Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1936)
- Date
- 1936-08-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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27. August 1936- Derlsraelit Nr. 35 Seite 5 Zukunft des orthodoxen, jüdischen Volkes hängt nicht davon ab, ob die Reichen bei uns sind, sie hängt davon ab, ob uns gelingt, die Armen und Enterbten mit der Ueberzeugung zu durchdringen, daß Agudas Jisroel der Anwaltihres Rechtes istuind seinwill! Breuer, einer der Geistvollsten und Geistigsten unseres Kreises, sagte in dieser Rede dem geistigen Hochmut und dem Standesdünkel den schärfsten Kampf an, wurde in ihr zum glühenden Anwalt der zerbrochenen Herzen" und hat durch sie m. E. das Wichtigste und Einschneidendste gesagt, was den Verantwortlichen, den rabbinischen und weltlichen Führern des orthodoxen Judentums, einmal, vielleicht in zwölfter Stunde — gesagt werden mußte: a"jy M711TI ist und bleibt die entscheidende Richtlinie agudistischer Politik, die auf weite Sicht arbeiten will! Im „agudistischen Poel" sieht Breuer, m. E. mit hundertprozentigem Recht, das agudistische Ideal verwirklicht, wenn es gelingt, ihn voll und ganz in der agudistischen Gedankenwelt zu verwurzeln. ' Daß es gelinge, dazu gehört, daß unsere besten Menschen sich der a^yiS nicht in kühlem ,,Von-oben-herab" annehmen, sondern in voller und aufgeschlossener Brüderlichkeit ihnen helfen in ihrem schweren, zermürbenden Existenzkampf, daß das „Nicht verzweifeln", der ergreifende Refrain der D'byiS-Hymne, in dem so viel Entsagen und andrerseits so viel Vertrauen auf die Durchschlagskraft des "HPT -Ideals der rmn Hegt, nicht doch schließlich, weil wir unsere Pflicht nicht tun, von dem Schrei der Verzweiflung übertönt wird; daß ihr opfervollster Agudismus nicht schließlich doch dem drängenden Sozialismus der Gasse weichen und sie, unsere Treuesten, uns so zu Gegnern machen muß! Ich halte es für eine Bekenntnistat von höchster Bedeutung, daß Isaac Breuer sich an die Spitze unserer, palästinensischen tZT^Sns gestellt hat, nachdem er schon vorher in der Begegnung mit den Arbeitern das Los des bsna erlebt, die Bedeutung des btflD erkannt hatte. Breuer setzte, ihm selber vielleicht unbewußt, mit diesem gewaltigen Appell an unser agudistisches Gewissen nur das Werk fort, das unser genialer, unsterblicher Rabbi Meier Sohapiro y'XT» der Gaon des Geistes und des Herzens, begonnen: von der Tribüne der zweiten Kenessio Gedaulo erscholl dessen machtvolles Wort im Interesse unserer Armen, die unseren Reichtum bedeuten: im Interesse unserer Ar b e i t e r! Deshalb schien mir auf dieser Marienbader Tagung der Appell zu Gunsten unserer Arbeiter doppelt wichtig und von prinzipieller Bedeutung, weil diese rPOJD sich etwas gar zu breit mit der Frage des ]V X3ö 'JOD beschäftigen mußte, Breuers Anruf wirkte daher wie ein Aufruf zur rnnpfV zur Besinnung auf die Quellen unserer inneren Kraft!-- Wir wollen es ehrlich bekennen: wir Agudisten brauchen diesen Aufruf, der unseren Blick nach „oben" — lenkt doppelt, wenn wir „tagen"! Es sei mir gestattet, auf eine Beobachtung hinzuweisen, die ich während dieser Tagung machte: Während wir in Marienbad berieten — und Ziel all unserer Beratung ist doch rnfi pltn und nptnn nnnn— war dort ein n^lWÖ der Lublmer niT'ttP' ein Mann also, der, um des, Werkes und seines Gründers willen, doch gewiß Anspruch hatte .in die vollste Bereitschaft von uns allen! Wir alle hatten aber so viel zu tun mit der „Organisierung", daß der Mann verzweifelt und voller Mißmut herumlief — und wie ihm, so ging es manchem würdigsten min ]> der in eigener, aber dennoch nicht minder berechtigter Not sich an uns wenden wollte und an unserer „Geschäftigkeit" strandete: die „Orkanisierung" der Gemüter durch Is. Breuer war darum ein Akt höchster Notwendigkeit! Aus dem Ruf, den er im Namen unserer D^ttlD ertönen ließ, hörte ich den Ruf all des Leids und all der Not, an denen wir agudistischen Menschen nie vorübergehen sollen, und forderte der VVd auch noch so sehr die Anspannung, aller unserer geistigen und materiellen Kräfte! So wurde mir — und hoffentlich vielen meiner Gesinnungsfreunde — Breuers Aufruf zum mahnenden Auftakt des Elul, in der einen tiefen Seite seiner Bedeutung: D^l'nK^ DUHai WSTtf? CK W. S. J. Aktuelle Erziehungsfragen Von Rabbiner A. Wolf. Anläßlich der im Aw zu Nürnberg stattgehabten Tagung der deutschen Agudajugend soll hier ein Einblick in •die Erziehungsfragen unsres Kreises gewährt werden. Die augenblickliche Lage der jüdischen Jugend Deutschlands ist nicht mehr die gleiche wie die des Jahres 1933. Der Prozeß der Berufs u m Schichtung, aus dem akademischen oder kaufmännischen zum Handwerkerberuf, geht seinem Ende entgegen. Die Fünfzehnjährigen von jetzt sind schon seit Jahren mit dem Plan des körperlich arbeitenden Berufes vetrraut. Der Arbeiterberuf ist für die jetzt Fünfzehnjährigen das Gegebene und nicht mehr das plötzlich Gewordene. So ist denn auch ihre Werthaltung eine andere. . i Die Sorge um sie hat immer noch vornehmlich der Bund, der heute nicht mehr auf die Achtzehnjährigen, sondern auf Jüngere eingestellt ist. Seine geistig-seelische Aufgabe besteht nicht mehr darin, dem schon gereiften Jugendlichen ein jüdisches Verhältnis zum neuen Leben aufzuweisen, sondern den Prozeß des Reifens selber gilt es zu beeinflussen. Der Bund erfaßt die Jugend etwa vom elften Lebensjahre an und führt sie in das Wesen der Jugendgemeinsohaft ein; Vertrauen, Einsatzbereitschaft, wirklicher Altruismus usw. sind die Eigenschaften, die besonders gepflegt werden müssen, wenn schwer arbeitende Menschen einmal eine Gemeinschaft bilden sollen. Der Jugendliche verläßt die Schule, meist Volksschule und somit den Heimatsort, um auf die Jeschiwah zu gehen. Dort wiederum lebt er in der Wohngemeinschaft, 6\°: ihn zuweilen mehr noch packt und fesselt, als die geistigen Werte des Lernens selber. Dann * nämlich, wenn der Bund an seinem Heimatsort mehr das Seelische als das Geistige gepflegt hat. Nach kurzem, nämlich einjährigem, Jeschiwah-Aufenthalt beginnt die Mittleren-Hachscharah, die geistige und praktische Erziehung verbindet, bis der Kibbuz, das Ziel des Vor auf gegangenen, erreicht ist. So stellt sich der Fünfzehnjährige den Ablauf seiner reiferen Jugendzeit vor. Als Hauptprobleme treten ihm entgegen: die Gemeinschaft als sein Heim und die Arbeit il§ sein Beruf. In dieser Lage ist er den Gemütswerten des jüdischen Lebens gegenüber besonders empfänglich und beschäftigt ihn weiterhin das Problem der Bewährung der Thora im Leben. Standen lange Jahrzehnte im Mittelpunkte des Kampfes um die Thora die Probleme der Bewährung der Thora gegenüber dem Denken, der Wissenschaft, während die Lebensbewährung im schwach belichteten Hintergrund blieb, so ist heute die umgekehrte Situation eingetreten: die wissenschaftliche Bewährung ist in den Hintergrund geschoben worden; grell beleuchtet ist die Frage der Lebensbewährüng. So gilt es wenigstens für die Palästina-Auswanderung. Wenn nun der jüdische Jugendliche in die doppelte Problematik, Gemeinschaft und Le- Kleines Feuilleton, Der Maharadscha von Cochin in der Synagoge. Der Maharadscha von Cochin, Sir Sree Rame Vaxma, hat der Synagoge der weißen Juden in Cochin einen Besuch abgestattet. Es war dies der erste Bestich eines indischen Fürsten in der Sy= Jiagoge. Auf die an ihn gerichtete Begrüßungsanspräche antwortete der Maharadscha mit Worten der Anerkennung für die hohe Bedeutung, die die jüdische Gemeinde trotz der kleinen Zahl ihrer Mitglieder für seinen Staat habe. „Es steht historisch unzweifelhaft fest, erklärte der -Maharadscha, daß 'die erste Niederlassung von Juden in meinem Staate mindestens zwanzig Jahrhunderte zurückliegt. Ihre Gemeinde bildet daher eines der frühesten Bindeglieder zwischen Indien und der Außenwelt. Daß Menschen anderer' Herkunft und anderer Kultur in einem für sie fremden Land in Frieden leben konnten, ist der beste Beweis für den Geist 'der Toleranz, der schön in jenen fernen Tagen in diesem Lande herrschte. Dieser Geist der Toleranz ist ein Erbe, .auf das die Herrscherfamili« von 'Cochin besonders stolz ist. Mein .Bemühen wird stets darauf gerichtet sein, 'diese Trädätibh /aufrechtzuerhalten, und jeder Gruppemeiner Untertanen in gleicher Weise Gerechtigkeit und Freundschaft entgegenzubringen. 1 Sie' haben, schloß der Maharadscha, in -Ihrer Ansprache die Fürsorge erwähnt, die ich und meine Regierung Ihrer kleinen Gemeinschaft entgegenbringe. Sie können sicher sein, daß diese Gesinnung stets bewahrt werden wird und daß Ihre Interessen, welcher Art immer sie sein mögen, in vollem Maße Schutz finden werden." Schwarze und weiße Juden in Indien. Auf der Niederländisch-Indischen Insel Javä, erzählt der bekannte Chirurg Dr. Sheifi, leben ca. 1000 Juden verstreut, davon 700 in den zwei Städten Surebaya und Batavia, Die meisten stammen aus Holland, sehr viele sind Regiemngsb'eämte; Auf Sumatra gibt es in Medan •eine kleine jüdische Gemeinde. In Penang leben 30 bis 40" jüdische Familiett. Dann besuchte ich Colombo auf der Insel Ceylon und schließlich Bombay. Dort existiert eine jüdische Gemeinde von mindestens 10.000 Seelen, überwiegend Sephardim. Einig« tausend gehören aber den „Bene Israel" an; es sind die® schwarze Juden, die der indischen Urbevölkerung ähneln. Die Sephardim behaupten, die Bne Israel seien Inder, die zum Judentum übergetreten sind, während 'diese wieder behaupten, die ersten nach Indien eingewanderten Juden zu sein; ihre Hautfarbe sei auf die jahrhundertlange Akklimatisierung zurückzufüliren. Esgab vor einem Jahre in Rangooii einen. Prozeß in dieser Angelegenheit zwischen Sephardim und Bene Israel, weil die weißen Juden ihren schwarzen Glaubensge* nossen das Gemeindewahlrecht entziehen wollten. Die Bene Israel -habe den Prozeß gewonnen. In Eden' kämich mit einer jemenitischen Gemeinde in ßerührtötg. Großes Elend herrscht unter den Eihii granten, die aus Jemen kommen, um nach Palästina auszuwandern. In Makassar auf Zelebes hatte ich ein eigenartiges Erlebnis. Kaum hatte das Schiff am Hafenkai angelegt, als jemand an meine Kabine klopfte. Es war eine Jüdin, die gelesen hatte, daß ich eine Reise nach Zelebes unternehme. Sie sagte" mir, daß es zwei jüdische Familien auf der Insel gebe. In der einen war vor sechs Monaten ein Knabe geboren worden, der noch nicht in den Bund Abrahams aufgenommen werden konnte. Man bitte mich daher, als Arzt die Beschneidung vorzunehmen. Ich mußte dem Wunsche der Mutter willfahren. Wochenkalender. Vom 29. August bis 5. September 1936 / Vom 11. — 18. Elul 5696 »ai* *p Samstag 29 11 T"P 23 Sonntag 30 12 33 Montag Aug. 31 btix 13 na Dienstag Sept. 1 14 na Mittwoch 2 15 13 Donnerstag 3 16 T3 Freitag 4 17 na Samstag 5 18 m «ian '3