Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1936)
- Date
- 1936-08-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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••- ■ -. v * . ■ -.•■*■■«■--.-• Feuilletonie Nummer 34 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. ' (Fortsetzung.] Nie vergaß es Githa. Ob nun die Burgherrin an ihr vorüberschritt, leicht freundlich grüßend, oder ob sich das Mädchen in den Winkel drückte, um ihr diesen Gruß zu ersparen, war die schöne Frau in Begleitung einer vornehmen Dame, sie verehrte sie wie alle anderen, vielleicht noch in vertierterem Maße. Man wußte von der Burgherrin, daß sie fromm war, aber man sah nur das Aeußerliche dieser •Glaubensseligkeit. Wie tief ihr Gefühl zu ihrem G'tt war, sahen nur die Umstehenden, als ihr Kind krank wurde. Es hing das Köpfchen wie eine müde Knospe, war unlustig im Spiel und hockte, schließlich fiebernd dm Winkel. Von dem Bettchen, in das man den Knaben verängstigt trug, sollte er so rasch nicht wieder aufstehen. Wie schrie der Kleine im wilden Fieberwahn! Tausende vonv Nadeln peitschten den junger Körper, zehrten an deri jungen Kräften und ein Geripplein lag schließlich matt in den Kissen, aus dessen Gesichtlein die Augen übergroß auf die Mutter schauten. Nicht eine Stunde wich die Burgherrin vom Lager des Kindes. Neben dem Bettchen staxid ihre eigene Ruhestätte, der geringste Laut aus dem Mund des Kindes weckte sie. Sie war nicht schwach, trotz ihres zarten Körpers. Sie hielt den Fieiberträumen des Kindes eher stand als die Mägde, die dumpf-müde in Schlaf versanken. .Keinem vertraute sie in dieser Krankheit ganz, als sieh selbst. Nur langsam wich die Todesgefahr vom Kinderbettchen. Immer wieder kamen Rückfälle. Man glaubte nicht, daß das Kind sie überstehe, aber das zähe Körperchen und die unermüdliche Mutter neben dem Kind rangen unerbittlich gegen den Tod. Als es einmal sehr schlimm stand, so daß der alte Burgherr sich in den äußersten Winkel des Hauses verkroch, die Ohren zuhielt, um nicht einen letzten Kinderschrei zu hören, der der allerletzte sein konnte, in einer Zeit, in der .die Mägde mit rotverschwollenen Augen liertimschlichen und unschlüssig dastanden, ohne zu wissen, was anfangen in dieser Herzensnot, öffnete sich die Türe zur Krankenstube, und vielleicht zum erstenmal seit der Krankheit des Ximdes, kam die Frau aus ihrer selbstgewählten Verbannung. Wie durch Glas ging sie, ohne selbst jemanden zu sehen, geradewegs auf den Winkel zu, wo die Frommen ihre Hausgebete ■täglich verrichteten. Schwer sank sie zusammen und ihre stammelnden Lippen suchten "Worte, die hell durch den Raum schwirrten, unbeachtet der Lauscher in dieser Stille. Sie gelobte: wenn das Kind lebte, dem Aermsten das ihm Beste und Schönste zu geben — immer wieder gelobte sie es, immer wieder. Doch ehe die Mägde wieder zum Bewußtsein -des Ungeheuerlichen, Ungewohnten kamen, war sie wieder im Zimmer des Kindes. Der Knabe genas. Ob er auch ohne das Gelübde gesund geworden wäre, darüber suchte sich niemand klar zu werden. Die junge Mutter, in1 ihrer (jlädbensseligkeit, hätte ihr eigenes Leben hingegeben, um die Gabe des Himmels glaubhaft zu machen.; , - Langsam entwöhnte man sich, in . dem Kind den Patienten zu sehen. Seine feine Stimme wurde stärker und aus dem Geripplein wurde wieder ein junger Mensch, der bös aufkreischen konnte, wenn man nicht gleich zusprang und seihe Wünsche erfüllte. Mit herzlichem Lachen ließ sich selbst der alte Burgherr tyrannisieren und stiftete seinerseits, um einer Last ledig zu werden, dem Gesinde neue Kleidung und Erfüllung eines Herzenswunsches nach eigenem Geschmack. Als die Bürgherrin es hörte, schüttelte sie den Kopf. Ihr Schwiegervater war zugegen bei diesem so geäußerten verneinenden Zweifel. Er wurde verlegen. Hatte er es nicht recht gemacht. Gab sie nicht selbst in der schwersten Stunde der Krankheit ein Gelübde ab? Er fragte es nicht laut, aber seine Augen verrieten ,es ihr. Sie nahm ihn bei der Hand und ihm gestand sie ihre neue Qual. Eine Wallfahrt hatte sie unternommen und vor den vielen Kirchen ihrer Religion Halt gemacht. Spenden hatte sie gebracht, der Kirche und den Armen, aber den Aermsten, den sie suchte, fand sie nicht. Des Armen Not war rasch zu stillen, schwere Arbeit, einen Armen aber zu finden, der irgendwie der Aermste war in einer Not, gleichviel ob seelisch oder körperlich, wobei es Mühe kostete, zu spenden. Sie hatte überlegt: eine Kirche erbauen lassen? Nein — ihr Glaube brauchte es nicht, jetzt nicht nach einem Kriege, wo es wenig Menschen gab, die knapp die vorhandenen G'tteshäuser füllten. So. hing sie den Kopf und fühlte sich nicht wohl mit dem unerfüllten Gelübde. Dem Alten stieg das Blut in den Kopf, denn noch brauste er ihm von der Unterredung mit Prosper, die vor kurzem stattgefunden hatte. Als er hörte, wie sie sachte fragte: wer ist der Aermste wohl? — entfuhr ihm, fast widerseinen Willen, die fast spöttische Meinung: „Wenn du Aermste im geistigen Sinne meinst, wären es, nach Angabe deines. Mannes, die Juden." Sofort tat ihm das Gesagte leid. Nein, damit wollte er sie nicht belasten. Er weigerte sich auch, näher darauf einzugehen. Doch die schöne Burgherrin Maria schwieg 'klugerweise still, als gehe sie auf seinen Willen, die Rede zu wechseln, ein. Ihr erster Gang nach dieser Zusammenkunft galt dem Gatten, den sie in seiner Arbeitskammer fand. Sehr selten störte sie ihn dort oben, aber es drängte sie heute zu sehr, der wartenden G'ttlichkeit durch Erfüllung des Gelübdes Genüge zu tun. Wie, freute sich Prosper über den seltenen Besuch. Er geleitete die Gemahlin an das offenstehende Fenster, durch das die Frühjahrssonne schien und mit ihren Strahlen das lichte Haar der Schönen umkoste. Ihr Blick glitt über die, vom alten Burgherr so sehr geliebte Gegend,. freute sich an der aufkeimenden Natur, deren frischer Atem wie eine linde Welle bis hierher strömte und köstliche Ruhe dem verlieh, der sich ihr hingab. Aber nicht lange weilte Marias Blick auf der Ferne, den aufsteigenden Wäldern, die nun bald wieder grün werden würden. In der Nähe lag ein für sie wichtigeres Unternehmen. > Sie ließ sich verschiedenes zeigen, aber sie deutete auf das Gewirr von Zeichnungen auf dem anderen Tisch. Er lächelte sie an und nun wußte er, warum sie zu ihm kam, ihn zu stören. Kannte er doch seine kluge, rücksichtsvolle Frau. Sie verschwieg auch nicht lange, was sie in sich trug, sie warf Verstellung ab, die ihr nicht lag und lächelte gleich ihm« Den Aermsten suchte sie, um ihn zu beglücken. Sein Vater habe ihr einen Weg gewiesen, der bei Prosper endete. Er nannte den Aermsten im Geist — den Juden. ,,Das sagte Vater?" entfuhr es Prosper freudig. Aber sie hob die Hand. Vielleicht sagte es Vater ohne eigenen Willen, meinte sie, aber es bliebe sich gleich, aus welchem Grund es laut wurde. „Warum sind die Juden die Aermsten?", fragte sie und dachte an die jüdischen Menschen, die sie aus ihrer eigenen Heimat kannte, die lebten wie sie auch und auch nur Not wie sie litten. Prosper sah sie an. Einen Engel hatte er sie genannt, als er sie kennen lernte. Damals meinte er ihr Äeußeres damit, heute wußte er, die Bezeichnung traf viel eher noch ihr Inneres an Güte „und seelischer Reinheit. Er setzte sich neben sie und sah zuerst wie träumend über das Land, das ihm gehörte. So weit sein Auge reiorite, war Heimatboden, auf dem er wurzelte mit den Seinen seit Jahrhunderten. Das Gefühl der Wonne stieg in ihm auf und unterstrich daher das Herbe, das von seinen Lippen glitt. „Weißt du, daß die Juden auch einmal eine Heimat hatten, so wie wir. Land, aus dem sie stammten und in dem sie glücklich waren: Herren und Besitzer — nicht Geduldete? Weißt du das alles nicht . . ." Sie nickte, beklommenen Herzens. Gewiß, das war es. Sie, die mit einer Selbstverständlichkeit den Heimatboden trat, empfand, wie grauenhaft es sein mußte für jenen, der heimatlos war auf der ganzen Erde, gehetzt und müde durch Geschlechter hindurch. Von dieser Seite aus hatte sie die Juden allerdings nie beobachtet. Sie waren da. Immer schon. Nie machte man sich Gedanken, wenn man sie sah. Sie gehörten zum Weltbild wie vieles andere. Wenn man hörte, daß man sie hetzte und jagte, tat es einem leid, aber es gehörte dazu, daß man Juden und Gehetztsein in einem Atem aussprach. Juden waren zu nichts anderem geboren, als heimatlos und geistig arm zu bleiben. Nun sprach der Mann, der ihr der geliebte Gatte war, zum erstenmal in ernstem Ton über dieses VölMein „Begnadeter". Daß er einen Freund in diesen Kreisen hatte, wußte sie, wenngleich sie ihn noch nie zu Gesicht bekam. Ein Gelehrter sei es, klug und gütig wie kein zweiter, erklärte er ihr nun. Auch er habe ein Gelübde abgelegt — worauf er ihr Davids Schicksal erzählte. Sie hörte still zu, doch begriff er, daß sie den Sinn des Ganzen nicht so ohne weiteres verstehen konnte. „Nirgends ist Heimat für diese entrechteten Menschen. Nur einen Gartenflecken Seligkeit besitzen sie: ihren Glauben, den sie sich bis ins Heute retteten. Ihn tastete keiner an. In ihm liegt noch die Heimatsprache, in ihren Gebeten und Gebräuchen noch die Gesetze einer lang verlorenen Heimat. Und für 'dieses Endchen Heimat und Glaube lassen sie sich zerstückeln, Familien verhauchen ihr Leben an einem Tag mit dem letzten Bekenntnis an den Einzigen, wie sie ihren G'tt nennen. Märtyrer? Nein, Verfechter ihrer Heimat im Letzten. Deshalb gliedern sie sich nicht an die Völker, weil sie wissen, daß sie untergehen, geistig und in ihrem Judentum, wenn sie zu nahe den Völkern kommen, die ihnen neue Heimat bieten. Der Preis dafür: das Judentum hinzugeben — er ist ihnen zu hoch. Wie kostbar muß diese Religion für den Menschen sein, wenn er alles hingibt: Bequemlichkeit, Ridie, alles, was zum Leben gehört. Und jene Menschen, Juden genannt, errichten sich, wo immer sie auch nur für Stunden weilen, einen Winkel zum Beten. Dann sammeln sie, wenn sie zahlreicher beisammen sind, die Menschen zu einem G'ttesdienst. (Fortsetzung folgt.)