Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1936)
- Date
- 1936-08-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilletori- Beilatfe Der Israelit Nummer 35 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.) Erreichen sie es, einen Tempel zu erbauen, so küssen sie den-Boden, denn er wurde Heimat in dem Augenblick im wahren Sinn des Wortes, in dem die« ewigen Heiligtümer — ihre sogenannte Thora, die Leuchter für ihre Gebete — alles andere — in diesem mehr oder minder bescheidenen Häuslein Einzug hielten. Diese Heimat erstreben sie mit allen Fasern ihres Seins. Dieses Fleckchen Heiligtum suchten die wenigen alten Juden im Schnee. David sagte: „Sie fanden das G'tteshaus im Schoß des Ewigen —'' Er sah auf seines Weibes Händen eine Träne glänzen, die aus den hellen- Augen niedertropfte. Er wußte: nun hatte sie doch verstanden. Ja, Maria las aus dem Gatten den Sinn jenes frommen jungen Gelehrten. Sie als Weib begriff nun, was Githa, die schöne Braut Davids, an Leid und Seligkeit um diesen Mann durchkostete. So Hebten jüdische Frauen. Nur im Verzicht fanden sie die Stärke. Ob sie es auch fertig gebracht hätte, solch eine Macht in sich zu finden? ,,Githa wird ihren David bekommen," sagte sie, und leichte Schelmerei war in ihrem Blick. ,,Hab' ich doch einen Wunsch frei bei deinem Vater, erinnerst du dich nicht, als wir einzogen und er ausrief: sie darf sich wünschen, was sie will, weil sie uns einen Erben schenkte!" Ja, sie hatte den Aermsten gefunden, sie preßte die Hände zusammen. Es gab keinen Aermeren. Sie würde sich belügen, wenn sie sich sagte: Dem Juden galt das Gelübde nicht. Es galt alles Menschen, sie sagte es sich hundertmal und das fiel ihr leichter mit jedem neuen Mal. „Nun kann mir der alte Burgherr helfen, mein Gelübde zu halten . . ." Sie sprang .auf, kaum, daß sie Prosper zu leiten imstande war, so leichtfüßig sprang sie die Treppe hinunter. Ihre hellklingende Stimme rief den Alien. Es schien Prosper, als mache sich der nichts hören, aber schließlich brummte es von irgendwoher. Das Silber der jungen Stimme mischte sich ein und zusammen verklang es hinter der. Pforte einer Stube. Nie wollte Prosper wissen, was zwischen diesen beiden, so verschiedenen Menschen gesprochen wurde. Nur eines erfuhr er aus dem hellen Blick der Frau und dem mürrischen Gehabe des Vaters; Daß er nunmehr nicht mehr daran dachte, ein Hindernis zur Erfüllung .des Gelübdes ums Leben seines Erben in den Weg zu stellen . . . Es war wirklich wie ein Wunder. Man glaubte an Spässe, unzeitgemäße zwar, aber immerhin an „Ausgeburten überreizter Hirne", so drückten sich wenigstens die Klugen unter den Juden der Gasse aus, die sich vornahmen, das „Geschwätz" nicht zu beachten. Stattdessen achtete das „Geschwätz" nicht auf sie. Es wunde vielmehr zur Tatsache. . Vielleicht sprach David irgend einem gegenüber seine Freude zu offen aus, der es wedtertrug, ehe noch die Bestätigung vorlag. Einer fragte den anderen, überschrie den Nächsten mit seiner Wissenschaft, bis schließlich keiner etwas Genaues wußte. David, den Prosper in aller Oeffentlichkeit besuchte, fühlte sich schließlich den Seinen schuldig und zu einer Erklärung bereit. Er berief die frommen Leute zu sich, mit denen er die sonstigen Amtsgeschäfte tätigte und erzählte ihnen von dem Geschehen, selbst kaum an das Wunder glaubend. Schon verzagt am Gedanken der Erfüllung seines Planes, saß er eines Abends in seiner Stube, kaum den Inhalt eines gelehrten Buches fassend. Er hörte nicht die hastigen Schritte auf der Treppe, der Zeigefinger fuhr eine Stelle im Buch entlang, die er trotz aller Mühe nicht im Geiste fassen konnte. Erst als die Magd wie erschreckt und entgegen sonstiger scheuer Gewohnheit in die Stube polterte, schreckte er auf. Sein Staunen aber gab der guten Recha nicht die Fassung wieder, die sie beim Anblick des Sendboten von der Burg vollkommen verloren hatte, denn der wollte persönlich ihren Herrn sprechen. Obwohl David von einer fast lähmenden Hoffnungsfreude gepackt wurde,, blieb er ruhig und empfing den Boten, den er von Jugend her und als treuen Knecht seines Herrn kannte, sehr freundlich. Er brachte ihm jedoch nur die Weisung, daß der alte Burgherr — er verstehe recht — der alte Burgherr ihn bitte, bei bester Gelegenheit hinauf zu kommen, da er mit ihm etwas zu bereden habe. Um was es sich handle, wisse auch er nicht. Es waren harte Stunden der Erprobung, die sich David auferlegte nach dem Weggang des Alten, aber er blieb hart gegen sich und erlaubte sich nicht, früher als am Tage nach der Botschaft hinauf in die Burg zu kommen. Der Burgherr sollte nicht recht behalten, wenn er meinte, man brauche dem Juden nur zu pfeifen und schon sei er da. Diese fast bittere Schwäche war aus" einer gewissen Eitelkeit entsprungen, Sie führte in die Kinderzeit zurück, in der der Alte Aehnliches laut werden ließ und der kühne Judenknabe tapfer verfocht, was er für recht hielt. Diese Schwäche war ihm bis heute geblieben. Aber wie pochte ihm das Herz bei den Vorbereitungen zum Besuche der Burg. Jahrelang, seitdem er erwachsen war, hatte er die Burg nicht mehr aufgesucht. Aber nicht wie ein Geck zog er sich an. Wenngleich in Heikenbrunn kein Jude die beschämenden Zeichen seines rassigen Standes —- angeordnet durch die jeweiligen Herren der Städte — zu tragen hatte, so legte es David doch darauf an, durch religiöse Zeichen und seine Kleidung das jüdische Aussehen hervorzukehren. Er wollte als Jude gelten, wie er nie seinen Glauben um äußerer Vorteile verleugnete. Aber das lichte Haar machte ihm Gedanken, bis er lächelte und sich eitel nannte, wie keinen zweiten Juden .der Gasse. Deshalb wandte er sich ab von seinem Aeußeren und suchte sein Inneres zu ordnen, daß dies eher die Probe bestehen konnte, als sein glattes Gesicht. Der Weg zur Burg gab ihm das Gleichgewicht wieder. Er fand die Pfade unverändert, über die er mit dem Freunde schritt und sein Herz öffnete sich willig der Freude der Erinnerung. Prosper war ihm ein guter Freund .gewesen, ehrlich und rückhaltlos wie keiner der eigenen Glaubensgenossen, die ihm — leider, leider — ein wenig zu viel bewundernden Neid entgegenbrachten. Das ist dem Juden im Gemüt nur angedeutet, den eigenen Rassebruder auch dann zu lieben, wenn er über ihm steht. Das Gefühl auszuprägen« es La Freundschaft zu biegen, das sind leider Seltenheiten in der Gasse. Kameradschaft — hier ist es Sucht, auf gleicher Höhe zu bleiben! Selbstlose Freundschaft — nur jenem, der der Hilfe bedürftig ist, nicht aber jenem, der an Geist und glückhaftem irdischem Unternehmen einem selbst überragend bleibt. So, die Mängel im Charakter der eigenen Leute beobachtend, schritt David den nicht unbeschwerlichen Weg zur Höhe hinauf. Seine Jugend, mit deren Erinnerungen er sich beschäftigte, glitt ab von ihm angesichts des Tores, vor dem der Posten mißtrauisch auf den Juden schaute, bis er in ihm den angekündigten David erkannte. Freundlich ließ der Bewaffnete David eintreten, der übern Hof ging, um so ins Blickfeld aller auf ihn Wartenden zu treten. David wußte nicht, daß von einem Fenster Prosper mit freundschaftlichem Stolz auf den stattlichen Mann schaute, der erhobenen Hauptes den neugierigen Blicken der Mägde und Knechte begegnete und nichts vom Devoten der Juden an sich hatte, die sich durch dieses ihnen nicht gemäße Demütige den anderen Völkern nicht gerade sympathisch werden ließen. Das war es, was Prosper zu dem jüdischen Knaben hinzog und an anderen Juden verurteilte er wie oft dieses unleidliche Dienern der jüdischen Menschen. Aber David fand auch hier wie überall und immer seinen Gegenausgleich: Jahrtausende von Demütigungen beugen den Rücken und formen das Gemüt eines Menschen derart, daß es sich vor sich selbst verschleiert. Denn was anderes als Schleier sind die Regungen dieser Art! — Dennoch gefiel Prosper das Wesen des Freundes immer wieder wie es war: David war Jude, ohne sein Kernwesen trotz aller Jahrhunderte und Tausende verloren zu haben . . . Aehnliches dachte auch die scheue Burgherrin, die es sich nicht verwehren konnte, sehr vorsichtig aus dem Fenster zu lugen, um ein Zipfelchen von der stattlichen Gestalt des blonden Juden zu erhaschen. Sie war wirklich erstaunt, in ihren Vermutungen übertroffen zu sein und ein wenig rot wurde sie, weil sie die Freundschaftswahl des Gatten so sehr billigte. Aber auch der Burgherr, der knorrige Alte, fand es nicht unter seiner Ehre, einen Blick in den Hof gleiten zu lassen, wenngleich er sich sofort wieder davon zurückzog. Aber besser war es so, denn überrascht hätte ihn der Anblick dieses seltenen Menschen, wenn er ihm so einfach in die Stube getreten wäre. So wußte er*wenigstens, daß dieser David ihm an Größe und Stärke gleich war, wenngleich er sich fragte: wie kommt ein Jude, der auch noch Gelehrter ist, zu einem solchen kraftvollen Aussehen? Aber er wußte von Prosper, daß keiner besser durch Pfeile das Ziel fand, als dieser Jude, keiner besser reiten, fechten und seine Kräfte spielen lassen konnte, als David. Das war der Ausgleich, den Prosper für die geistigen Lehren an den Freund verschwendete. Was aber Prosper verschwiegen hatte, weil er dies für unter des Freundes Würde hielt, war, daß eben dieser so ritterlich sich gebärdende David sich nicht scheute, der alten Magd des Hauses Holz zu zerkleinern, Schmutz zu karren und alles Schwere zu erledigen, was einer Frau Kraft übersteigt. Der so behandelte Körper hielt dem Geist gleichen Schritt und wuchs und blühte zu der Schönheit und Kraft, in der er vor dem alten Burgherrn stand. Sterenberg reichte ihm nicht die Hand, so weit war er nicht, wenngleich er vor einem klugen Mann stand, der überdies der Freund des einzigen Sohnes war. Aber er hieß ihn nicht weit von sich Platz nehmen und schwieg eine geraume Weile, wohl abwartend, wie sich der Jude dazu verhielt. Aber David schwieg gleich ihm und ließ seine Blicke ohne Scheu über die herbe, fast asketisch anmutende Einrichtung des Zimmers gleiten, in dem der Burgherr seine Tagesgeschäfte zu erledigen pflegte. (Fortsetzung folgt.)