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Der Israelit · 1936-08-20 · Heft 34 (20.8.1936) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 34 (20.8.1936)
Date
1936-08-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 34 Der IsraelH 20. August 1936' sein, verzichtet und lediglich auf Zusammenschluß und gedeihliche Zusammenarbeit der großen jüdischen Organisationen bedacht ist. Man wird dann ehrlich mitarbeiten können, daß sich die Einrichtung zum Segen auswirkt. Wochenrundschau. Der „Jüdische Zentralverein". Zum zweiten Male seit seiner Gründung im Jahre 1893 ändert der Zentralverein seinen Namen und damit mehr oder weniger seinen Kurs. Zumeist war seine Kursänderung vorher schon durch zwingende Faktoren bedingt und der neue Name nur noch Bestätigung der neuen Devise. Aus der Sturm- und Drangperiode der Assimilationsbewegung hervorgegangen, war er zu Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts der Sammelpunkt der deutschen Bürger mosaischen Glaubens. Auf seinem Programme stand neben der Wahrung der Gleichberechtigung „die Pflege deutscher Gesinnung". Er verlegte in der Folge den Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf den Abwehrkampf und die Wahrung des Rechtes und der Ehre von Juden und Judentum, und seine steigende Popularität als Zentralverein der deutschen Juden drückte sich bald in 40 000 eingetragenen Mitgliedern aus. Im neuen Deutschland wurde der C. V. in Zentralverein der Juden in Deutschland umbenannt. Nun heißt er einfach: „Jüdischer Zentralverein". Ueber die Intentionen, die mit diesem neuen Namen verbunden sind, äußert sich der vorläufige Vorsitzende des C. V., Dr. H e r z f e 1 d , Essen, in der letzten Nummer der „C. V.-Zeitung" in folgendem Sinne*. Die politische Tätigkeit des C, V. sei vollständig eingestellt worden. Der C. V. bestreitet, daß Wesen und Lebensziel der jüdischen Gemeinschaft, dem aller anderen Völker gleichgeartet ist, gleichgerichtet werden soll. Er kann nicht zugeben, daß die Juden ein Volk unter Völkern bilden und daß ihr Streben auf Normalisierung gerichtet sein muß. Er behauptet, daß die Juden nach Anlage, Weltanschausung und Schicksal eine Gemeinschaft eigener Prägung darstellen. Dr. Herzfeld behandelt sodann die Frage der Auswanderung, die planmäßig und nach sorgfältiger Vorbereitung zu erfolgen habe. Die Notwendigkeit, über die Grenzen Palästinas hinaus zu planen, und neue Diaspora-Siedlungen zu schaffen, sei unbestritten. Bei der Würdigung dieser Notwendigkeit setzen die Meinungsverschiedenheiten ein. Auf die kürzeste Formel gebracht gehen sie dahin: Ist die unvermeidliche Neusiedlung von Juden in allen Erdteilen außerhalb Palästinas ein unabwendbares Uebel, das mit Bedauern und Resignation hingenommen werden muß oder ist sie als zukunftsfördernd zu begrüßen? In diesem Meinungsstreit ist der C. V. der Vertreter des Diasporagedankens. Bei allem Vertrauen zur Energie, Disziplin und Leistung des jetzigen und künftigen Jischuw und zur Pflichttreue der englischen Mandatsmacht erscheine es zunächst nicht zulässig, alles auf eine Karte zu setzen. Es sei auch nicht richtig, daß Juden nur in Palästina der Verflachung, der Unproduktivität, der Assimilation und zuletzt der Ausgliederung entgehen können. — Juden nach Anlage, Anschauung und Schicksal eine Gemeinschaft eigener Prägung. Bejahung der Diaspora und ihrer Aufgaben! Das klingt gut für das jüdische Ohr. Aber erst wenn die letzten Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen gezogen sind — wir zweifeln nicht an dem guten Willen — wird der C. V. mit Stolz vdn sich als einem Jüdischen Zentralv.erein sprechen können. Leon Blums Bekenntnis zum Judentum. Als Antwort auf die vielfachen Angriffe und Anrempelungen in einer gewissen französischen Presse, die alle „den Juden Leon Blum" zur Zielscheibe haben, veröffentlicht der französische Ministerpräsident in führenden französischen Zeitungen einen längeren Artikel, in dem er sich frei, offen und stolz zum Judentum bekennt und nachweist, wie sein Judesein mit seinem Franzosentum und seinem hohen Amte, an das ihn das Vertrauen des französischen Volkes berufen hat, sich wohl vertrage. Der Jubel, mit dem die Erklärung Blums in jüdischen Zeitungen, vorab in der zionistischen Presse, aufgenommen wurde, zeigt, wie wenig wir an solche schöne Bekenntnisse von großen Juden — ausgenommen vielleicht prominente jüdische Persönlichkeiten in England — gewohnt sind. Leon Blum bezeichnet sich in diesem Aufsatz als französischen Juden, wohlgemerkt nicht jüdischen Franzosen, wie man das in der Hochflut der Assimilation gern getan hat, .sondern als Juden, der seine Lebensarbeit Frankreich und der französischen Kultur gewidmet - hat. Kein Element des französischen Geistes sei ihm fremd. Er sagt nicht, daß ihm auch die Elemente des jüdischen Geistes in gleichem Maße vertraut seien, er sagt nur, daß sein jü^ disches Fühlen seinem französischen Patriotismus gar keinen Abbruch tue. Es sei nicht nötig, um guter Bürger des Landes und Angehöriger der Nation des Landes zu sein, das Band zu lösen, das uns mit der jüdischen Gemeinschaft verbindet. Es ist vielleicht nicht d a s Judentum, zu dem sich Blum bekennt, das Judentum der Thora und der Tat. Es ist nicht einmal der Zionismus, dem er das Wort spricht, wenn er sagt, „die Juden müssen ein Heimatland haben, weil die Länder, in denen sie gewohnt halben, es nicht mehr zulassen, daß sie sich dort gesetzlich oder faktisch zu Hause fühlen," wenn er seine Anerkennung Dr. Chajim Weizmann ausspricht und ein paar schöne Worte für die Jerusalemer Universität hat. Die Ideologie des Zionismus und der Kernpunkt des Nationalismus bleiben dabei so gut wie unberührt. Ein großer Politiker und guter Mensch in hoher Position empfindet, wie er selber ausführt, ein -Solidaritätsgefühl mit weniger glücklichen, weniger sicheren Menschen, mit denen er sich blutmäßig verbunden fühlt. Es ist mehr ein schönes, menschliches Bekenntnis als ein Bekenntnis zum Judentum der Religion oder des Nationalismus. Und dennoch dürfen wir diese stolzen Worte mit Freuden begrüßen, wenn wir auch keine weittragenden Hoffnungen für die jüdische Situation in der Weit daran knüpfen dürfen, wozu wir in unserem bekannt übergroßen Optimismus vielleicht geneigt wären. Wochenkalender. Vom 22. — 29. August 1936 / Vom 4. — 11. EIul 5696 ■w *p Samstag 22 4 T"9 nn trüDP Sonntag 23 5 in Montag Aug. 24 6 TO Dienstag 25 2K 7 na Mittwoch 26 *iVk 8 m Donnerstag 27 9 3 Freitag 28 10 83 Samstag 29 11 33 ssn »3 ' T? ♦fpntfji k1? Von Rabbiner Dr. M, Lewin. Das Ziel der Menschheitsvervollkommnung ist dem Judentum jene von den Propheten in den glänzend1 sten Farben und Bildern gezeichnete erhabene Zeit, wo die Erde in ein Paradies der Liebe und Wahrheit gewandelt ist und allenthalben die Menschen und Völker im Wetteifer der Harmonie und Eintracht Werke des Friedens und der Selbstveredlung volls bringen. Gleichwohl aber erweist sich auch da unsere Lehre als lebensnahe und stellt sich auf den Boden der Wirklichkeit, die auf dem langen und beschwerlichen Wege zur Verwirklichung des von den heiligen Kündern den DWaa uns aufgewiesenen Ideals von Waffenlärm und dem Hader der Menschen widerhallt. Darum finden sich in unserer Thora bei aller Verherrlichung des Friedens auch Kriegssatzun* gen. Da lesext wir in unserer Sidroh einen Satz, für dessen volles Verständnis gerade unsere Zeit uns das rechte Organ geschaffen. '131 n'Vy anVnV o*a-i n'S' 5>k *vran ">3 „Wenn du ein« Stadt viele Tage belagerst, sie zu bekriegen, um sie zu nehmen, verdirb nicht ihren Baumstand, eine Axt gegen ihn zu schwingen, denn von ihm sollst du essen, ihn aber nicht fällen." nisna ymn xib mvn f? autn »3 „Denn das Menschendasein ist der Bauin des Feldes, vor dir mit in die Belagerung zu. kommen." Hier ist es klar gesagt. Die Fruchtbäume <ler belagerten Stadt dürfen nicht gefällt werden. ]V'«n p kVr d*im bv i"n Die Lebenserhaltung ist durch die Schonung der Bäume mit ihren Früchten bedingt. Wie du die Stadt nur belagerst, um sie zu gewinnen, so gehören auch jene zu ihrem dauernden Besitzstand, den du zu schonen hast. Vernichtung dessen, was ewigen Nutzen -und Segen zu bringen verheißt, ist Sünde und Verbrechen' und zeugt von roher Gewalt und Zerstörungswut, ist Vandalismus und wird zur ewig fortklingenden Anklage derer, die sich über G'ttes Mahnung frevelhaft hinwegsetzen; rrwn rs^ „Sei kein unnützer Verderber-" Die tiefe Bedeutung dies ses Verbotes haben die furchtbaren Erlebnisse unserer Tage unserem Bewußtsein nahegebracht. Ist die nutzlose Vernichtung dessen, was auf heiligem Boden der Fleiß und Eifer unserer Glaubensgenossen geschaffen, die Ausrodung vieler, vieler Pflanzungen, die grausam der Zerstörungswut unserer Feinde zum Opfer fielen, nicht eine traurig« gar schmerzliche Interpretation unseres Thorawortes? fntpfi onxn '3 „Denn ist der Baum des Feldes ein Mensch, daß er vor dir in die Einschließung kommt?" So etwa erklären einige unserer Großen diesen Satz. Kampf zwischen Mensch und, Mensch ist gewiß kein ewig gültiges Gesetz und. darf nimmer als •ein Ideak zustand gelten. In unserer Welt aber mit unseren menschlichen Unzulänglichkeiten scheint Kampf noch lange Parole bleiben zu sollen, ehe das messianische Ziel winkt. Er darf aber nicht zur rohen brutalen Gewalt verleiten und setzt von vorhinein ins Unrecht und stempelt zu Verbrechern die, die vernichten, um zu vernichten. Das ist das Furchtbare, das die Methode unserer unerbittlichen grausamen Gegner zu allem Leid unserer armen Glaubensbrüder drüben noch hinzugefügt: Möchte nun endlich das Sengen und Brennen und Morden auf der g'ttgeweihten Erde aufhören und möchten wir allenthalben durch Schofarton zur rechten Einkehr gemahnt werden, daß durch Gebet und Selbstläuterung wir G'ttes Liebe für sein Volk und sein Land würdig werden, — es ist für alle Zeiten gekündet: D3»ma sin *33K '33« - „Ich, der Unwandelbare bin es, der euch tröstet." Buße. Gedanken im Monat Elul. Von Dr. Erwin Hamburger. Im zweiten Buche Moses (34, 7) heißt es einmal von G'tt: „Er läßt straflos ausgehen," und an derselben Stelle stehen die Worte: „Er läßt nicht straflos ausgehen." Wie sind 'diese beiden Aussprüche miteinander in Einklang zu bringen? Rabbi Akiba erwidert auf diese Frage: „Für ein Vergehen gegen G'tt erläßt er 'die Strafe, während er für ein Vergehen gegen den 'Nebenmenschen die Strafe nicht erläßt." Rabbi ben Asai aber lehrte: „Dem Umkeh» renden gewährt G'tt Verzeihung, dem Verstockten gewährt er sie nicht." Tatsächlich trägt das Judentum der menschlichen; Natur weitestgehend Rechnung, indem es von den Tatsache ausgeht, daß das Tun des Erdensohnes, sündhaft ist. So stellt denn die jüdische Lehre nicht das unerfüllbare Postulat . der Sündenlosigkeit auf (die ihm freilich als Ideal vorschwebt!), sondern fordert nur die Buße des Sünders'. „Ihr sollt mir sein ein heilig' Volk von Priestern!" steEt zwar die

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