet sein. Bewahre darum die Reinheit Deiner Seele! Um so rätselhafter wirkt daher die Fortsetzung dieses eben zitierten Gebete®, die da lautet: 3. „Mit seiner Seele •ge'winn't e_r s-ein Brot," und es sei uns gestattet, «innige Erklärungen dieses Wortes zu geben. Die wörtliche Auffassung ist folgende: Der Mensch gibt seine Seele hin um de® Erwerbes willen. Der Daseinskampf, welcher mit aller Härte geführt wird, fordert als Tribut die menschliche Seele und deren Reinheit. Die-Ideale fallen der „rauhen" Wirklich2 kedt zum Opfer. So sehr wir auch nach Höherem streben, so sehr zerft die Sorge um das tägliche Brot an unserer Seele und läßt das Edle in uns nicht zur vollen Entfaltung kommen. Unsere Seele verkümmert um des Brotes willen. Ist dem aber so, verliert der Mensch lim Daseinskampfe seine Ideale und geistigen Interessen, dann gleicht er, wie die diesem Satze nachfolgenden Stellen es ausdrücken, 4. „dem zerbrochenen Scherben, der welkenden Blume —'-, und wie ein Traum flieht er dahin." Alles menschliche Hasten und Jagen um de® Erwerbes;, willen Ast eitles Tun, denn dadurch schafft er nur für den Augenblick, und nichts Bleibendes hinterläßt er seinen Kindern und Enkeln. . .'."V . ,;;v >*'.. Erst durch die iBezagenheit auf G'tt, erst durch die Verbundenheit njit dem Herrn der Welt erhält unser Streben einen Sinn. Erst durch die enge-Verknüpfung mit dem; allmächtigen Schöpfer können unsere Werke, B estarid häbeny'Denn nur "diese innige Beziehung zu dein G'tte unserer Väter läßt eine1'sich vom Vater auf den Sohn forterbende Tradition entstehen, die unserem Wirken seinen fragmentarischen Charakter nimmt. Denn solange unser Werk nicht durch die Nachwelt. eine Fortsetzung erfährt, so lange bleibt es Stückwerk. Erst wenn wir also unser Leben in den Dienst G'ttes stellen, erst dann können unsere Werke, sub specie aeterndtatisi betrachtet, unvergänglich sein. Darum gipfelt auch dieses Gebet in dem Satsej 5. „Aber Du, o Herr, bist ein lebendiger und ewig dauernder G'tt." > 3. „Mit seiner Seele gewinnt er sein Brot." Seine Seele, die von G'tt zu etwas Höherem bestimmt ist, würdigt der Mensch, herab zum Sklavendienste der Materie, aber, obwohl er .sein Herzblut einsetzt, obwohl er sein Bestes hingibt für die ,Befriedigung seiner körperlichen Bedürfnisse, ist das Resultat eben immer nur lechem, irdische Vergänglichkeit. Und was vom Broterwerb gilt, gilt auch für die Werte der Zivilisation schlechthin!. Alle Entdeckungen und Erfindungen mögen gewiß das Leben der Menschheit angenehmer gestaltet haben, .glück5 licher haben sie den Menschen nicht gemacht, weil sie eben im Dienste der Materie stehen,, weil sie>nur materieller Natur sind und. darum da$v Innerste des Menschen nicht verändern können. Nur .der Geist vermag Geistiges zu: gestalten.: 5. ,>Du. aber bist ein ewig dauernder G'tt;!' G'tt als . das. höchste geistige Wesen^ als das Prinzip •der ypUkonun^nen Sittlichkeit wird i dem: Bemühungen -d'es-Men^ohen, uro die Materie^ entgegengesetzt; > En$i.f .4a®.^'|it^<^f '-'Streben hebt den'Meüsicheni über dasu Al^.äig^che.rund -damit über das V&rgärigliche* ihiniaus;.; „Wer. (immer strebend sich bemüht,fiäeiu können wia?lierlös1en.'': Erst, insoweit wir-darauf bedacht sind,' "unsere Seele rein .zu halten, insoweit sind wir wirkMehjUiira-Ebenb^ ge-

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