Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1936)
- Date
- 1936-08-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 35 Der Israelit 27. August 1936 diese, man darf sagen seelische Brüskie rung der Juden angibt: man könne nicht jeder Pilgergruppe eine militärische Eskorte beigeben. Mag sein! Aber eine militärische Eskorte oder ein verstärkter Polizeiposten könnte ja vor dem Grabe stationiert werden, damit jede Pilgergruppe den gleichen Schutz vorfindet, ohne die Regierungs- und Militärbehörden von Mal zu Mal von Neuem bemühen zu müssen. Wiederum eine Verbeugung vor den Arabern auf Kosten der Juden! Noch einmal; Sind die Falaschas Juden? Herr Louis Lamm schnitt vor kurzem wieder einmal die Frage der jüdischen Zugehörigkeit der Falaschas in Abessinien an. Unser Mitarbeiter, B. C., schreibt uns dazu: 1. Die Unkenntnis in hebräischer Sprache und elementarsten religionsgesetzlichen Begriffen ist kein Merkmal, das die Falaschas von den Bewohnern mancher deutschen Kleingemeinde unterscheidet, die noch nicht einmal eine liberale oder lehrerlose sein muß. 2. Der oi-po-Kult der Falaschas geschieht aus heidnisch-religiösen Gründen, ist aber kein schlimmeres religionsgesetzliches Vergehen als die Geburtenverhinderung mancher (wiederum nicht nur liberaler) Westjuden, die aus wirtschaftlichen Gründen geschieht. 3. Das Opfern ohne den Tempel Jerusalems und die Anmaßung der Priesterwürde durch Nichtaharoniden widerspricht strengsten Thoraverboten, ist aber nicht unjüdischer als die bei den westjüdischen Liberalen übliche völlige Streichung des Opferkultes aus den täglichen Gebeten. 4. Die sonderbare Mila der weiblichen Personen der Falaschas mag nach dem Thoraverbot der Selbstverstümmelung ein schweres Vergehen sein, aber kein schwereres, sondern ein weit weniger schlimmes als die völlige Unterlassung der Mila in vielen sog. jüdischen Gemeinden, zu denen der Weg auch keine Weltreise erfordert. 5. Daß die Falaschas gerade den Roschhaschana und den Jomkippur nicht kennen, stimmt nicht. Wäre dies aber der Fall, so wäre es nicht schlimmer als die Ahnungslosigkeit sehr vieler uns räumlich viel näher wohnenden Juden über andere wichtige Tage und Begriffe des jüdischen Jahres. 6. Die heidnische Ausartung ihrer Begräbnisbräuche, die deutlich zeigen, daß ihnen die rein geistige Auffassung des Fortlebens nach dem Tode fremd geworden ist, kann nicht schlimmer bewertet werden als das offene Bekenntnis ungezählter europäisch-amerikanischer Juden zum krassesten Materialismus. Aus diesen Erwägungen zieht ,B. C. folgenden Schluß: „Denken wir uns einige Jahrhunderte oder auch nur Jahrzehnte der heutigen allgemeinen Entfremdung der glaubenslosen Juden Europas weiter verflossen, so werden wir an den Nachkommen dieser von allem höheren Denken abgeschnittenen Unglücklichen und tief Bedauernswerten nach menschlichem Ermessen sicherlich kaum noch ein jüdisches Charakteristikum bemerken. Das ist keine Zukunftsmusik; in sehr vielen Gegenden Europas und sogar Palästinas, zu denen man nicht Afrikareisen machen muß, sieht es heute schon so aus. Wollen wir den Nachkommen aller dieser Unglücklichen, denen auch unter den Keulenschlägen der Gegenwart der Mut zur Rückkehr ins wahre Judentum so fehlt wie den Falaschas nach Beginn der kirchlichen Bedrückungen, im Vorhinein die Zugehörigkeit zum Judentume absprechen? Nur wenn wir das wagen,' dürfen wir auch auf die Falaschas Zweifel über ihren Jichus werfen. Es sei auch an die 1929 von der Wiener Kenessio ausgesprochene Erlaubnis zur Aufnahme der jetzigen bußfertigen Anussim von Portugal erinnert. Wir leben in einer Zeit, die den lebendigsten Gegenbeweis gegen die Behauptung Ungläubiger liefert, welche die unter König Josia erfolgte Auffindung der Thora als deren Neuabfassung ansehen wollten. Denn auch heute könnte in mancher ganz weit von den Falaschas und'ganz mähe bei uns wohnenden Gemeinde ein Thoratext sogar in der Landessprache aufgefunden und leicht in derselben Gemeinde umsonst der Mann gesucht werden, der diesen Text als zur Thora gehörig rekognoszieren kann. Damals in Jerusalem konnte das noch eine einzige alte Frau; heute fehlt stellenweise auch die. Und doch ist die Thora schon vor langer Zeit gegeben . . Diese Feststellungen unseres Mitarbeiters greifen nicht tief in die wissenschaftliche Diskussion über die Abstammung der Falaschas ein, sollten aber um so mehr als Mahnung von räumlich uns näher stehenden jüdischen Kreisen beherzigt werden. Die Elulstunde der Marienbader Kenessio. Es ist in diesen Blättern schon wiederholt ausgesprochen worden, daß die Marienbader Kenessio Mechino einen alle Beteiligten befriedigenden Verlauf genommen hat. Die Eingeweihten hatten ihr mit banger Sorge entgegengesehen: das Ergebnis — starkes Bekenntnis zum Agudismus, zu großen Opfern bereite Anerkennung der Notwendigkeit der agudistischen Organisation, der Wille, die agudistische Aufbauarbeit im heiligem Land und in der übrigen Geulo mit allen Kräften fortzusetzen — und — vielleicht noch wichtiger als das Ergebnis — der Verlauf der Konferenz: die auf besonderer Höhe stehende Diskussion, in der jeder Redner sich seiner Verantwortung gegenüber unsrem großen Ganzen bewußt blieb, die Arbeit in den Kommissionen voll Ernst und strenger Sachlichkeit — all dies ließ erkennen, daß uns um die Zukunft nicht angst zu sein braucht, wenn der Geist von Marienbad Wurzel faßt in den Landesorganisationen und ihren örtlichen Gruppen, Im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte stand die vielumstrittene und leider schon vorzeitig in der Presse behandelte und dadurch mißhandelte und mißverstandene Anregung Isaac Breuers auf Schaffung einer aus den orthodoxen Arbeitern Palästinas bestehenden Zweckorganisation; „Hapauel Hacharedi!" Den Sinn und die Grenzen dieser Organisation hat Breuer — von seinen eindeutigen Ausführungen auf der Tagung selber abgesehen — in Aufsätzen genau dargelegt. Hiervon soll hier eben so wenig gesprochen werden wie von der Bedeutung des in dieser Beziehung in Marienbad gefaßten, der Bestätigung durch unseren Rabbinischen Rat bedürfenden Beschlusses, der ein Kompromiß sein mußte, denn niemand konnte den Mut nu einem Nein, Keiner konnte die Kraft zu einem J a aufbringen! Eines soll hier vielmehr aus der Gesamtheit der Referate und Diskussionen hervorgehoben werden: das laute, von gewaltiger Herzenskraft und zwingender Beweisführung getragene Bekenntnis Isaac Breuers zum orthodoxen Proletariat, zum agudisti-schen Arbeiter! Breuer sprach aus, was alle Konferenzteilnehmer wahrscheinlich schon wußten, fühlten, ohne sich aber dieses Wissens und Fühlens bisher in vollem Umfang klar geworden zu sein: die Zukunft der Agudas Jisroel, die F i^SBB^f^f t' "^jr ^^^f^^^^^'^^r Unser alt-neuer Erez Israel-Vertrag Gedanken zn den Trostwochen. Von Jacob Teßler in Nürnberg. Die Terroraktion der Araber brachte die Frage unseres Eigentumrechts auf Palästina ins Rollen» Die hierüber erbrachten Beweise versuchten vereinzelte Stellen zu entkräften. Solange aber die Nationen und Völker der Welt die Autorität der Bibel ams erkennen, ist unser Recht auf Palästina weder diskutabel noch anfechtbar! Wir als Empfänger und Verbreiter dieser Bibel, für deren Erhaltung wir Jahrtausende unser Gut und Blut hergaben, wir haben ein g'ttlichee, unzerreißbares Dokument über Palästina in Händen, das allen Nationen auf dem Erdenrunde zugänglich, in tausenden Sprachen übersetzt ist und im hebräischen Urtext, wie folgt lautet: „ ... so wird der Ewige, dein G'tt, sich auch deiner erbarmen und dich aus der Gefangenschaft zurück* führen; aus allen Völkern, unter welche dich der Ewige, dein G'tt, dich zerstreut hat, wird er dich wieder sammeln. Wärest. du bis an das Ende des Himmels verstoßen, so wird der Ewige, dein G'tt, dich von daher sammeln und einholen. In das Land zurückbringen, das deine Vorfahren besessen haben, daß du es wieder besitzest und wird dich glücklicher und zahlreicher machen, als deine Vorfahren gewesen" (5. B. M., K. 30, V. 3—7). Siehe R. Bechaja zur Stelle und Rambam, Melachim, Abschn. 11, 1—2. Nach letzterem ist hier 'die Ankunft des Moschiach am 'deutlichsten ausgedrückt und ist die Basis für alle diesbezüglichen prophetischen Verheißungen. Wer an den Ursprung und Echtheit dieses gütlichem Dokumentes zweifelt, der lese das vorstehende Kapitel 28, V. 15 bis zu Ende nach, das die sogenannte Strafrede enthält und vergleiche mit diesem Kapitel die Geschichte der letzten Zweijahrtausende. Man prüf© und studiere genau jedes Wort dieser Strafverkündigung, und der verschlagenste Freigeist, so er die Weltgeschichte nicht ignoriert, muß die Untrüglichkeit dieser g'ttlichen Voraussagung und somit jene G'ttesVerheißung bezüglich der Rückkehr in das Land unserer Väter anerkennen. „Nicht ein Mensch ist G'tt, daß er trüge, nicht ein Erdensohn, daß es ihn reue. Spräche Er und täte es nicht, redete und hielte es nicht?" (Siehe TargumsJeiiu®chalmi und Raschi zur Stelle; 4. B. M., K. 23, 19). So sprach einst der größte, und fernstehende heidnische Seher Bileam, Worte, die unsere Bibel, unsere Propheten und die. Weltgeschichte vollauf bestätigen, .Wir wollen und werden nicht ■ewig als beherbergte Nomaden in fremden Hütten, als die nur geduldeten Gäste in fremden Gastländern weilen —, „auch die Schwalbe findet ihr Nest" -— und von Erez Israel gilt besonders der Ruf des Wels I tenschöpfers psn ">b •>> „Denn mein ist das Land=" psn n»iT» •>)>• „Mir die Heiligkeit dieses Landes!" (Siehe Gem. Gattin 47a). Wenn uns nun dieses Land auf G'ttes Befehl entrissen wurde und wir ins Exil mußten, so hielt doch G'tt treu Wache über dasselbe, seine g'ttlidhe Schechina wich nicht von ihm, es blieb, so heiß es auch umstritten wurde, wüst und verödet, auf 'die Rückkehr seiner vertriebenen Söhne harrend. Unser Recht auf Palästina ist somit G'tt es - recht, um das wir nicht zu bangen brauchen. G'ttesrecht war es, uns das Land zu nehmen und Sein Recht wird es sein, es uns, ob früher oder später, wieder zu geben. „Denn nicht immer will ich hadern und nicht ewig zürnen" (Jesaja, 57, 16). — Allen Ereignissen der letzten Jahrzehnte nach zu schließen, rückt die Zeit der Verwirklichung unseres Erbvertrages immer näher, vielleicht näher als wir glauben. Dem Abschnitte f*i«n b» man '5 geht in heutiger Sidra yhw "]b r\V9 *wk n« tot voran. Diese beiden Abschnitte stehen nicht ohne Grund nebeneinander. Auf halbem Wege faßt uns der * Feind ab und sperrt uns den Weg nach der Heimat. Allein, wir sind und bleiben einmal das Volk der großen Propheten und erleben die herannahende Bewahrheitung der jesajanischen Prophezeiung! „Ich bringe sie zu meinem heiligen Berge und lasse sie froh sein in meinem Bet-i hause; ihre Brandopfer und Schlachtopfer sind wohlgefällig .auf . meinem Altar; denn mein Hauswird ein Bethaus für alle Volk er genannt!" (Kap. 56, 1)