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Der Israelit · 1936-08-13 · Heft 33 (13.8.1936) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 33 (13.8.1936)
Date
1936-08-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton- Beila Nummer 33 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn; Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.) Der Alte hatte den Kopf gesenkt, er dachte nach. Er konnte nicht zurück zu steinen kindischen Reden finden, inihm klangen die Worte des Sohnes und mahnten ihn, der Jugend kein schlechtes Bild durch verstockte Ungerechtigkeit zu geben. Deshalb schüttelte er den Bann ab und richtete sich ernst auf. ' ',,Du hast gesprochen, nun laß mich antworten." Er sagte es gelassen' und voll Ruhe. Er hatte sich wiedergefunden. „Es ist unmöglich, deinen papiernen Plan lebendig zu machen. Wir wohnen, umgeben von anderen Staaten, im Norden des -großen Reichsfleckens. Wir sind wohl die Herren auf unseren) Besitztümern, aber nicht ganz die Herren unseres Willens. Wie stände ich vor meinem Kaiser, wenn ich anstatt der G'ttesmutter, dem Judeng'tt Verehrung durch Errichtung eines Tempels zollte . . ." . „Vater, dein Weg geht irre. Nicht von dir nimmt der Q'tt die Verehrung, seine Juden bauen sich das Kirchlein schon selbst unter meiner Leitung. Du hast nichts weiter zu tun, als deinen Rock ein wenig beiseite zu schieben, wie du es einst bei der Judengasse getan hast, als sich die Juden ansiedelten. Hier auf dem freigewordenen Plätzchen bauen sie sich selbst — verstehe — nur jüdische Arbeiter, die ich anlerne, ihre kleine Kirche. Ihren Tempel — es zuckt mir in allen Fingern danach, einmal ein anderes Gebäude zu bauen, etwas, das noch nie vor mir geschehen ist. Kirchen für uns — die vermag ein jeder zu bauen, aber Judentempel — das lockt mich. Vater, es soll kein Prachtbau, werden — nur ein schlichtes Haus -— David sammelt die "Gelder selbst bei den Reichen seiner Gemeinde —" „David," grollte der Alte, „Natürlich er ist schuld daran. Nur er kann solche Ideen in dich setzen." ' „Er hat mich verzaubert," spottete Prosper gutmütig. „Gewiß, seine Frömmigkeit; kann Wunder wirken. Er hat einen Schwur geleistet, das heißgeliebte Mädchen nicht eher ..zu heiraten, bis daß. der Tempel steht. Und wenn er niemals stände — er hielte seinen Schwur." „Ein Dickkopf war er immer, das ist wahr, aber seinetwegen mich bloßstellen, fällt mir nicht: ein .-.. ."■ Das Grollen seiner Stimme war' trotz der Absage nicht frei von gewisser Hochachtung, die er dem gelehrten Freund seines « Sohnes zollte; wenngleich der nur ein Jude war. ' Er schaute zu dem Sohn hin, der nicht weiter bat, sondern nur mit den Achseln zuckte und somit seinen festen Willen verriet, von dem vorgesetzten Weg nicht abzugehen. Ihm ward bange,1 sich das Herz des "letzten Kindes zu entfremden. Der herbe Trotz der Sterenbergs wich im zunehmenden Alter. Besonders der alte Burgherr' fühlte es, daß er Ruhe nötig hatte in Gestalt eines friedlichen1 Familienlebens, Prospers Anlagen wiesen ihn darauf hin, des -Vaters geheimen Wunsch'' zu erfüllen und das rlaüs mit Fronsinhzu erfüllen. Sollte er durch diese, eigentlich Wenig Wichtige' Sache die Eintracht stören? 1 ■' Den Juden schickte er in diesem Augenblick keine frohen Gedanken zu. Etwas vom alten Kampfgeist, der da 'ausrottete,<iwa's dem Ritter nicht gefiel, mischte sich in seine grollenden Worte: < '.. , " i; „Muß denn dieses Volk immer Unfrieden stiften ..." Nun brauste 'Prosper erst recht auf; Aber das war dem Alten .lieber als stummer Trotz, hier konnten sie bei&e ihre Dickschädel zusammenprallen lassen und die Losung auf der einen Seite galt: Gerechtigkeit allen Menschen — die mit: der auf der anderen Seite durch Wider stand bekämpft wurde. , Sie einigten sich nicht! Sie konnten es nicht. Nirgends war ein■> Punkt, an dem Prosper sich . festhalten konnte. Seine Einwände klangen als Worte ausgezeichnet, aber die Taten schienen so entfernt, daß Menschenhände sie nie erreichen konnten. Die Synagoge zu Heikenbrunn lag noch so im Traumhaften, daß seifest der papierne Plan eine Unwirklichkeit schien ... i - ■ <i. / ., . \ i ' ' >!;Es ist, auf Erden alles so genau eingeteilt und jedes kleine,, schier unwichtige Ding 'hat seine Bestimmung. So wäre nie nach G'ttes Willen eine Synagoge zu Heikenbrunn geplant worden, wenn es nicht in des Ewigen Ratschluß festgestanden hätte, ihr zur Vollendung zu helfen. Aber eigentümlich fügten sich die fein verzweigten Wege diesem vorbestimmten Willen. Durch Hände lief die Erfüllung, würdig genug, die Fäden zu leiten und zu entwirren. Prospers junge Frau stammte nicht aus dieser Gegend. Er hatte sie aus dem Süden des fränkischen Landes mitgebracht, eine fremdartige Zierpflanze scheinbar und doch mit kräftigem Willen, das Uebernommene nach bestem Vermögen zu erfüllen. Die Burgherrin, wie man sie: allgemein nannte, besaß die Liebe aller, die mit ihr in Verbindung kamen, bei ihr gab es nur Menschen, keine Schichten. Sie schien vom Geschick gesegnet zu sein. Nie sah man eine feinere, schlankere und schönere Erscheinung auf der alten Burg, als diese Frau. Ihr liebliches Gesicht hatte die Farbe von-Milch und Blut, die Augen, in steter Güte leuchtend, suchten .Kummer und Leid, um zu mildern,' was in ihrer Kraft stand. Seinem Vater hatte Prosper damals angekündigt „Ich fand mein Weib unter einer Schar von jungen Damen auf einem Fest. Nicht daß sie die schönsten Kleider trug — nicht daß sie die Schönste überhaupt in diesem Mädchenflor war — auch nicht die Vornehmheit ihres Standes ließ sie über alle anderen hinauswachsen. Nein, daß sie sich vom Fest stahl, hinaus in die Küche, in die ich ihr heimlich, wie betäubt von ihrer Schönheit, folgte, um dort einer kranken Magd den Finger neu zu verbinden und sie freundlich zu streicheln, eine alfe Magd, die jene anderen des Damenflörs vielleicht oder gar sicher angewidert hätte mit dem? häßlichen, verrunzelten; Gesicht.. Nicht zu Fußen konnte ich ihr fallen und ihr sagen: so wie dich,hab ich im Traum mein Glück gesehen! Nein, sie hätte gelächelt und gesagt: Junker, ich glaube, der Irrtum kostet ein Leben. Aber ich irrte mich nicht, nein, auch sie fühlte endlich nach Tagen bangen Hoffens, vdaß der ungestüme Bursche, der sie |; auf dem Weg von jener Küche zum Saal mit heißen Blikken verfolgte, der sie zum Tanze lud und dann nicht 'mehr Von ihrer Seite wich, daß den ihr ganz verfallen war. Gütig, aber war ,sie vorerst nicht zu mir. Nein, sie wehrte sich gegen Liebe,* denn sie ..kannte, sie nicht oder nur im schlechten Lichte, das der trübe Glanz des Hofes, an dem, sie. lebte, ausstrahlte über die Beziehung gen zwischen Mann und Frau, ich diente meinem Werben wie der niedrigste Knecht. Tausendmal warb so schon ein Liebender' um die Geliebte, dl tausendmal alt die Geschichte. Aber neu für mich und sie. Erst am achten Tage, als mich ein leichtes Fieber aufs Lager zwang und ich ausblieb von ihrem Heime, fühlte sie, daß das Fehlen des wilden Burschen eine Lücke hinterlassen hatte, in der es brannte und kochte wie in einer Wunde. - Und das Blut, das jener Wunde entsproß, ließ Rosen in ihr aufkeimen, Rosen, deren Duft die Liebe trugen . . ." Und alles wurde gut. Die Eltern der Schönen waren Prosper geneigt. In bessere Hände vermochten sie ihr Kind nicht zu geben. Rang und Vornehmheit paßten zueinander — und die Freude des Alten, Prospers Vater, war unbeschreiblich, als ihn die Kunde erreichte. Auf seine alten Tage rüstete er sich zur langen Fahrt. Jochen blieb er ferne, und als er heimkehrte, lajg in seinen Augen die Erinnerung an die glänzenden Feste, die man zu Ehren des jungen Ppares gab. 1 Aber Prosper kehrte noch nicht heim mit fem jungen Weib. Seine Sehnsucht lag im tieferen Süden und -die schöne Burgherrin war ihm stets zur Seite, wohin er auch die Schritte lenken mochte. Sie belastete sein Leben nicht, wie andere Frauen, sie beschenkte es mit Schöpfergnade, und selbst ihr Kind, das sie auf einer jener Reisen gebar, war dem jungen Gatten eine Freude, nicht aber ein Hemmnis. Nun aber brachte er die Frau nach Hause, als der Vater sehnsüchtig und bittend zugleich eine Kunde schickte, daß seinen alten Händen nichts so recht nach Wunsch geriete. Reich beladen mit Schätzen von Glück und Arbeit kamen sie beide zur Burg. Bald fühlte sich die junge Burgherrin heimisch. Ihre Stimme erfüllte die Räume mit Helligkeit, ihre Schritte jagten den Mädchen in der Küche und Kammer keinen Schrecken ein. Man kam zu ihr ohne Scheu, weil man wußte, von ihr kam stets Hilfe. Ihr Kind, nunmehr drei Jahre, als sie zur Burg heimkehrte, war der Liebling des alten Burgherrn, der sein Geschlecht fortgesetzt sah, da es ein Knabe war. Nur liebte sie die großen Feste nicht in dem Maß, mit denen sie der Burgherr am liebsten überschüttet hätte. Sie wußte ihn dahin zu bringen, daß er sie verstand" "und ihre Sehnsucht nach stillem Wirken achtete. Nur zuweilen schlüpfte sie mit kleinem Seufzen in die Prachtkleider und war die Herrin über viele, viele Reichtümer vor neugierigen Gästen. Sie war fromm. Ihr Glaube galt ihr alles, doch suchte sie aus ihm das Schönste und richtete sich danach. Unter ihren Grundsätzen befand sich als höchster jener: jeden nach seinem Glauben leben zu lassen. Deshalb haßte sie niemanden, auch die Juden nicht. , . . y. . Nur stand sie ihnen fern und kam selten und nie mit ihnen in Berührung. Nur einmal lernte sie eine Jüdin kennen und es war keine andere als Githa, die ihr in den Weg trat und half, einen kleinen Jungen aufzurichten, der vor ihrer beiden Füße sich das Knie wundfiel. Sie lächelten sich an, kamen ins Gespräch und es fand sich, daß diese schönen Frauen das entbehrten, was man Freundschaft nennt. Aber Githa wehrte sich gegen dieses Einschmeicheln. Sie verriet stolz ihre Abstammung und mußte zu ihrem Staunen erkennen, daß weder Abneigung, noch Staunen ins Gesicht der Burgherrin kam. „Weshalb sagst du das, schönes Mädchen?" fragte sie nur. „Ich sehe, daß du gut bist, daß deine Lippen nur Bestes suchen und aussprechen, das genügt. , Ob Jude; 'ob andersgläubig — danach nabe ich. nie gefragt. Nur, ob der Mensch gut ist . . ." ' * .; (Fortsetzung folgt.)

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