Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1936)
- Date
- 1936-08-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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27. August 1936 Der Israelit Nr. 35 Seite 3 Die neue Terrorwelle in Palästina. (Fortsetzung von Seite 1.) ■-■ i ■ Sicherung der arabischen Mehrheit in Palästina Bedacht genommen werden wird. Die jüdischen Instanzen sind sich über die Gefahr vollkommen klar, und die zionistische Nationalversammlung (Assefath Haniwcharim) hält diese Maßnahme für spruchreif genug, im (wie bei uns in der vorigen Nummer mitgeteilt), jetzt schon a priori geharnischten Protest einzulegen. Man lese noch dazu deni in der heutigen Nummer veröffentlichten „Offenen Brief" Bürgermeister Dizengoffs. Soll das die Prämie sein für die letzten arabischen Massenmorde in Palästina? Und kann man die Palästinaregierung und London von der Schuld an dem monatelangen Morden und Sengen in Palästina vollkommen reinwaschen? Es ist heute schon so, daß auch die besonnenen, der prekären Lage der englischen Politik vollauf Rechnung;-itragenden jüdischen Kreise Regierung und Mandatarmacht öffentlich anklagen, daß sie nicht einmal durch die zahlreichen Opfer, die sie selbsit infolge der Ermordung von englischen Soldaten und Polizisten erlitten haben, zu einem kraftvollen Vorgehen herausgefordert werden. Wenn wir die kürzlich veröffentlichte Totenliste in Palästina mit dem Schlußkapitel des letzten Thoraabschnittes vergleichen, dann ist es uns, als hätte England allen Grund, siebenzig nsny n^S? - Opfer zu bringen und zu bekennen: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen", aber „unsere Augea haben nicht gesehen"; nicht genug gesehen, um dieses Werk der Zerstörung an Menschen- und Pflanzenleben zu verhüten. Aber natürlicher Verstand und Rechtsgefühl sträuben sich dagegen, von England zu befürchten, daß es dem blutigen, kindermordenden arabischen Moloch gar noch das jüdische Recht: die Einwanderung, zum Opfer bringen könnte. Und dennoch ist die Angst da — und ist nicht unberechtigt. Es bleibt die Schicksalsfrage offen: Was wird geschehen, wenn der an Dauer und Ausdauer in der Geschichte einzig dastehende Streik beendet ist, die Wege in Palästina sicher geworden sind und die Untersuchungslcommission wieder einmal das dunkle Land Palästina entdeckt hat? Was dann? Wird uns Ersatz und Gerechtigkeit widerfahren für all die* Unbill, die wir in langen Monaten erlebt und-erlitten haben? Oder werden die arabischen Stellen, dje mindestens die moralische Verantwortung für das Mordbrennen haben, in irgend einer Form eine Prämie bekommen, die sie zu neuen Taten ermutigt, zu einem gelegentlichen neuen | Rufen der Geister, die sie nicht mehr loswerden können? In einer ausführlichen Betrachtung der „Times" vom 19. August wird vor einer zeitweiligen Einwanderungssperre vor oder während der Arbeit der königlichen Kommission aufs Entschiedenste gewarnt. Die Führung habe die Massen längst nicht mehr in der Hand und die letzten Untaten der arabischen Untermenschen seien die Antwort an die Leitung, die einer Vermittlung zugängig sei und der königlichen Kommission den sicheren Weg durch Palästina freimachen möchte. Die Extremisten kennen nur eine Verhandlungssprache: den Terror, die Flinte und die Bombe, Die einzige Antwort Englands hätte die V e r h ä n gun g des Kr'i e g szustandes sein müssen, und es sei nicht ganz erklärlich, warum England noch zögert. Das Blatt begreift, daß der Geduldfaden der jüdischen Kreise in Palästina gerissen sei und daß sich jüdische Jugend zu Vergeltungsakten hinreißen lasse, redet aber den jüdischen Führern zu, ihre Leute zu ermahnen, wie bisher so auch weiter absolute Disziplin und Selbstbeherrschung zu wahren. Die '„Times" verwirft den Gedanken einer sofortigen Einwanderungssperre als absurd, was sie aber für die Zeit nach der Beendigung der Untersuchungsarbeiten für möglich, sogar für ratsam hält, wirkt indes auch nicht unbedingt beruhigend. „Sollte die königliche Kommission," so schreibt das Blatt, „nach entsprechender Untersuchung der Ursachen der Unruhen berichten, daß die jüdische Einwanderung die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit Palästinas überschritten habe, und sollte sie ihre künftige Einschränkung oder zeitweilige Einstellung empfehlen, so könnten ihre Empfehlungen kaum außer acht gelassen werden." Diese vom führenden englischen Blatt uns für später eröffnete Aussicht ist nicht sehr erhebend, Was der jüdische Jischuw angesichts der neuen Terrorwelle verlangen muß, ist, 1. eine energische, schonungs- und bedingungslose Ahndung der fürchterlichen Verbrechen. 2. Keine Ermutigung dieser Untaten durch neue Konzessionen an die arabischen Mordbanden auf Kosten der Juden. 3. Keine vorzeitige Andeutung von späteren Maßnahmen, Wochenrundschau, Wo ist der Rest des 1930-Fonds? Eine Frage des „Jewish Chronicle". In einer längeren Korrespondenz eines Jerusalemer Berichterstatters, in welcher die große Notlage geschildert wird, in der sich die Flüchtlinge und Opfer der letzten Unruhen in Erez Jisroel befinden, wirft, wie uns vom J. P. B. berichtet wird, der Londoner „Jewish Chronicle" öffentlich die Frage auf, was eigentlich mit den Restgeldern des 1930-Fonds geschehen ist, und warum man nicht diese für die Linderung der Opfer des 1936-Terrors verwende. Unter anderem kann man folgendes in der letzten Nummer des „Jewish Chronicle" lesen: „In Erez Israel wird jetzt eine Sammelaktion durchgeführt zwecks Aufbringung von 100.000 Pfund für die Opfer der letzten Unruhen. Daß so ein Hilfsfond gegenwärtig eine primäre Notwendigkeit ist, steht außer Zweifel, Die Not der Flüchtlinge der 1936-Unruhen sind aber bedeutend größer und dringender, als es die von 1929 gewesen ist. Es war im Jahre 1930, als das Weltjudentum für die Opfer der damaligen Unruhen die enorm große Summe von Lst. 450.000 aufgebracht hatte. Obwohl die Bevollmächtigten oder Direktoren dieses Fonds niemals eine Abrechnung der Oeffentlichkeit vorlegten, ist es augenscheinlich, daß unmöglich die ganze Summe von 450.000 Lst. verausgabt wurde. Es ist aber jetzt die Pflicht der Verwalter dieses Fonds, die Restgelder für die Opfer und Flüchtlinge der 1936- Unruhen flüssig zu mache n." „Es wäre wünschenswert," führt dann der „Jewish Chronicle" weiter aus, „diesbezüglich eine öffentliche Erklärung von den obenerwähnten Fonds-Verwaltern zu erhalten, da sie doch letzten Endes verpflichtet sind, den tausenden Spendern vom Jahre 1929, die ihre Beiträge für einen bestimmten Zweck leisteten, Rechenschaft abzulegen. Die gegenwärtige Notlage in Erez Israel fordert Hilfe von allen Kreisen, und zweifellos wurde der seinerzeitige Hilfsfond für so eine Not geschaffen, wie sie eben jetzt in Erez Israel vorherrscht." Wir (haben dem nichts mehr hinzuzufügen, als das, was wir über diesen Punkt auf Grund der Berichte unserer Jerusalemer Korrespondenten schon wiederholt gesagt haben. die dazu angetan wären, die Hoffnung auf der arabischen und die Furcht auf der jüdischen S^eite zu steigern. r In einem Punkte möchten wir uns aber dem Wunsch und der Hoffnung der „Times" aus vollem Herzen anschließen: die Disziplin und Selbstbeherrschung, die n^nri' wie sie es dort nennen, darf und soll durch die neuen Herausforderungen nicht leiden. Ein aus Druck geschaffener Gegendruck ist immer ungerecht und trifft Unschuldige. Die armen arabischen Händler oder Stiefelputzer in den Straßen von Tel Awiw können ganz gewiß nichts für die Mordbuben ihrer Nation, die in Safed oder Tiberias Mütter und Kinder niederstrecken. Ruhe wahren, Angriffe abwehren, wo es nötig ist, und Recht fordern.in allen Fällen, ist Gebot der Stunde. Nicht zuletzt aber i n u n s gehen und den heiligen Ernst der Situation nicht durch allzu ausgiebige „Ablenkungen" entweihen, — das wäre die richtige Art von ruVan« Wir wollen hoffen, daß es die letzten schweren Opfer waren, die in diesen Tagen unsere )HX '"J1D"' so schmerzvoll vermehrt haben. i Elulbesuch am Rahel-Grabe t verboten. Aus London meldet „Daily Mail", daß die Regierung den jüdischen Behörden in Palästina mitgeteilt habe, sie sei nicht in der Lage, den im Elul üblichen Gang der orthodoxen jüdischen Bevölkerung zum Grabe Raheis in diesem Jahre zu gestatten, da nicht jeder Pilgergruppe eine militärische Eskorte beigegeben werden könne. ■Diese Nachricht wirkt niederschmetternd, nicht nur in Palästina, sondern in der gesamten Golah. Das Rahelgrab war und ist bis jetzt noch die einzige Heiligenstätte in Palästina, die uns und ganz uns gehört. Die Gebetsstätte vor der heiligen Mauer wird uns zum Teile streitig gemacht und ist Beschränkungen unterworfen (Sitzverbot, Untersagung des Schofarblasens am Jomkippur-Ausgang usw.), die schon schmerzlich genug sind. Bei Hebron läßt man uns an den „Vätergräbern" nur bis zur siebenten Stufe hinauf. Bei Mutter Rahel durften wir uns bis jetzt ruhig und ungestört ausweinen. Wie damals, als, nach dem Berichte von Jeremias 31 und daran anknüpfend im Midrasch zu Echa, die Exulanten diesen Weg passierten -und „eine Stimme aus Ramah hörbar wurde, die Stimme Raheis, die untröstlich um ihre Kinder weinte." Wer einmal im Leben das Glück hatte, eine stille Stunde der Andacht im Rahelzelte vor Bethlehem zu erleben, den wird dieses Erlebnis durch sein ganzes weiteres Erdenwallen begleiten. Im Monat Elul, dem Monate der inneren Rüstung, pflegte das Rahelzelt vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein nicht leer zu werden von den frommen Betern und Beterinnen, die dort m Mutters Schoß alle Klagen und Sorgen und Aengste um eigenes und der jüdischen Gemeinschaft Schicksal ablagerten. Nun kommt im Zuge der schweren Geschicke, die über das heilige Land hereingebrochen, noch die Seelenpein hinzu, daß, wie am 9. Aw der Weg nach der Westmauer, sich im Elul auch der Weg nach dem Raheigrabe uns verschließt. Vor einiger Zeit berichtete unser Jerusalemer Korrespondent, daß Rabbi Mosche Blau von der Agudas Jisroel und ein Vertreter des Waad leumi den Platz vor dem Raheigrabe besichtigt und dann anschließend den Regierungsbehörden einen detaillierten Plan zur entsprechenden Bewachung der heiligen Stelle vorgelegt haben. Die Pläne und Anträge der jüdischen Vertreter sind scheinbar unbeachtet geblieben, ihre trüben Ahnungen für den kommenden Elul haben sich erfüllt. Merkwürdig genug ist der Grund, den die Regierung, nach dem „Daily Mail", für 4