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Der Israelit · 1936-08-07 · Heft 32 (7.8.1936) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 32 (7.8.1936)
Date
1936-08-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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7; August 1936 Oer Israelit Nr. 32 Seite 5 Rosenheim und Frau Steffi Cohn Bodenheimer. In Tel Awiw entstand auf Initiative der polnischen Aguda das B e t h 'Sefer* Sinai. Beth , Jaakows Schulen, ebenso Talmud-Thora-Schulen befinden sich in verschiedenen Teilen des Landes. Die Tätigkeit im Ausland e für die Zwecke des Keren HajLschuw war sehr lebhaft. In verschiedenen Städten Litauens hielten Dr. Isaac Breuer und Dr. S. Ehrmann Vorträge, in anderen Ländern wurden Konferenzen abgehalten. Von großem Erfolge waren die Reisen und Referate des Leiters des Keren Hajischuw in Ungarn, Rumänien -und Tschechoslovakei. Die weitgehende Propaganda hat auch finanzielle Erfolge gebracht, die der Finanzbericht ausweist, aber nicht in dem Maße, daß die Palästina1 Zentrale allen ihren vielfachen dringenden Aufgaben gerecht werden könnte. Der nach langwierigen Verhamdliungen der Palästina-Zentrale gewährte monat* liehe Transfer beträgt RM. 5 0 0 0.—. Der Bericht schließt, mit der Feststellung, daß die Führer, die Thorafürsten an der Spitze der Organisation, sich einmütig für das Aufbauwerk des Keren Bajischuw erklärt halben. So liegt der Palästina-Zentrale ein von mehr als 1000 Rabbonim unterschriebener Aufruf für den Keren Hajischuw vor, der demnächst veröffentlicht wird. „Uns aber obliegt es, so schließt der Referent, unser ganzes Können und Wollen dafür einzusetzen, aus unserem Schicksal eine Berufung zu machen und Bausteine in der Hand des Einen Einzigen zu werden, der mit uns und ohne uns der Wiedererbauer Jeruscholajims und der Sammler der Verstoßenen Seines Volkes sein wir d." Am Sabbat vor der Eröffnung. Marienbad, 3. August. Als wir Freitag infolge einer Zugverspätung, ganz kurz vor Sabbat in Marienbad ankamen, wurden wir schon an der Bahn von einer Sphäre umsponnen, die zu gleichen Teilen aus Sabbatnähe, Badelöben und Kenessio bestand. In den beiden großen jüdischen Hotels („Hotel National", wo der Stab der Kenessio seinen Sitz hat und im „Goldenen Schloß" samt „Goldenem Schlüssel", wo der Ger er Rebbe residiert) gehen die Wogen hoch. Würdige Männer in langem Atiasrock und riesigem Streimel auf dem Charakterkopf eilen mitten durch die mondäne Welt, die sich zum Abendkorso bewegt, und es fällt auf, adß die Gestalten absolut nicht auffallen. Zwei Welten scheiden sich voneinander: das Kur viertel in seiner ganzen strahlenden Eleganz, umflutet von tausend elektrischen Birnen und den Klängen weicher Musik und auf der anderen Seite das Sabbat- oder Kenessioviertel in den Straßen vor den beiden jüdischen Hotels, im Glänze vieler Sabbatlichter, wo Lechodaudi-Klänge von hüben und drü- ( ungünstige Zug Verbindung, die der Fahrplan ausweist, würde unser Reisender hingegen dm voraus in Rechnung stellen und seinerseits Sorge tragen, auch diese unabwendbare Pause beruf lieh entsprechend auszunützen. Zeit' ist Geld. Wie steht es nun mit. der Langweile am .Sommersabbat? Man kennt so ziemlich den normalen Verlauf eines Sommersabbats in Stadt und Land. Die Tagesordnung erschöpft sich im allgemeinen im Syna* gogenbesuch, Einnehmen der Mahlzeiten, Teilnahme an einem Schiur, der gemeiniglich nicht sehr lange dauert, Lasen von jüdischen Zeitungen, Schlafen, Spazierengehen. Sind Jugendvereine am Platze, .so halten diese vielleicht noch ihre Zusammenkunft ab. Das ist alles. Es bleiben immerhin noch viele Stunden, frei, -die man „herumbringen" möchte. Und mithin spricht man von „Langeweile". Kann es, darf es für den Juden so etwas geben? Der Psalmist, die Propheten, die Talmudweisen reden von der kurzen,. ach allzukurzen Lebenszeit des Menschen, nana msVam ixp ovn- Der Tag, — wie kurz. Und die Arbeit — wie viel! Dabei betrügt uns schon der Schlaf um die Hälfte unserer Tage. Nein, Es darf im jüdischen Gedankenkreis keine „Langweile" geben. Die Zeit „totschlagen": ein häßliches; ja schreckliches Wort. \B\ Swa« die Zeit unnütz verstreichen zu lassen, eine der schwersten Sünden. Weder am Werktag noch am Sahbat und Festtag gibt es auch nur den Schein einer Berechtigung für eine derartige Anschauung. Selbst im Paradies wurde die Vorstellung eines Müßigganges, einer Langweile gründllich verbannt. G'tt führte den ersten Menschen in den" Garten Eden fnnwVn ma»S ihn zu bearbeiten und zu hüten. Unsere heilige Religion ist trotzdem ben, oben und unten aus den offiziellen Hotelbethäusem wie den eigenen chassidischen Minjanim «ich schneiden, übertönen und wiederfinden. Viele Hunderte sitzen bald bei den gedeckten Tischen in den Speisesälen und weiten Hallen der beiden Hotels. Das große Fischessen, das in Marienbad wie jede andere Attraktion schon am Freitag früh mit Plakaten angekündigt wird, beginnt, in dessen Zeichen, wie man mir sagt, sich Kurviertel und Sabbatviertel finden . . . Am Sabbat hat man Gelegenheit, die schon anwesenden Prominenten zu sprechen. Es gibt welche, die hier zur Kur weilen und dabei auch die Kenessio miterleben, und Andere, die zur Kenessio kamen und bei der Gelegenheit auch ein paar Tage Marienbad genießen. Beide Kategorien sind aufgeschlossen, mitteilsam, ohne Erdenschwere. Ein Interview ergibt sich ohne Formalitäten, ohne gespitzte Ohren und gespitzte Bleifeder; im ungezwungenen Gespräche bei einer Tasse Kaffee, der nirgends so gut ist wie in Marienbad, oder bei der „dritten Sabbatmahlzeit" erfährt man von 'Rabbi J. M, Lewin Ge- Wochenrundschau- Was ist rttVnn? Aus einer Rede Oberrabibiner Amieis in der großen Synagoge von Tel Awiw: Das Wort nxVan ist in aller Mund. Man tut sich sehr darauf zugute, daß man die Ereignisse gefaßt, in Ruhe und Selbstbeherrschung aufnimmt. Aber ist nicht diese Art von Selbstbeherrschung schon einfach Indolenz, Herzenskälte? Selbstbeherrschung kommt aus einem Kraftgefühl. „Ein Held ist der, der seinen Trieb beherrsch t." Die Tatenlosigkeit auf unserer Seite ist aber schon mehr Schwäche, Mangel an Mitfühlen. Der Begriff n^nn wird uns restlos geklärt durch den Propheten Jeremias: ■»n "»a^ ibv pr ■» n •> * •> ^> n » Das besagt: Die Beherrschung ist nur dann zu loben, wenn dabei um so tiefer das Herz bewegt bleibt. Je größer die Ruhe nach außen, um so tiefer und brennender der Schmerz im Inerdennah genug, um nicht auch die Berechtigung und Notwendigkeit der Ruhe und Erholung anzuerkennen. Am Freitag wurde Adam geschaffen. Schon am nächsten Tage gebot G'tt die Sabbatruhe, ohne die das Schöpfungswerk unvollkommen (gewesen wäre. Die Talmudweisen kannten schon eine Art Ferien, die '"MB") »av» die Tage, an denen sie „frei" waren. Sich ergehen zur Erholung und Pflege, ist durchaus nichts Verwerfliches. Im Gegenteil, geradezu ein g'ttgefälliges Werk. Und am Sabbat erst recht. Soll doch am naw jede auffällige und anstrengende körperliche Betätigung, auch wenn sie sonst durchaus' keine dis rekte Verletzung des Arbeitsverbots darstellt, unterbleiben. Es bedarf keiner näheren Begründung, daß Sport und Turnen am na© dem jüdischen Empfinden durchaus fernstehen. Dahingegen ein Spaziergang, ein erquickendes Schläfchen ist dir am na» herzlich gegönnt, auch vom strengjüdischen Standpunkt aus. Aber die Langweile soll 'dich nicht plagen. Gibt© nicht genug der besten und schönsten Mittel dagegen? Geistig Höherstehende kennen bekanntlich das Wort Langweile überhaupt nicht. Möchtest du nicht zu ihnen zählen und darin deis nen Stolz setzen? Die Thora wurde am Sabbat gegeben. Im jüdischen Kalenderjahr gibt der Wochenabschnitt jedem Sabbat .seinen besonderen Namen und seine Nummer, r-nw und nun gehören zusammen. Wer „lernen" kann, sieht in den vielen Sabbatstunden den freien Weg, der ihn wöchentlich in einen Lustpark führt, voll herrlicher Bäume auf grünen, sonnigen Matten, geschmückt mit farbenprächtigen Sträuchern und duftenden Blüten, belebt vom Gesänge und Getriller munterer .Vöglein, hie und da lauschige Plätzchen, zur Ruhe und inneren Sammlung einladend. Zu bald, allzubald entschwindet Stunde um Sturide und mit ihnen der Zauber des Sabbat. naues über Polen, wie von Rabbi Jonathan H o - rowiez alles über Palästina. Am Sonnag belebt sich schon das Bild ganz wesentlich. Der Sabbat hat der Kenessio Platz gemacht. Mit jedem Zuge kommen neue Gäste an. Die bekannten Führer stellen sich nacheinander ein. Große Plakate an den Säulen geben die Tagesordnung der Eröffnungssitzung bekannt. Das Temperament der „Wiener" und „Preßburger" beherrscht Saal und Umgebung und im Tagungsbüro unten, das mit Rücksicht auf seine Raumverhältnisse kein Marienbader Kurgast vor absolvierter Kur betreten kann, herrscht fieberhafte Tätigkeit. In einzelnen Zimmern halten Mitglieder .. des G. A. des Z. R. und die Landsmannschaften Vorberatungen ab. Als am Montag Nachmittag Jacob Rosenheiffl, enthusiastisch begrüßt, seinen Einzug in Marienbad hält, ist die Kenessiostimmung, wie man sie von Wien aus noch in guter Erinnerung hat, vollends da; die Mechino zur Kenessio Mechino beherrscht . den Vorabend des großen Tage». nern. Was für eine Art von HiVan erleben wir aber hier und heute? Sehet $e Feste und Freuden am Strande von Tel Awiw! OiTtP onaix tanni D'3 o-'jmü "»t 'iz^a) Das Auge hat sich schon daran gewöhnt, tagtäglich in den Zeitungen unter schwarzem Rande den Namen eines neuen Märtyrers zu lesen. Man liest es beim Kaffee, beim Essen und Trinken. Ist das ruVan oder einfach Gleichgültigkeit, Herzenshärte, Gefühllosigkeit eines Organismus, der auf Nadelstiche nicht mehr reagiert? Gewiß, wir. haben alle Schickungen mit Liebe zu tragen, und es ist ein hoher Grad von Frömmigkeit, wenn man „G'tt im Unglück so dankt, wie im Glücke." Das gilt aber nur für den individuellen Schmerz, nicht für die Leiden des Klall. Angesichts dieser heißt es vielmehr im Talmud: „Wenn die Gemeinschaft leidet und sich der Einzelne absondert und denkt: „Mich geht das nichts an, mir geht es gut", dann sprechen die beiden, jeden Menschen begleitenden Engel den Fluch über ihn aus: „Er hat sich von der Not der Gesamtheit abgesondert, er wird auch den Trost der Gesamtheit nicht miterleben!" "'bv ,n',J,V3a« Ich erhebe mich über meinen Kummer, aber nur allsolange •»VT *>a^ ■> b 37' er mich allein angeht, nicht aber, wenn die Gemeinschaft leidet, deren Not meine Not ist. Freilich, nicht jedem ist es vergönnt gewesen, in jungen Tagen tiefer einzudringen in die Quellen jüdischen Wissens. Aber fehlt es denn an .guten Büchern, die in deutscher Sprache gemeinverständlich auch dem Laien auf allen .^"Gebieten Nützliches und Notwendiges als Sabbatlekit'üre bieten können? Es ist freilich beschämend, wenn in jüdischen Häusern nicht einmal eine Bibel zu treffen ist, wie da® in jeder protestantischen Familie als selbstverständliche Sache gilt. Es dürfte auch nichts schaden, hie und da eine biblische Geschichte, eine „Religionslehre", zur Hand zu nehmen. Wie Viele© ist im Laufe der Jahre der Vergessenheit anheimgefallen! Bei der Auswahl belehrender und unterhaltender jüdischer Werke in deutscher Muttersprache steht jeder Lehrer gerne zur Seite. Man kann auch nicht behaupten, daß im jüdischen Buchhandel zu hohe Preise bestehen und abschreckend wirken. Im Gegenteil. Gerade in populär abgefaßten Schriften sind die Beschaffungskosten im allgemeinen niedrig genug gehalten, daß jeder, der nur ein wenig Sinn und Interesse für spezifisch Jüdisches hat, das eine oder andere käuflich erstehen kann. Man sieht immer noch in jüdischen Familien zuviel „Klassiker" im Prachteinband als unbenützten „Schmuck" hinter Glasscheiben protzen, neben allerhand teuren „neuesten" Romanen. Für das j ü - d i s c h e Buch hat man nichts übrig. Auch das ist einer der Hauptgründe für die quälende Langweile am nyo- Im Kiddusch des Sabbatmorgen spricht Jeder jüdische Hausvater es aus, daß G'tt den siebten Tag beseelte — »an — im Vergleich zu den übrigen Tagen der Woche. Der Idee des jüdischen Sab1 bat sind rauschende Feste, Ausflüge, weltliche Vergnügungen aller Art fremd. Sie widersprechen unserem Empfinden. Der Sabbat gehört dem Geistigen, der Seele — .vavi —. Und diese weiht und ver-

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