Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1936)
- Date
- 1936-08-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr...35 D Israelit 27. August 1936 c —-:—rr-——•-:-:—:- Man hat uns das Recht zu trauern genommen, ■, Von Schalom Ben Chorin in Jerusalem. Mit einiger Verspätung geben wir die Eindrücke des Dichters in der Tischohbeawnacht in Jerusalem, die durch das neuerlassene Verbot des Ekdbetens am Raheigrabe neue Aktualität erhalten, wieder. Während wir in dem kleinen Bethaus eng beieinander hocken, um auf den umgeworfenen Pulten beim Schein armseliger Kerzenstümpfchen dem schwarzen Trauerlied des Propheten zu lauschen — krachen draußen die Schüsse der Araber. Wieder ist Jeruscholajim vom Feinde belagert, oder — richtiger — der Feind steht in seinen Marken. — — Die Vorlesung der Klagelieder ist beendet. Die Pergamentrolle — hier liest man Megillath-Echa, die „Wehe"=Rolle, aus einer Pergamenthandschrift nach Art der Esther=Rolle, und spricht auch vor Beginn der Lesung den Segensspruch „al mikra megillah" — wird wieder in ihrem Behältnis verwahrt, die Lichte verloschen, langsam, eines nach dem anderen. Aber wir sind Gefangene des Bethauses. Polizei hat die Eingänge verriegelt. Wir warten. Erst um halb neun Uhr werden die Türen geöffnet. Die .Polizisten geben Anweisung, sofort und einzeln nach Hause zu gehen --- um den Gewehrläufen kein weithin wahrnehm bares Ziel zu bieten. Wir verstehen diese Vorsichtsmaßregel. Wir verstehen auch sehr wohl, warum man uns erst zu bestimmter Stunde aus den Synagogen entließ: nur so kann die Polizei Kontrolle üben, nur so war es überhaupt möglich, die Abendtrauer abzuhalten, während über Jerusalem — nun seit 80 Tagen — der Aus1 nahmezustand verhängt ist. Der kurze Heimweg wird schweigend zurückge* legt. Heulender Wind braust über die Hügel Judas. Jagt Wolkenfetzen, deren zackige Ränder vom roten Mond durchschimmert sind, über die Höhen. Aus der Richtung des alten Kreuzritterklosters prasseln Schüsse. Maschinengewehr antwortet ihnen. Wir schauen nicht um, bleiben nicht stehen. Wir sind nun seit Wochen an diese „kleine Nachtmusik" gewöhnt. An einer Biegung des Weges, die den Blick von dem hochgelegenen Quartier der Neustadt freigibt hinab auf die Mauern und Dächer der Altstadt, die unwirklich im Licht der Nacht schimmern, bleibe ich einen Augenblick stehen. Dort unten liegt Zion, ragt der Rest jener Tage, um deren Wiederkehr wir und ganz Israel in allen Teilen der Welt in dieser Stunde beteten. Wie sonderbar, — Zion liegt unten. Wir sind gewöhnt, mit dem Begriff Zion den des Hinaufsteigens zu verbinden. Alle zogen hinauf nach Zion, Geschlechter um Geschlechter. Und ich, ein irgendwelcher Jude, verschlagen von den Stürmen der Ze.it in die Heimat unserer Herzen, stehe auf einem Hügel und mir zu Füßen liegt Zion, schlägt das Herz der Welt. Und ich sehe den Zug der Dreißigtausend vor mir, die noch im vergangenen Jahre schweigend die ganze Nacht vorbeizogen an den alten Steinen der Westmauer, der „Köthel maarovi", die blank sind von den Tränen Israels. Dreißigtausend zogen vorüber. Junge und Alte, Männer und Frauen, Arbeiter, Händler, Gelehrte, Fromme und G'ttesleugner, Weise und Narren, die vier Söhne der Haggadah — vertausendfacht — waren ausgezogen, um stumm sich selbst zu grüßen. Menschen, die ins Land gekommen waren, um Lebensräum für die Zukunft zu erobern, schritten an der Stätte ihrer Herkunft vorbei. Ihr Schreiten war Klage und Gebet und ein Unter=Beweis-Stellen der Ewigkeit Israels. Und heute? Wieder liegt der Schatten des dunkelsten Tages im Jahr des Juden über den Hügeln. „Wehe, wie liegt so verlassen Die Stadt, die voll Volkes war . . ." Einen neuen Sinn haben 'die jahrtausendealten Worte heute bekommen. Man hat uns das Recht zu trauern genommen. Die alte Stadt ist für uns gesperrt. Einsam ragt die Westmauer des" Tempels in die sternenhelle Nacht. Die Schatten fallen über den engen gepflasterten Hofraum, der vor ihr liegt. „Zion streckt ihre Hände aus Und da ist keiner sie zu trösten . . ." Es ist nicht gut träumen in diesen Nächten der Belagerung. Schüsse, die eich, an den Halden der Hügel brechen, schrecken mich auf; in der Richtung Givath Schaul sausen Militärautos an mir vorüber. Sie führen leichte Geschütze mit sich. Kinderecke, „Die Flaschenhütt'n. (Schluß.) IL Wer zum erstenmal eine Reihe schöner Sommerwochen in dem herrlichen Marienbad verlebt, ohne genötigt zu sein, den Hauptteil der ihm zur Verfü gung stehenden Zeit mit Rücksicht auf Hebung sei ner Gesundheit 'dem Gebrauch der reichlich zur Verfügung stehenden Kurmittel zu .widmen, der wird jeden Tag aufs neue gefesselt werden von den Wun dern der Natur, die der Schöpfer aufs freigiebigste dieser gesegneten Landschaft gespendet, und von den Erzeugnissen der Kunst, die des Menschen Geist und Fleiß erfinderisch hineingezaubert hat. Erst wer durch wiederholten Besuch all die Pracht des Welt bades bewundert und auch die Umgebung kennen* gelernt hat, der wird sich von Zeit zu Zeit Stun den, Tage oder gar Wochen des Urlaubs absparen, um auch andere. Orte de® Landes zu besuchen und ihre Reize zu genießen. An gut markierten und sorgfältig gepflegten Wegen für Fußgänger fehlt es nicht, auch nicht an Eisenbahn- und Autoverbindungen bei weiteren Strecken. Unweit ihrer Hotels und Pensionen finden die Kurgäste Standplätze der Autobusse, die zu bestimmten Zeiten zwischen hervorragenden und häufig aufgesuchten Städten, Bädern. Schlössern und allerlei geschichtlich berühmten Plätzen verkehren. Jüdische Fremde bevorzugen vor allem Prag, Königswart und Tachau. Dieser Ort hat nach dem Weltkriege besondere Bedeutung erlangt, nachdem es jüdischen Flüchtlingen gelungen ist, die alte Synagoge zu renovieren und das Grabmai des 5575 verschiedenen frommen und gelehrten Rabbi Nachum ben Josef Sofer s. A. freizulegen, das eine von ihm selbst verfaßte Aufschrift enthält. Selten mag jemand diese Worte lesen, ohne daß sie ihm ans Herz greifen. Besonders in Zeiten der Not und Bedrängnis und vor allem im Monat Elul, der Wende des Jahres, wo sich der Blick eines jeden Juden prüfend in seine eigene Vergangenheit und zagend in die ihm verhüllte Zukunft richtet, da dünkt es ihm, als ob sich eine heilige Stimme aus Grabestiefe gerade zu ihm persönlich mahnend und warnend wende, wenn er die Worte des längst Entschlafenen auf sieh wirken läßt: „Dies sind die letzten Worte an meine Brüder, die Frommen u n d V e r s t än di gen , d ie in tiefer Finsternis sitzen: S u c h et das Licht der Hilfe und beuget euer verstocktes Herz, kehrt euch ab von Vergehen und Schuld." Unter den Fremden, die sich auf dem Tachauer Friedhof um das Grab des R. Nachum Sofer scharten, befand sich an einem Augusttage auch ein Amerikaner. Wiederholt ließ er sich von seinem Führer erzählen, was ihm aus der Geschichte der Gemeinde Tachau bekannt war, wiederholt die Grabschrift vorlesen und übersetzen. Immer wieder schüttelte er das Haupt, dachte nach und stellte Fragen, deren Beantwortung ihn nicht zu befriedigen schienen. Endlich sagte er: „Hat die Gemeinde einen Rabbiner, der in Böhmen geboren ist?" „Das ist wohl der Fall," antwortete der Mann, „und jetzt gerade weilt ein junger Rabbiner, der aus der Gegend stammt, hier auf Besuch bei seinen Verwandten." „Bitte, führen Sie mich zu ihm," Der Amerikaner traf den jungen Gelehrten an und erbat sich nach gegenseitiger Vorstellung eine kurze Unterredung, die ihm bereitwilligst gewährt wurde. „Ich entstamme einer polnischen Familie," begann der Fremde, „die vom Geschick durch viele Länder geführt und schließlich in alle Winde zer* streut wurde. Vorübergehend wohnte sie auch in der weiteren Umgebung Marienbads.. Nur unser Urgroßvater blieb hier, aber es ist uns nicht so viel Tatsächliche« aus seinem Leben erhalten -geblieben, als erforderlich ist, sein Grab, aufzufinden oder auch nür seine letzten Lebensjahre aufzuhellen. Er war ein Sofer, ein frommer, stiller Mann, und als ich hier i vor dem Grabe des R.-. Na&htun Sofer^«ta^^MaoKte^ ich im ersten Augenblick, "ob das nicht mein Ahne wäre. Aber der Name stimmt .^0^,-91^^^011^,,^. Jahreszahl kann nicht stimmen. Sind Sie, H^errZ-Ralb^' biner Steidler, vielleicht in der Lage, das Dunk«! einigermaßen zu erhellen?" , . Ernst hatte der junge ^Rabbiner zugehört, und ernst schwieg er kurze Zeit, indem er sinnend das Haupt neigte. Dann sah er seinem Besucher tief ins Auge und begann: , „Vor allem muß ich Ihnen sagen, daß Rabbi Nachum Sofer mit Ihrem Ahnen nicht identisch ist, und daß der Begriff Sofer in unserem Schrifttum in verschiedenem Sinne angewandt wird. Er ist Ehrentitel von Talmudgrößen und berufliche Bezeichnung. Aber die Wege G'ttes sind wunderbar. Betrach5 ten Sie es nicht als Zufall, daß Sie gerade zu mir gekommen sind, wie ich es nicht als Zufall ansehe, daß ich einst als zwölfjähriger Knabe bei einer Durchstreifung der Wälder meiner Heimat in die „Flaschenhütt'n" geriet und dort von einer Greisin Einiges aus der Geschichte Ihres Ahmen R. David Klang s. A. erfuhr, das ich Ihnen jetzt gerne "mitteilen will." —-- Als nach Stunden der Amerikaner wieder nach Marienbad zurückfuhr, hatte er nicht* nur Manches aus seiner Familiengeschichte erfahren! Er war auch über die Begriffe Frieden und Eintracht, Segen und Fluch, Abkehr und Umkehr auf Grund jüdischer Weltanschauung aufgeklärt worden und hatte den festen Vorsatz gefaßt, „das Licht zu suchen und sich von Vergehen und Schuld abzukehre n."; Der Segen der Eltern. Von Saly Geis. I. Lieber Junge! Am Beginn des heiligen Sabbat legen Vater und Mutter die Hände mit dem Segenswunsch auf deinen Kopf, G'tt möge dich wie Efrajim und Menascheh werden lassen, und diesen Worten fügen sie dann noch den Priestersegen an. Ein jüdischer Junge soll fragen. Das gebietet G'ttes Thora. Es heißt dort: „Wenn dein Sohn dich an einem morgigen Tage nach der Bedeutung der Zeugnisse, Satzungen und Recht© fragen 'wird, welche G'tt unser G'tt uns befohlen hat." (5. B. M. 6, 19.) Hast du schon den Inhalt der Thora kennen gelernt, so muß es dich wundern, warum Efrajim und Menascheh für alle Zeiten euch Jungen als Vorbild hingestellt werden. Von ihrem Leben wird nichts erzählt, — aber dennoch treten sie in jedem Geschlecht an jedem Sabbat in jedes jüdische Haus, wo ein Vater, wo eine Mutter Söhne nach dem Beispiel der Ahnen erziehen wollen, wegen deren Verdienste G'tt das jüdische Volk schuf. Efrajim und Menascheh sind die einzigen Enkel Jakobs, mit denen wir bekanntgemacht werden, — aber anscheinend geschieht die Bekanntschaft nur im Vorbeigehen. Nun können jedoch in der Thora, dem Buche G'ttes, mitunter ein Wort, ja sogar nur ein Buchstabe Stoff für ganze Bände geben. So ist es auch hier. Zwei Worte aus dem Munde Josefs sprechen, wenn man ihren tieferen Sinn beachtet, das größte Lob eines Vaters für seine Söhne aus, — und diese Worte erklären, warum Jakob für alle Zeiten befohlen hat, als leuchtende Lebensbilder Efrajim und Menascheh hinzustellen. (1. B. M. 48.) Jakob wußte, daß Josef ihm 'die Enkel gebracht hatte, damit er >sie vor seinem Tode segne. Trotzdem fragte er: „Wer sind sie?" Josef verstand den Wink und erwiderte die zwei Worte: „Meine Söhne". Josef, nach dem König der mächtigste Mann in dem machtvollen Reiche; Mizrajim, hatte die Tochter eines Würdenträgers am Königshofe zur Frau. Wie naheliegend wäre es gewesen, er hätte seinen Söhnen mizrische Namen gegeben und sie als Mizrini erzogen? Er aber gab ihnen hebräische Namen und erzog sie als Hebräer in Treue zu den Traditionen ihrer Ahnen Jakob, Isaak und Abraham. So wurden sie nicht nur körperlich, vielmehr auch geistig seine Söhne und übernahmen auf diese Weise auch das geistige Erbe der Ahnen. Gegen viertausend Jahre sind seit damals entschwunden. In jedem Zeilalter haben von den Nach5 kommen Abrahams, der zuerst G'tt erkannte und sein Leben im "Dienste G'ttest führte, all 'die sich aus der großen Abrahamsfamilie ausgerottet, die den Segen Jakobs an seine Enkel nicht übernahmen. Ungezählte Milionen aber sind in 'dieser langen. Zeit mit dem Abrahamszeichen — der Beschneidung — an. ihrem Körper als Nachkommen Abrahams■•_ durch diese irdische Welt 'gegangen und haben in," ihren Kindern und Enkeln weitergelebt, wie in ihnen ihre Eltern und Großeltern weiterlebten, weil sie den Segen Jakobe verstanden und auch für sich verbindlich machten.