Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1936)
- Date
- 1936-08-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450909-2450943--82364-2540314- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Malbim 2× ep/1002711
OCR text
den, um die gewonnenen seelischen Antriebe in Tat und Bewegung umzusetzen. Ein so dreifach gedrehter Faden reißt nicht so schnell und prägt sich dem Gedächtnis viel tiefer ein, als durch chronologische Aneinanderreihung von Zahlen und Namen. Auf der Mittelstufe wird -der Lehrer bereits eine Bibliothek geschichtlicher Erzählungen einrichten können, über deren Inhalt die Schüler berichten, die sie dramatisch verarbeiten und schauspielerisch und zeichnerisch darstellen werden, Geschichtstabellen werden angefertigt und Karten zur Darstellung der Wanderungen und gleichzeitigen Höhepunkte und Zentren jüdischen Lebens angelegt werden. Auf der Oberstufe werden die Quellen, richtig gelesen, so manchen Schüler bereits zu selbständiger und künstlerischer Rekonstruktion des geschichtlichen Bildes anregen, wie es Höxters Quellenbücher beabsichtigen. *S Freilich; So wenig ich 'die künstlerische Gestaltung des geschichtlichen Stoffes für die Bildung Jüdischen Gefühls und Selbstbewußtseins missen möchte, so wenig kann auf die verstandesmäßige Erfassung und gedächtnismäßige Aneignung, kurz auf das Wissen um die Tatsachen verzichtetwerden Synchronistische Tabellen, wie sie Höxter im Verlag Kauffmann erscheinen ließ, 'dienen diesem Zwecke, sind aber mehr für die Hand des Lehrers als der Schüler zu benutzen. Abgesehen davon, daß zuviel ■des Unwichtigen gebracht wird, hat auch die Üeber sichtlichkeit unter der Fülle des Stoffes gelitten. Zu wünschen wäre die getrennte und dadurch für die Schüler billiger' erreichbare, auf je einem Blatt zusammengedrängte Uebersicht über jedes Jahrhundert, und daneben auf Blättern gesonderte Uebersichten über die Entwicklung wichtiger, religiöser, politi scher, wirtschaftlicher und allgemein kultureller Arbeit, wie es z. B, Jacobson einmal für die Halacha in Angriff nahm. Aber auch ein solches Zahlen- und Namengerüst genügt nicht. Lehrbücher tun not, um den Schülern das Vorbereiten und Nachlernen zu. ermöglichen. Von den Lehrbüchern, die an den jüdischen Schulen heute gebraucht werden, kommt keines ganz den Ansprü chen entgegen, die der Pädagoge und nun gar der gesetzestreue Pädagoge an sie stellen muß, wenn er die in den vorangehenden Kapiteln niedergelegten Grundsätze in die Tat umsetzen will. Kaiseriing* Doktor, Kroner, Löwenstein, :— von den kleinen Abrissen, die Sondheimer, Elbogen und Feilchenfeld herausgaben, ganz zu schweigen — und die moderner geschriebenen Müller und Fuchs unterscheiden sich, vom äußeren abgesehen, nicht sehr voneinander. Die darin enthaltenen Beurteilungen geschichtlicher Persönlichkeiten und Epochen und die Hervorhebung des einen zu Ungunsten de.s andern tragen natürlich — für den Kundigen sichtbar — den Stempel der Quellen, an die sich .der Verfasser seiner Tendenz nach hält. Für den Durchschnittsleser aber und vor allem für Kinder tritt sie nicht in Erscheinung, da sich die Verfasser im allgemeinen bemühen, dem Charakter eines für alle Richtungen bestimmten Lehrbuches Rechnung zu tragen und alles zu vermeiden, was diese oder jene Richtung als Angriff gegen sich deuten könnte. Aber eben darum fehlt das Feuer, das von gelebter Geschichte und beseelter Lehre ausgeht. Eindeutig gesetzestreu ist Kotteks Geschichte. Aber abgesehen davon, daß es mit 1890 abschließt, ist der Stil nicht weniger veraltet, die Darstellung besonders im zweiten Teil nicht lebendiger als in den genannten Lehrbüchern, die Anordnung, wieder besonders im zweiten Teil, so unüber* sichtlich, daß eine Neubearbeitung, wie sie Dr. M. Auerbach, Petach-Tikwah, vorbereitet, dringend notwendig wäre. Eine solche Bearbeitung, die der Sprache der Jugend, dem tiefen Erleben jüdischen Schicksals in heutiger Zeit und pädagogischen Gesichtspunkten Rechnung trüge, lohnte sich um so mehr, als der erste Teil, bis zum Ende der Tannaimzeit, die Forschungsergebnisse Isaak Halevis meist auf Grund persönlicher Zusammenarbeit festgehalten hat. (Fortsetzung folgt.) Mitgliederversammlung und Lehrerfortbildungskurs des jüdischen Lehrerverems für Bayern, In Würzburg fand unter Beteiligung von über hundert Lehrern die Mitgliederversammlung des Jüdischen Lehrervereins für Bayern statt. In seinem Jahresbericht schilderte der Vorsitzende Rosenfeld-München die Lage der jüdischen Schulen und des Lehrerstandes und die Tätigkeit des Vereins in den verschiedensten Einzelfällen. Es., wurden verschiedene Entschließungen angenommen, die von den zuständigen Stellen u. <a. verlangen, daß die jüdische Jugend nur gut ausgebildeten Lehrern anvertraut wird und daß der Lehrerfortbildung besonderes Interesse entgegengebracht weide. Der Verein hat auch im vergangenen Jahre besondere wirtschaftliche Hilfe den Lehrerwitwen- und =waisen sowie alten, dienstunfähigen Lehrern geleistet. Im Anschluß an die Mitgliederversammlung wurde ein Fortbildungskurs für jüdische Lehrer abgehalten, für den vier Tage vorgesehen sind. Studiendirektor Stoll=Würzburg behandelte das Thema „Bildungsziel und Bildungsgüter der jüdischen Volksschule". Er stellte fest: Das Bildungsideal der jüdischen Schule ist die jüdische Idealpersönlichkeit jüdischer Präj güng, deren Gemüts-, Verstandes- und Willenskräfte gleichmäßig gestaltet sind. Ueber die Frage „Einbau des jüdischen Bildungsgutes in den allgemeinen Lehrplan" referierte Hauptlehrer Krämer-München Er zeigte, wie auch innerhalb der geltenden Lehrord nung jüdische Lehrstoffe in den allgemeinen Fächern der jüdischen Volksschule verwendet werden können und sollen. Es sprach sodann Studienrat Hirnheimer Würzburg über „Lichtbild und Film in unserer Schule". Oberlehrer Böhm-Würzburg hielt einen Kurs über „Leibesübungen in der Schule" ab. Referate und Aussprachen bei dem Fortbildungskurs des jüdischen Lehrervereins für Bayern. Der viertägige Fortbildungskurs für jüdische Leh rer, den der Jüdische Lethrerverein für Bayern im Anschluß an sieine diesjährige Mitgliederversammlung in Würzburg abhielt, wurde am 23. Juli zu Ende geführt. Am zweiten Tag des Kurses hielt Lehrer Roberg- Würzburg ein Referat „Aus der Praxis des Deutsch1 Unterrichtes der. .Oberstufe der jüdischen Volksschule", ..verbunden mit praktischen methodischen Uebungen mit Kindern der 7. und 8. Klasse der jüdischen Volksschule Würzburg, Als Forderungen für den Leseunterricht wurden aufgestellt: a) Durchdrin . guug der Lesestoffe mit spezifisch jüdischem Gedankengut, b) Stoffe nichtjüdischer Dichter und Schriftsteller sind nach dem Prinzip der Bibelgerechtigkeit auszuwählen. In einem am Nachmittag von Haupt lehrer Julius Kissinger-München gehaltenen Vortrag über „Singen und Gesanguhterricht in der Volks schule4' wurde die Neugestaltung des Singens in stofflicher und methodischer Hinsicht behandelt. Zu dem allgemeinmenschliches Erleben und Schicksal erfassenden deutschen Liedgut muß das jüdische Lied, die Pflege religiöser, häuslicher und synagogaler Gesänge hinzutreten. Am dritten Tag sprach Dr. Jacobsohn-Berlin über „Palästinakunde in der jüdischen Schule". Der Referent wies darauf hin, daß T'nach auch für den modernen Palästinakundeunterricht verwertet werden kann: auch in Palästina werde die Bibel in den Schulen als Quelle für die Heimatkünde benutzt. In der Aussprache wunden Fragen der Palästonakunde als Unterrichtsprinzip und als besondere Disziplin berührt, „Probleme des Geschichtsunterrichts" behandelte Studienassessor Alfons Rosen* berg-Berlin, der die Bedeutung des Geschichtsunterrichts für die Erkenntnis jüdischer Zusamm'pnhänge gerade in schwerer Zeit würdigte. Studienrat Hirnheimer-Würzburg ging in seinem Referat, über den „Ausbau der jüdischen Volksschule und das jüdlscne Bildungsproblem" von den, jüdischen Bildungsproblemen der Gegenwart und der Problematik der Bildung überhaupt aus, um anschließend zu zeigen, wie ein auf jüdische Totalität gerichtetes Bildungsideal diesen Fragen gerecht wird. Der Redner schloß mit dem Appell, die Arbeit für den Ausbau der volljüdischen Schule sofort energisch zu beginnen. Am letzten Tag behandelte Hauptlehrer S. Brückheimer-Marktbreit das Thema „Die ungeteilte Schule". Er zeigte, wie dieser Schulart an der jüdischen Schule mit ihrer meist geringen Schülerzahl Lichtseiten abgewonnen werden können. Zum Schluß führte Studienrat Hirnheimer seinen am ersten Tag begonnenen Vortrag über „Lichtbild und Film in unserer Schule" zu Ende. Die besonderen) Möglichkeiten der Anwendung des Lichtbildes in der jüdischen Schule wurden erörtert und durch Vorführung von Lichtbildern illustriert. Malbim Von Rabbiner Dr. Rosenwasser in Berlin. Es gehört zu den erfreulichsten Erscheinungen unserer 'Zeit, daß große jüdische Kreise wiederum ihr Interesse unserem altjüdischen Geistesgut zuwenden. Man lernt wiederum eifrig Pentateuch, Propheten und Psalmen." Die öffentlichen jüdischen Bibliotheken, insbesondere die Bibliothek der Jüdischen Gemeinde in Berlin, unter ihrem gelehrten Leiter, liefert ein lehrreiches Beispiel dafür, mit welchem Eifer heute wiederum das Bibelstudium betrieben wird. Die Beams ten dieses segensreichen Instituts haben alle Hände voll zu tun, umalle Wissensbegierde zu befriedigen. Das Interesse gilt indes nicht allein dem heiligen Bibeltexte, man fragt auch wißbegierig nach hervorragenden jüdischen Bibelerklärern, die das Bibelwort volkstümlich und modern auszulegen verstehen. Einer der ganz Großen auf dem Gebiete der modernen Bibelexegese, der seine Erklärungen und Deutungen des Bibelwortes aus dem vollen Leben schöpft und nicht weitläufig und weltfremd interpretiert, ist Malbim. Meir Lebusch ben Jehuda Mosche (nicht Michael, wie in vielen Lebensbeschreibungen über ihn zu lesen ist)1. Die Anfangsbuchstaben dieses Namens zog Malbim zusammen , und bildete darausi seinen Familiennamen, n^^a'^"» — Was Malbim indes weltberühmt gemächt bat, das waren besonders seine Kommentare zum Pentateuch und zu Hiob. Beide Werke sind, in Deutschland entstanden und in Deutschland zu Ende1 geführt worden. Malbim hat seine Kommentare nicht für Gelehrte geschrieben, sondern für die große Masse jüdischer Bibelkenner. Seine Attsführungen sond im besten Sinne volkstümlich sind für jedermann verständlich, der einen he» j britischen unpunktierten Text zu lesen versteht. Ein Beispiel seiner Art, das Bibelwort schlicht und ein* fach zu erklären, sei hier gegeben. Es heißt 2. B. M, 3, 22: Jede Frau erbitte von ihrer Nachbärin und der Mitbewohnerin ihres Hauses silberne und goldene Gerät« usw. Ueber diesem Satz ist von jeher, bei allen/ die uns nicht wohlwollen, ein großes Geschrei entstanden, das schon vor 800 Jahren ein Mann rwie Abraham Ibn Esra mit guten Gründen abgewiesen hat. Malbim erklärt diesen Satz in seiner schlichten und einfachen Art folgendermaßen: Die Israeliten, so Sagt er, haben sich an Aegypten sehr vermehrt/ sind da zu großem Wohlstand gekommen, haben, Häuser, Grund und Bodlen erworben. Jetzt wollen sie plötzlich das Land, in dem sie 400 Jahre, gelebt haben, verlassen. Die Häuser und die Gründe können, sie nicht mitnehmen, sie machen dabei den Aegyptern den billigen Vorschlag: Behaltet unsere Häuser und unsere Gründe, gebt uns aber dafür silberne und goldene Geräte; die wir leicht mitführen könmea Diß: Aegypter sind damit, nach einer GHtesfügüng, gleich/, einverstanden. Das bestätigt 'der vorherige Satz im.' selben Kapitel, in dem es heißt: Und ich werde diesem Volke bei den Aegyptern eine freundliche Stirn* mung verschaffen, so daß ihr bei eurem Abzüge nicht: mit leeren Händen abziehet. (Uebersetzung von; Kautzsch.) Malbims Vorzug als Interpret des Bibel- ' Wortes besteht auch noch darin, daß er den Geist, des hebräischen Wortes, wie keiner zu seiner Zeit,, völlig zu ergründen versteht. Wer Malbim ganz er-, fassen will, muß seine Lebemssohicksale kennen, die von einer unendlichen Tragik ausgefüllt sind. Ein. begeisterter G'ttesstreiter, der er sein ganzes Leben lang war, hatte er stets viele Feinde und Neider.. In Wolothisk (Rußland) ist er geboren. Schon als Knabe erregt er durch seinen Geist und seinen, Scharfsinn, sein kolossales Gedächtnis, größtes Auf-;- sehen. Mit 16 Jahren beherrscht er den ganzen Talmud, Die 2500 Folioseiten dieses ungeheuren Werkes,, kann er fast auswendig hersagen. Um sich auch, weltliche Bildung anzueignen, geht er nach Ungarn,. von da nach Triest, wo er den ersten Zusammenstoß wegen einer halachischen Frage mit dem dortigen: Rabbinat hatte. Wobei er übrigens bei dem halachischen Entscheid Recht hatte. Er verläßt Triest und begibt sich nach Paris, London, Hamburg, Frankfurt ,a. M. und landet zuletzt in Berlin, wo er längeren Aufenthalt nimmt. Kaum ist er 18 Jahre alt,, wird er, 1838, nach Wreschen (Prov. Posen) zum Rabbiner berufen, wo er bis 1845 segensreich wirkt. In Wreschen entsteht ein erstes größeres Werk, das» halachische Fragen behandelt, unter dem Titel Arzos-Hachaim. Die damalige Großgemeinde Kempen, eine Nachbargemeinde von Wreschen, wählt ihn zu. ihrem Rabbiner. Von. 1845—1860 verbleibt er in Kern» pen. Seine geistvollen Predigten lassen, die ganze; Welt aufhorchen. Er heißt jetzt nicht anders als der große Kempner Maggid. Zu seinem Unglück wählt: ihn Bukarest zum Oberrabbiner. Was sich in Bukarest am Sabbat, während einer Predigt von ihm abgespielt hat, kann nur als ewige Schmach für die dortige Gemeinde bezeichnet werden. Man geht am. besten darüber hinweg. Es genügt, daran zu erinnern, daß 'Möses Montefiore in dieser Sache in Konstäntinopel intervenieren mußte. Eine Geldentschädigung, die ihm die Gemeinde in Bukarest für die angetane Schmach anbot, wies er stolz zurück. Erwird Rabbiner in Lunschütz, in Cherson und Mohilew. Ein zweites größeres Werk entsteht, ein hervorragen* der Kommentar zu .dem halachischen Mddrasch Thoras- Kohanim. Nachdem Malbim fast ganz Europa kennengelernt hatte, . zuletzt war er noch eine Zeit in' Konstantinopel, zieht es ihn wieder nach Deutschland, wo er viele begeisterte Verehrer und Freunde besitzt. Insbesondere, ist es Dr. Markus Lehmann, dem ,er in inniger Freundschaft verbunden war. Dr. Lehmann plant, ihn nach Mainz zu bringen, damit er~ dort, ohne die Pflichten eines Rabbiners zu haben, bloß seinen wissenschaftlichen Arbeiten leben kann. Malbims Ruf als Gelehrter und Wissenschaftler geht durch die ganze Welt. Die Juden New Yorks wählten ihn zum Oberrabbiner der Vereinigten Staaten. Seine Kräfte sind indes bereits so geschwächt, daß er diesen ehrenvollen Ruf nicht mehr - annehmen konnte. Auf dem Wege nach Mainz macht .er noch in Königsberg i. Pr. halt. Er wird dort von der polnischen Gemeinde zum Rabbiner gewählt, in Königsberg vollendet Malbim sein berühmtestes Werk auf den Pentateuch, unter dem Titel Hathoroh wehamiz* woh. Ein neues Rabbinat wird ihm in Krementschuk angeboten. In Kiew, auf dem Wege nach seiner neuen Wirkungsstätte, am 1. Rosch Haschana-Tag© 5633, 1873, haucht er seine edle und große Seele aus. Dr. Lehmann, dieser edle! und unvergeßliche Geistesheld, dessen Werke heute noch tso lebendig sind, wie sie es vor 50 Jahren waren, erhält am Zorn Gedalja die Nachricht von der Petira dieses-^Großen in Israel. Er will es zunächst nicht glauben, <?r vermutet einen Streich böser Menschen, doch bald kommt die Bestätigung und verbreitet größte .Bestürj zung bei allen, die seine Werke bewundert vund ge* ' liebt haben. Dieser große jüdische Gelehrte, dessen > Werke heute noch teuer bezahlt werden.^müssen, hat eine ' Witwe mit zahlreichen Kindern in. bitterster Armut zurückgelassen. Wieder war e« Dr. M. Lehmann, der sich der Armen im Verein mit guten-' Freunden in Frankfurt a. M. annahm.