Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-09-03 · Heft 36 (3.9.1936) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 36 (3.9.1936)
Date
1936-09-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450944--82380-2540331
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 36 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.] Hier gab es keine weichen Möbel, keine Kissen und Decken, herbe Holzgegenstände, die Stühle ohne oder nur mit starren Lehnen, der Boden kahl und fast unfreundlich, diese Umgebung paßte zu dem alten Burgherrn mit dem ritterlichen Gemüt. Denn dies duldete nicht, daß er jetzt mit dem Juden Fangball spielte und ihn zum Narren hielt. Auch ohne der Burgherrin süßes Gesicht, das für eine Weile vor dem Alten auftauchte, hätte er so gehandelt wie jetzt. Ohne Umschweife begann er vom Tempelbau. Die Juden, so führte er aus, sollten dies nicht als Vergünstigung ansehen, doch wollte er sie, angetrieben durch das Gelübde seiner Schwiegertochter, dessen Erfüllung ihm nunmehr oblag, durch diese großmütige Geste an sich fesseln, auf daß sie zum Gedeihen dieser neuen Heimat ihr Bestes geben konnten. Uebermut und .gar falsche Hoffnungen auf diese Tat zu hegen, sei abwegig, das sollten sich David und die Seinen gesagt sein lassen. Nach einer kleinen Atempause fuhr er fort. Schwierigkeiten stellte er dem Bau daher nicht in den Weg. Im Gegenteil habe er beschlossen, eigenhändigst den Platz auszusuchen, mit dem;er die jüdische Gasse belieh. Auf ihm sollte man die Synagoge nach den Plänen errichten, die sein Sohn ihm unterbreitete. Den jüdischen Baumeister also könnte er nicht liefern, sie müßten schon den christlichen in Kauf nehmen, der .sich lediglich auf seine Befugnisse beschränkte mnd ihm, David, die Anordnung und Streichung der evtl. unklaren und in religiöser Hinsicht erforderlich oder nicht erforderlich werdenden Anweisungen überließ. , Weiter habe Prosper sich bereit erklärt, jüdische Handwerker zu beschäftigen, Arbeiter aus ihren Kreisen anzulernen, so daß nur der Geist der Umrisse einem andersgläubigen Menschen überlassen, die Tatsache aber durch Juden verwirklicht wurde. Er glaube so, eher im Sinne des Gelübdes zu handeln, als sich kurzerhand durch ein unsachgemäßes Tempelchen der Aufgabe zu entledigen.. Die strahlenden Augen des gelehrten Mannes "bewiesen ihm, daß David ihn durchschaute und auf den Grund seines gütigen Herzens hatte "blicken dürfen. „Der G'tt unserer Väter müßte die Hand von den Heikenbrunner Juden ziehen, wenn sie diese Tat nicht lohnen," sagte er nur schlicht und trat auf den ritterlichen Burgherrn zu, der auch aufgestanden war und recht verlegen schien. Vielleicht ergab es die Verwirrung, die ihn dazu brachte, des Juden ausgestreckte Hand nun dennoch zu ergreifen und fest zu halten wie die Hand eines wirklich würdigen Menschen. Er schämte sich auch dessen nicht, als David, ohne ihn weiter aufzuhalten, Abschied nahm und wieder den Weg übern Hof zurück in die Gasse antrat. Im Gegenteil, dem Alten war, als fühlte er sich durch dieses Unternehmen nicht — wie er vorher meinte, seiner Zeit entrückt und als Außenseiter gestempelt, sondern wirklich als Mensch, der im anderen die gleichen Gefühle achtet, ob es nun ein armer war, ein gedrückter oder gar ein Jude ... Das war es, was David den klugen Männern seiner Gasse zu erzählen hatte und sie richteten den Blick zum Himmel, der ihnen so wohl Wollte. David berichtete weiter, daß Prosper ihm bei seinem Besuche in der Gasse die Kopien des Bauplanes brachte, den er nunmehr vorlegte und der allen wie ein Wunder G'ttes schien. Wohl nannte der Burgherr den Plan armselig, weil er starre, zugleich strenge Steinwände befahl, die nur durch ein kleines kuppelartiges Dach einige Milderung erfuhren. Schlicht umschlossen diese Wände ein schmuckloses Innere mit einfachen Bankreihen, streng abgeteilten Frauenabteilungen, und das Allerheiligste allein sollte Verzierung und würdigen Schmuck erhalten. Prosper verriet dem Vater die Absicht, die er bei dem schlichten Bau verfolgte: man war nicht immer Herr über Heikenbrunn, das Schicksal hatte Wandlungen im Mantel, deshalb sollte bei der Erfüllung des frommen Gelübdes alles in weiser Voraussicht schlicht und wenig ins Auge stechend erstehen, keinem zu Neid und Habgier errichtet. Was dem Burgherr aber als zu einfach erschien, war den Juden der Gasse schon im Plan der Entwürfe eine Herrlichkeit. Sie schauten David an wie den Abgesandten des Herrn und es gab bald nur ein Name, der in tiefster Ehrfurcht genannt wurde: Davids Name. Man wußte, nicht dem Burgherrn zuerst, vielmehr David war man den Dank schuldig, denn aus ihm kam diese wundersame Idee vom Tempelbau. Ein Tempel in Heikenbrunn! Es gab nur ein Gespräch. Kindern und Erwachsenen galt nur eines: der Tempel. Wie er aussehen würde, wo er stände — Es war eine Art Fest, als es angedeutet wurde, der Burgherr selbst, der alte Sterenberg, geruhe gnädigst, die Gasse zu besuchen. Ein Scheuern und Säubern begann. Vergebens ließ David austragen, daß der Burgherr niemanden besuche, sondern lediglich wegen des Platzes für die Synagoge zu kommen gedachte. Aber nie war in der Gasse mehr Scheuerwasser geflossen als in den Tagen vor dem Besuch des alten Herrn. Sterenberg selbst hatte einige Verlegenheit in sich gehabt. Zu Maria, der Burgfrau, kam er mit kleinlautem Fragen. Ob sie es für gut halte, wenn er mit prachtvollem Zuge die Gasse aufsuche oder aber es besser sei, schlicht zu Pferd mit zwei Knechten hinunter zureiten. Sie erlaubte ihm sogar nur einen Knecht, auch fand sie, daß er so, wie er im Alltagsanzug aufsteige, besser aussehe als in Prachtgewändern, vor denen die armen Juden lediglich erschrecken mußten, Wie wohl er sich, diesem Rate gemäß, bei seinem Einzug in die Gasse, die er nicht dreimal während seines ganzen Lebens gesehen hatte, befand, bewiesen seine hellen Blicke, die ruhig über die ehrfürchtig Harrenden glitten. Erst als David freundlich und ruhig auf ihn zutrat, ohne Scheu des Pferdes Zügel an sich nahm und sachte des edlen Tieres Hals streichelte, ehe der Knecht es in Empfang nahm, fühlte der alte Ritter die leichte Verachtung wieder schwinden, die angesichts der gebeugten Köpfe in ihm aufstieg. An Davids Seite ging er weiter, während der Knecht das Pferd einer kleinen Weide zuführte, dessen jüdischer Besitzer es als eine Ehre ansah, daß dem Pferd das Gras sehr gut mundete. Mit Macht hatte der Frühling sich durchgesetzt. Eine herbmilde Luft, vermischt mit dem Blühen unendlich vieler Bäume, strich den Wandernden sachte übers Gesicht. Wenngleich in dieser engen Gasse kein grünes Blättchen zu finden war — dazu mußte man schon ein Stückchen weiter 'hinein bis zu jener Biegung, wo die kleine Wiese und die wenigen Gärten waren — . wußte man auch hier, daß es Frühling geworden war. .David, der wortlos neben dem Burgherrn herschritt, würgte es in der Kehle, als er den schreckgeweiteten Blick des Alten bemerkte, mit dem jener die Kinder musterte, die scheu in dem Winkel hockten und aufhörten, ihre ernsten Spiele zu spielen, wenn der Mächtige an ihnen vorbeikam. Ja, großer Ritter, Armut ist auch in deinen Dörfern, aber die Armut in jungen Jahren kennst du nicht! Kinder, jüdische Kinder ^fetfmagst du nicht zu verstehen, wenn sie dich aus gesenkten Augen anblicken und Grauen und Neid darin aufblüht als einziger Frühling! Die Kinder der Armut in deinen Dörfern haben helle Blicke, sie fordern von dir, während die jüdischen Kinder nur um eines bitten, sie in Frieden zoi lassen , . . Sterenberg ahnte etwas von den Gedanken in David und wandte sich ihm zu. Etwas wie Verteidigung kroch in seinen Mund: „Sauber und ordentlich ist die Gasse, überall sind sie enger und gebundener. Hier gibt es sogar Gärten, nicht wahr, das gibt es doch!" David, angerührt von "dem naiven Betonen der Vergünstigungen, bejahte willig. „Wir haben einen guten Herrn auf Heikenbrunn —" ' Davon wollte nun Sterenberg nichts wissen. Um in dem Gespräch keine Pause mehr eintreten zu lassen, fragte er David, ob er bereits einen Platz für den Tempel im Sinne habe, was der aber verneinen mußte. Wohl gab es hier freie Plätze genug, aber die einen waren zu weit draußen aus der Gasse und es wäre nicht klug gewesen, zu nahe ans Dorf heraii2ubauen, während andere Plätze wieder zu dicht in der Gasse waren, aus denen ein hohes Gebäude das letzte Licht in den Häusern wegnahm. Sterenberg anerkannte diese Einwendungen. Er ließ sich die vielleicht in Frage kommenden Plätze zeigen, aber war mit keinem zufrieden. Er fand Mängel, auch Hindernisse sonstiger Art, sie gefielen ihm einfach für die Pläne des Sohnes nicht. Nach dem Dorf zu mußte ja der Tempel nicht stehen. Hinter der Gasse hörte überhaupt Heikenbrunn auf, eine Mauer schloß sie. Es gab einen Weg hinter den Häusern entlang, der jenseits der Mauer mündete. Ihn verlangte, nachdem er ihn zur Kenntnis bekam, Sterenberg zu sehen. a An Armut jüdischster Art vorbei mußte Sterenberg an der Seite Davids. Er packte den Arm des jungen Mannes, um zu fragen: „Das halten sie aus!", worauf David nur sagte: „Sie beten, daß ihnen G'tt diese kärgliche Heimat erhält und sind glücklich in ihr. Sehen Sie, gnädiger Herr, jener Alte, der eben vorbeihuscht, ist glücklicher als ein Reicher: er hat es fertig gebracht, eine unverständliche Stelle in der heiligen Schrift so zu deuten, daß alle zufrieden sind in der Gemeinde. Das ist seine große Mizwa'h, um derentwillen er mit keinem anderen — auch nicht mit Euch selbst — tauschen würde ..." Der Burgherr wagte es nicht, um Erklärung des Wortes zu bitten, aber schon sprach David weiter. „Wenn ein Jude, so es in seiner Macht steht, etwas G'ttgefälliges tut auf Erden, mag es das Kleinste, ja Unbedeutendste sein, so rückt er dem für ihn bestimmten Platz in G'ttes Unirdischkeit ein wenig näher. Wir nennen es Mizwah —" „Drum will er nicht tauschen, weil er nach dem Tode erhaben ist!" sagte der Burgherr fast für sich. „Sind alle Juden so fromm?" David runzelte nur einen Augenblick die Stirne. „Im Juden lebt neben seiner Frömmigkeit das drängende Suchen, höher zu steigen, zuweilen sogar überbietet dies Gefühl die Frömmigkeit." (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.