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Der Israelit · 1936-08-20 · Heft 34 (20.8.1936) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 34 (20.8.1936)
Date
1936-08-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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, 20. August 1936 D .Israelit ii m Nr.;34 Seite 3 War das Ganze notwendig? (Fortsetzung von Seite 1.) ganisationen auf anderem Geleise) sich Punkt für Punkt erfüllt. Die Legitimität: Nach Ablehnung der Beteiligung von fast allen zentralen und maßgebenden Stellen konnte die Legitimität des Kongresses, für die Judenheit oder das Judentum der Welt zu sprechen, gar nicht mehr ernstlich in Frage gezogen werden. Mehrere Länder wollten oder konnten nach Maßgabe der Verhältnisse diesen Kongreß nicht einmal zur Kenntnis nehmen, so die Juden in Deutsch- ■1 a n d, in Ungarn, in der Türkei und S o wj e trußland; diese Länder waren in Genf überhaupt nicht vertreten. Wenn die politischen Tageszeitungen diese Tatsache registrieren, so ist dieser Bericht imnier noch insofern irreführend, als er eine Beteiligung der Judenheit der anderen Länder, die.., angeblich ihre Vertreter nach Genf geschickt, haben, voraussetzt. In "Wahrheit war aber d ie Judenheit .auch, der anderen Länder in Genf nlöht vertreten. Man weiß, wie die Wahlen in P oll e n vor sich gingen. Erst gab es überhaupt kerne, dann aber gelang , es noch einigen zionistischen Führern im letzten Augenblicke, ein paar Delegierte aus „geheimen Wahlen", die so geheim waren, daß die Oeffentlichkeit kaum etwas davon erfuhr, hervorzubringen. Kann man aber selbst in den Ländern, wo so etwas wie ein Wahlkampf mit allem Drum und Dran stattgefunden hat, von legitimen Vertretern dieser Länder sprechen, nachdem die großen Organisationen, die in diesen Ländern ihren Sitz haben, den Kongreß negiert haben? Der englische Board of Dep u t i e s und die ihm nahestehenden Körperschaften wie Anglo Jewish Association, A 11 i a n ce I s r a e 1 i t e Universelle, American Jewish Commit; tee, zuletzt -auch die Bne Brith- Logen haben ihre Teilnahme von vornhinein und endgültig abgelehnt. Andere namhafte Organisationen iolgten ihrem Beispiel. Was da blieb, waren lediglich einige zionistische Gruppen, — bei weitem nicht alle und nicht einmal die offizielle zionistische Organisation als solche, — die hofften, auf einem „zionistischen Kongreß" ühtpMf ..auf den^Zionistenkongressen nicht sehr ge anderer Firma dem jüdischen Volk in der Diaspora die nationaljüdischen gant zen- Idealeir . ir">% vielri* vorgeschrieben ist. All dieses fehlte in Genf Man schwebte gewissermaßen im leeren Raum ohne Halt, wußte nicht recht, wohe£ und wohin Der Kongreß hat keine Vergangenheit und für die Zukunft Pläne in höchst unklaren Umrissen Es ist alles in* Nebel gehüllt und auch die meisten Reden, überflüssig wie sie waren, verschwammen und verhallten in diesem Nebel. Die Ak teure selbst kannten sich vielleicht im Innern nicht recht aus über das Wohin, das Wieso und Wozu. Der Beobachter aber wurde keinen Augenblick das Gefühl los, daß hier per sönlicher Ehrgeiz und Geltungsdrang sich ein Stelldichein gaben. Der rühmlichst bekannte Dr Stephen Wise wollte mal die Kanzel seiner Synagoge und seiner Kirche in Amerika um eine Weltbühne vertauschen, und Nachum Goldmann, der grundgescheite und temperamentvolle zionistische Agitator, brauchte ebenfalls ein Weltforum. Andere, die vielleicht (wirklich was zu sagen haben und anderswo wenig zu Worte kommen, gingen gerne und blindlings mit. Gerade von Stephen Wise, dem Initiator des Ganzen, der vorher eine ausgedehnte Polen reise machte, um im jiddischen Dialekte, unter Einsatz seiner ganzen strahlenden Rhetorik, Polens Juden für die Kongreßidee zu gewinnen, gerade von diesem Manne sagte uns einmal eine dem Zionismus sehr nahestehende Persönlichkeit: ,,Es gibt Menschen, die ihr ganzes Ich für die jüdische Sache einsetzen, es gibt aber Andere, die ihren ganzen Namen für die Sache hergeben, Stephen Wise gehört zu den letzter e n." Gewiß, solche Namensjäger gibt es in allen Organisationen, sicherlich auch in unserer Aguda. Einer unserer verdientesten Frankfurter Delegierten sprach in der Generaldebatte in Marienbad sehr richtig von den „Tagungspersönlichkeiten", mit denen uns wenig gedient sei. Das muß jede Organisation mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes hinnehmen, so lange menschlicher Ehrgeiz billigen Spielraum sucht. Das Besondere an Stephen Wise ist, daß er nicht wartet, bis sich der .Spielraum bietet, sondern ihn schafft. Wise, dessen Kirchenrhetoschmackhafter zu machen und die Massen leicht auf diesem Umwege über Genf eher unter die politische Führung der Zionisten zu bringen. So waren denn auch die Wortführer auf dem Kongreß durchwegs bekannte zionistische Namen. Bei aller negativen Einstellung zu gewissen Dingen wagte man es auf der anderen Seite nicht, zionistische Interessensphären zu streifen oder gar zu kreuzen. So verhütete die Leitung J mit krampfhafter. Anstrengung —, was wir an sich als erfreulich begrüßen —, eine Aussprache über die T r a n s f e r fr a g e (Haavara), obwohl andere Beschlüsse, gegen Ende der Sitzung viel weniger Vernunft und Augenmaß für die jüdische Situation in gewissen Ländern verrieten.; D i e Arbeit des Kongresses: Daß diese Situation, vorab der Mangel an Legitimität, auf die Verhandlungen stark drückte, ist nur erklärlich. Es fehlte den Verhandlungen und Beratungen die eigentliche feste Basis, die klare Linie, und damit die innere Sicherheit. Philanthropische Organisationen haben, wenn sie zusammenkommen, festen Boden unter den Füßen. Der; Zionismus bei seiner großen Heeresschau alle zwei jähre;hat das Basler Programm als Untergrund, eine : politische Erfahrung von bald "vierzig Jahren als Rückwand und einen Komplex von nr der Zwischenzeit angehäuften Fragen als Arbeitsfeld. Gar nicht zu reden von der A g u d a s Jisro.el, deren Programm von Thora und Messorah, von einer leidvollen Vergangenheit und einer glorreichen Zukunft, von einer ewigen Gebundenheit an G'tt und Israel schätzt ist und höchstens als eine schwache Begleitmusik der Arbeit, nie aber als Arbeit selbst kgewertet wird, kann nicht abwarten, bis eine Tagung seinem Geltungsdrang entgegenkommt. Er ist, in Variierung eines bekannten Wortes, „der Meister,' der die Gelegenheit macht." Und man darf zügeben, daß auf einem Kongresse, der an keine Traditionen gebunden ist, eine feste Linie nicht kennt und daher im besten Falle nur eine Demonstration, um nicht zu sagen Komödie ist, daß auf. einem solchen Kongresse Stephen Wise der denkbar beste Wortführer ist. Es kann nicht geleugnet werden, daß man auf dem Kongresse auch vernünftige Worte, auch gute, aufschlußreiche Referate hörte. Aber braucht man für ein Referat von Tartakoiver über die jüdische Emigration öder für einen Vortrag von Jakob Leschts c h i n s k y über die Lage de r Juden in Mittel -und Osteuropa erst den großen Apparat eines jüdischen Weltkongresses? Hat man ihre Angaben, ihre Zahlen und Daten nicht schon hundertfach in der Presse gelesen? Kann man hoch mehr über die Auswanderung sagen, als in den Berichten des Hilfsvereins und der ICA gesagt ist? Für diese Altbestände der jüdischen Not, und der jüdischen Problematik war der Raum des Genfer Kongresses wo nicht gefährlich, so doch mindestens völlig überflüslig. Genau'(JaSjjGleichei gilt von der an sich im Sinne aller ^eKaltenen. P a 1 ä s t i n a r e s o l'u - tion, deren Inhalt dem Völkerbunde und der Palästinaregierung längst nicht mehr fremd ist. Auch für den von amerikanischen Misrachisten errichteten Religiösen Block bedurfte es der „Genfer Atmosphäre" nicht. Wenn sch^n innerhalb der zionistischen Organisation der Religiöse Block des Misrachi so wenig ausrichten konnte, wie soll erst sein Arbeitsbezirk innerhalb des Luftreiches eines Jüdischen Weltkongresses abgegrenzt sein? Das Beste, was der Kongreß im Laufe seiner Tagung noch tat, war, daß er fünf Kommunisten aus Amerika aus dem Saale hinausgeworfen hat, — wegen der Haltung der Kommunisten bei den Palästinaunruhen. Aber brauchte man da den Rahmen eines Weltkongresses, um zu demonstrieren, daß der Hinauswurf wirklich im Sinne des gesamten jüdischen Volkes in der Diaspora geschah? ... Die Resultate: Die Resultate waren dementsprechend, mager und armselig, bis auf diejenigen, die wir noch außerdem als höchst gefährlich bezeichnen müssen. Ihrer welche entsprechen dem Ideengang einiger führender Amerikaner, die sich von der Rücksicht auf gewisse Teile des Judentums vollkommen lossagen und zur Lösung der jüdischen^ Gesamtfragen, d. h. zur Sicherung des jüdischen Rechtes in den Ländern der Emanzipation, auch auf Kosten derer zu gelangen gewillt sind, die in ihrer Heimat dafür schwer büßen müßten. Man beschließt, sich in die jüdischen Angelegenheiten anderer Länder nicht einzumischen, und dennoch faßt man über die Köpfe derer hinweg, die in Genf gar nicht vertreten sind, Beschlüsse, die tief in das Leben dieser jüdischen Teile eingreifen, ihre Interessen bedrohen und ihren engen Lebensraum, in dem sie sich heute schon bewegen, weiter gefährden. Kannte man indes in dieser Beziehung keine Bedenken und keine Skrupel, so ist es eben Pflicht der gesamten jüdischen Presse, nicht nur in Deutschland, den so leicht zu erbringenden Nachweis zu liefern, daß dieHerreninGenffür sichsprachen und nicht das mindeste Recht besaßen, sich eine Repräsentanz des jüdischen Volkes zu nennen und im Namen von Judenheit oder Judentum der Welt aufzutreten. Alles zusammengefaßt, läßt sich vom Genfer Kongreß mit den Worten der Weisen sagen: imawö K-nn xbv ü> rm •pipyan wsw> unim wDsn Es wäre schon besser gewesen, die Kongreßidee wäre niemals aufgetaucht. Ist sie aber einmal da, und hat der Kongreß stattgefunden, so suche er seine Taten zu revidieren. Und damit sind wir schon am letzten Punkt angelangt, an der positiven Seite der Sachs, die wir im „Israelit" schon oft genug, so oft wir von dem Kongreß sprachen, betonten, und die auch jener eingangs angeführte Beschluß der Kenessio Mechino in Marienbad nicht außer Acht läßt. Die Frage hat eine positive Seite, die unab weislich na 6 h Lösung drängt. Gerade wir in den gesetzestreuen Kreisen und innerhalb ihrer Weltorganisation erachten es als unumgänglich, daß man dem Wunsche der Massen nach einer zentralen Zusammenarbeit der großen Organisationen entgegenkommt. Ddesem Wunsche kann aber nur durch eine freie Vereinbarung unter allen vorhandenen großen Organisationen Rechnung getragen werden, nicht durch Lärm von Kongreßwahlen und rednerischen Demonstrationen. Gerade in Marienbad wurde der Weg zu dieser freien Vereinbarung gezeigt, und es ist fraglos, daß beim Zustandekommen dieser freien Verbindung die Agudas Jisroel als Weltqrganis'ationdes orthodoxen Jude ntums nicht abseits stehen wird." Wird der sogenannte Jüdische Kongreß, wie der letzte Beschluß lautet, wirklich zu einer permanenten Institution, so wünschen wir ihm das ■präS»!! in diesem Sinne. Wir wünschen ihm, daß er bei seiner permanenten Arbeit auf a Ehrgeiz, ein „Jüdischer Weltkongreß" zu

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