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Der Israelit · 1936-08-07 · Heft 32 (7.8.1936) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 32 (7.8.1936)
Date
1936-08-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr, 32 Der Israelit 7. August 1936 Selbstbeherrschung verbietet uns, der Waffe der Feinde uns zu bedienen: der Hände, die Esau zugesprochen sind. Aber wer sagt, daß wir nicht die Stimme Jakobs erheben sollen, die von jeher unser Kampfmittel war, daß wir nicht die Stimme erheben sollen, auf daß die Welt von Pol zu Pol erschüttert wird im Anblicke unseres bitteren Loses, wie es kein Volk auf Erden getroffen hat. Es gibt Kreise, die gleich den falschen Propheten von dazumal rufen: j^xi "l^IP "\blD' Interesse daran haben, die Dinge in ihrer vollen Tragik zu verschweigen, und „Frieden" zu verkünden, wo keiner ist. .Das nennen sie i-tttafl Selbstbeherrschung. Immer wußten wir uns zu beherrschen, und dennoch stieg die Stimme der Söhne Israels zum Himmel hinauf, als sie schrieen, und dennoch ist es nach der Lehre der Mischna ein positives Gebot der Thora, zu schreien und zu weinen und in sich zu gehen, wenn Nöte über das jüdische Volk kommen. Auf der Straße zwischen Jaffa und Tel Awiw wanderte vor einigen tausend Jahren ein Jude, mit dem Ziele nach der großen Stadt N i n i w e. Jona, der Prophet, ging in g'ttlicher Mission, der keiner entrinnen kann, und bewirkte es, daß „die Menschen sich in Trauersäcke hüllten und laut zu G'tt emporschrieen, auf daß Er Seinen Zorn stille und die Stadt nicht zugrunde gehe." Warum erleben wir aber heute am gleichen Platze das Gegenteil? Feste und Vergnügungsveranstaltungen in der Stadt, als wäre nichts geschehen, als riefe nicht G'tt zur Einkehr! Nein, das ist nicht ru^an Selbstbeherrschung, sondern kalte Teilnahmslosigkeit. Und unter den schweren Verlusten der letzten Tage ist als schwerster zu buchen: der Verlust des jüdischen Solidaritätsempfindens, der Verlust der Kraft, mit den Brüdern mitzuleiden und mitzufühlen. „Wir lesen die „offiziellen Kundgebungen nach einem Belagerungszustande" (nsan "'O'') von über drei Monaten und [;erschrecken. Jüdische. Kraft, Ausharrungsvermögen, Energie, Mut und wie alle diese Synonyme heißen! Nur von einer Macht ist nicht die Rede, der Allmacht G ' 11 e s. Alle Zitate von Größe und Kraft werden angeführt, nur das eine nicht, nämlich das rrnaan nVron 'i f —— - Es schmerzt uns tiefinnerlich, alle jene Bekanntmachungen zu lesen, die der Ermutigung und Ermunterung dienen,' Gelöbnisse jünd Verheißungen enthalten. Wo bleiben aber; die Verheißungen der Propheten? Hoffnung, Treue! Aber kein Wort von der Treue und den Hoffnungen zu G'tt. Um so schmerzlicher, wenn;/zuweilen auch gesetzestreue Männer solche Aufrufe gedankenlos mitunterschreiben, die,-ein ^Vertrauen auf unsere Kraft" predigen, ohne der von König David geschaffenen Verteidigungslinie zu gedenken: . TOti wpbx 'Vöpa umKi o^oioa n^Ki aaia-ntor Wo bleibt der „heilige Name?" An der Spitze unserer jüngsten Nummer wiesen wir darauf hin, daß alle Aufrufe und Bekanntmachungen der Führer des neuen Jischuw es geflissentlich vermeiden, bei ihren ihohen Worten von Kraft und Vertrauen den „Namen G'ttes", der Hort Israels zu allen Zeiten war, auch nur zu erwähnen. Einer unserer Jerusalemer Mitarbeiter bestätigt im Korrespondenzenteile der gleichen Nummer diese Feststellung. Nun hören wir, was der dem Misrachi nahestehende Tel Awiwer „Hajessod" dazu sagt. Das Blatt, das in letzterer Zeit oft das richtige Wort zur Lage gefunden hat, schreibt in seiner Ausgabe vom 27. Tamus: Von Saul Maus. Das jüdische Volk war jahrhundertelang eine Art soziologischen Seismometers für die Völker. Seitdem es in der Zerstreuung leibt, richtete sich der Druck aller Krisen eines Landes vor; allem auf die Juden. Sicherheit und Wohlstand der Juden zeigte immer an, daß die politische Lage des Landes gefestigt und die. .inneren Verhältnisse geordnet waren). "Umgekehrt rührten Not und Verfolgung der Juden von inneren, Krisen her, die sich oft in Erschütterungen von elementarer Gewalt entluden. Wurde die Not unerträglich, so griffen die Juden, zur Auswanderung,^{Jie. der letzte, aber auch der sicherste Weg war; dem Druck der Krise zu entgehen , und ihn Mr , die Zurückbleibenden zu erleichtern. Denn die Aus-' Wanderung ist eins der äußersten Mittel, wirtschaftliche Krisen zu beheben und Bevölkerung und Wirtschaft im Gleichgewicht zu erhalten. Diese Aufgabe erfüllten in'früheren Jahrhunderten einerseits das Zunftwesen in der Wartschaft, andererseits die kriegerischen Unternehmungen. Zu jenen Zeiten waren die'' Juden' von beidem ausgeschlossen. Sie waren nicht mitbestimmend bei der inneren Ordnung und den äußeren Beziehungen der Völker, so daß ihnen in Zeiten schwerer Krisen nur die Auswanderung übrigblieb. Es kam vor, daß sich die Welt vor ihnen absperrte, und sie nicht wußten, wohin sie wandern sollten. Dann gingen sie neue, ungekannte, für die Zeit und die Welt, in der sie lebten, jenseitige Wege: sie flohen in die Wüste oder überließen sich, auf G'tt vertrauend, den Wellen des Meeres. Da wurde Amerika entdeckt. Als sie in der Alten Welt keinen Ort mehr für sich hatten, entdeckte man die Neue Welt. Dadurch war das Endgeschick der Völker für einige Jahrhunderte hinausgeschoben. Amerika wurde der Zufluchtsort von Tausenden verzweiedelt auch jeden körperlichen Genuß des siebten Tages, jedes " Mahl, jede Ruhe und Erholung, «He wir uns gönnen. Und schlägt die Scheidestunde, leuchtet die Häwdolohkerze in den Händen des jüngsten Hausgenossen, dann greift der Jude zur Besomimbüchse. Sein© Seele fühlt ordentlich eine gewisse Schwäche. Der Duft von Gewürzen . soll stärkend wieder den Kräften etwas nachhelfen und aufhelfen. Vereinbart sich solches mit dem Gerede vom langweiligen nae??'-«-:■-!- — Rabbi Ge dal ja Tiktin. Vor 50 Jahren im Monat Aw (8. August) 1886 starb im Alter von 76 Jahren R. Gedalje Tiktin, der als Nachfolger seines Vaters und seines Großvaters 43 Jahre in der Gemeinde Breslau amtierte. Im Jahre 1854 wurde ihm vom König Friedrich Wilhelm IV. der Titel „Königl. Landrabbiner in Schlesien". verliehen. Tiktin' war bei Hofe ungemein beliebt, und wenn Friedrich Wilhelm IV, und der spätere König und Kaiser Wilhelm I. nach Breslau kamen, wurde er zum Empfang und zur Tafel geladen. Mit den Fürstbischöfen von Breslau, Kardinal Diepenbrock, Förster und Herzog verband ihn innige Freundschaft. Wie sehr Tiktin auch bei den Andersgläubigen beliebt war, davon zeugt der Nachruf in der katholisehen „Schlesischen Volkszeitung" vom 8.' August 1886: „Herr Landrabbiner Tiktin war eine hochachtbare Persönlichkeit, die nicht nur bei ihren Glaubensgenossen eine seltene Verehrung und ein weit über das Gewöhnliche hinausgehendes Ansehen genoß, sondern auch bei den Andersgläubigen sich der allseis tigsten Sympathien erfreute. Er verdiente die Achtung der Juden wie der Christen in vollstem Maße." Die Rabbiner-Generation Tiktin wirkte von 1816 bis 1886 in Breslau. R. Gedaljawar der Sohn des Oberrabbiners iR. Salomon Tiktin, des. Gegners von Abraham Geiger, und ein Enkel des Obeijlandesrabbiners Abraham Tiktin, Verfasser des ' rvan rmo (Pessach habajit), und ein Urenkel' de® „Großen R. Gedalje Tiktin, Rektor der Jeschiwä in '•'Schwersenz (bei Posen), der aus der Stadt Tiktin (bei Bialystok in Polen) seinerzeit nach Schwersenz einwanderte. ' ''..;."f."; Wochenkalender. Vom 8, — 15. August 1936 / Vom 20. 27. Ab 5696 >av» sp 8 T"S? Samstag 20 Sonntag <. 9 21 . »Montag Aug. 10 •. 3*;: 22 ■■A ■ Dienstag 11 23 iV ■Mittwoch 12!'. ' i - 24 i'nb ^'Donnerstag 13 25 ' Freitag 14; i.i. 26 Samstag i ■. . i . 15 hi- 27 , _b apff run snftn i>3naa - Neumond: Montag nachm. 7-Ubr lVs'.Mih. " . felter und auch unternehmungslustiger Juden und wurde es" bald für Millionen Menschen aller Nationen. Ein neuer mächtiger Regulator zwischen Bevölkerung' undWirtschaft war den Völkern der Alten Welt in Amerika entstanden. Alle Arbeitskräfte! die in der Alten Welt keine Verwendung fanden, suchten den Weg dorthin. Das Zunftwesen des Mittelalters miiße fallen, erstens weil es keine Aufgabe mehr hatte, seitdem die Auswanderung zwischen Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage regulierend wirkte, und zweitens» weil es für die freie, individualistische Wirtschaft, die mit der Erschließung Amerikas begonnen hatte, zu eng und Mnderrid waiv ' Das ökonomische Lebern der. Völker eriüht einen, nie gekannten Aufschwung, . beherrschte alle Sinne und wurde schlechterdings zum Maß der Dinge. Die ganze Menschheit wurde vom. Trieb der Ausdehnung, vom Wunsohe zur Expansion erfaßt. In allen Menschen wurde eine nie dagewesene Habgier entfacht, die sich als furchtbarer Ausbruch aufgepeitschter Leidenschaften im letzten Krieg entlud. Seitdem hat sich vieles geändert. Vor allem hörte Amerika auf, wirtschaftlicher Regulator für die Alte Welt zu sein, nachdem die Einwanderungssperre nach Amerika verhängt und überhaupt die Freizügigkeit aufgehoben wurde. Die Arbeitskräfte, die sonst den Weg nach Amerika fanden, stauten sich und es entstand die Arbeitslosigkeit. Nun mußten die Regierungen Maßnahmen treffen, um das bedrohte Gleichgewicht zwischen Bevölkerung uhif, Wirtschaft aufrecht zu erhalten. Was im Mittelalter, das: Zunftwesen und in der späteren Zeit bis zum Kriege Amerika verrichtete, das wurde nun Aufgabe, des Staates. Dadurch erfuhr die Staatsmacht eine ungeheure Steigerung. Der Staat hatte jetzt die Wirtschaft zu beaufsichtigen und zu lenken und dafür zu sorgen, daß Bevölkerung und Wirtschaft im Ausgleich erhalten bleiben. Die europäische Wirtschaft zeigt so eine Entwicklung von der zunftmäßig gebundenen zur freien; individualistischen Wirtschaft und von dieser zur staatlich gebundenen Wirtschaft. Es scheint, darauf hinauszulaufen, daß die einzelnen Staate» innerhalb der Weltwirtschaft Zellen bilde« werj den, wie sie, im, Mittelalter die einzelnen Zünfte : innerhalb derr .Wirtschaftsorganisation des v ein- ' zelnen Landes .darstellten. Damit, ist. die freie .. Wirtschaft; der letzten Jahrhunderte -für immer; beendet. : . .,. ., \; In allen Ländern stellte sich die Tendenz zur '. ökonomisch^politischen Konzentration ein,*: die 'der früheren Tendenz zur Expansion gerade entgegengesetzt ist. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die seit der ökonomischen Erschließung Amerikas unerschöpflich schienen, überschritten den Höhepunkt und befinden sich auf der absteigenden Linie^ Infolgedessen geriet die teuropäische Wirtschaft' ins Stocken und begann: zu . schrumpfen; f Da nicht mehr die; Auswandernd Regulator ist, sondern der Staat und die Nation, , so mußten alle Volkskräfte nach innen kdnzen»j friert und alle. Bewegung nach außen möglichst^ verringert werden;. Der Liberalismus mit s.einer Grundforderung der individuellen^Freiheit wurde von dem Gemeinschaftsgedanken mit -seiner Grundforderung, derindividuellen .* Ein-1 und Unterordnung abgelöst. :., , :>'■ : 'Ii

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