Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1936)
- Date
- 1936-07-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 31 Der Israelit 30., Juli 1936 höchst unruhig. Die Araber zahlten am Samstag acht und am Sonntag zwölf Tote. In den Pflanzungen der Gesellschaft „Jachim" wurden an diesem Tage 500 Bäume vernichtet. Getötet wurde der Wächter der Jüdischen Landwirtschaftsschule auf dem Tabor, Israel Wertheim, durch den fehlgegangenen Schuß eines Kameraden. Besonders tapfer wurde eine bewaffnete Araberbande aus Transjordanien von der im Jordantal in der Nähe des Ruthenberg'- schen Kraftwerkes gelegenen jüdischen genossenschaftlichen Siedlung G e s c h e r zurückgeschlagen. Die TranAjordanier wurden zur Flucht über den Jordan gezwungen. Weitere Angriffe erfolgten auf die Siedlungen Gedera und Giwat Ada im nördlichen Scharon. Ein Angriff auf Kfar Jabez, südwestlich von Tulkerem, wurde von jüdischen Wächs tern und Polizei zurückgeschlagen. Eine Baracke in der Siedlung wurde von den Angreifern niederge* brannt. Im Momente, da 'diese Meldung weitergegeben wird, wütet ein schweres Gefecht bei Ramath Hakowesch. Infanterie und Tanks kamen der von allen Seiten umzingelten Kolonie zu Hilfe. Trotz dieser andauernden Zwischenfälle sind einige Milderungen eingetreten. Die Pressezensur wurde am 25. Juli aufgehoben. Für Montag abend, den Vorabend des 9. Aw, ist der Ausnahmezustand bis 11 Uhr nachts aufgehoben, damit die jüdischen Beter nach den Kinoth aus den Synagogen nach Hause gehen können. Die Einwanderung kommt bei all dem nicht ins Stocken. Am 26. Juli ist in Haifa ein Transport von 57 jemenitischen Juden mit Zertifikaten aus der letzten Schedule eingetroffen, nachdem erst ior kurzem 177 Jemeniten ins Land gekommen waren. 400 Olim aus Polen werden am 3. August erwartet. Amtlich -wird bekannt .gegeben, daß im Monat Juni 1603 Einwanderer nach Palästina gekommen sind. Von diesen gehörten 157 zu der „Kapitalistenkategorie"', für die ein Vorzefgegeld von mindestens 1000 Pfund vorgeschrieben ist. Die Hilfspolizei in Tel Awiw, die seit Beginn der Unruhen einen Teil der Polizeifunktionen übernahm, hat nunmehr den Dienst wieder eingestellt. Die Tel Awiwer Jüdische Gemeinde hat sich zum Protest gegen die Haltung der Regierung in der Flüchtlingsfrage (die Regierung hatte nach langen Verhandlungen eine Beihilfe von nur 500 Pfund bewilligt) von der Mitwirkung bei der Flüchtlingshilfe zurückgezogen. Die Hilfsaktion der Agudas Jisroel in Erez Israel und der Waad Leumi. Jerusalem, 22. Juli. Wir wollen hier nicht über die Lage sprechen, die zu Beginn des vierten Monats seit Ausbruch der Unruhen sich gewiß nicht gebessert hat. Sprechen wir von den Opfern, worunter nicht allein jene zu verstehen sind, die meuchlings gemordet wurden. Wollen wir nicht von unserer Seite die Zahl und das Elend der Opfer durch Nichtstun noch vermeh* ren, so muß eine Hi 1 f s a rb e i t einsetzen, wie noch nie. Das Hilfswerk ist vielfältig.. Zunächst muß für die vielköpfigen Familien der Todesopfer gesorgt werden, die ohne Vater und Ernährer dastehen. Es sind die Hinterbliebenen der Opf er des gesams ten jüdischen Volkes. Wenn der Araber einen Juden erschlägt, meint er nicht ihn, sondern uns alle. Sie sind unsere Vertreter, diese heiligen Märtyrer, und wir haben für ihre in Not und Elend zurückgebliebenen Frauen und Kinder zu sorgen. Sodann haben wir denen die helfende Hand zu reichen, die in ihrer materiellen Existenz Schaden erlitten haben. Unermeßlich sind die Verluste in den Niederlassungen durch Vernichtung der Pflanzungen, der Frucht und der Ernte, der Bäume und der Weinberge, aus denen die Siedler ihre Ernährung zogen. Dazu kommen die Flüchtlinge aus der Altstadt und den Plätzen mit gemischter Bevölkerung, die zum allergrößten Teil bar aller Mattel und Stütze sind. Wenn diese Menschen nicht vollkommen verelenden sollen, muß rechtzeitig Hilfe geschaffen werden. Es ist nicht die Zeit, mit Klagen gegen eigene Brüder hervorzutreten. Die große 'Not forderte eine restlose Vereinigung aller jüdischen Herzen und Hände im Zeichen der Hilfeleistung. Es sah anfangs auch so aus, als sollte die Einigung kommen, denn ein vereinigtes Komitee von Vertretern des Waad leumi, der Jewdsh Agency und der Agudas Jisroel verhandelte über 'die politische wie auch über die wirtschaftliche Lage. Allein noch während die Verhandlungen im Gange waren, erließen die zwei genannten zionistischen Instanzen Auf" rufe zu einer Hilfsaktion und gaben die Zusammensetzung eines Komitees bekannt, das ausschließlich aus Zionisten und Misrachisten ohne Beteiligung auch eines einzigen Vertreters der unabhängigen. Orthodoxie besteht. Daraus ergab sich ganz' klar, daß die zionistischen Instanzen ein Zusammengehen mit der Agudas Jisroel und ihren Kreisen im Hilfswerke nicht wünschten. Dieses brüske Vorgehen hat in allen Kreisen des Jischuw den denkbar schlechtesten Eindruck gemacht. Die Agudas Jisroel fand die Stunde nicht für geeignet, sich beleidigt in den Schmollwin* kel zurückzuziehen, übersah die persönliche Kränkung und wandte sich an den Waad Leumi um Aufklärung. Nicht ohne kindliche Naivität antwortete ■der Waad Leumi, d-aß er nicht wisse, wie die Agudas Jisroel daran beteiligt werden sollte, nachdem sie doch keine Beziehungen zum Kerem Kajemeth und Keren Hajessod pflege und im K e r e n H a j i s c h u w einen eigenen, vom Waad Leumi unabhängigen Fond hätte. Die Antwort war zwar nicht klar in der Begründung, aber man verstand sie. Die zionistischen Instanzen gehen keineswegs darauf aus, den Opfern beizustehen, sondern auf Kosten der Opfer ihre eigenen Fonds zu sanieren. In diesem Bestreben wären ihnen allerdings die Männer der unabhängigen Orthodoxie und die Vertreter der Agudas Jisroel «ehr lästig und störend. Wir haben nicht vergessen und der Jischuw wird es nie vergessen, was mit den Sammelgeldern im Jahre 1929 geschehen ist. Damals wurde von den Zionisten eine Sammelaktion eingeleitet, ebenfalls ohne Mitwirkung der Agudas Jisroel. Die Aguda hatte damals im Interesse der Einheitlichkeit von einer eigenen Aktion abgesehen. Hunderte und Tausende von Pfunden auch aus gesetzestreuen Kreisen und aus den Schichten der Agudas Jisroel wunden für diese „Allgemeine Aktion" zusammengetragen. Eine große Sammlung, aber fast ohne Verteilung. Und auch die kleinen Summen, die zur Verteilung gelangten, erreichten die Adresse eines orthodoxen Juden in keinem einzigen Falle. Aber auch ohnehin wurden die Gelder nicht ihrem eigentlichen Zwecke zugeführt, sie dienten den verschiedenen Unternehmungen des Waad Leumi. Zunächst gab man den Pogromopfern Darlehen; nicht Unterstützung, nicht Mittel zum Wiederaufbau ihrer Existenz, sondern nur Anleihen. Und wo die „Beschenkten" nicht in der Lage waren, zurückzu5 zahlen, gab es Prozesse und sogar Pfändungen mittels der Gerichte. So kehrten 'die Gelder in die Kasse des Waad Leumi zurück, wo sie auch blieben, obwohl dieses Verfahren ganz und gar nicht im Sinne der Spender lag, die den Betroffenen auf direktem Wege helfen wollten. Man hätte dieses Vorgehen noch verstehen können, wenn der Waad Leumi sich entschlossen hätte, aus den Geldern einen Hilfsfond für spätere Notfälle, an denen es in Erez Israel leider nie fehlt, anzulegen. Die neuesten Ereignisse hätten Gelegenheit genug zur Oeffnung der Reservekassen geboten, Aber man rückt nicht mit den vorhandenen Geldern für die erste Hilfe heraus, sondern organisiert die Hilfsaktion von 1929 in zweiter Auf läge. Die Forderung an den Waad Leumi, Rechenschaft über die Hilfsgelder von 1929 abzulegen, kommt nicht zum Schweigen. Sie beschäftigt den ganzen Jischuw. Aber uns in der Agudas Jisroel hat die Angelegenheit zu warnen und zu eigenen energischen Taten anzuregen. So hat die Agudas Jisroel in Erez Jisroel, im Einvernehmen mit allen thoratreuen Juden im Lande, eine eigene Hilfsaktion eingeleitet, die, wie wir hoffen, das nötige Echo in der gesamten gesetzestreuen Welt findet. Es ist unsere heilige Aufgabe, alle unsere Kräfte auf diesen Punkt zu konzentrieren, um die unglücklichen Hinterbliebenen der Opfer und unsere geschäftHch ruinierten Brüder nicht ihrem Schicksal zu überlassen. Vom Waad Leumi haben diese unglücklichen Menschen, so weit sie zu den gesetzestreuen Kreisen gehören, nichts zu erwarten. Sie sind einzig auf uns angewiesen, und wenn wir ihnen nicht helfen, wer denn sonst? Es ist doch leider so, daß die gesetzestreuen Juden ein großes Kontingent unter den Geschädigten stellen. Hier in Erez Israel haben, sich dem Hilfskomitee der Agudas Jisroel bereits auch alle unparteiischen Charedim angeschlossen, die sich früher zum Kreise von Oberrabbiner Kuk S>"Xt zählten. An der Spitze dieses Komtiees stehen u. a. Rabbi EHeser S i r k i s aus Polen, Rabbi Jerachmiel Wechsler und Rabbi Ephraim Schiff aus Amerika. In der Leitung des A. C. der Hilfsorganisation stehen Rabbi M. Blau und Dr. Isaac B reue r. Am letzten Mittwoch fand dn einem der größten Hotels von Jerusalem eine Versammlung statt, die vielfarbig au® Männern von den „Extremsten" bis zu den „Opportunisten" innerhalb der Gesetzestreuen beschickt war. In einem umfassenden Referat schilderte Rabbi Mosche Blau die gescheiterten Verhandlungen mit dem Waad Leumi. Einmütig wurde von der Versammlung .da® selbstän* dige Vorgehen der Agudas Jisroel gebilligt. In einer Versammlung in einem der größten Hotels von Tel Awiw wurde auch in dieser Stadt, nach Reden und Ansprachen von Rabbi Mosche Blau, Dr. Isaac Breuer, Rabbi Elieser Sirkis und Rabbi Pinchas Lewin, eine Zweigstelle der Hilfsaktion gegründet. Auch hier war die Versammlung von aUen Schats Hertingen des gesetzestreuen Judentums besucht. Der Anschluß auch früherer Außenseiter an dieses Komitee hat über die Sache hinaus große Bedeutung, Die Erregung -und Erbitterung über den Waad Leumi und seine Weigerung, Rechenschaft über die von ihm gesammelten Gelder abzulegen, wächst stetig und kann auch sonst zu einer Abkehr weiter Kreise vom Waad Leumi führen. Das gesetzestreue Judentum in Erez Israel ist erwacht. So möge auch das thoratreue Judentum in der Golah erwachen und seine Kraft den Brüdern in Erez Israel widmen. Mn. G.-P. * * Inzwischen gelangten in unsere Hand die palästinensischen Zeitungen, die alle die Darstellung unse* res Korrespondenten bestätigen, nimmt msnn bringen ihre Ausführungen über 'die Gelder der Sammlung von 1929 unter dem Titel n-iryn pp flnnw (ein Skan* dal um den Hilfsfond). In ihrer Nummer vom 23. Tamus bringen sie einen umfangreichen Artikel von Rabbi Mosche Blau zur Klärung der Dinge. Insbesondere befaßt sich Rabbi Blau mit der lendenlahmen „Erklärung" des Waad Leumi über den Verbleib der Gelder, wonach jene Summen von Männern in Europa und Amerika, die 'die Sammelaktion leiteten, der Organisation „EMICA" zu Ansiedlungsz wecken übergeben worden seien. Gerade aus dieser „Erklärung" weist Rabbi Blau nach, wie wenig Vertrauen die neue Aktion des Waad Leumi verdient. Auch „Doar Hajom" behandelt die Angelegenheit, veröffentlicht den Briefwechsel zwischen Aguda und Waad Leumi und dann auch den Aufruf der Agudas Jisroel. In der letzten Nummer des „Kol Israel" sind die Zustimmungsbriefe an die Agudas Jisroel auch von der Aguda fernstehender Seite abgedruckt. Am bedeutendsten erscheint unsi ein Brief des Oberrabbinates von Tel Awiw, -.mterzeichnet von Rabbi Ami el und Chacham U s i e 1, in Begleitung dar Kopie eines Schreibens des Tel Awäwer Oberrabbinates an den Waad Leumi, in dem beide Oberrabbiner dem Waad Leumi ihr Bedauern zum Ausdrucke bringen, daß sich in einer Frage, die einmütiges Handeln Aller erforderte, der Waad Leumi in die ihm von der Agudas Jisroel entgegengestreckt«? Hand nicht einschlug und so die Aguda zujm selbständigen Vorgehen zwang. Die Verantwortung für diese Trennung falle einzig und allein dem Waad Leumi zu. (Weitere Korrespondenzen siehe Seite IL)