Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-07-30 · Heft 31 (30.7.1936) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 31 (30.7.1936)
Date
1936-07-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450939--82283-2540228
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

30. Juli 1936 Der Israelit Nr. 31 Seite 3 Lernt wieder beten! (Fortsetzung von Seite 1.) ruhige Gebet, die ursprüngliche alte Farm ist, (vielleicht im sephardisohen Judentum); es kann aber wohl* keinem Zweifel unterliegen, daß der Großteil des deutschen Judentums es nicht fertig bringt, regelmäßig im stillen, lautlosen Gebet, die wahre Andacht izu finden; daß im deutschen Judentum das stille und lautlose Gebet, zümal wie es im südlichen /und westlichen Deutschland üblich geworden ist, nur ein Produkt der Assimilation aus dem Zeitalter der Emanzipation ist.' Eine Assimilationserscheinung, die man seinerzeit in Kauf nehmen mußte und durfte, um Wichtigeres zu erhalten. Könnte nicht auch hier eine. Erneuerung einsetzen? Könnten nicht unsere Synagogen widerhallen von Herzensergüssen einer wirklich betenden Gemeinde? Könnte man nicht zurückkehren zu innigem. Chasonus' und spontanem Gemeindegesange? Wieviel steinerne Herzen könnten erweicht werden? Wieviel -verschüttete jüdische Gefühle erweckt werden? Wieviel gelangweilte Synagogenbesucher in echte Beter umgewandelt werden? Wieviel zerfahrene Seelen könnten den Weg zu ihrem G'tt finden? Wieviel Verzweifelte könnten Erlösung finden? Sollte es verwegen sein, einen Versuch auch mit unseren erstarrten und gefühlsverarmten Gemeinden zu riskieren? Sollten Ordnungshüter und Wahrer der Gewohnheiten hier wirklich eine unüberbrückbare, eiserne Mauer zwischen Juden und ihrem G'tte bilden? Soll die Furcht, als wahnsinnig und verwildert verschrieen zu werden, diese Erneuerung unmöglich machen? Gewiß! Ein Einzelner könnte diesem Mißgeschick verfallen, zum Gespött und zur, Verachtung werden. Es naht aber eine Zeit, die solchem Vorhaben besonders günstig ist. Es naht Rauschchaudesch Ellul, es nahen die Jomim hanauroim, die Tage, die in höchstem Maße dem Gebete gewidmet sind. Wie wäre es, wenn etwa die Rabibiner-Vereinigungen eine solche Anregung hinausgehen ließen? Gut wäre es, vorher auch die Verwaltungen einiger großer Gemeinden für den Plan ZU gewinnen, um etwaige Widerstände von solcher Seite von vornherein auszuschalten. Wir legen diese Gedanken zur Prüfung vor. Mögen sie Widerhall finden und sofort in Angriff genommen werden. Mögen sie einen Weg weisen zu unserem G'tte im Himmel: •trawa /« b& tP23 iaaa^ ms Wöthenmnd Neue religiös-liberale Richtlinien. Die Seligmann'schen „Richtlinien'' unseligen Angedenkens waren so gut wie vergessen. Nach zwei Jahrzehnten erleben sie aber eine Wieder- Ätiferstehung. in den Di enemann' sehen Thesen, die sein auf der Londoner Tagung gehaltenes Referat krönen. Es sind vierzehn an der Zahl, die nach einem Bericht der;,Jüdischen allgemeinen Zeitung" folgenden Wortlaut haben: „1. Der Tag muß mit Gebet begonnen werden., Schlichtheit, nicht Salbung kennzeichnen seinen Charakter. 2. Die Mahlzeit muß mit Gebet begleitet werden., Während aber das Morgengebet und das Gebet zur , Mahlzeit den Einzelnen in die Gesamtheit Israels hineinstellen sollen, hat '! 3. das Abendgebet dem individuellen, Bedürfnis Rechnung zu tragen. . 4. Zum Verständnis des Gebetes ist. da® Erlei" nen der hebräischen Sprache erforderlich; 5. Die Feier des Sabbat; soweit er nur im Rahmen des täglichen und beruflichen Lebens angängig ist. Arbeitsenthaltsamkeit, nicht Arbeitsxuhe, kann hier nur der leitende Gedanke sein. 6. Ebenso gehört 'die Beobachtung der Festtage zum Pflichtenkreis des jüdischen Menschen. 7. Die Speisegesetze sind zu halten, aber mit biblischer Einfachheit, nicht mit mittelalterlicher Wichtigtuerei. 8. Die Beschneidung, 9. die ireligiöse Weihe der Ehe, . 10. die Teilnahme am Gemeindeg'ttesdienst sind wesentliche Obliegenheiten, die nicht verloren gehen dürfen. * Zu diesen Notwendigkeiten treten heute als weitere Pflichten; 11. Di© Teilnahme am Palästinaaufbau und 12. das Lernen jüdischer Stoffe, die Aneignung jüdischen Wissen®, 13. soziale Arbeit, aber nicht nur aus humanen oder Situations-Motiven, sondern als religiöse Tätigkeit und schließlich 14. der Dienst am Toten." Zu »Punkt 1, 2 und 3 ist zu sagen, daß der neue „Gesetzgeber" offenbar auch an ganz neue Gebete gedacht hat, die an Stelle der alten zu setzen sind. Denn unsere Gebete für Morgen und Abend wie für die Mahlzeit sind ja festgelegt und stellen inschlichtesterWeise sowohl den Einzelnen in die Gesamtheit Israels hinein wie sie dem individuellen Bedürfnis vollauf Rechnung tragen. Wer an dieser Prägung D^aifl yaüö rüttelt, macht sich einer Entwertung altgeheiligten jüdischen Gutes schuldig. Punkt 5, der die S a b b a t r u h e empfiehlt, „soweit dies im Rahmen des täglichen und beruflichen Lebens angängig ist," ist fast wörtlich aus den alten „Richtlinien" übernommen. „Sabbat soweit möglich". Wer die Grenzen der Möglichkeit bestimmt, ist nicht gesagt, es bleibt dies jedem überlassen. Arbeitsenthaltsanikeit und nicht Arbeits ruhe ist hier der leitende Gedanke. Was das im Einzelnen heißen soll, können wir nicht sagen, so lange noch keine Kommentare zum neuen Dienemann'schen „Sabbattraktat" geschrieben sind. Vermutlich soll hier einer Arbeitseinschränkung am siebenten Tag das Wort gesprochen werden, dieweil die völlige Arbeitsruhe nicht in den Rahmen des täglichen und-beruflichen Lebens hineinpasse. Mit Puntk 7 wird die Einhaltung der Speisegesetze mit „biblischer Einfachheit", ohne „mittelalterliche Wichtigtuerei" empfohlen. Was in den Augen dieser Herren biblische Einfachheit und was mittelalterliche Wichtigtuerei ist, haben sie 'bereits früher einmal deutlich ausgesprochen, in einer Erklärung, die einer völligen Aufhebung des Schechitagesetzes sehr nahe kommt. Also wissen wir, wo das hinaussoll und haben zu dieser neuen unerhört anmaßlichen und alle Gesetzestreuen herausfordernden Formulierung nichts mehr zu sagen. Wenn aber in Punkt 9 von der religiösen Weihe der Ehe gesprochen wird, so muß i nicht an Worte und ErklärimgQh, sondern an Händlungen erinnert werden, die vor nicht allzulanger Zeit gerade vom Autor dieser Thesen vorgenommen wurden und eine krasse Verhöhn unig der religiösen Wethe der Ehe darstellten, Handlungen, die seinerzeit von berufener 'Seite in einem „Offenen Briefe", der wohl noch den Lesern in guter Erinnerung ist, in eingehender Weise gekennzeichnet wurden. Wir wollen nicht hoffen, daß die ernst den^ kende jüdische Welt diesen neuen „Richtlinien" so viel Ehre und Aufmerksamkeit schenkt wie damals, als die ersten erschienen sind. Die Erfahrung hat gezeigt, daß die große Auseinandersetzung nicht der Mühe wert war. Wer treu zum Gesetz hält, geht über diese Attacken gegen die Religion, — wie sie in Wahrheit nie in der Geschichte gefehlt haben — zur "Tagesordnung, zur religiösen Tagesordnung, wie sie ,uns seit altersher vorgeschrieben ist, über. Wer aber mit dem Gesetz gebrochen hat, läßt nicht; seinen Tag in eirie heue Gesetzesordnung einzwängen, die von Menschen für Menschen und für eine Zeit ausgedacht wurde, die sich zu schwach dünkt, religiöse Opfer auf;;sich zu nehmen. Also bleiben auch diese neuen' Versuche zwisctoeni Rechts und Links bloß Urkunden individueller Auflehnung geg«a G'tt und sein Gesetz. Eines sei noch gesagt: Punkt 12 empfiehlt das Lernen jüdischer Stoff e und die Aneignung jüdischen Wissens. Wir wollen hoffen, daß dieser Punkt beachtet und beherzigt wird. Denn das beste Mittel gegen diese, der jüdischen Religion und Tradition hohnsprechenden neuen Lehren ist doch schließlich das Lernen der jüdischen Stoffe 'und die Aneignung des jüdischen Wissens. Eine gewichtige Stimme über arabisch - jüdische Zusammenarbeit in Palästina. Angesichts der Vorgänge in Palästina, die uns vielfach das Augenmaß für die Trageweite der Dinge rauben, ist es wichtig, die Stimme eines Mannes zu hören, dem 'die Sachkenntnis und die Berechtigung, über palästinensische Angelegenheiten zu urteilen, keiner wird absprechen können. Sir Herbert Samuel, der erste High Commissioner in Palästina und der frühere englische Innenminister, veröffentlicht in einer Reihe großer europäischer Zeitungen einen Aufsatz über die Lage in Palästina, in dem er die Unruhen nur als eine Störung, aber nicht als daueende Gefahr ansieht. Er schreibt u. a.: „Seit dem Kriege hat sich die Bevölkerung in Palästina verdoppelt. Sie betrug rund 660.000, jetzt zählt sie 1.300.000. Die Araber vermehrten sich von 600.000 auf 900.000, die Juden von 60.000 auf 360.000 Selen. Die Araber fürchten, zurückgedrängt zu werden. Ihre Bedenken sind nicht begründet. Die englische Regierung bat den Juden durch die Balfour-Deklaration von 1917 die Errichtung eines Nationalheims in Palästina zugesichert. Es sei aber nicht richtig, daß sie den Arabern in einer Verpflichtung gegenüber König Hussein vom Hedschas zugesagt babe, Palästina würde einen Teil des weiten' Reiches in Westasien bilden, das unter arabische Herrschaft kommen soll. Die englische Regierung hat in einem 1922 veröffentlichten Dokument formell allen diesen Behauptungen widersprochen. Auch die arabische Befürchtung bezüglich der heiligen Stätten ist unbegründet. Würde selbst in einer Zukunft, die nicht voraussehbar ist, das Mandatsregime zu Ende gehen, so wäre es unverständlich, daß die Juden irgend eine Einmischung an den heiligen Stätten des Islam wünschen könnten. Es ist auch nicht wahr, daß arabische Bauern infolge der' jüdischen Landkäufe von ihrem Boden in einem zahlenmäßig ins Gewicht fallenden Umfange vertrieben worden seien. Im Gegenteil, die arabische Bevölkerung, die ländliche wie die städtische, hat im weitesten Maße von dem Einströmen jüdischer Bevölkerung und jüdischen Kapitals profitiert. Auf der anderen Seite stehen die Ansprüche der Juden. Die Balfour-Erklärurig war ein endgültiges Versprechen, wieder und wieder verbürgt durch 'Regierungen aus allen Parteien in England, gebilligt; durch die alliierten Regierungen und die Vereinigten Staaten von Amerika, dann als Bestandteil in das vom Völkerbund formell angenommene Mandat einbezogen. Im Vertrauen auf die Kraft dieses Versprechens haben Hunderttausende ihr Schicksal mit Palästina-verknüpft, ..Millionen und Millionen Pfund Sterling sind dort an.Kapital investiert worden. Es kann keine Rede davon..sein — und die englische Regierung hat auch diesbezüglich sich klar ausgesprochen —, dieses Versprechen aufzukündigen. Und in einem Augenblick, wo die deutsche Judenheit zu einem guten Teile eine neue Heimat suchen muß, wäre es wahrhaftig ein harter Schlag, wenn ein Teil der Welt, auf den die Juden starke historische Anrechte haben, und wo noch viel Raum für Bevölkerungszuwachs ist, ihnen nun verschlossen werden soll."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.