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Der Israelit · 1936-09-03 · Heft 36 (3.9.1936) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 36 (3.9.1936)
Date
1936-09-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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3. September 1936 Der Israelit Nr. 36 Seite 5 sich mit gar nicht so erstaunlicher Schnelligkeit die Zahl derer, die aus bekannten Gründen zuerst nur den Gebrauch von Koscherfleisch und als Folge davon schließlich das gesamte Speisegesetz aufgeben zu müssen glauben. Damit ist ein bedenklicher Schritt getan, der leicht zur völligen Lösung von der jüdischen Gemeinschaft führen kann. Wir fragen uns: Wielange noch werden die verantwortlichen Stellen diesem Auflösungsprozeß anscheinend untätig zusehen? Wir müssen es für äußerst notwendig halten, daß die Schechitafrage eine bäldige Lösung erfährt. Dabei betonen wir ausdrücklich, daß die überlieferte und fixierte Halacha als' Grundlage und Ausgangspunkt für alle Betrachtungen anzusehen ist. Bei aller Beachtung der rabbinischen Autoritäten sollte das Schechitaproblem einer endgültigen Untersuchung, zu der alle auf dem Boden des Religionsgesetzes stehenden Rabbiner hinzuzuziehen wären, unterzogen werden, damit die deutsche Judenheit in dieser, für die religiöse Verbundenheit des Judentums so ungemein wichtigen Frage vor eine klare, eindeutige Situation gestellt ist, und wir nicht allenthalben das schmerzliche Von Saul Maus. Der landläufige Begriff des Nationalismus paßt auf das jüdische Volk nicht, weil es seinem Charakter nach universalistisch ist. Aber ebenso wenig läßt sich der landläufige Begriff des Universalismus zur treffenden Charakterisierung seines Wesens anwenden, denn im Judentum ist Universalismus und Nationalismus wie Geist mit Leib verbunden. Eben dieser; völklich gebundene Universalismus ist der eigenartige jüdische Nationalismus, wie er durch die Jahrhunderte hindurch als Glaube und innerste Berufung im Volke lebt und seinen reinsten Ausdruck im Messiasglauben hat. In diesem jüdischen Nationalismus entfaltet sich keine Naturkraft, und infolgedessen hat er nicht den Charakter einer elementaren Bewegung von Massen und ist nicht rebellisch. In ihm herrscht nicht das Abstraktum eines fertigen politischen Planes, der ihm zugrunde läge und zur Ausführung gelangen sollte. Er hat nicht zum Ziel, einen jüdischen Staat nach einem geschichtlichen Vorbilde zu restaurieren. Jedoch nimmt Zion und Jerusalem die Mitte in seinen konkreten .Vorstellungen ein. In ihm ringt kein Eigenwille, und deshalb ist er nicht imperialistisch. Seine erste Besonderheit besteht darin, das kleine Kind, wenn es nur schon einmal p» gesagt hat, sich damit seinen Anteil an der zukünftigen Welt erworben habe. Weniger bekannt, und leider noch weniger beachtet dürfte aber sein, daß es auch darauf ankommt, richtig zu sagen, ja, daß ein unrichtiges lossprechen genau wie eine am falschen Orte gespro1 chene rom sogar als großes Unrecht gilt. Der Talmud sagt, ein soll nicht überstürzt und nicht abgehackt, nicht zu kurz und nicht zu lang ausgesprochen werden. Wer überstürzt, abgehackt oder zu kurz ausspricht, so heißt . es dort, der verkürzt ITt seine Lebenstage. Richtig soll das J»x so gesprochen werden, daß das « (pnp) am Anfang korrekt lang, das ] am Ende deutlieh artikuliert ist, das Wort nicht wie in zwei Worte gespalten ]a—s erscheint, und das Sprechen des ganzen Wortes gerade so viel Zeit, nicht mehr und nicht weniger, als das Sprechen der Worte ps3 "[bn 's (Anfangsbuchstaben ps) dauert, in Anspruch nimmt. Der Vorbeter soll aber auch seinerseits mit dem Beginn der nächsten nana so lange schweigend warten, bis die Gemeinde Zeit gehabt hat, nach dem Schluß der vorhergehenden naia wie gehörig ps zu sagen, ps soll man anfangen zu sprechen, unmittelbar nachdem man den letzten Buchstaben der betreffenden nana vollständig gehört hat. Besonders gegen die letzterwähnte Vorschrift wird vielfach dadurch verstoßen, daß die Gemeinde 7»s sagt, während der Vorbeter noch den letzten Buchstaben der na*ia singt. Das ist aber falsch; von einem solchen nsion ps heißt es V>w i*n vn'» Es wird dazu ausdrücklich erklärt, daß auch, wenn der «n mit seinem pa'3 den letzten Buchstaben lang hinzieht, man nicht eher mit dem ps anfangen dürfe, als/bis der Vorbeter ganz zu Ende I Bild karikierender Halbheiten zu beobachten haben." Dazu ist -zu bemerken: Zu der Erkenntnis, daß die überlieferte und fixierte Halacha als Gr u n dlage und Ausga n g spunktfür alle Betrachtungen in dieser Angelegenheit zu gelten hat und zu der Einsicht, daß ein Zusammengehen aller auf dem Boden des Religionsgesetzes stehenden Rabbiner in dieser Frage, unumgänglich notwendig ist, sei noch hiiiz>ugefügt, daß die verantwortlichen Stellen bereits so ziemlich alles getan haben, und anhaltend alles versuchen, was sich in der Sache zum Aus- .. gleich zwischen den Forderungen des Stäatsge-- setzes und dem Anspruch des Religionsgesetzes tun und unternehmen läßt. Ist dem so, dann ist nicht zu begreifen, warum durch Antreiben zur Schnelligkeit des Handelns der Anschein erweckt werden soll, als würden die verantwortlichen Stellen des religiösen Judentums der durch die Abwendung vom Koscherfleisch und von den Speisegesetzen mit Recht zu befürchtenden Förderung des Auflösungsprozesses „untätig gegenüberstehend" daß er immer zukunftgerichtet ist. Infolgedessen altert er nicht und wirkt belebend und befruchtend. Er ist das gerade Gegenteil aller reaktionären Bestrebungen. Der jüdische Nationalismus beruht nach wie vor auf der Aufrechterhaltung des Bundes zwischen G'tt und dem Volke. Dies allein ist die Voraussetzung und Sicherheit für die Erfüllung der Verheißung und für die Verwirklichung des jüdischen Glaubens. * Das jüdische Volk ist über den rassebiologischen Nationalismus der Stammesordnung und über den politischen Nationalismus der Staatsordnung als zeitbedingte Stufen seiner Entwick- lung hinaus und in den eigenartigen geistig be^ stimmten Nationalismus der Exilzeit hineingekommen, der das eigentlich Bleibende und Unveränderliche seines Wesens darstellt und ihm von Anfang an zugrunde liegt. Ob es Abraham oder Moses, die Propheten oder die jüdischen Weisen waren, alle sprachen von demselben G'tt, nach dessen Gesetzen wir leben müssen, wenn wir als Juden bestehen wollen. Dieser Geist ist der Urgrund des jüdischen Volkes, und der Nationalismus, der aus ihm hervorgeht, ist nicht zeitbedingt und hat keine Entwicklung. gesungen hat. — Anders ist es mit dem ps im wip, wenn der jrn das Wort nasi sehr lang hinzieht. Dann soll man sofort psj sagen, da ja die Benediktion, die man mit dem ps bekräftigen will, schon mit saVyi p'nm endet. Gerade in diesen Tagen, da wir uns anschicken, von unserem himmlischen Vater ein langes und glückliches Leben für uns und unsere Lieben zu er* flehen, ist es an der Zeit, auch auf diesem Gebiet i-niwi zu tun, auf daß wir den Segen auf uns lenken: •vrmpi v»' pnsn psa "pson ^a Kleines Feuilleton. Kalender 5697. Der Monat Elul ist die Entstehungszeit der neuen Luchoth. Anstalten und Privatunternehmen wetteifern mit der Herstellung der Wand- und Taschenkalender, und manchen gelingt es, eine eigene Note in da® ewige Thema hineinzutragen. Schön eingeführt hat sich der Wandkalender der Israelitischen Waisenanstalt zu Frankfurt a. M., über den wir schon an anderer Stelle kurz berichteten. Er hält auf Poesie und läßt zu den einzelnen Festen neue jüdische Dichter zu Worte kommen. Die Auswahl ist so getroffen, daß Erwachsene wie Kinder etwas davon haben. Ein uns vorhegender Wandkalender in französischer Sprache ist redigiert von Rabb. Bloch, Barr (Bas Rhinji. Neben den Daten des Kalendariums sind wichtige Hinweise enthalten. Unter den Bildern sehen wir die Köpfe führender jüdischer Persönlichkeiten Seine Verwirklichung kann für den Juden nirgendwo anders, als in der Erfüllung der Gesetze G'ttes liegen. Die Errichtung der Gemeinschaft als der sichtbaren Form dieser Verwirklichung ist von der Entwicklung der nichtjüdischen Umwelt abhängig. Diese unsere Abhängigkeit macht unser Golus aus, insofern sie uns hindert, im Geiste G'ttes als freie Volksgemeinschaft zu leben. Zugleich aber liegt in ihr unsere Berufung, da wir durch sie zum Mittler zwischen G'tt und der Welt werden. Der jüdische Nationalismus besteht so in einem geistigen Vorgang, der sich wie die Befruchtung der Pflanzen außerhalb der Organismen abspielt und durch Vermittlung des außerhalb wirkenden Lichtes Wachstum und Entwicklung herbeiführt. Das Geheimnis jeder Befruchtung liegt darin, daß das Lebewesen, Pflanze oder Tier, den Kreislauf seiner Säfte im eigenen Organismus unterbricht, um von außen neues Leben zu empfangen. So laufen z. B. die Säfte der Pflanze, sich immer veredelnd, von der Wurzel bis in die feinsten Spitzen der Zweige und gipfeln in der Blüte. Dort wird der Kreislaüf zwischen Staubgefäß und Stempel unterbrochen und verläuft mit dem Blütenstaub eine Strecke in dem Räume außerhalb der Pflanze. Aber gerade im Blütenstaub legt die Pflanze ihr Innerstes vor der Sonne offen. Sie läßt es vom Licht bestrahlen und überläßt es vertrauensvoll äußeren Kräften, Wind und Insekten, die dann die Befruchtung besorgen nach eigenen, der Pflanze nicht gemäßen Gesetzen. In diesem Vorgang erfährt die Pflanze das Hereinbrechen des Lebens außerhalb ihres eigenen Organismus, sie berührt sich mit einer für sie jenseitigen Welt und erfährt diese Unterbrechung als eigene Wiedergeburt in einem neuen Samen. In der Befruchtung kommt das Individuum in Berührung mit dem Jenseits. Und indem das Einzelwesen aus der Eingeschlossenheit im Kreislauf seiner Säfte herauskommt und sich der allgemeinen Welt erschließt, empfängt es Licht und Leben von der Sonne. Am Baume der Menschheit ist das jüdische Volk der Blütenstaub, der der Sonne des Geistes G'ttes ausgesetzt ist. Im jüdischen Volke wird der Kreislauf des natürlichen Lebens der Völker unterbrochen und mit dem ewigen Licht in Berührung gebracht. Das jüdische Volk steht als Träger des jenseitigen Lebens außerhalb des allgemeinen Geschichtsprozesses. Selbst ein Stück Natur, wird es weniger als sonst ein Volk von ihr beschützt und ist zur Erhaltung des Lebens jenseitigen Gesetzen und dem Wunder anheimgegeben. Und so schwebt es ständig zwischen in Frankreich aus. früherer und neuerer Zeit, ebenso die stattliche Fassade der Synagoge in Nancy. Der Kalender wird in den jüdischen Gemeinden von Frankreich und Elsaß Freunde finden. Der Jüdische Frauenbund schickt uns lose Kalenderblätter unter dem Titel „Das Jahr des Jüdischen Frauenbundes". Bei der Bilderauswahl haben sich die Herausgeber auf die j ü - dische Musik konzentriert, von ihren Anfängen bis zur Neuzeit. Es beginnt mit dem bekannten Rembrandt: „David spielt vor Saul". Eine alte Zeichnung zeigt Jiphtachs Tochter, wie sie mit Pauken und Trompeten ihrem Vater entgegenzieht, und so weiter und weiter, bis zu Anton Ruh in stein, Gustav Mahl er, Joseph Joachim u. v. m. Hübsche Zeichnungen von musizierenden Spielbanden im Ghetto sind zu sehen. Sogar Jubal, den ersten Flötenspieler, haben die Herausgeber au® dem Campanile del Duomo in Florenz aufgestöbert. M i rj a m als Anführerin des Reigens wird nach einem Original der Sixtina-Kapelie in Rom igezeigt. Auch der knappe Text befaßt sich mit Sängern und Sängerinnen. Vielleicht wollte uns der Frauenbund mit dieser Kollektion ein Jahr des Sanges und der Freude voraussagen. Sinnigen Kalendergruß schickt uns die I s u p a , ■das ist die Israelitische Suppenanstalt e, V,, Frankfurt a. M., Theobald-Christstraße 5, ins Haus. Bei diesem hübschen und handlichen Kalenderchen denke man daran, daß an jedem in die* sem Büchlein verzeichneten Tage unsi G'tt die Nah* rung gibt, und daß es hungrige Menschen gibt, für deren tägliche Nahrung wir zu sorgen haben. Es bietet sich dafür gute Gelegenheit mit der dem Kalender angefügten Zahlkarte Frankfurt a. M., Nr. 10 273. Vom Wesen des jüdischen Nationalismus

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