Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1936)
- Date
- 1936-08-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seit« 10 rNr. 33 D 1 s 1 i t 13. August 1936 Der Jüdische Weltkongreß. Genf, 10. August Zu dem sogenannten Jüdischen Weltkongreß sind etwa 300 Delegierte und Gäste erschienen. Unter deü Ehrengästen bei der Eröffnung sah man auch einige Diplomaten und Vertreter der Völkerbunds instanzen. Der Sitzungssaal der Völkerbundsversammlung, in dem der Kongreß stattfindet, die große Aufmachung und .die Neuartigkeit der ganzen Veraü staltung verliehen der Eröffnungssitzung einigen Glanz, der auch viele Neugierige anzog. Mit einem stark theatralischen „Scheheschejonu" leitete Dr. Stephen W i s e seine Rede ein, die darauf einge stellt war, die Berechtigung und Notwendigkeit der Einberufung des Kongresses zu beweisen. Er nannte mit Bedauern die Namen der Länder, die am Kongreß sich nicht beteiligen konnten oder wollten und versäumte nicht, mit einem „Gruß an den Jischuw" die Brücke nach dem Zionismus zu schlagen. Redner erwartet vom Kongreß keine Wunder, aber einige Funktionen auf dem Gebiete des Zusammenwirkens von Juden verschiedener Länder. Es folgte eine ge linde Auseinandersetzung mit den Gegnern des Kongresses, Auf eine scharfe Polemik wolle er verzieh ten, da „die Tore des Kongresses nach wie vor für alle offen bleiben." Das erste Referat hielt Dr. N. Goldmann über „Die Lage der Juden in der Welt". Aus allen wohlbekannten Einzelposten versteht der Redner mit großer Rhetorik ein Gesamtbild der Situation zu entwerfen, das nicht ohne Wirkung bleibt. Es werden darauf eine Reihe von Begrüßungen verlesen, die zum Teile große Namen tragen. In der Vormittagssitzung am Sonntag referierte Dr. Arie Tarta korer über „Die jüdische Emigration und über die jüdische Emigrationspolitik". Auch dieser Redner führt alle bekannten Tatsachen auf diesem Gebiete an, um ein Gesamt bild über die Judenwanderung, ihre Tragik, ihre Hin tergründe und ihre Ziele zu gewinnen. Es folgt da rauf ein Referat von I. Jefroykin, der sich für die Schaffung eines Zentralbüros für soziale Hilfsarbeit warm einsetzt. Ein Fachmann von großer Erfahrung auf diesem Gebiete, referiert dann Jakob Lestsc h in sky über „Die Lage der Juden in Mittel- und Osteuropa". Auch seine Angaben sind aus der Literatur und den von den Organisationen veröffentlichten Berichten wohlbekannt. Er errechnet, daß 20—22 Prozent aller Juden in Deutsch; land auf Unterstützung angewiesen sind und vor der Notwendigkeit der Auswanderung stehen, die sie aber nicht aus eigenen Mitteln durchführen können. Der Niedergangsprozeß der höheren und mittleren jüdischen Schichten nehme katastrophale Formen an. Dr. Leon Kubowitzky entwickelte in einem längeren Referate einen Plan für die Schaffung einer dauernden Kongreßorganisation, Damit erreicht wohl die Reihe der großen Referate ihr Ende. Der Kongreß wählte den bekannten amerikanischen Richter Julian Mack zum Ehrenpräsidenten. Außer Stephen S, Wise gehören dem Präsidium noch mehrere bekannte zionistische Führer an. Vom Misrachi sitzen im Präsidium Rabbiner Gellmann, Amerika, Dr. M. Nurok, Lettland und Rabbiner Dr. Brodt, Antwerpen. Dr. Mossinso h n überbrachte die Grüße des Waad leumi. Die Arbedtergruppen sämtlicher Länder haben sich auf dem Kongreß zu einer Arbeiterfraktion zusammengeschlossen-. Auch so etwas wie ein „Religiöser Block" kam auf Anregung des Präsidenten der Misrachiorganisation in Amerika, L. Gellmann, zustande. Fünf kommunistische Delegierte aus Amerika, die sich weigerten, eine Erklärung gegen das Verhalten der Kommunisten in Palästina zu den Unruhen mit zu unterschreiben, wurden nach dem Beschluß des Präsidiums zum Kongreß nicht zugelassen, was am Sonntag zu Lärmszenen im Plenum führtet Die stärkste Fraktion: im Kongreß bilden die Amerikaner mit 80 Delegierten. Die Verhandlungen im Jüdischen Weltkongreß. Genf, 12. August. Die Verhandlungen wurden am Montag fortgesetzt. In der Generaldebatte kam es. zu. einer allgemeinen Aussprache über die Lage der Juden in den osteuropäischen Ländern. Es wurde beschlossen, eineinternationale jüdische Bank für W i r t= \ schaftsaufbau zu gründen. Die Bildung deri Arbeiterfraktion und anderer politischer Fraktionen auf dem Kongreß führte im Plenum zu. sehr scharfen Auseinandersetzungen. In der Montag ab endsitzung begrüßte der Ober kommissar für Auswand er er fürsorge,' Sir N © i 1 1 MaUolm, den Kongreß. Es sei ein glücklicher Zufall, daß er sich in diesen Tagen ge- . rade in Genf befinde, und so wolle er die Gelegenheit benutzen, als Gast die jüdischen Probleme zu studieren, da er gerade dabei sei, seinen Bericht an den Völkerbund auszuarbeiten. Er werde sich zur. Aufgabe machen, zur Linderung der auf dem Kongreß geschilderten Not beizutragen. M. L. Perlzweig, als Mitglied der englischen Delegation, dankte für die Ausführungen des Oberkommissars und pries es insbeondere, daß das hohe Amt einem Engländer zukam, denn das englische und das jüdische Volk seien unwiderruflich in einer gemeinsamen ehrenvollen Aufgabe verbunden. Auch Stephen Wise dankte dem Oberkommissar und versicherte ihm, daß die Juden der Welt vollen Anteil auch an der Hilfsarbeit für die nichtjüdischen Auswanderer nehmen wollen. Es folgten Referate über die Juden in den westliehen Staaten, in der Tschechoslovakei und Italien, und die Sitzung schloß mit einer Huldigung für Mussolini, in Anknüpfung an eine Ansprache des Vorstehers des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens, Dr. Angelo O r i n t o , Florenz. Frankreich. D^r Großmufti von Algerien ermordet, weil er sich der verfolgten Juden annahm. Paris, 6. August. Ueber die Ermordung des malktischen Großmufti von Algerien, die in der ganzen Welt so viel Aufsehen erregt hat, wird aus Algier berichtet: Die Täterschaft ist bereits zum Teil geklärt. Man hat den jungen Mann im Burnus, der in der Rue de la Lyre zu Algier auf den 68jährigen Marabut Ben Dali Mahmud Kahu zutrat, um ihm scheinbar zum' Zeichen der Verehrung nach Landessitte die Stirn zu küssen, in Wirklichkeit jedoch den tödlichen Bus* saadi ihm ins Herz stieß, noch nicht ermitteln können. Aber durch Aussage von Augenzeugen ist bereits einwandfrei festgestellt worden, daß er ein Moslem gewesen sein muß. Wäre auch nur die leiseste Verdachtsmöglichkeit dafür vorhanden gewesen, daß der Mörder ein Jude sein könne, so wären die Auswirkungen des Attentats nicht zu übersehen gewesen. Gerade aber die algerischen Juden hätten am wenigsten Grund gehabt, dem Großmufti ans Leben zu wollen, der nicht nur mit größter Schärfe gegen die Judenpogrome in Oran und Constantine aufgetreten ist, sondern auch aktiv gegen .die von dem Bürgermeister von Oran, Abbe Lambert, geführte antisemitische Propaganda Stellung genommen hat. Erst wenige Tage vor seiner Ermordung hatte dar Großmufti ein Telegramm an die Regierung in Paris gesandt, um sie davon zu unterrichten, daß hinter der gegenwärtig in Paris weilenden Delegation der algerischen Jungtürken, die eine Reihe scharfer anti* semitischer Forderungen gestellt hat, nur ganz geringe Teile der mosiemitischeri Gesamtbevölkerung stünden. Es herrscht jetzt die Ueberzeugung vor, daß der Großmufti mit diesem Telegramm sich selber das Todesurteil geschrieben hat, indem er die Rache der Judenfeinde auf sich geladen hat. Der ermordete Großmufti gehörte einer der angesehensten mosiemitischen Familien des Landes an. Er war das geistige Oberhaupt der Malekiten, einer hauptsächlich in Algier und Tunis vertretenen mohammedanischen Konfession, die ihre Gründung auf den liberalen Kalifen Almalek zurückführt und neben anderen fortschrittlich-liberalen ^Tendenzen das Prinzip einer produktiven Zusammenarbeit mit den Europäern vertritt. Die Ermordung/des Großmufti bedeutet auch einen gegen die französische Regierung geführten Schlag, den sie zu parieren haben wird.; Ein neues Hilfskomitee in Paris für *aus'Deutsch. land ausgewanderte Juden; 1 , P-aris, 6. August; Gleichzeitig mit den von den französischen Regierung getroffenen Vorbereitungsmaßnahmen zur Durchführung der von der Genfer Zwischenstaatlichen Regierungskonferenz für die Regelung der Rechtsverhältnisse aus Deutschland Ausgewanderter gefaßten Beschlüsse wunde jetzt in Pari© ein neues Hilfskomitee für aus Deutschland ausgewanderte Juden geschaffen. An der Bildung des Komitees sind internationale Organisationen, in erster Reihe das American Jewish Joint Distribution' Committee, hervorragend beteiligt. Das Komitee, dem auch Baron Robert de Rothschild, Grand Rabin Weill und andere führende Persönlichkeiten angehören, hat die Aufgabe, die wirtschaftliche Eingliederung derjenigen aus Deutschland eingewanderten jüdischen Familien zu ermöglichen, denen dies bisher noch nicht &ehm~ gen ist. Polen. MilitärdieEStbegünstigungen für Hörer jüdischer Bildungsanstalten in Polen. Warschau, 6. August. Das Bildungsministerium hat ein neues Verzeieh* nis der Mittelschulen, Lehrerseminare, theologischen Anstalten und Hochschulen veröffentlicht, deren Hörer die Begünstigung eines Aufschubs der Erfüllung ihrer militärischen Dienstpflicht genießen. Von jüdischen Lehranstalten sind in dem Verzeichnis die Tachkemoni-Schule und das Judaistkche Institut enthalten. Dagegen fehlt in dem Verzeichnis die Jeschiwa Chachme Lublin, deren Hörer bisher die gleiche Begünstigung genossen haben. Beim Beten erschossen. Warschau, 7, August. In einem Dorf bei Zielechow würde der jüdische Einwohner .Jacob Lilipo wer, als er das Maariw- Gebet sprach, durch mehrere Revolverschüsse, die durch das offene Fenster abgefeuert worden waren, schwer verwundet. Am folgenden Morgen ist er im Krankenhaus in Lukow seinen Verletzungen erlegen. Von den Tätern fehlt jede Spur, Zu judenfeindlichen Ausschreitungen ist es anläßt lieh des Markttages in dem Städtchen Dlugoszodlo gekommen. Nach anfänglich ruhigem Verlauf des Marktes erschien ein gut gekleideter Mann, um den sich die Bauern sofort sammelten. Nachdem er sich provozierenderweise an einen der jüdischen Händler mit der Frage gewandt hatte,, warum er auf einen ,christlichen Markt" gekommen sei, reizte er die Bauern zu Gewalttätigkeiten gegen die jüdischen Markthändler auf. Rumänien. Eine provokatorische Frage rumänischer Antisemiten und ihre Folgen. Bukarest, 10. August. In Czernowitz sind Berichte eingetroffen, wonach in Seietin und, anderen Orten der Bukowina fortgesetzt antijüdische Aussohreitungen vorkommen. Die antisemitischen Agitatoren gehen dabei systematisch vor. Sie halten jüdisch aussehende Passanten in den Straßen an und fragen sie, ob sie für Leon Blum seien. Wenn die Juden eine Antwort aus naheliegenden Gründen verweigern, so werden sie geschlagen. Judenfeindliche Ausschreitungen in der Bukowina, — Katholischer Bischof verurteilt die Exzesse; Czernowitz, 5. August. In der Stadt Stanesti kam es nach einer Versammlung der, Cuzisten .zu Angriffen auf jüdische Passanten; es wurden auch in zahlreichen jüdischen Woh= .nurigen die Fenster zertrümmert. In Putila ' ist es ebenfalls zu judenfeindlichen Ausschreitungen gekommen. Die, jüdischen Einwohner Alter' Aberbaeh, Chaskel Linder, Hendel {Cronenfeld, Meier " Lindor und Hermann B ermann wurden mißhandelt.