Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1936)
- Date
- 1936-08-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr, 33 _ Aber die Stimme von Schaare Chessed: hat sie nur die erschütternde Kraft zum Weinen und nicht auch die aufrüttelnde Kraft zur Tat? Hat G'ttes Haus, zeitlos lebendig im Herzen der zeitlos lebendigen jüdischen Nation, hat G'ttes ' Haus, dessen in die Zeit hineinragende Westmauer heute einsam und verlassen steht, selbst bei denen nicht mehr die Kraft zum Antrieb, die die Sprache der Westmauer begreifen? Warum gibt es im Lande der Westmauer keine offensive religiöse Bewegung? Noch zählt das Land der Westmauer Men sehen genug, die G'tt fürchten, seine Thora 1er nen und seine Gebote hüten. Noch sind die Bet häuser der Stadt der Westmauer gefüllt, noch weiht eine stattliche Jugend die Blüte .ihrer Jahre dem Talmud. Warum ist dennoch im öffentlichen Leben eine Strömung nicht spürbar, die die Menschen packt, die Menschen gewinnt und in Kämpfer für das Ideal wandelt, dem die Sprache der Westmauer gilt? Warum sind die Männer noch nicht erstanden, die aus der zeitlosen Thora die thoralose Zeit begreifen, sie anzusprechen vermögen und um ihre Kinder mit der ganzen Glut eines wissenden und liebenden Herzens zu werben entschlossen sind? Im Lande der Westmauer stellt der M i s - rachi keine religiöse Bewegung dar, hat der Misrachi aus seinen Reihen Männer nicht nach vorn geschickt, an deren Feuer Menschen heiß werden könnten. Im Lande der Westmauer ist der Misrachi eine vielgeplagte zionistische Fraktion, die in Agenden erstickt und froh sein muß, wenn sie bei der äußerst komplizierten zionistischen Brockenverteilung auch nur halbwegs auf ihre Rechnung kommt. Zudem könnte eine überheiße Glut gar leicht die Kette von Basel schmelzen. Klugheit zwingt zur Vorsicht, und Vorsicht bringt Temperiertheit. Das ist nicht die Atmosphäre, die eine religiöse Bewegung zur Entladung bringen könnte. Im Lande der Westmauer stellt bislang auch die Aguda keine religiöse Bewegung dar. Erschöpft sich der Misrachi im Kräftespiel innerhalb der zionistischen Organisation, so gibt sich die Aguda in dem politischen Treiben aus, das sie bald zum Hohen Kommissar, bald zu Ben Zwi, bald zur Agency, bald gegen den Waad Leumi, bald zum Oberrabbinat von Tel Awiw, bald gegen es führt, und das ihrer Leitung kaum Zeit läßt, die agudistischen Schulen oder die agudistischen Arbeitergruppen oder Kdbbuzim zu besuchen, geschweige denn, Menschen zu gewinnen und für die Idee zu aktivieren. Man wird hei alldem ein beachtliches Maß politischer Gewandtheit keineswegs vermissen. Aber politische Gewandtheit und religiöser Impetus sind meist — Gegensätze. Das große Verdienst der Aguda im Lande der Westmauer besteht in der Rettung der Idee des Königtum© der Thora. Diese Rettung konnte nur im Kampf gegen den Waad Leumi erfolgen. Dieser Kampf konnte nur politisch geführt werden. Sein Schauplatz war die Organisation. Auf diesem Schauplatz hat man es bis zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Der Gefahr der Veräußerlichung ist man freilich nicht ganz entgangen. Ueber der Organisation vergaß man — vielleicht — ein wenig — die Menschen. — — Das Weinen von Schaare Chessed fordert weitere, fordert andere Tat. Es genügt nicht, die Idee des Königtums der Thora als Schiboleth auszurufen: man muß für sie werben, man muß für sie e r z i e h e n. Man kann freilich für sie nicht werben und nicht erziehen innerhalb einer Organisation, die sie grundsätzlich verneint, die sie grundsätzlich bekämpft — das war der Irrtum des Misrachi —; man kann aber eben so wenig —das war der Irrtum der palästinensischen Aguda — auf Werbung und Erziehung verzichten, Die Idee des Königtums G't- . tes und seiner Thora, wenn sie nur vor Verflacniing, vor Veräußerlichung geschützt bleibt, und wenn sie vor allem nicht nur mit dem Köpf errechnet', sondern mit der ganzen Inibrunst der __D e r is r a e 1 i t Seele erwollt wird, ist gerade im Lande der Westmauer von solch überwältigender Größe, von solch unerhörter Aktualität, von solch tiefgreifender Kraft der Gestaltung auch des jüdischen Einzellebens, von solch antwortbereiter Beziehung zu allen Fragen des öffentlichen Lebens, daß sie, wie keine andere, geeignet ist, Ausgang wie Ziel einer religiösen Bewegung zu werden, die vor keinem jüdischen Menschen Halt macht, dem die Westmauer noch nicht völlig verstummt ist, die um ihn kämpft und um ihn ringt, bis seine Seele sich ihr öffnet, und die ihren Wert nicht an politischen „Erfolgen", sondern an der Zahl der 'Menschen mißt, die sie um G'tt geeint hat. Eine solche religiöse Bewegung wäre durch und durch agudistisch, selbst wenn sie — vielleicht — zur Wahrung des bisher organisatorischpolitisch Erreichten', das nun einmal den Namen der Aguda trägt, einstweilen auf diesen Namen verzichten müßte. Besser der Verzicht auf den agudistischen Namen, als der Verzicht auf die agudistische Dynamik. Nur eine „Partei" kann auf ihren Namen nicht verzichten. Der Agudismus ist keine Parteisache, _ 13. August 1936 Die religiöse" Bewegung, die für dieses Land eine Lebensribtwendigkeit ist, kann weder von Männern des politischen Kompromisses noch von Männern der politischen Monomanie, ausgehen. Fehlt es jenen ah der' religiösen Kraft, so diesen an der mitteilenden religiösen Wärme, Politik ist freilich nicht entbehrlich, solange die Diesseitsmächte dem Sollen nicht entsprechen. Aber Politik sollte im Judentum niemals bis zum Spezialistentum gedeihen. Das Spezialistentum ist im Judentum gefährlich für den Politiker und gefährlich für seine — Politik. . Lasset uns Menschen gewinnen, Menschen erziehen im Geist des erschütternden Weinens von Schaare Chessed um die Krone, die unserem Haupt entfallen, um den Tröster, der uns noch immer so fern, den Vater, der uns Waisen fehlt; lasset uns Menschen gewinnen, Menschen erziehen, die dieses Weinen zur lebengestaltenden Tat emporreißt, die G'tt-König zunächst im eigenen Herzen das Reich errichtet: so werden solche Menschen ganz von selbst das Reich, das sie im Herzen tragen, auch im Leben der Gemeinschaft stiften, j Es führen viele Wege zu G'ttes Haus. — Keine wesentliche Beeinträchtigung des Arbeitsmarktes durch den Araberstreik. In einem Bericht der jüdischen Gewerkschaften von Haifa wird festgestellt, daß der dortige jüdische Arbeitsmarkt durch den Araberstreik nicht wesentlich beeinträchtigt wurde. Die Zahl der bei den Gewerkschaften vorgemerkten Arbeitslosen betrug Anfang April rund 700. Es sind Aussichten vorhanden, daß diese Arbeitslosen bei geplanten öffentlichen Arbeiten Beschäftigung finden werden. Ursprünglich sollte auch eine verstärkte Bautätigkeit in Haifa aufgenommen werden. Bis Ende Mai, d. h. VA Monate nach Ausbruch der Unruhen, hatte sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht verschlechtert; in einzelnen Aribeitszweigen war sogar eine Wendung zum Besseren eingetreten. Später begannen kleinere Schwankungen auf dem Arbeitsmarkt. In einzelnen Unternehmungen innerhalb und außerhalb der Stadt kam es allmählich zu Arbeitseinschränkungen und Arbeiterentlassungen. Die Eisengießerei Kremener und die Zementfabrik Nesher haben 150 Arbeiter entlassen, weil sie große Warenvorräte aufgestapelt hatten, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen keinen Absatz finden konnten. Vollständig eingestellt wurde der Betrieb bei den Fabriken „Tubal" und „Phönicia", Dadurch sind einige hundert Arbeiter arbeitslos geworden, so daß die Zahl der Arbeitslosen Anfang Juli auf 1000 gestiegen war. Die während des Monats Juli unternommene energische Aktion zur Wiedereinstellung der Arbeitslosen läßt erwarten, daß diese in der nächsten Zeit zum größten Teil wieder in den Produktionsprozeß eingereiht sein werden. Schwieriger ist die Lage verheirateter Arbeiterinnen, deren Männer erwerbslos sind. Es werden jetzt Maßnahmen zugunsten dieser Arbeiterinnen durchgeführt. Amtlich wird bekanntgegeben, daß Ende April 1936 in Palästina Münzen und Noten im Gesamtbetrag von 6,211.135 Pfund im Umlauf waren. Im ersten Vierteljahr 1936 wurden im Jaffaer Hafen die Ladungen von 163 Schiffen mit 86.692 Tonnen gelöscht. Nach Haifa^ brachten 514 Schiffe 162,406 Tonnen Waren, Im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres wurden in Jaffa 325 Schiffsladungen mit 55.695 Tonnen und in Haifa 536 Schiffsladungen mit 205.248 Tonnen gelöscht. Die Öel- und Seifenfabrik „Stiemen" in Haifa hat einen Auftrag auf Lieferung, vpn 72.000 Stück ToÜetteseife nach Singapur (Maläkfca-Hinferindien) erhalten. Die Seife ist für zwei große Hotels in Singapur bestimmt. Die Einlagen der Anglo-Palestino-Bank, der wichtigsten Großbank in Palästina, sind in den ersten fünf Monaten des Jahres um eine Million auf rund 7 Millionen Pfund gestiegen. In der hebräischen Presse wird diese Tatsache als ein Beweis dafür gewertet, daß trotz Unruhen und Wirtschaftskrise keine Kapitalflucht aus Palästina eingesetzt hat. In Wirtschaftskreisen wird die Erhöhung der Bankeinlagen auch als Zeichen für eine mangelnde Investitionslust angesehen und als eine Folge davon, daß die Kreditgewährung stark eingeschränkt worden ist und die Banken das Bestreben halben, nach den Erfahrungen des Vorjahres, sich möglichst flüssig zu halten. Es sei jedoch damit zu rechnen, daß nach Wiederherstellung normaler Verhältnisse und nach einer gewissen Zeit der Beruhigung die Investitionstätigkeit verstärkt wiedereinsetzen wird, und daß dann die gegenwärtig brachliegenden Kapitalien wieder in die Wirtschaft zurückfließen werden. Korrespondenzen. Deutsches Reich. Ueber die Körperschaftssteuerpflicht jüdischer Stiftungen, Berlin, 7. August-, Durch Urteil vom 7. April 1936 hätte der Reichsfdnanzhof ausigesprochen, daß eine jüdische Stiftung mit dem Zwecke der Förderung begabter unbemittelter jüdischer Studenten nicht als gemeinnützig gelte. In dem Urteil wurde auch nicht die Mildtätigkeit der Stiftung anerkannt und die« damit begrün5 det, daß zwar .die Mildtätigkeit eines Zwecke® nicht dadurch ausgeschlossen werde, daß die unterstützten Personen, wenn sie sich im Inland befinden, einer fremden Rasse angehören, wohl aber deshalb, weil nicht eine Unterstützung bedürftiger Personen in Frage komme, und der Bedürftigkeit unmittelbar durch eine dazu bestimmt«' und geeignete Tätigkeit abgeholfen werden müßte. In dem vorliegenden Falle solle" nur dem Mängel n'öhesrer S'ch\ilkild)üii£ bei den unterstützten Personen; ' aber nicht der Wirtschaft5 liehen Not gesteuert Werden. Die Veranlagung zur KörperschaftsSteiieV wurde bejaht.