Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-08-20 · Heft 34 (20.8.1936) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 34 (20.8.1936)
Date
1936-08-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450942--82347-2540295
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 Nr. 34 Der I s r a e 1 i t 20. August 1936- Eine uralte Synagoge bei Marienbad* Ein Marienbader Sabbat mit all seinem bunten Glanz unter Juden aller Länder und aller Schattierungen war verklungen, die Kenessio hatte noch nicht begonnen. Ein Sonntag dazwischen schien nicht ganz ausgefüllt, so nahm ich dankbar die Einladung eines Frankfurter Freundes an zu einer kleinen Autotour nach dem nahen Königs wart, der böhmischen Kleinstadt am Südfuß des Kaiserwaldes. Dort befindet sich eine uralte Synagoge, vielleicht die Zweitälteste nach der Wormser Schul, ein G'tteshaus, in dem nachweislich schon im 14. Jahrhundert große jüdische Männer der damals in voller Blüte stehenden Gemeinde gebetet haben. Böhmisch© Wälder, böhmische Berge, böhmische Dörfer! Wie geläufig ist uns diese Redewendung für Dinge, die weit, ganz weit von unserem Sichtkreis und unserer Interessensphäre sind. Nun fahren wir durch diese böhmischen Wälder, durch die Dörfer an den grünen sanften Hängen der böhmischen Berge. Sie sind nicht viel anders geartet wie die Berge und Wälder im Schwarzwalde oder im Odenwalde. Die österreichische Kote ist überall unverkennbar: Breit in die Landschaft gebaut und wei3farbig die Häuser, etwas lässig und gesprächig die Menschen. Hier wohnen Sudetendeutsche, die doch noch mehr von der k. k. österreichischen Gemütlichkeit im Blute haben, als von dem, was ihnen Bruder Czech durch Schule und Verwaltung beizubringen .sucht. Nach einer Stunde sind wir in der breiten Hauptstraße'des sonntäglich geruhigen Städtchens. Die bäuerlich gepülzte'Ä Menschen auf der Straße widmen uns nicht viel Interesse, da man hier an Touristen gewöhnt ist. Das Städtchen, mit einem großen, vornehmen Hotel am Eingang, lebt geradezu von den Touristen, von denen, die das alte. Sehl p ß_ des Fürst e n M e 11 e r n i.cii mit seinen kostbaren' Schätzen, Bildern und Münzen auf dem südwestlichen Hügel besichtigen .wollen, {König Alfons von Spanien weilte gerade darin) und auch solchen, die eigens hinkommen, um die alte ehrwürdige Synagoge zu be~' wundern. Bestaunen wäre vielleicht richtiger ausgedrückt, denn was uns beim Betreten des heiligen Raumes so gewaltig auffällt, ist die unübersehbare katholische Note in den Malereien an der Ostwand. Diese Vögel, diese Engels* und Tiergesichter neben anderen letzten Resten von verfallenen oder mit Absicht verstümmelten Bildern sind nicht jüdischen Ursprungs. In diesem fremden Ton liegt der anlockende Reiz des G'tteshauses und er hat eine Geschichte, die man erzählen, deuten, interpretieren, aber weniger verstehen kann, Der junge Rabbiner, der uns führt und erklärt, spricht mit der Geläufigkeit eines Berufsführers von den Jesuiten, die um die Mitte des 15.-Jahrhunderts in der. Hussittenzeit aus Prag und anderen Teilen Böhmens geflüchtet waren und von den Juden aus Königswart über die Grenze gerettet wurden. Als Kutscher verkleidet, saßen sie auf dem Bock der jüdischen Fuhren, die freie Passage hatten, und brachten die jüdischen Kaufleute ins Bayrische oder Oesterreiohische hinüber. Nach der Niederlage der Hussitten und der Rückkehr der Jesuiten stifte* ten diese aus Dankbarkeit den kunstvollen Schrein, der in die Ostwand hineingebaut wurde. Sie taten es auf ihre Art. Stifter und Künstler kannten für ein G'tteshaus nur das eine Motiv, das kirchliche. Sie meinten es gut. Und die Juden damals wagten es nicht, das Danaergeschenk zurückzuweisen, höchstens nach und nach ein bißchen zu „korrigieren", zu mildern. Man begreift immerhin, wie geblendet die alte Judengemeinde von der Fülle der ihr plötzlich zuteil gewordenen Pracht war, wenn man das Gold und Brokat und die Filigranarbeit im Vorhang bewundert, der heute unter Glas gezeigt wird. Auch die uralten vielverzweigten Messingkandelab.er mit den Talgkerzenresten und andere seltene Kostbarkeiten unter den heiligen Utensilien locken den Kunstkenner immer und immer wieder nach dieser Heiligenstätte. Ein unermeßlicher, vielleicht ein M i 11 i o n e n s c h a t z steht unter dem Natur- und Kunstschutz des. Staates im G'tteshause dieser kleinen, armen Gemeinde, die kaum noch diesen Namen verdient; und dieser unveräußerliche Schatz ist es, der die Gemeinde nicht sterben noch leben läßt . . . Dieses einst religiöse Zentrum für, viele Hunderte von Familien ist heute eine D r e i ni ä n n e r g e m e i n d e. Neben dem rabbinischen „Führer" sahen wir ein kleines Männchen> das vor der. Synagoge, vielleicht um ihr die rechte jüdische Nöte zu geben, die Hand ausgestreckt hielt. Und dann der prächtige Greis, der in seinem kleinen. Häuschen die treue Wacht über die imaginäre Gemeinde und ihr G'tteshaus hält! Levi heißt der Mann, er ist neunzigjährig und sein We.ib, — er stellt: sie unter diesem Namen vor, weil die Bezeichnung Frau scheinbar noch nicht zu ihm gedrungen istzählt erst 84. Sie steht im Häuschen, das nur aus Küche und Schlafzimmer, welches zugleich Empfangszimmer ist, besteht, am. Herde gebückt und kocht scheinbar etwas sehr Würziges, denn der Duft benimmt uns fast den Atem.1 Er, der kleine Mann, der Farnes, der Kapitän auf der Kommandobrücke dieses verlorenen Schiffes, weiß uns so viel zu erzählen, daß diese Aussprache uns noch mehr bietet, als die alte Schul selbst. Er ist in diesem Häuschen geboren, seine Vätersväter haben schon darin gewohnt und alle waren sie Vorsteher dieser merkwürdigen Gemeinde, aus der die großen Königswarter, Barone, Philantropen, Minister und Täuflinge, deren Namen Straßen und Krankenhäuser in europäischen Großstädten trägen, hervorgegangen sind. Von den neunzig Jahren seines Lebens hat sich der Mann fast achtzig Jahre als einfacher Bauer auf eigener Scholle betätigt. Seine Bodenerzeugnisse wurden auf Ausstellungen prämiert. Bis die Kräfte nicht mehr ausreichten. Heute noch ist sein Gesicht kupferbraun und seine Muskeln gespannt, einige Aecker'chen nennt er noch sein eigen, denn er will bis ans Lebensende Brot und Kartoffeln aus Eigenem essen. Das eine Feld, das ihm unveräußerlich ist, das ist die Gemeinde, die in seiner Vorstellung immer noch üppig blüht, und der Steinbau der Sys nagoge, die nur von Zeit zu Zeit, wenn zu hohen Feiertagen aus den umliegenden Dörfern Juden kommen, einen Minjang'ttesdienst sieht. i. Die Ostwand in der alten Synagoge zu Königswart bei Marienbad Auf dem rauhgezimmerten Tische im „Empfangssaal" vor seinem Bette liegen zwei große Bücher. Ich schlage, sie auf, in der Meinung, es: seien Talmudfolianten. Aber es ist nur Geschriebenes darin. In das eine trugen und tragen sich alle Touristen ein. Was eine Menge von Namen,. von großen, berühmten und auch Namen von Namenlosen. Es scheint, daß die ganze Diaspora an diesem alten Hause vorüberzieht und sich, hier .verewigt. Im anderen Buche sind gewissenhaft Einnahmen und: Ausgaben eingezeichnet. .Einkünfte, aus den Eintritts5 und Besichtigungsgeldem und Ausgaben für die1 Instandhaltung •> des heiligen Raumes. Der Kunstschatz drin steht unter Natur- und Kunstschutz des Staates, aber hier liegt der „goldene Schlüssel" zu ihm, in Wahrheit ein etwas verrosteter Schlüssel aus Gußeisen. Keiner kann die Synagoge betreten, ohne erst dieses Haus, zu passieren, den Parnes zu begrüßen und sich gegen Kc. 5.— die Eintrittskarte zu lösen. Davon wird der Beamte besoldet, davon wind auch der heilige Raum in Stand gehalten und arme Juden der Gegend unterstützt. Ordnung geht über alles, sagt der Alte. Und er macht sich schwere. Sorgen darüber, wer sein Erbe später antretenVsolL •' •. - : ' . j: ■" ' ■ ii. ''. Um die Mittagszeit sind wir wieder in Martenbad. Das Leben vor dem Leitner-Hotel treibt hohe Wogen. Wir hatten eine Synagoge als Museumsstück gesehen, und nun sind wir wieder in den Strom lebendigen, Judentums von heute und von morgen hineingerissen ... —-tz. Kiridereeke. „Die Fläschenhütt'n* Von Heinr. EinStädter. I. Die Kinder von Kuttnau im schönen Böhmeriand genossen die schulfreien Tage im Hochsommer, in» dem sie ihre bewaldeten Heimatberge durchstreiften, allerlei Beerenobst sammelten, und sich in den mannigfaltigen Ruinen der Gegend umschauten. Sö> kamen sie auch eines Tages nach der „Fla5* schenhütt'n".. Es war dies eine zerfallene Gläshütte', wie es früher gar viele im Lande gab. Ein großer Haufen verschiedenfarbiger Flaschenscherben ' zeugt© noch von dem Gewerbe, das hier betrieben worden war. Eine Zeitlang unterhielten sich die Jungen, in-' dem sie die größeren Scherben zu vielen kleineren zerschlugen, bis sie daran keinen Spaß mehr fanden und wieder weiterzogen. Nur ein Knabe blieb noch zurück;'Er hieß Sacki Steidler und war etwa zwölf Jahre alt. In einem zerfallenen Gewölbe hatte er einpaar Blätter aus einem hebräischen Gebetbuch gefunden, und diese Entdeckung ließ ihm keine Rühe; er hoffte, mehr zu finden. Wie er so weitersuchte, hörte er in der Nähe ein Geräusch. Zuerst meinte er, seine Kameraden seien zurückgekehrt, aber es waren nur schlürfende Tritte, die er vernahm, und schließlich sah er ein altes, kleines Mütterlein, das Beeren suchte und sich nun'auf einem Stein ein wenig ausruhte, Der Knabe "grüßte höflich und trat auf einen Wink der Greisin näher. Diese sah ihn verwundert an und fragte; ,,Mein Jung'; wer bist du, und wie kommst du in dife alte Flaschenhütt'n, die doch selten ein Hiesiger findet?" „Ich heiße Sacki Steidler und bin aus Kuttnaur und weil wir eben nachmittags keine Schul' haben,, sind wir in den Wald herein." „Aber was suchst du denn ganz allein in der baufälligen Flaschenhütt'n?" „Ich hab' da zufällig ein paar hebräische Blätter in einem Winkel aufgefunden und kann mir gar nicht denken, wie die hierher gekommen sein können." Die Alte ließ sich die Blätter zeigen und sprach dann: „Das kann ich dir schon sagen, mein ,Jung\" Und sie setzte sich auf einen Stein, der wohl einmal die Schwelle zu einem Gelaß gebildet haben. mochte, lud den Knaben ein, neben ihr Platz zu nehmen, und begann ohne viele Umschweife mit ihrer- Erzählung: „Als ich noch ein Kind war, da kam aus dem Polnischen eine Familie "in unser Dorf und wollte sich da niederlassen. Es waren ein alter Mann, der das Gewerbe eines Sofer (Thoraschreiber) betrieb, zwei verheiratete Söhne , und eine ganze Anzahl von Kindern. Die Leute waren nicht ganz unvermögend und dachten daran, ein Häuschen mit einem Garten zu kaufen. Die Männer wollten dann mit allerlei Waren in der Gegend hausieren und hofften, mit: ihrem Erwerb ihre Familien ernähren zu können. Aber es gab im Dorf und in der Umgebung genug Händler, und diese fürchteten die neuen Wettbewerber. Daher wußten sie es dahinzubringen, daß nur der alte Sofer Aufnahme im Dorfe fand, während seinen.- Söhnen der Ankauf eines Häuschens verweigert wurde. Diese sahen sich also nach einem anderen' Nahrurigszweig um und kauften schließlich im hiesigeh Wald ein Grundstück, auf dem sich eine Glashütte befand. In der damaligen Zeit fingen' viele böhmische- Bierbrauereien damit an, ihr Bier in Flaschen abzufiallehr, und als Flaschenbier weithin zu versenden. Die "Brüder jKlang erkannten schnell, daß Bierflaschen bald eine begehrte Wäre sein würden, und richtetensich rasch auf die Herstellung von Flaschen ein. In den ersten Jahren ging das Geschäft auch recht gut. Sie konnten noch einige Arbeiter einstellen und hatten ganz flott zu tun. In der Nähe war noch eine Eisenhütte, in der auch jüdische Arbeiter beschäftigt waren. Ich yireiß noch gut, wie in den „Hochofen-Häuseln" ein paar jüdische Familien" gewohnt haben. Sie kamen ' an jedem Schäbbos und' selbstverständlich auch an :den Feiertagen' hierher, in die Flasehenhütt^n, wo-'ein Raum zum Beten "bestimmt j würde,- Der alte Sofer Klang (zog ' schließlich auch liier herauf lind machte! den. Vorbeter. Er war wegen seiner Frömmigkeit''und ' seines Thorawissens beliebt, und seine ältesten ' En- , kel brachten die Tephillin (Gebetriemen) und Mesu* saus (Pfostenschriften)!, die er anfertigte, in die Städte . und .Städtchen der österreichischen Länder, um sie'dort zu verkaufen. Das ging mehrere Jahre ganz gut, solange die Klangs miteinander einig waren.. <?■ ' ° ..'■!( -.. ■•>; .-•;-•>:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.