Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1936)
- Date
- 1936-08-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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13: August 1936 D er Israelit Nr. 33 Seit© 7 er je geahnt. 'AU sein Dienst, Gebet und Lernen, ist mir wie ein Anlauf, ein Auf Sprung, er fällt bald zurück. Es ergreift ihn, alber er kann es nicht greifen, nicht halten, sieht, das ist ihm verschlossen, er weiß nicht, ob für, immer oder nur für jetzt, aber er spürt die Wand, die ihn nicht durchläßt, Unvermögen überall, alle Türen fallen langsam zu, er steht allein im Dunkel, und. sein Herz schreit und schlagt in seiner Brust und will ihn fast erschlagen, denn es ist schwer, alles zu wollen und nichts < zu können Da, wird das - neue Wollen demütig, still und klein, läßt den Himmel und die hohen Stufen läßt den großen Traum und steigt zur Erde nieder, in den Tag hinunter und versucht seine Glut in die kleinen Dinge zu tun. Wir erreichen das Letzte, indem wir das Nächste tun, er sieht sich um und endeckt erst einmal den Nachbar, der' seit Monaten neben ihm auf der Bank, sitzt Der Nächste ist ja so nah, wie merkwürdig, daß wir das so selten wissen. Da sitzt er, wenn man recht hinsieht, kennt man sich auf eine stille Weise schon sehr lange, die gleiche Arbeit, die gleiche Aufgabe und das gleiche Ziel verbindet beide in einer tiefen Bruderschaft. Es ist ganz ohne Mühe, miteinander zu sprechen, zu fragen, die Wand, die den 'einen vom anderen scheidet, ist gar nicht da, sie ist ja auch sonst viel dünner, als wir gemeinhin annehmen-5 Er weiß, daß;.der Freund in. allen Dingen weiter ist, im Fleiß, in der Andacht, in der Hilfe. Zum ersten Male bemerkt er, wie blaß und mager der andere ist, wie alt und schadhaft sein Anzug. Er fragt, beobachtet, sieht und hört von den Dingen, die eine behütete Jugend von ihm fernhielt. Er erfährt vom Hunger, den er nicht einmal am Fasttag begriff, weil er den Imbiß bereit wußte. Man erzählt ihm. von Kälte, die ihm fremd ist, weil ihm niemals die wärmende Hülle fehlte. Ein Schicksal breitet sich vor ihm aus, unbeschreibliche Armut Und Not, der tägliche Einsatz eines" Lebens für die Thora wird sichtbar. Bald -weiß er von einem zweiten, einem dritten, er hört von unerhörten Opfern, um nur in der Jeschiwah zu bleiben, bald weiß er um die Not und den Kampf von vielen, entdeckt die reine Größe der Gemeinschaft, in deren Mitte er lebt, sieht über allem Elend das Lächeln g'ttlicher Bindung wie eine reine Flamme und hier, in dem stillen, namenlosen Heldentum seiner Brüder spürt er es, schmeckt er es, hier, im lebendigen. Löben des heutigen Tages faßt er den Saum der Ewigkeit, den ewigen Besitz, das unverlierbare Wissen, das Zeitlose, Uralte, das noch' das Zusammenbrechen still sein läßt und wie eine Freude über den Beweis des vollendeten Dienstes. Zum ersten Male geschieht : es ihm, daß alles Selbstverständliche, alles, was ' er ohne Nachdenken hinnahm und sogar forderte, wie Essen und Trinken, Wohnung und Kleidung, daß ihm alles entgleitet und neu und völlig verwandelt zu ihm zurückkehrt. Die Welt hat sich verändert, nichts ist mehr selbstverständlich, alles wird, zum Geschenk, zur Güte, zur Gnade. Er beginnt eine Mahlzeit, spricht den Segen über das Brot, aber da ist ein neues Wissen dabei, ein neues Empfangen, es ist kostbar geworden, viele,,, die besser-sind als er, hatten und haben es oft nicht, es ergreift ihn die feine Scham des Besitzes, er kann sie nur verlieren, wenn er das Brot zurückgibt: Er spricht den Segen, er weiß im Brot die mühevolle Arbeit des Bauern, sieht den Halm, der in der Sonne reift,risieht die Erde, aus der er wächst und schlägt die Brücke zu Dem, der die Erde schuf, nimmt das Brot als noch unverdientes Geschenk, er gibt es zurück, indem er den , Schenker aussagt, bekennt, daß alles Ihm gehört; spürt in einem zarten Schreck, wie der Schöpfer durch die Güte seiner Schöpfung ihn durch Erde, Halm, Kpm und Brot hinr durch bis in seinen Mund, hinein grüßt und anruft. "Alles (beginnt ihm jetzt entgegen zu -gehen. Es ist kein Unterschied zwischen Essen und Trinken, dem. Sich-Bekleiden oder dem GeborgenrSein,, wenn es draußen regnet. Er gibt alle Geschenke an G'tt zurück, durch alle Veränderung und Wandlung geht er zum Ursprung. Er beginnt die großen, einfachen Geschenke des Lebens zu entdecken, die Gesundheit eines jeden Tages, Entdeckungen, die klein anmuten, weil sie so einfach scheinen, aber gerade das Einfache ist ja so schwer zu finden und das Alltägliche ist voller Wunder und Geheimnis. Ein blauer Himmel, ein blühender Baum — wir haben so viel, aber erst im Erkennen des Beschenkt-Seins wird alles gültig. Eine Welt, Seine Welt grüßt ihn, er versucht, den Gruß zu erwidern. Der junge Jude sieht sich nur, da ist er von überallher angerufen, und er muß nach überallhin antworten. Alle Weisheit und Ordnung rät zum Begreifen: Erfülle Dich! Alle erhabene Bildung und Größe mahnt zum Erkennen: Erhebe Dich! Alle Schönheit der Schöpfung lädt zum Betrachten: Reinige Dich! — Die Welt fließt ihm zu, hüllt ihm Herz und Hände, er gibt sie zurück im Erkennen des Geschenkes und Schenkers, aber noch immer ist ein Ueberfließen, noch immer nicht genug Zurückgabe, so sucht er die Geschenke, Fülle der Schöpfung, den Geschaffenen zu geben, meint in ihnen Dien, der alles schuf, antwortet so ein zweites Mal für alles Empfangene nach oben. Er beginnt mit der Schüchternheit, die die Reinheit des Anfanges ist, sucht, fragt, will helfen, besucht den kranken Freund, holt den Arzt, die Medizin, bringt ihm das Essen, schüttelt ihm das Kissen auf, und während die Röte über das Erstmalige solchen Tuns sein Gesicht überflammt, verbringt er seine ungewohnte Bewegung in kleinen Ungeschicklichkeiten, die das Gespräch unbefangen machen. Der Kranke empfängt die Hilfe durch den Freund vom'' Schöpfer, der Freund meint durch die Hilfe am Bruder Den, der beide schuf. Geben und Nehmen ist seltsam befreit, fast unpersönlich, daher von einer Leichtigkeit, die niemand und niemals belastet. Wunderbar, daß beide es wissen! Es ist die reine Gemeinschaft, das Beieinander-Sein vor Ihm, das da entsteht. Das Unbeschreibliche, hier wirds getan. Aber dieser erste Besuch ist nur wie ein Beispiel, ein Anfang. Dem Suchenden erschließen sich die offenen und geheimen Nöte von vielen, sieht er einen Mangel, versucht er ihn zu stillen, in allem und. jedem Tun ist die Andacht und die Zurückerstattung des Empfangenen. Und jetzt ist seih Gebet müheloser Andacht voll. Er weiß zu danken und zu bitten, er trägt auf seinen Schultern das lebendige Wissen um Schicksale, die ihn zur Dankbarkeit und zur Hilfe aufriefen. Neue Kräfte wachsen, sein Tag wird voll, sein Blick ersieht ewig neue Pflichten. Gebet, Lernen, Hilfe — das Herz wird ruhig und schlägt im Rhythmus des. wahren Weges. Erez Jisroel- Briefe. Von Isaac Breuer. VIII. Im Aw 5696. . So also sah der Mond aus, der vor 2522 Jahren und vor 1866 Jahren über Jeruscholajim stand, als der Feind sich anschickte, die Brandfackel in das Haus zu schleudern, über das G'ttes Name genannt war. Da drüben, wo eben eine schmale Wolkenbank den Himmel quert, stand das, Haus, das G'ttes Herrlichkeit verlassen hatte, ehe der Fuß des Feindes es betrat, klammerten sich die verzweifelten Söhne unseres Volkes an die entseelte Hülle ihrer untergehenden Pracht, und da links davon, auf dem „Berge der Seher", lagerten die Römer und holten zum letzten Schlage aus. Wie unendlich lang ist das alles her, und wie greifbar nahe steht das alles dem „ewigen Volke", dem die Zeit nichts anzuhaben vermag. Wie die Abendschatten sich senken, kommen von allen Häusern der Schechunah „Schaare Chessed" die Menschen in das finstere Bethaus zusammen, das bald niemand mehr fassen kann, sitzen mit brennenden Kerzen zur Erde und lauschen dem Vorbeter, der eben mit leiser, mit unendlich demütiger Stimme anhebt, G'tt zu segnen, der uns durch seine. Befehle geheiligt und uns befohlen hat, die '—furchtbarste aller Megillöth zu lesen; Und dann liest er sie. Nie habe ich in meinem ganzen Leben einen solch erschütternden Ausbruch fassungsloser Verzweiflung ■ gehört. 2522 Jahre und 1866 Jahre haben über die entsetzliche Frische dieses Jammers nicht den geringsten Trost zu breiten vermocht. Von Kapitel zu Kapitel steigert sich die Stimme, gebändigt nur durch den genauest befolgten Zwang der .Vertonung, zu immer lauteren Klagen unmittelbar gefühlten Schmerzes, um schließlich im letztenn Sehnsuchtsruf nach dem „Einst", völlig erschöpft, ins Flüstern des Anfangs zurückzufallen, .j l\ ■ Welch unsäglicher Trost liegt in dieser unsäglichen Trostlosigkeit. Eine Nation, die über 2522 Jahre und über 1.866 Jahre hinweg also zu weinen vermag fei; unzerstörbar. Eine Katastrophe, die üibe;f,2522 Jahre und über 1866 Jahre hinweg also be]'aminert wird,.'ist 'zwar furchtbar, aber nicht end^uWi^., Das Haus 'G'ttes ünd die jüdische Nation, verbunden durch die Thora, stehen jenseits der Zeit. Wie steht der Zionismus, wie steht die öffentliche Meinung des neuen Jischuw zum — Hause G'ttes? Einsam und verlassen stand in diesem Jähre die „Westmauer" auch am 9. Aw. Aguda und Waad Leumi haben vor dem Besuch wegen der damit verbundenen Lebensgefahr gewarnt. Sonst weilten Tausende am Abend bei ihr. Tausende auch, die in ihrem Herzen G'ttes Haus längst begraben haben. „Wer verlangte denn dies von euch: Zertreten meiner Höfe?" — — Der Mufti wirft dem Zionismus vor, er wolle mit stürmender Hand den Tempelberg erobern und G'ttes Haus auf ihm errichten. Der Waad Leurni hat gegen eine solche Unterstellung nachdrücklich Protest erhoben. Der Mufti tut dem Zionismus bitteres Unrecht. Der Zionismus trägt sich mit keinerlei Absichten, die mit G'ttes Haus auch nur den mindesten Zusammenhang haben. Der Zionismus ist durchaus bereit, auf G'ttes Haus, wenn es denn sein muß, endgültig und ohne jeden Vorbehalt zu verzichten. Nicht für G'tt, sondern für die jüdische Nation erstrebt der Zionismus ein Haus. Der Zionismus will die jüdische Nation verzeitlichen. G'ttes Haus gilt ihm als von der Zeit überholt. So kann er G'ttes Haus nicht in die Zeit hereinnehmen. Die Westmauer ist dem Zionismus besten Falles ein Symbol nationalen Gedenkens, das man nehmen muß, wie es nun einmal ist. Stünde neben ihr noch eine Mauer des herodianischen Königsplatzes, würde der Zionismus ihr ganz bestimmt den Vorzug geben. Leider hat nur ein an G'ttes Haus gemahnender Rest die Zeit überdauert. So bleibt keine Wahl. Zur Wirklichkeit dessen, woran die Westmauer erinnert, hat der Zionismus und die von ihm geleitete öffentliche Meinung nicht die mindeste Beziehung. Ist nicht die Einsamkeit und Verlassenheit der Westmauer in diesem Jahre selber ein Symbol? Hat nicht vor kurzem erst der Bürgermeister der jüdischen Stadt dem Hause der --— Ausstellung vor G'ttes Hause den Vorzug gegeben? Fand er Widerspruch? „Wer verlangte denn dies von Euch: Zertreten meiner Höfe?"