Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1936)
- Date
- 1936-08-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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psssg^^s^g^s^^^f^jsgfigii^g 20. August 1936 Israel i t Nr: 34 Seite 5 Die Sekunden-Aktion des Keren Hajisclww. Grundsätzliche Betrachtungen von Rabbiner Dr. Hermann Klein in Berlin. Wie alljährlich, so ruft auch in diesem Jahre der 'Keren Hajischuw der Agudas Jisroel vor den Ö^TU Q'»ö') zu einer erhöhten Sammeltätigkeit für die verschiedenen Palästinafonds der Aguda auf, Es ist sicherlich nicht unangebracht, wen?* wir angesichts der Vorgänge der letzten Zeit uns einmal vor Augen führen, was wir eigentlich in Erez Jisroel wollen. Unser ,.Wollen" ist nicht adäquat mit unserem „Sollen", denn um dasjenige wollen zu können, was wir eigentlich „sollten", dazu langt unsere Kraft nicht, und dazu haben wir viel zu viel versäumt. Auch unsere Versäumnisse gereichen uns, die vielleicht zur richtigen Zeit gesehen haben, was das Gebot. der Stunde wäre, nicht zur Unehre. Wir hätten unsere Forderungen nur unter schweren Kämpfen nach rechts durchsetzen können und dazu glaubten wir nicht das Recht zu haben. Es trifft zu, was in einem soeben erschienenenBüchlein, mit dem wir uns vielleicht noch einmal näher auseinandersetzen werden müssen, über meinen Verzicht, für Jischuw Erez Jisroel in Ungarn zu arbeiten, gesagt wird. Nach der Verlautbarung der Balfourdeklaration veröffentlichte ich in Eisenstadt eine Broschüre unter dem Titel fPS ^ib tD',a'J^W und gründete mit gleichgesinnten Freunden einen Jischuw Erez Jisroel- Verein, als dessen Organ ein jüdisches Wochenblatt erschien, in dem dringend für sofortige praktische Palästinaarbeit geworben wurde. Als einem der ersten Initiatoren fiel mir auch die Aufgabe zu, mit den Thoragrößen zu verhandeln und es stimmt schon, wie es in dem Büchlein üVltt 7*!i?"»n vom Munkacser Raw berichtet wird, daß ich ihn aufsuchte und daß er mir die Versicherung gab, daß er an unserer ehrlichen Ueberzeugung nicht zweifle, aber unsere Arbeit für verderblich halte. Es gelang uns damals nicht, die chassidischen Kreise Ungarns zu überzeugen, die ja auch heute trotz der Wucht der Ereigniss enicht zu überzeugen sind, und da auch in führenden aschkenasischenrabbinischen Kreisen ein O^STn "PI "IWQ als das größte Uebel angesehen wurde, so geschah von unserer Seite weiter gar nichts. Auch die restliche Orthodoxie War geteilter Meinung und so traf das Ungeheuerliche ein, daß über das Schicksal der gaizen Judenheit ein ganz winziger Bruchteil in einer der folgenschwersten Fragen entschied. Die zionistische Organisation traf Vereinbarungen im Namen des ganzen jüdischen Volkes und sie verstand es glänzend, die Ehre des ganzen jüdischen Volkes für ihre Sache zu verpfänden. Ob man die Abmachungen billigt oder nicht, es blieb einem einfach keine Wahl, sie waren da und man mußte sich mit ihnen abfinden. Seit dieser Zeit haben wir in außerpolitischen Fragen kaum eine Meinung, geschweige denn irgendwelchen Einfluß. Daran ändern auch die gelegentlichen Besuche unserer Führer im Colonial Office nicht. In den ersten Jahren geschah auch gar nichts oder so gut wie gar nichts, um den Zionisten ihr Recht, in Erez Jisroel nach Gutdünken zu schalten und zu walten, streitig zu machen. Man ließ sie gewähren und sie bauten sich ihre Stellungen im Lande derart aus, daß sie uneinnehmbar sind. Als dann vor drei Jahren Erez Jisroel eine brennende Realität wurde und auch unsere Kreise durch die zwingende Not sich endlich mit Emst der Palästmafrage zuwenden mußten, da fanden wir in Erez Jisroel alle Positionen sowohl in der Wirtschaft als auch auf kulturellem Gebiet von den Zionisten besetzt. Boden hatte der Keren Kajemeth, Schulen hatten die Zionisten; über Arbeitsmöglichkeit verfügte die Histadruth, über die Zertifikate die Agency und wir standen, an den Pforten und mußten um Einlaß bitten. Das war der Erfolg der Kreise, die eine intensive Erez Jisroel-Arbeit der Orthodoxie sabotierten und unmöglich machten. Denn es muß immer wieder betont werden, daß es auch in unseren Kreisen immer Persönlichkeiten gegeben hat, die einsahen, daß der Aufbau des heiligen Landes durch 'die Zionisten allein zu einem Unglück für das ganze jüdische Volk werden könne; die immer wieder betont haben, daß man dort mit dem arbeitenden Volke mitarbeiten, mitleben und mitsorgen müsse, damit man nicht ganz ausgeschaltet werde. Es. wurde namentlich aus den Kreisen der führenden Männer der Palästinazentrale immer wieder betont, daß von dem arbeitenden schaffenden Palästina Ströme neuer Geistigkeit in alle jüdischen Kreise dringen und wenn man will, daß diese Ströme nicht alles wertvollste geistige jüdische Gut der Vergangenheit wegschwemmen sollen, so muß man dafür sorgen, idaß sie von der geistigen Quelle der Vergangenheit gespeist werden. Daß es doch etwas besser geworden ist, ist wieder ein Verdienst der Palästinazentrale und der tatkräftigen Arbeit der Agudas Jisroel in Erez Jisroel selbst, die förmlich ein PXö W* geschaffen haben, wenn auch zugegeben werden soll, daß immer noch das ]'K überwiegt. Es ist ja auch ganz selbstverständlich, daß die Massen, die nach Erez Jisroel strömen, um dort für sich und die Ihrigen eine neue Existenz zu gründen, sich in erster Reihe an die Kreise wenden, die ihnen am ehesten behilflich sein können und wer nur einen Blick in die Verhältnisse getan hat, wird ohne weiteres zugeben, daß nicht wir es sind, die helfen können. Als ich vor einem Jahre in Erez Jisroel war, da fragte mich einer unserer Treuesten, dessen gut agudistische Gesinnung über jeden Zweifel erhaben ist, ob ich auch jetzt noch eine Zusammenarbeit mit den Zionisten oder zumindest mit den Misrachisten ablehnen würde, nachdem ich mich doch überzeugt habe, daß ein ganz großer Teil unserer engsten Gesinnungsgenossen in Häusern wohne, die auf dem Boden des Keren Kajemeth erbaut sind, daß Viele unserer Besten Felder bearbeiten, die ihnen vom Keren Kajemeth zur Verfügung gestellt wurden. Ich muß immer wieder meiner Ueberzeugung Ausdruck verleihen, daß Kreise aus unserer Mitte, die eine jede noch so lose Verbindung mit den Zionisten oder Misrachisten ablehnen, weil sie eine Trübung der Prinzipi^nreinheit der Aguda be-? fürchten, ihre ganze Kraft dafür einsetzen müßten, .daß die Agudas Jisroel auch unabhängig von den Anderen etwas schaffen könne. Je energischer man die Zionisten und Misrachisten bekämpft, um so intensiver müßte man für die Palästinazentrale der Agudas Jisroel arbeiten, damit sie in die Lage versetzt werde, Boden und Arbeit unseren Gesinnungsgenossen zu geben. Mit dem ewigen Negieren ist es wahrlich nicht getan. Wir sind durch die ewigen Bedenklichkeiten dorthin gelangt, wo wir stehen, und wer einfach zur Zusammenarbeit mit den Anderen nein sagt, und doch nicht all seine Kräfte für die Agudas Jisroel einsetzt, der sabotiert die Erez Jisroel - Arbeit der Agudas Jisroel. Ich möchte dem Spruch der mwn "^na nicht vorgreifen, aber doch sagen, daß wir verpflichtet sind, mehr als bisher, ja tausendfach mehr als bisher für den Keren Hajischuw zu arbeiten. Fällt der Spruch der mir>n '"jni negativ aus, SO erwächst uns die Pflicht, selbständig für Boden und Arbeit zu sorgen, fällt er aber auch positiv aus, so sind wir nur dann geschätzte Partner für die andere Seite, wenn wir auch etwas miteinbringen, denn wenn der andere Partner nur zu geben hat, so wird er bald müde werden, und uns kündigen. Nach außen hin sind unsere Hände gebunden, wir können bei dem gegenethische Forderung 'der Heiligkeit an den Juden, aber der jüdische Gesetzgeber ist sich dessen sehr wohl bewußt, daß das Prädikat „heilig", d. h. ethisch vollkommen nur G'tt zukommt. Lediglich das Streben nach Heiligkeit kann den erdgebundenen, irdischen Menschen auszeichnen. Im Ebenbilde G'ttes geschaffen zu sein, ist keine fertige Tatsache, sondern eine stets von neuem an den Menschen gestellte Aufgabe. Es Hegt in der menschlichen Natur begründet, daß sie in dem Streben nach Heiligkeit mitunter auch unterliegt, daß der Kampf mit dem „bösen Trieb" nicht immer siegreich endet. Darum gibt die jüdische Religion ihren Bekennern Gelegenheit zur Umkehr, zur Buße. Wer im Ringen mit sich selbst geirrt hat, soll die Möglichkeit haben, wieder den rechten Weg zu finden. Es heißt im Traktat B'rachoth: „Wer etwas Sündhaftes getan hat und sich dessen schämt, dem werden alle Sünden vergeben." Worin besteht nun die t'schuwah, die Umkehr? Auch darauf gibt der Talmud eine Antwort: „Sie besteht darin, daß der reuige Sünder einmal oder zweimal Gelegenheit zum Begehen einer Sünde hat und ihr widersteht. „Selbstbeherrschung ist eine im Judentum hoch geschätzte Tugend, und 'die Erziehung zu 'ihr streben die religiösen Ge= und noch mehr die Verbote an. Bei der Umkehr wird also auf die sittliche Tat das Hauptgewicht gelegt. Häufig nun wird die Möglichkeit, sich durch die Umkehr von der schlechten Tat und ihren Folgen zu befreien, in hohem Grade ausgenützt. Mancher sündigt im Hinblick auf die reinigende Kraft der Umkehr. Gegen ein solches unwürdiges Verhalten schiebt das Judentum einen Riegel vor, indem es erldärt: „Wer »sagt: ,Ich will "sündigen und dann umkehren!', dem wird die Umkehr versagt bleiben." Die Zeit des Monats Elul ist nun d'er Buße des jüdischen Menschen gewidmet. Die vierzig Tage vom Neumond dieses Monats bis zum Versöhnungstage gelten im Jahr des Juden als eine Periode, die der ernsten Einkehr vorbehalten ist. Am 1. Elul stieg Moses auf g'ttliches Geheiß zum zweiten Male auf den Berg Sinai, um die zweiten Bundestafeln in Empfang zu nehmen. Vierzig Tage verblieb er daselbst, und seine Rückkehr erfolgte am 10. Tisehri, an welchem Tage er der Gemeinde Israels die frohe Botschaft von der Vergebung der Sünde des „Goldenen Kalbes" überbringen konnte. Nach einer alten Ueberlieferung verbrachten die Kinder Israels diese ganze Zeit in Buße und Enthaltsamkeit. Darum setzte G'tt diese Periode als eine Gnadenzeit ein, in der seine Barmherzigkeit dem reuigen Sünder völlige Vergebung verheißt. In dieser Zeit sammelt der Jude „gute Taten" in dem Bewußtsein, daß nur ein „g'ttgefäiliges" Wirken ihn würdig macht, das Geschenk des Lebens aus der Hand G'ttes in Empfang zu nehmen, und daß allein die „frommen Werke" ihm vor G'ttesi Gericht Fürsprecher sein können. Der Talmud gibt uns dafür folgendes Gleichnis: Ein Mann, welcher als Angeklagter von dem weit* liehen Gericht nach Entlastungszeugen suchte, begab sich zu seinem besten Freunde, um ihn um seine Zeugenschaft zu bitten. Dieser lehnte ab. Darauf stellte er dasselbe Ansuchen an einige Verwandte, die jedoch —• um ihn zu trösten — nur bis zur Pforte des Gerichtes mitgingen. Schließlich erinnerte er sich eines längst .vergessenen Bekannten, der als einziger bereit war, .ein entlastendes Wort für ihn zu sprechen. Der vermeintlich beste Freund des Menschen ist das Geld. Es bleibt zurück, wenn der Mensch nach dem Tode vor G'ttes Thron Rechenschaft ablegen soll. Die Verwandten gehen bis zur Pforte des Gerichtes mit: sie geleiten den Verstorbenen bis zum Grabe, und nur die längst dem Gedächtnis entschwundenen „guten Taten" sind bereit und fähig, Fürsprecher für den Angeklagten zu sein. Dieses Gleichnis legt den Wert frommer Werke für den Menschen dar und betrachtet die Welt von einer höheren Warte, als es die Alltagsperspektive tut. Rein, wie sie auf die Erde gekommen ist, soll unsere Seele wieder zu G'tt zurückkehren. Darum pflegte Rabbi Eiieser zu sagen: „Kehre um einen Tag vor Deinem Tode!" Da aber der Mensch seinen Todestag nicht kennt, .muß er tagtäglich Buße tun, um am Todestage bereit zu sein. So wird er sein ganzes Leben in t'schuwah verbringen. Wenn auch wir diesen Vorsatz aus dem Monat Elul in unseren Werktag übernehmen, dann wird eine friedliche Geborgenheit in G'tt uns über die Nöte der Zeit hinweghelfen und unserem Alltage Sinn und Wert verleihen. Kleines Feuilleton. Die Aufhebung der Kapitulationen in Ägypten und die Juden. Das Verschwinden der Konsulargerichte in Aegypten betrifft auch die dortigen Juden, die zum großen Teil bislang der Konsulargerichtsbarkeit ihrer Heis matsländer unterstellt waren. Es b e t r i f f t sie, trifft sie aber nicht schwer, da Aegypten eine moderne Gesetzgebung und geregeltes Gerichtswesen hat. •Hi^'öiiö^its'-vi