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Der Israelit · 1936-08-07 · Heft 32 (7.8.1936) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 32 (7.8.1936)
Date
1936-08-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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7. August 1936 v Die Staaten und Nationen sammeln alle ihre Kräfte in; dem Bewußtsein, daß die Auswanderung als ) politisch-ökonomischer Regulator ein- ' für allemal wegfiel, weil die Welt endgültig bevölkert ist und neue Weltteile nicht mehr zu entdecken sind. Der Gedanke, mit dem Stratosphärenschiff oder mit einer Rakete auf Nachbarplaneten zu gelangen, ist eben der 'bisherige Expansionsdrang in seiner phantastischsten Ueberspitzung und hat keinerlei Einfluß auf den Gang der; Politik und noch' weniger auf die religiösen Ka-äfte, die im Erwachen sind. Die Welt sieht sich zum ersten Mal in ihrem ganzen Umfange von Menschen bevölkert und erfaßt. Daher die steigende Wachsamkeit der Völker, Das ist der entscheidende Augenblick im Leben der ganzen Menschheit und die große Wende der Zeit. Unter allen Völkern sind wir Juden es noch allein, die in der. Auswanderung einen Ausweg aus der Krise und Not suchen. Nur wir allein haben noch nicht erfaßt, daß die Auswanderung aufgehört hat, politisch-ökonomischer Regulator zu sein, weil die Krise sich nicht auf dieses oder jenes Laiiä beschränkt, sondern sich über die ganze Welt ausbreitet als Krise der individualistischen Wirtschaft im Augenblick ihrer Vergesellschaftung. Nun sind wir Juden 'ab er nach Der 1 [s r a e I i t wie vor dem Druck der Krisen am ersten und meisten ausgesetzt. Die Welt ist zwar noch groß genu^, und wir könnten noch leicht in verschiedenen Teilen der Welt untergebracht und angesiedelt werden. Aber was kann bei dem Weltcharakter der Krise die Auswanderung in ein anderes Land viel nützen? Wo sollen wir unsern Ausweg finden?! Wollen wir, trotzdem die Erdkugel ganz entdeckt ist, noch einmal eine neue' Welt entdecken? Es ist möglich, daß wir es unbewußt tatsächlich wollen. Man. muß das schon arinehmen, wenn man sieht, wie wir all unsere Kräfte auf die Auswanderung verwenden, ohne daß wir nach ihrem Sinn fragen. TJnd^-dööh 'Stehen, wir vor derselben Forderung, wie alle Völker, und müssen uns mit dem Gemeinschaftsgedanken, mit dem Gedanken, der jüdischen Gemeinschaft, vertraut machen. In ihr, in der jüdischen Gemeinschaft, werden wir die neue Welt entdecken, die wir suchen. Sie ist aber diesmal nicht außer uns, nicht in' der objektiven Welt des Stoffes, sondern in uns und in unserm Geiste zu finden. Sie ist das Heilige Land; das G'tt unsern Vätern verheißen hat. Nur durch die: jüdische Gemeinschaft können wir uns aus dem Golus befreien. Daß wir diesen Auszug wirklich antreten ^müssen, darin besteht die Zeitenwende für uns Juden! _, _ Nr. 32 Seite 7 wenig getan. Sie hätten mehr tun müssen, weil sie es konnten! Es hat keinen Sinn, nach einem Erdbeben ein Gespräch über die Architektur der eingestürzten Häuser zu führen. Aufräumungsarbeit aber ist notwendig zu leisten, um neuen Häusern Platz zu machen. Die Architektur möglicherweise kann dabei zu kurz kommen, so sind aber „Wohnhäuser wichtig, nicht ihre Verzierungen. Vorwürfe sollen keine gemacht werden, und nur deshalb ist Vergangenes betrachtet worden, um die heutige Erziehungssituation zu beleuchten. Es soll auf das Gestern unserer alten Häuser nicht verzichtet werden; manche von ihnen werden dem Neubau zu Nutzen kommen. Wir werden mit vielem vom alten Bau durch reines Wollen und viel Erreichtes für immer verknüpft sein, jedoch das Fundament muß neu gelegt werden. Fundament des jüdischen Volkes ist Chinnuch. Bestand des jüdischen Volkes ist abhängig von der gelungenen Erziehung der Söhne und Töchter des jüdischen Volkes. Das Bollwerk gegen alle Stürme war der Chinnuch des jüdischen Volkes, er schützte es vor Verfall, er erzoj* ihm die Meister der Not, und es war und ist die Schicksalsfrage des jüdischen Volkes. Sind Erziehungsfragen zu jeder Zeit und für jedes Volk von Bedeutung, so muß diesen Fragen vom jüdischen Volk und insbesondere in heutiger Zeit, höhere Bedeutung beigelegt werden, müssen die Erziehungsfragen unsere besten Geister auf den Plan rufen, um mit überaus großer Sorgfalt an die Lösung der Ghinnuchfrage heranzugehen. Dem jüdischen Volk kann nur durch „große" jüdische Männer und Frauen geholfen werden, und der Chinnuch muß sie uns geben. Wir wollen alles Wertvolle in den Umbau mit einbeziehen, weil wir keine Möglichkeit ungenützt lassen wollen, die uns behilflich sein könnte, jüdische Menschen zu rnö,VlP zu jüdischer Größe zu erziehen. Die thoratreue Jugend hat seit langem nach dem Weg zu solcher Höhe Ausschau gehalten. Die thoratreue Jugend wird bereit sein, den Weg zu gehen, der zu diesem Ziel führt. Wie geht aber der Weg, und wer führt uns auf diesem Weg?, das ist ihre verantwortungsvolle Frage. Wenn die Frage gut ist, haben ^"ift gesagt, ist sie halbe Antwort T12WT) 'Sn tan n^Nff'Die thoratreue Jugendbewegung hat durch ihr Wollen und ihre Arbeit halbe Antwort bereits gegeben. — Die geistige Führung der Thoratreuen Deutschlands wird uns die fehlende Hälfe sagen. Wir warten auf eure Antwort! A. N. Korrespondenzen. Deutsches Reich, Neue Rabbiner in Berlin. Berlin, 28. Juli. Die Berliner Gemeindeverwaltung hat zu Gemeinderabbinern Rabbiner Dr. Alexander A 11 m a n n und Rabbiner Dr. Swarsensky berufen. Dr. Alt* mann amtierte bisher schon in Berlin in der Synagoge Passauerstraße. Er wird das Amt des nach Palästina 'gegangenen Rabbiners Dr. Arthur Levy in der Synagoge Münchenereträße übernahmen, aber seinem : alten Wirkungskreis* in. bestimmtem Umfange erhalten bleiben. Dr. Altmann ist der Sohn des Trierer •Oberrabbiners Dr. Altmann und Absolvent des Berliner R a b b in e r s e m i n a r s , in dem er seit einigen Jahren als Dozent tätig ist. Dr. Swarsensky, bisher Prediger der Berliner Gemeinde, hat die Lehranstalt für die Wissenschaft des , Judentums ab» solviert. . Fragen mit Gegenfragen. Die Hoffnungen, die wir auf die jüdischen Menschen der Jugendbewegung gesetzt haben, das Vertrauen, das wir dem Wollen der thoran treuen Jugend entgegengebracht haben, haben sie sich erfüllt? Haben sie das Vertrauen verdient? So und ähnlich sagen sich die Eltern, wenden sich an uns und wollen von uns Antwort hören. Nicht nur die Eltern fragen die Kinder, die Jugend fragt sich selbst und sie wendet sich mit ihren Fragen an die ältere Generation und an ihre Führung: Durftet ihr auf uns helfen, nur weil ihr uns Vertrauen entgegengebracht habt? Durftet ihr auf uns hoffen, nur weil ihr uns nicht gestört habt, — oder aber, hättet ihr nur dann hoffen sollen, wenn, ihr von uns gefordert und Uns geholfen hättet? Die Fragen der Eltern an uns, unsere Gegenfragen-an sie, sie kommen spät, undwir sind von ihren Fragen nicht überrascht Wörden. Die thoratreue Jugend, die sich zum großen Teil zur Jugendbewegung bekannte, die in dem Wollen der Jugendbewegung Form und Ziel erblickte, von langem her, sahen sie das Erreichte als unzulänglich an, sie hielten Ausschau nach' Ganzem, suchten Vervollständigung, und hofften im Strebennach .Jiia^tP'i nach Ganzheit, einen neuen Erziehungsweg zu finden. Ihr Streben War sicherlich ehrlich, ihre Mühe ihn zu finden, war sicherlich keine geringe und doch, sie fand ihn nicht. Sie besserte aus, jedoch, es wurde nicht besserj man sah ihre Bemühungen, doch man half ihr' nicht. Das Bestreben 'näbhl' iHijÖ'to' ist . in der thoratreuen Jugend Deutschlands auch heute noch' überstark", doch noch heute fehlt die' zielsichere und bewußte Führung, auch heute ist Hei1 diesem Streben gemäße Erziehunigsweg ^nl'cht'« gefunden. Wir fragen aber die Thoratreuen Deutschlands und insbesondere deren1 ^geisfage Führung; durftet ihr auf ganze und starke thoratreue Men-, sehen hoffen, weil ihr uns euer Vertrauen entgegengebracht habt? Oder aber, hättet ihr über euer Vertrauen hinaus uns helfe n sollen? Die thoratreue Jugendbewegung hat - nie' ein Wort ' gegen: die Einmischung der ta'aalP in ihr Er-- ziehungswöllen gesprochen, sie war' dafür hhotk— treu, sie hat nie gegen den Willen der tmai gehandelt, weil1 es zur Grundlage der thoratreuen Jugendbewegung gehört, ihrem Wort sich zu beugen und trotzdem, kein Verlangen und keine Forderungen von der Seite; der D'3a*V keine in-< nige Verbindung: zwischen CPaai md thoratreuer Jugend. Wir Iragen- 'deshalb;:? warum habt' ihr; nicht zu uns gesprochen?- — warum zeigtet ihr uns nicht den Weg? — Nur deshalb nicht, weil ihr uns Vertrauen entgegengebracht habt? — so fragen wir. Zeigt uns die Kraftquellen der thoratreuen Jugend Deutschlands auf, die auchdas Recht geben, zu vertrauen! Macht uns damit bekannt, wie wir unsere Kraftquellen, wenn solche da waren,, vergeudet haben, ungenutzt ließen, und wir haben dann Verständnis für euer Vertrauerst und wir geben auch dann zu, daß wir eurem Vertrauen nicht nachgekommen sind, und .wir bitten euch dann, uns in der Folge zu überwachen, weil wir euer Vertrauen nicht. gewürdigt haben! Das Neue der Jugendbewegung war, eine neue Form zum bestehenden Inhalt zu finden. Das Ziel der thoratreuen Jugendbewegung konnte immer nur die Angleiohüng menschlichen Willens an g'ttlichem Willen sein, Der Weg zu demnwy *i32nD war ein neuer, ein erfolgversprechender und ein mit Erfolg begangener. Denn alles, was die thoratreue Jugend und deren jugendliche Führung erreichen konnte, hat sie erreicht. Allen Forderungen, die aufgestellt werden konnten, sind viele von ihnen nachgekommen. Wenn aber die ältere Generation in heutiger Zeit Ausschau nach dem „jüdischen Akademiker und Jesohiwa- Bachur" hält, die durch die Jugendbewegung gegangen sind, und von ihnen die Meisterung der j neuen Zeit erhofft, von ihnen den Einsatz fü? den Klall verlangt' und mit Enttäuschung fest-' stellen muß, die Jugendbewegung hat uns keine [ Meister. geschaffen, sie hat uns keine verantwortungsbewußte Menschen für den Klall gegeben, so ' desihalb, weil sie es nicht konnte, weil die jüdi- ' söhen^Akademiker häuptsächlich Akademiker waren und weil ein bis zwei Jahre naW keine fertige jüdische Menschen bilden kann. Die Meisterung der schwierigen Furagen erfordert aber Menschen mit umfassendem jüdischem Wissen, Meisterung der Klall-Fragen erfordert eine innige Verbindung mit dem jüdischen Volk. Beide Bedingun- Igen: umfassendes jüdisches Wissen, eingewurzelt i sein im jüdischen, Denken und Fühlen, und ini nige' Verbundenheit mit dem jüdischen Volk,: beides wurde der thoratreuen Jugend durch'die 'bestehenden Erziehungsfaktoren nicht gegeben,r und deshalb fehlen sie uns heute; die Meisterer 5 der neuen Zeit, die Arbeiter für den Klall, deshalb sind wir an Menschen so arm, - deshalb müssen wir so enttäuscht uns vom Erreichten : .abwenden. >Es liegt also nicht am Bund, er: hat getan, ^w'as.;er; könnte. Es liegt an den außer- :bündischen Erziehungsfaktoren; sie haben zu

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