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Der Israelit · 1936-07-30 · Heft 31 (30.7.1936) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 31 (30.7.1936)
Date
1936-07-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 31 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortse'tzung.j „Man wird eben ein Mann und bleibt nicht ewig Jüngling!" sagte er und lachte auf. Von David wußte er bald, daß der vom Junker verehrte Vater Joseph das Zeitliche gesegnet hatte und das Amt des Gemeindevorstehers auf David gefalle» * war. Daß David schon namhafter ■. Gelehrter war, war ihm bekannt. Nur, bekannte er, Waren! ihmselbst diese Schriften zu tief und fern, als daß <er sie. verstanden hätte bei der Lektüre. ■ , , •> In einer kleinen Trinkpause musterte Prosper den Freund mit leicht scherzendem Gesichtsausdruck. „Doch hört man," sagte er. nach einem einleitenden, spaßhaft gemeinten Räuspern, „nichts von der Heirat zwischen David und Githa, dem Hündlein und der Katze —" (so hatte er die beiden sich stets feindlich gebärdenden genannt, die Liebe zwischen ihnen schon sehr früh ahnend). Anstelle eines Lächelns trat ohne sein .Willen der tiefe Ernst in Davids Züge. Alles Erinnern an die Gegenwart kam auf ihn zu, und es kostete Prosper wenig Mühe, aus David das Leid und die Gewissensnot zu locken,, die ihn zu Prosper gezwungen hatte. Ohne ihn zu unterbrechen, hörte der Junker zu und spielte mit dem Knauf des vor ihm liegenden Dolches.- Manches war ihm, wie David vorausgesehen, unverständlich in seiner eigenen Denkungs weise, doch war er selbst in den Jahren der Unstetheit seinem eigenen Glauben treu geblieben und verstand tiefinnerliche Frömmigkeit deshalb um so besser. Nur den jüdischen Glauben vermochte er nicht ganz zu erfassen. Der Tempelibau jedoch reizte sein künstlerisches Gemüt, schon ehe David es wagte, ihn um seine Hilfe zu bitten. Schwierigkeiten allerdings waren in Massen vorhanden, das verschloß Prosper nicht vor dem Freunde^ ... „Du kennst meinen Vater. Auf der einen Seite die Güte gegen die; Juden, auf der anderen nur auf eigenen Vorteil bedacht. Glaube nicht, daß ich damit meinen Vater schelte, sieh in ändere Gegenden, sie treibensüberall schlimmer als mein Vater hier in Heikenbrunn.'; David nickte verständnisvoll." Der Freund hatte repht, deshalb unterbrach er ihn' auch nicht mit Widerreden.;;; w. . „Ich habe einen Juden zum Freund, den besten meiner. Freunde nenne ich ihn, wenn ich überhaupt andere neben ihm gelten lasse! Kein Ueberschwang, das weiß ich selbts. Aber sieh, wenn nach meines Vaters Tod, den der Himmel verhüte für hoch lange Zeit, ich dieses Land regiere, darf ich dann voll meine eigenen Gedanken laut werden lassen, die mich darauf. hinweisen, daß Haß gegen Menschen gleich welcher Rasse abwegig und für sich selbst gefährlich ist?' Auf meinen Reisen sah und hörte ich, üruehr alsin dem engen Kreis, in dem meine ritterr liehen Mitmenschen leben. Durch dich erschloß sich" mir das Wesen der Juden und ihre Tragik vollkommen, ab.er die Toleranz nach der XJebernahme meiner Herrschaft so zu gestalten, daß ich die Juden gleichberechtigt anerkannte, verstehst du, daß dies in unserer Zeit eine Unmöglichkeit wäre?" , David lächelte. „Es wäre nicht nur eine Unmöglichkeit, sondern auch den Juden nicht zum Vorteil. Des Juden Schicksal ist, getrennt von allen Völkern zu sein, Judesein in wahrhafter Form ist stets in einer gewissen religiösen, wie auch menschlichen Abgesondertheit verharren. Es wäre das Ende des Jüdischen, fiele jene Absonderung von ihnen, gleichviel zu welcher Zeit dies eintreten würde. Einmal fiele dann das Kartenhaus des Anschlusses an die Völker doch wieder zusammen ..." Es, war etwas wie Schmerz in Prosper, den Freund zu jenen, in seinen Augen unglücklichsten Menschen aller Rassen zählen zu müssen, aber Davids beruhigende Worte in dieser Hinsicht ließen sein altes frohes Lachen wieder in ihm aufikommeni, Er schaute in der kleinen niederen Stube umher, die allen Kram eines Altweibleins ibarg^und deren einfache Möbel einen gewissen . romantischen Hauch duren diese Freundschaft :efiiielten. An einem Bild hingen seine Blicke 'besonders, das einen See darstellte, auf dessen Wasserfläche es wucherte und grünte. So wie die Welt war dieses Bild: ein See, auf dem alles leben durfte, Schönes und Häßliches —. alles mußte einmal in die Tiefe — in die gleiche Tiefe versinken. Lebhaft, wurde der Junker jetzt. „Deinen Bau, der deinem Glauben und deinem Glück gilt, werde ich unternehmen, das verspreche ich dir. Das müßte ein. Werklein geben, das sich schon lohnt —" ' '•" Er begann in' glühenden Farben riesenhafte Tempel zu bauen, aber David wehrte lachend ab. „Wenn nicht gar ein. Dom, stürmischer Ge- 'selle — wie. denkst du dir das. Rechne dir zusammen, wieviel Juden im Umkreise wohnen, wieviele dazu gehören werden, hinzuziehen dürfen und davon sterben. Nein, kein Riesengebäude sah ich stets vor mir. Ein schlichtes Haus, aus schlichtem Stein, mild im Schmück des Innern —' Wenig verlockend für einen Baumeister deines Stils!" , Prosper hieb mit der Faust auf den Tisch. Sein Gesicht strahlte Freude über diese wundersame Gegenwehr. Das war eben David, sein Freund. „Da wird aber dein G'tt die Nase rümpfen, wenn er ein Hüttlein statt eines Tempels vor sich sieht!" Aber David schüttelte mit dem Kopf. Er wußte, daß der Herr der Welt zufrieden war mit einem Gebet, geschweige denn mit. einem kleinen Tempel. „Nicht lächeln," sagte Prosper, der ihn ganz verstand,] „Man muß sich an eüern Ewigen gewöhnen; Unsere' Kirche liebt eben Prunk und Schönheit. Aber es ginge mit dem Teufel zu, wenn ich es nicht fertig brächte, einen kleinen gottgefälligen Judentempel zu errichten. Nun gilt; es nur eines — die Hindernisse zu überwinden. Nacht allein -in der Errichtung liegen sie; das glaube mir, die Pläne sind mir noch nicht klar ..." Nun wußte David seine Sache in den besten Händen. Er sprach von der Geldsammlung als Nebensächlichem, eine beträchtliche Summe hatte er dennoch zusammengebracht. Er litt es auch nicht, daß Prosper ihn damit abwies. „Wenn du uns hilfst* müßten wir abwarten; das geht - doch sicherlich nicht. Arbeiter aus jüdischen Kreisen erhältst du, Geld fließt schon herbei,; wenn der Anfang gemacht ist. Nur ein jAnstoß muß vorhanden, sein ', Die Freunde standen auf. Verschiedenseitige Pflichten riefen sie. Prosper war belastet mit dem , schöpf erischen Gedankeneines neuen Planes, der einem seltsamen Werke galt. 'Halb schön war er in den Papieren und sein Abschied war fast zerstreut. Lange sah ihm David nach, bis er verschwunden war. Ob es im Sinne des Ewigen war, die Sache der Juden in die Hand eines Andersgläubigen zu legen? Das All schwieg, aber sein Inneres sprach: „Wenn die Hand so rein ist, wie die des Freundes — dann billigt es auch G'tt . . ." Der Mund ist die rascheste Zeitung. Nichts kann so leicht vor den Augen der- Mitmenschen verborgen werden. Vielleicht fing Prosper di© Sache verkehrt an, die Mägde und Knechte waren neugierig, jedenfalls konnte seine neue Arbeit, mit der er sich in seine Kammer vergrub, nicht vor den Augen des Vaters verborgen bleiben. Was in dem Alten beim Anhören der fast unmöglich scheinenden Neuigkeit vor sich ging, merkte niemand, er fuhr auch nicht in altbekannter Weise auf und schickte Donnerwetter um Donnerwetter aufs Haupt _der Umstehenden, er behandelte die Sache, als sei sie ihm gleichgültig. Einen Tag sogar ließ er dazwischen treten, ehe er sich die Mühe nahm, die Wendeltreppe zum Arbeitsraum des Sohnes hinaufzusteigen. Auf der Treppe durchlebte der würdige Alte ein ganzes Leben. Er sah sich, selbst ein junger Fant, den gleichen Weg mit behenden Schritten hinaufeilen, denn auch sein Reich hatte so luftig dort oben gelegen, geradewegs unterm Burgdach. Wohl hatte er damals anderes im Kopf gehabt, als den hellen, großen Raum zu einer Kunstwerkstätte umzuformen. Sein Handwerk war 'bodenständiger geblieben, als er es zu lernen hatte und er wollte nichts anderes als Bauer sein. Deshalb ließ ihn der Vater bei einem Bauer lernen, was. zum Bodenbetrieb gehörte. War das eine Zeit, wenn er, noch umweht vom Erdgeruch, durchdrängt von gleißender Sonne, mit sachten Schmerzen im Kreuz und schwielig die Hände, diese Stufen dennoch hinaufsauste, in sich die unbezwingbare Sehnsucht, zu jauchzen und zu schreien, so voller Wohlbehagen fühlte er sich. Die Türe dann oben aufgerissen, in sich noch den Anblick dieser alten Wendeltreppe, in der es knisterte, rauschte, und von der man sagte, sie sei verhext, was er felsenfest als. Knabe und — vielleicht noch heute — glaubte. Aus der düsteren Muffigkeit in das Helle des Zimmers. Sein erster Gang galt dem Fenster, dem breiten Fenster, wegen dessen Prosper sein Handwerk oben ausübte, da er hier am meisten Licht bekam. Nicht um der frischen Luft halber stand er hier, auch nicht, um die wirre Einrichtung der Stube zu 'betrachten, die aus , Bett, Truhe und Tisch nebst Stuhl bestand, nur. um übers Land zu schauen, weithin und voll Genuß. Es kamen auch andere Stimmungen als die des herben Stolzes auf den Besitz. Er wurde älter, hatte eine traurige Liebe zu überwinden, eine Pflichtheirat zu tun, wegen der er stundenlang durch Feld und Wald hetzte und sich müde kämpfte bis zur Resignation. Dann schlich er wohl zu diesem Stübchen hinauf und stand wieder am Fenster, aber diesmal abwägend, ob es sich lohnte, aufzupacken und in die lauernd wartende Ferne zu hasten, hinter sich lassend, was lieb und wert war. Aber auch diese Stunden schwanden. Fest und sicher waren die Schritte geworden in den nächsten Jahnen, in denen er die Kammer für seine Söhne musterte. Drei schenkte ihm der Himmel, von ihnen nahm er zwei und ließ ihm den einen und die Tochter, die weitab von hier ein junges Glück besaß und vielleicht nicht mehr an den alten Vater zurückdachte in begreiflicher Eigensüchtigkeit. (Fortsetzung folgt.)

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