Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1936)
- Date
- 1936-07-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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30. Juli 1936 Oer Israelit Nr. 31 Seite 5 lichkeit sich spannen. „Unter diesen Völkern wirst du keine Ruhe finden, und der Sohle deines Fußes wird keine Ruhestätte werden. Es gibt dir G'tt dort ein Herz voll Zittern, und Schmachten der Augen und Betrübnis der Seele." G'tt will es und G'tt bewirkt es und wir erleben es. Die aufs Aeußerste gespannte Problematik der Galuth, als solchen gibt unserer Gegenwart ihr charakteristisches Gepräge. Sie weist, ganz im Einklang mit der Weissagung, auf das Heilige Land als die einzige Stätte, die eine geschichtliche Lösung zu bringen vermag, indem sie allmählich der Galuth selber ein Ende bereitet. Die Rückkehr ins Heilige Land als einzige Rettung der jüdischen Nation: dieser von der Weissagung klar und deutlich ausgesprochene Satz ist zugleich die Grundthese des — Zionismus. Die äußere Uebereinstimmung des Zionismus mit der vom ganzen Fühlen und Sinnen der Nation umwobenen Weissagung, die äußere Richtigkeit seiner aus zweitausendjähriger geschichtlicher Erfahrung gezogenen geschichtlichen Konsequenz, die in der Gegenwart allenthalben Bestätigung findet, sie bilden den höchst gefährlichen Wahrheitskern des Zionismus, den er mit der Auflehnung gegen den regierenden Souverän der jüdischen Nation, mit der Auflehnung gegen die Thora als geltendes Recht der jüdischen Nation zu einem unentwirrbaren Knäuel verknüpft hat. Da griff wieder G'tt ein. Die Not und das Leid des im Entstehen begriffenen jüdischen National'heims erweisen und aktualisieren die furchtbare Problematik auch der letzten, des einzigen Weges, der die jüdische Nation zu retten vermöchte. Ob die Not und das Leid die heutige Generation unserer in Auflehnung gegen G'tt und die Thora lebenden Brüder im Heiligen Lande zür Rückkehr bewegen wird, vermag niemand im jetzigen Augenblick zu sagen. Aber die nationalgeschichtliche Bedeutung der grauenvollen Ereignisse im Heiligen Lande ist in der Tat unermeßlich. Niemand konnte, wenn er den Zusammenhang mit unserer nationalgesehichtlichen Ueberlieferung nicht vollends verloren hatte, auch in den Zeiten scheinbarer Prosperity ohne schwerste Sorge die Entwicklung des Nationalheims verfolgen, in welchem der Geist eines der jüdischen Nation durchaus fremden Materialismus, auseinandergelegt in Technik, in Wirtschaft, in Politik, sich immer breiter machte und immer behaglicher einrichtete und die Nation in Autoassimilation an die Notwendigkeiten des Landes und in Autoemanzipation gegenüber den Völkern der Erde völlig .zu verfremden drohte. Die furchtbare Problematik des National¬ oder begreifen, üvcn ans '> ihr seid es, die sich gerne selbst verkleinern, d»sj? D»ü»ann, meinen, die alten Talmudweisen. Das möge zum Wesenszug werden beim jüdischen Volke. Wohl liegt es menschlich nahe und ist menschlich zu begreifen, daß wenn in unserem Kreise Einzelne oder mehrere durch ihr Wirken und Leisten auch in .der nichtjüdischen Welt Anerkennung und hohe Ehre finden, wir das mit Freude und Befriedigung für uns buchen, gerade aus unserem Minderheitdbewußtsein heraus. Wir sprechen von einem Kiddusch-haschem, so man dem jüdischen Namen und Verhalten Ehre gemacht. Allein wir sind zu sehr gewitzigt, um Derartiges nicht zu hoch einzuschätzen und uns einzulullen in falschen Illusionen. Wie leicht und wie oft schlagen Gunst und Zuneigung um ins Gegenteil. Eine tausendjährige Erfahrung steht unszur Seite, warnend, mahnend. Wenn man im politischen Leben von der Berechtigung eines gesunden Mißtrauens redet, so nehmen wir .das auch für uns in Anspruch. Gerade weil wir die Wenigsten sind, wan ons ">> Wir kennen die Problematik und — Tragik des jüdischen Staatsmannes zur Genüge und nicht erst seit Rathenaus Ende. Joseph, der große Organisator während der Hungersnot in Aegypten, mit dem Zofnat^Paneachtitel ausgezeichnet, mit goldener Kette und im Staatsgefährt eine Huldigungsfahrt durch das ganze Reich machend — wie schnell war er „vergessen". Es stand ein neuer König auf, der den Joseph „nicht kannte". Er tat so, wi' l^i» als ob er ihn kenne. Mordochai, noch unbekannt und mit keinem Orden ausgezeichnet für die Lebens* rettung des Königs; sich nur am Hofe Ahasveros im Gespräch mit seiner Nichte zeigend, wurde aus kleinlichem Anlaß die Zielscheibe der Rachsucht Hamans. WW oy nK ,n»an?a> „Man hatte ihm erzählt vom Volk Mordochais". Und war es vor 1492 in Spanien anheims, die im Lichte der (heutigen Ereignisse der Problematik der Galuth in nichts nachsteht, entwirrt den Knäuel des Zionismus, trennt seinen Wahrheitskern von der um ihn gewobenen Lüge und mahnt uns in aller Eindringlichkeit, daß zwar nur der Weg nach Zion der jüdischen Nation die Rettung zu bringen vermag, daß aber auch dieser Weg in die Sackgasse des Vorderbaus führt, wenn er ohne G'tt und ohne die Thora beschritten wird. Die unerhörte Zusammenballung von jüdischem Leid und jüdischer Not in der Gegenwart sprengt den Rahmen der rein individualistischen Frage nach ihrem Einfluß auf die jüdischen Menschen und zwingt zu nationalgeschichtlicher Wertung. Hierbei muß das qualvolle Geheimnis des auf den russischen Juden lastenden Verhängnisses in seiner unauflösbaren Rätselhaftigkeit außer Betracht bleiben. Weder die Ereignisse in der Galuth noch die Ereignisse im Heiligen Lande tragen episodenhaften Charakter. Sie stellen sich vielmehr als geschichtliche Maßnahmen des gütlichen Souveräns der jüdischen Nation dar, dazu bestimmt, sie ihrem geweissagten geschichtlichen Ziel entgegenzuführen. Noch stemmt sich der Zionismus mit aller Kraft gegen die Sprache der Tatsachen. Noch haben die Ereignisse zunächst ein neues Aufflammen des von G'tt und der Thora emanzipierten jüdischen Nationalismus zur Folge gehabt. Wie könnte es anders sein? Es müßte der Zionismus sich selber aufgeben, wollte er sich und der Welt bekennen, daß die Problematik des Nationalheims der Problematik der Galuth an tragischer Schwere nicht im mindesten nachsteht. Aus der Erkenntnis der Unlösbarkeit des jüdischen Galuthproblems ist der Zionismus erwachsen. So wies er aus der Galuth nach Zion. Wie aber, wenn auch Zion ein — unlösbares Problem ist? Dann ist der Zionismus erledigt. Dann kennt die Geschichte keine Möglichkeit mehr zur Rettung der jüdischen Nation. Dann kann nur G'tt helfen, der Lenker der Geschichte und der — Metageschichte. Dann war zwar der Weg nach Zion richtig und der Zionismus ein mächtiger Hebel in G'ttes Hand. Dann aber ist das Ziel nicht der zionistische Staat, sondern der Staat G'ttes. Noch liegt es über dem Menschengewimmel von Tel Awiw wie ein Rausch, Rausch der Arbeit und Rausch der entfesselten Freiheit. Noch ballen sich in den Kolonien die Fäuste in grimmiger Selbstbeherrschung, in entschlossener Kampfbereitschaft. Noch läßt die in den Tageszeitungen geformte öffentliche Meinung einen Zweifel darüber nicht zu, ob denn winklich dieses; heutige Nationalheim in seiner zionistischen ders? Wo ein Jude zu hohen Aemtern gelangt, zu hohen Würden emporsteigt, so stimmt das uns nachdenklich. Wir betrachten dies mit gemischten Gefühlen. Er ist und bleibt ein Glied unserer Gemeinschaft, der jüdischen Minderheit mit all den Konse* quenzen, die sich daraus ergehen und die wir in Obigern berührt. t»»n nrnt ■>:>, G'tt hat uns als Minderheit auserwählt, hat die© uns ausdrücklich nahegelegt, hat uns als Minderheit durch Jahrtausende geleitet und wird uns so weiter erhalten, führen und schirmen- Kleines Feuilleton, Statistisches aus Berlin und Dresden In dem „Statistischen Jahrbuch für Berlin", das statistische Ergebnisse für das Jahr 1934 bringt, wird die Zahl der in Berlin wohnenden Juden mit 163.796 angegeben, unter denen sich 200 MitgEeder der Adaß-Gemeinde und 596 der Gemeinde Spandau befinden. Die Zahl der jüdischen Eheschließungen im Jahre 1934 betrug 1025. Es wurden 371 Mischehen von 256 jüdischen Männern und 115 jüdischen Frauen geschlossen. 282 jüdische Ehen wurden geschieden; in 199 Fällen wurden die Männer, in 83 die Frauen als schuldiger Teil befunden. Im Jahre 1934 starben 1226 jüdische Männer und 1175 Frauen, zusammen 2401. Dem standen nur 473 Geburten gegenüber, von denen 220 Knaben und 253 Mädchen aus rein jüdischen Ehen stammten, wäh- Prägung die nationale Prägung in sich berge. Und dennoch spürt man es schon: das Problem, das gefürchtete, das zweitausendjährige, dem man nach Zion zu entrinnen hoffte, es ist da in all seiner Gefährlichkeit, in all seinem Irrationalismus, es ist übers Meer mit herübergekommen und zeigt, trotz aller Vermummung, die wohlbekannten Züge der — Galuth. Das Problem wird nicht schwinden. Aber gebe die gütige Vorsehung, daß an ihm der Zionismus nicht so bald zerschelle. Noch ist das jüdische Volk nicht reif, als G'ttes und der Thora Volk Enbe des Zionismus zu sein. Noch hat der Zionismus am jüdischen Volk seine Funktion nicht ausgeführt, es in Abwehr zu einen, es in geschichtlicher Selbstbesinnung für den allzeit werdenden G'ttesstaat zu entflammen und zu Taten letzter Opferbereitschaft zu befähigen. Noch ist Agudath Jisroel ein Torso, Wenn auch nur ein einziges Wort der Weissagungen unserer Heiligen Schriften Wahrheit ist, kann das Nationalheim in seiner heutigan zionistischen Prägung keinen Bestand haben. Aber warten, bis es zusammenbreche, statt durch Taten ihm den W<i>g zur Rettung zu weisen, wäre die schlimmste Antwort auf G'ttes Ruf in Not und Leid. Vom Heiligen Lande selber mußte die Initiative ausgehen. Dort ist die Gefahr am größten und der Zwang zu Taten am stärksten. Dort bedeutete Abwarten unmittelbare Selbstaufgaibe. Warum ist im Heiligen Lande alles bewege und nur um die Thora herrscht Stagnation und Entmutigung? Warum ist im Heiligen Lande alles aktiv, und nur um die Thora ein Wust papierner Aufrufe und folgenloser Sitzungen? Warum hat im Heiligen Lande die Lüge die Kraft zur Einigung, und nur um die Wahnheit der Thora ist Hader, Zank und Zersplitterung? Warum haben im Heiligen Lande die Männer der Lüge den Mut zur Intoleranz, zu herrischer Selbstbehauptung, und nur die Männer der Thora beugen den Nacken in seufzender Geduld, in schleichender Selbstbescheidung? Der triumphierende Zionismus hat die Thoratreuen überrannt. Wird nicht einmal der leidende Zionismus sie wecken? An den Freuden des Zionismus konnten sie nicht teilhaben. Die Leiden des Zionismus treffen auch sie in voller Schwere. Sind nicht die Leiden des Zionismus ein Weckruf G'ttes zu sühnenden Taten? Wie lange noch? rend außerdem 102 Geburten aus Mischehen verzeichnet wurden. Für die rein jüdischen Geburten und Todesfälle kommt somit eine Geburt auf fünf Todesfälle. 475 Knaben wurden Barmizwa. Es wurden 484 Trauungen und 2176 Beerdigungen vollzogen. 416 Personen erklärten ihren Austritt aus der Jüdischen Gemeinde, während es im Jahre 1933 noch 1040 waren. Am 1. Mai 1934 befanden sich auf den öffent* liehen höheren Knabenschulen 1506 Schüler (1933: 3267), in den öffentlichen höheren Mädchenschulen 1285 (1933: 2715), in den städtischen Mittelschulen 204 (1933; 377), in den städtischen Volksschulen 4614 (1933: 6264), in den städtischen Sonderschulen 113 (1933: 123) zusammen 7722 (1933: 12 746} Schüler. Am 15. Mai 1935 wurden entsprechend einer Mitteilung in „Wirtschaft und Statistik" in Preußen insgesamt 1013 mittlere Schulen mit 195.566 Schülern gezählt. 3202 oder 1,6 v. H. waren jüdisch. Im Jahre 1935 wurden innerhalb der Israelitischen Religionsgemeimde Dresden 23 Geburten, 62 Sterbefälle und 20 Eheschließungen gezählt. 14 Personen erklärten .ihren Austritt aus der Gemeinde, 8 traten wieder ein. Die Zahl der Geburten ist in den letzten drei Jahren gleich geblieben. Dasselbe gilt im wesentlichen auch von der Anzahl der Sterbefälle. Die Eheschließungen betrugen 1933 16, 1934 12, gegenüber 20 im Jahre 1935. Die Zahl der Austritte aus der Gemeinde hat sehr erheblich abgenommen. Sie belief sieh 1933 noch auf 51 und auch 1934 wurden noch 22 Austritte gezählt. Demgegenüber betrafen die Wiedereintritte im Jahre 1933 nur einen einzigen Fall; 1934 dagegen 13 Fälle.