Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1936)
- Date
- 1936-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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er Israelit 30. Juli 1936 Sir Herbert Samuel schließt: „Acht Jahre, von 1921 bis 1929, war das Land friedlich. Der Fortschritt entwickelte sich rahig. Persönliche Antipathien individueller oder gesellschaftlicher Natur bestehen zwischen Arabern und Juden oyftn ana .... denn ihr seid eine Minderheit. Von A. Mannheimer in Dettelbach. Im Wochenabschnitt ^nmi lesen wir (Kap. 7, V. 7) die Worte: nna'i naa 'n p>E?n o»oyn t>3» cnan» «6 /a'ayn 5>aa twan wik '3 /oaa „Nicht weil ihr die Zahlreichsten seid unter allen Nationen, begehrte euch der Ewige und wählte euch aus; denn ihr seid gerade eine Minderheit unter allen Völkern." — Eigenartig mutet uns dieser Satz in unserer Thora an. Es kommt uns fast vor, als habe die Thora sich hier sozusagen auf politisches Gebiet direkt begeben. In unserm geschichtlichen Bewußtsein und Gefühlsleben ist der Gedanke verwurzelt, daß auf der Weltbühne immer der Stärkere Recht behält, die brutale Zahl entscheidet. Dem Sperling, der das Würmchen erbarmungslos auffrißt, legt der Dichter auf die Klage seines Opfers das kurze und kalte Wort in den Mund: denn ich bin groß und du bist klein. Punktum! Nach diesem „Prinzip" betrachtet unser Auge das gewaltige Ringen und Raufen von Staaten und Stämmen in der Weltgeschichte bis auf die Gegenwart. Wir sind daran gewöhnt, als ganz ebenbürtig alle die großen überhaupt nicht. Es sollte nicht unmöglich sein, wenn einmal Furcht und Argwohn durch kluge staatsmännische Kunst beseitigt sind, eine neue und dauerhafte Aera des Friedens zu sichern," historischen Ereignisse seit den hinter uns liegenden Jahrtausenden zu „erklären" und kausal zu bewerten. Ganz spät und schüchtern hat ein Völkerbund den Versuch gewagt, auch für Minderheiten ein Recht zu statuieren. Da lesen wir nun in unserem Wochenabschnitte klar und deutlich von einem von G'tt selbst proklamierten Minderheitenrecht, motiviert mit der Liebe G'ttes zu dieser Minderheit: Dans'iirnnsa'3/weil ich euch liebe! Kein anderes Motiv kommt in Betracht, keinerlei Erwägungen menschlicher Art, egoistischer Natur, materieller Ziele! Uns späten Epigonen aber, denen es vergönnt ist, auf fast 3500 Jahre zurückzuschauen, seitdem dieses Wort gesprochen wurde, — uns mag ein heiliger Schauer durch die Seele ziehen bei dem Gedanken, wie jenes Hhorawort seine wundervolle Bestätigung gefunden bis auf den heutigen Tag. Ohne' Land und Tempel, zerstreut und zerstoben nach allen Windrichtungen, unter alle Staaten und Völker, ausgesetzt allem Leid, allem Schweren und Herben, das je Menschen zu ertragen hatten, entblößt von allem, worauf sonst Völker und Staaten ihr Dasein gründen, bleibt der Bestand Israels dem zünftigen HistO1 riker ein Rätsel in der Weltgeschichte, für da® jede Parallele fehlt, kein Rationalismus eine befriedigende Antwort kennt. Hier ist G'ttes Finger im Spiele, R»n D'pbtt yax«. Der Weltenlenker erkor sich eine Min* derheit, öJ?an ans 'a> ließ sie gegen den Strom schwimmen, um durch dieselbe, allem menschlichen Kalkül zum Trotz, Seine alleinige Herrschergewalt und Weltenlenkung zu dokumentieren. Vielleicht mag das auch der Sinn de® Wortes sein: bswb px/ für Israel gilt kein Sternbild, Während im Planetarium immer die größeren Himmelskörper den kleineren Halt und Mittelpunkt gewähren' zum ständigen Kreisen um sie, ist dieses Abhängigkeitsverhältnis im einer späteren Zukunft retten. Sie waren die Sanktion G'ttes, des regierenden Souveräns der jüdischen Nation, gegen SeLbstverniohtung und Untergang. Sie meldeten zugleich, nach dem Willen G'ttes, das Problem der jüdischen Nation als eines der brennendsten Probleme auf der Tribüne der allgemeinen Völkergeschichte an. Auch die schwere Not und das schwere Leid unserer Brüder in Polen sprechen keineswegs nur zu den jüdischen Einzelnen. Wenn die deutsche Situation die Unmöglichkeit der Autoassimilation beweist, zeigt die polnische Situation mit erschütternder Deutlichkeit, daß auch die Autoemanzipation in der Gola keine Möglichkeit gewährt, kompakte jüdische Massen von nationaler Selbstbewußtheit in der Gegenwart auf fremdem Territorium auf die Dauer unter erträgliche Lebensbedingungen zu stellen. Schwerlich wird man den jüdischen Massen in Polen vorwerfen können, daß sie allzulief ins polnische Wesen eingedrungen seien. Die deutsche und die polnische Situation in ihrer diametralen Verschiedenheit beweisen vielmehr, daß nach dem Willen G'ttes die Gegenwart bestimmt ist, die völlige Unnahbarkeit der jüdischen Nation in. der Gola darzutun und damit die Galuth selber zur aktuellsten geschichtlichen Diskussion zu stellen, gleich als hätte gestern erst Titus unseren Staat zerstört und hätten die Völker nicht zweitausend Jahre Zeit gehabt, sich mit dem Judenproblem zu befassen, sich an das Judenproblem zu gewöhnen oder ihm eine gangbare Lösung zu finden. Daß solches, genau der Weissagung entsprechend, nach zweitausend Jahren Ereignis werden konnte, stellt das größte geschichtliche Wunder dar; das jemals Menschen erlebt haben. Die Erfahrung von zweitausend Jahren beweist zwingend, daß wohin immer Juden sich wenden, sie in sich und mit sich die Galuth tragen, und daß es nur eine Frage der Zeit ist, wann diese Galuth zu einem höchst kritischen Problem wird. Wenn weder Autoassimilation noch Autoemanzipation noch auch das stillere, aber sonst ungemein wirksame Nivellieren des geschichtlichen Zeitablaufs selber die Judenikrankheit zu heilen vermag, so sind damit alle irgendwie erdenkbaren Möglichkeiten erschöpft, und ist die Galuth als solche schlechthin als Krankheitserregerin dargetan. Ob heute den wandernden Juden sein Fuß nach Amerika, nach Südafrika oder sonstwohin trägt: immer wird er sich sagen müssen, daß es nur eine Frage der Zeit ist, wann die Umstände, die ihm den Wanderstab in die Hand drückten, auch in der neuen Adoptivheimat entstehen, anschwellen und bis zur TJnleid- Dasein Israel nicht gegeben. Größe und gewaltige Kraft wie bei den Himmelskörpenr sind nicht Maßstäbe für Israel in seiner geschichtlichen Laufbahn. Auch als Minderheit findet es seinen Weg und mußte ihn stets finden. Vom menschlichen Standpunkte aus ist dies nicht leicht. Wir sind Menschen wie andere, den gleichen Neigungen, Wünschen und Bestrebungen unterworfen wie andere, also auch den gleichen Schwächen. Psys ökologisch resultieren aus dem Minderheitsbewußt* sein tragische Konflikte. Auf •diese Klippen wollte die heilige Lehre aufmerksam machen mit dem Hinweis oynn ans »> Ohne .diesen Satz würde etwas. Bedeutungsvolles in der mw fehlen. Ehrgefühl und Geltungsbedürfnis hat der Schöpfer allen Menschen unterschiedslos eingepflanzt, auch dem jüdischen Menschen. Doch sollen wir begreifen, daß ein Minder* heitsgefühl durchaus nicht identisch ist mit einem Minderwertigkeitsgefühl. Wir haben uns fernzuhalten von unberechtigtem und lähmendem Deprimismus, von kriechendem Servilismus und Devotismus, mehr noch von aufdringlichem Anbiedern. In den schwer» sten Zeiten und Leiden wahrte der Jude seine würdevolle innere Haltung, tsyan dar »3/ tröstete er sich resigniert. Der gebeugte Rücken bei den Bittgängen zu den Burgen der Mächtigen bedeutete noch keinen gebeugten Lebensmut, kein gebrochenes Ehrgefühl, Oft freilich, allzuoft entschwand dem Juden in I leichteren Zeiten das Bewußtsein, einer Minorität I anzugehören. Man ließ sich blenden vom hohlen ( Schein und verließ sorglos die bisherige weise Reserve. Die Vertrauensseligkeit mußte man mit schmerzlicher Enttäuschung büßen. Besser, klüger, sich weit innerhalb der erlaubten Grenzen zu halten, sich zurückzuziehen mehr als andere das tun Erez lisroel- Briefe. Von Isaac Breuer, VII. Im Tammus 5696. Neulich fragte mich jemand, ob eigentlich Not und Leid für die heutigen Menschen noch läuternde Kraft besäßen, ob sie namentlich geeignet seien, die heutigen jüdischen Menschen G'tt und der Thora näher zu bringen. Er wies dabei auf die Erfahrung der letzten Jahre mit den deutschen Juden und auf die Erfahrung der jüngsten Wochen mit den Juden im Heiligen Lande hin. Wer den Zusammenhang mit G'tt bereits überhaupt verloren hat, wer höchstens eine meist recht verworrene Vorstellung von einer schicksalhaften Macht in sich trägt, die alle Einzelheiten des Geschehens miteinander verknüpft und aus dem also gebildeten Ganzen die Last entläßt, die ein jeder im Leben zu tragen hat, wird regelmäßig aus der Steigerung dieser Last nur erhöhte Unzufriedenheit, nur stark geminderten Lebenswillen, nur Auflehnung gegen das Schicksal erzielen und wird im günstigsten Falle vielleicht mit einem gewissen Neid auf all die schauen, die G'tt in sich fühlen und mit G'tt sich über das Schicksal zu erheben vermögen, und wird seufzend sprechen: „Fürwahr, weil ich meinen G'tt nicht in mir habe, finden mich diese bösen Dinge." G'tt aber wird ihm erst recht verborgen bleiben. Aber selbst wenn er G'tt zurückgewinnt: ist es der G'tt der Thora, dem er nicht nur sein Fühlen, sondern auch sein Tun unterwirft? Weit, unendlich weit ist ein großer Teil der deutschen Juden und ein großer Teil der Juden des Heiligen Landes vom G'tt der Thora. Es fühlt sich der Knecht in der Freiheit wohl, und wer das Joch der Thora einmal von sich geworfen hat und die Gewohnheit der Ungebundenheit annahm, begreift oft gar nicht mehr, daß man es unter der strengen Lebensordnung der Tbora überhaupt auch nur auszuhalten vermag. Weit, unendlich weit ist auch ein .großer Teil der deutschen Juden und ein großer Teil der Juden des Heiligen Landes von der national-jüdischen Denkweise des unbedingten Vertrauens in G'tt und seine Thora, wie sie jede Seite des Talmud atmet. Das Weltbild des Talmud, die Fähigkeit, die Welt aus G'ttes Thora und nicht umgekehrt G'tt und Seine Thora aus der Welt zu begreifen, will mühsam erlernt sein. Was nützt eine Rückkehr zu G'tt, die nicht zugleich eine Rückkehr zum Talmud ist? Im Gebet um Rückkehr bildet G'tt das Ziel und die Thora den Anfang: ein schwerer Weg für all die, denen die Denkweise des Talmud völlig verloren gegangen ist oder die sie überhaupt nie besessen haben. So dringt die Stimme der Not und des Leids zunächst und vor allem ans Ohr der Thoratreuen. Sie sind die persönlich Angerufenen. Im Ganzen möchte ich glauben, daß die deutschen Thoratreuen, zumal ihre Jugend, sich der Situation gewachsen' zeigten, daß sie aus ihr und durch sie in wachsendem Maße den Weg der Rückkehr beschritten haben, der über Thora und Awoda zu G'tt führt. Auch die Thoratreuen des Heiligen Landes werden, ein jeder für sich, dem Weckruf G'ttes Folge geben, ihre Treue und Gewissenhaftigkeit verdoppeln und das Band fester knüpfen, das sie durch Thora und durch Awoda mit G'tt verbindet. Aber die Not und das Leid, deren unsere Gegenwart voll ist, greifen über die jüdischen Einzelnen hinaus und haben eine unermeßliche nationale Bedeutung. Mag die große Mehrheit der deutschen Juden individuell den Weg zum G'tt der Thora nicht gefunden haben, so ist ihnen immerhin — und dies spüren selbst die Entfremdetsten unter ihnen — ihr Judesein zum unentrinnbaren, zum lebengestaltenden Schicksal geworden. Autoassimilation, Taufe und Mischehe winkten am Ende des Weges, den die Reform die große Mehrheit der deutschen Juden geführt hatte, und das Ende des Weges war gar nicht mehr fern. Da griff G'tt ein. Geschichtliche Ereignisse voll unerhörter Ueberraschung versperrten den Weg fast in letzter Stunde. Sie konnten aus Menschen der Autoassimilation nicht alsbald Menschen der Thoratreue machen. Aber sie konnten sie der jüdischen Nation und damit