Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1936)
- Date
- 1936-07-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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AB HA' RÄCH AMIM (Vater des Erbarmens) Das sabbafKcbe Gebet für die Marlyrergemeinden. Von Rabb. Dr. A. Posner in Jerusalem. I. Zu seiner Geschichte: Der Verfasser des Ge betes ist unbekannt, seine Zeit nur zu erraten. Nach den schweren Leiden der Kreuzzüge wohl im 12 Jahrhundert entstanden, vergaß es ursprünglich nicht seinen Zusammenhang mit seiner Entstehungszeit Nur wenn man der Gemeinden und der Personen gedachte, die bei den Geseroth von Tann u"d vpnn ihre Blüte verloren, ihr Leben hingeben „für die Heiligung des g'ttlichen Namens", betete man es auch. Dieser Brauch hat sich auch in den meisten Gemeinden mit deutschem Minhag erhalten, in welchen nur vor dein „Memern" (= memorieren Gedanken der Märtyrer) es vorgetragen wurde. Dagegen wurde und wird es in den Gemeinden mit polnischem Minhag an jedem Sabbat und an den Tagen von Haskarath neschamoth (maskir) gebetet, es sei denn, daß diese Sabbate auf Tage fallen, in denen das ernste Tachanungebet fortfällt. Weitere Einzelheiten betreffen Ortsbräuche und sollen hier nicht mehr gestreift werden. IL Der Wortlaut: „Vater des Erbarmens, der in den Höhen thront, Er möge in seinem starken Erbarmen, ja in seinem Erbarmen gedenken der Lieben, der Redlichen, der Vollkommenen, der Gemein' den heiliger Aufgaben, die ihr Leben hingegeben haben für die Heiligung des g'ttlichen Namens. Die sich liebten und in Annehmlichkeit miteinander ihr Leben zubrachten und auch dm Tode nicht getrennt wurden. Behender waren sie als die Adler, Löwen übertrafen sie an Willensstärke, um zu erfüllen das Wollen ihres Eigners und das Verlangen ihres Hortes. Gedenken möge G'tt ihrer zum Guten, mit den Gerechten der Vergangenheit, und Recht möge er verschaffen vor unseren Augen, Recht um des Blutes, das vergossen wurde an seinen Dienern." Es folgen Zitate aus Thora, Propheten und Psalmen. III. Sprachliche Erklärungen: Nicht allein der aus Zitaten bestehende zweite Teil des Gebetes sucht seinen Wortschatz aus alter Literatur. Auch der erste Teil benutzt a.USgi©big alte biblische und spätere Wendungen. Der Anruf „Vater des Erbarmens" ist allgemein üblich. Die wörtlichen Zitate stammen aus 5. B. M. 32, 43; Joel 4, 21; Ps. 79, 10; Ps. 9, 13; Ps. 110 6/7. Nach der Einleitung des ersten Zitates, das aus der Thora gebracht wird, erwartet man je ein Zitat aus jedem Teil der Bibel; dies geschieht; aber zudem werden aus den „heiligen Schriften" noch Zitate gebracht. Dies« Häufung mit der Einführung des „es wird gesagt — weomer" — ist aus der Mischna usw. bekannt, man vergleiche nur — um ein bekanntes Beispiel zu bringen — die letzte Mischna von Berachoth. Diese Häufung bedarf einer sachlichen Erklärung. IV. Sachliche Erklärung: Der Aufbau des Stückes ist eindeutig. Es erfolgt keine irgendwie geartete Einleitung. Der Verfasser läßt den Beter sofort seine Bitte vortragen; sie erstrebt das Wachrufen des g'ttliQhen Erbarmens für die opferbereiten Gemeinden, die ihre Liebe und Treue zur jüdischen Religion mit ihrem Tode besiegelt haben und damit Vorbild und Muster derer wurden, die den Willen ihres Eigners und das Verlangen ihres Hortes zu erfüllen bereit sind. Der Zweck des erwachten und neu erweckten — durch das Gebet neu erweckten — Erbarmens ist: „Recht zu verschaffen dem Blute, das an den g'ttlichen Dienern vergossen wurde." Es muß hier ein Wort über r»rj gesagt werden. Wer die biblischen Stellen hierfür nachliest oder wer die jüdische Ethik kennt, wird a priori es unmöglich finden, daß dieses Wort den Sinn von „Rache" haben kann; man kann sich auch -nicht mit der Aeußerung Hermann Cohens zufrieden geben, daß „Rache" eine Formel ohne diesen scharfen Beigeschmack ist. „Nekamah" bedeutet im Hebräischen die natürliche Folge eines Unrechts, daß eine andere Untat oder eine Strafe nach sich zieht. Gerecht ist der Lauf der Welt. Ein geschehenes Unrecht stört diesen Lauf, der seine gerade Bahn wieder nur findet, wenn dieses Unrecht gutgemacht wird. Diebstahl ist ein Verstoß gegen bestimmte Schranken und Grenzen des weltlichen oder auch des geistigen Besitzes; würde dieser Tat nicht ihr Recht verschafft werden, so hätten alle Grenzen keinen Sinn mehr und das Weltbild müßte ein anderes werden. Strafen heißt nicht: dem Anderen um seiner bösen Tat willen Böses tun, sondern die Welt lehren, die Anerkennung der Grenzen trotz des Diebstahle nicht zu leugnen. Wie kann ein Mord in der Welt geschehen, ohne daß er nicht zum natürlichen Recht auffordert; man möchte sagen, natürlicherweise muß diese Tat eine Strafe nach sich ziehen, und das nennt man Nekamah oder Recht. Dieser Gedanke ist auch hier ausgesprochen: Gemeinden, die ihr Leben für das Höchste hingegeben haben, werden — wenn auch vielleicht erst in den spätesten Generationen — erleben müssen, dürfen, daß für die an ihnen begangene Tat eine Bestrafung er- , folgt. Ich stimme daher nicht dem Uebersetzer und Erklärer Dr. Alex Behr bei, der in .dem in München 1827 herausgegebenen Gebetbuche •anmerkt: „Das Wort Rache darf hier nicht in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes genommen werden; denn dies wäre bei der Allmacht und Vollkommenheit G'ttes völlig Unsinn, es ist vielmehr an diesem Orte, sowie überhaupt, wo es in der heiligen Schrift vorkommt, die Beschämung und Zerknirschung des Sünders damit verstanden" (S. 221). Der nächste Gedanke: kann erwartet werden, daß dieses „Recht" von G'tt aus gehen wird? Ja! Diesi wird durch .die folgenden Bi beistellen erwiesen; jeder Teil der Bibel liefert zunächst einen Beweis. In der Thora, dem Moseslied, fordert Moscheh, nachdem er das Schicksal Israel® geschildert hat, .die Völker auf, dem G'tte Israels zuzujubeln; denn seine Dränger von ehedem werden dieses Recht erfahren, und der Boden seines Volkes, der Boden seiner Vergangenheit und seiner Zukunft, das Leben auf der alten und ewig neuen und jungen Erde wird alles Unrecht sühnen, G'ttes Nation und die Völker in Versöhnung vereinigen.' Der Prophet Joel verheißt — er droht nicht! —: Jedes unschuldig vergossene Blut muß reingewaschen werden! Ohne Haß! Denn G'tt thront in Zion, anerkannt von aller Welt, wie seine Nation auf ihrer Erde wohnt, unter Zustimmung der Völker! Boden-Zion! Thora-Prophet! Der Psalmist im 79. Psalm beschreibt, wie die Völker das Heiligtum verunreinigt und Jerusalem zur Einöde gemacht haben. Er bittet um g'ttliche Hilfe und schließt an sein Gebet die Frage: warum sollen die Völker staunend fragen, wo ist ihr G'tt? Im Gegenteil, vor Israels Augen und in Gegenwart der Völker soll dieses „Recht" kundgetan werden! Höhere Erkenntnis verbindet .die Völker! Die drei Bibelverse beweisen, daß das gewünschte Recht geschehen kann und wird. Aber, daß das Gebet Einfluß auf diese himmlische Tat hat, ist noch nicht erwiesen. Daher wird ein neuer Beweissatz angeführt. Geholt wieder aus.dep. Psalmen. Weil G'tt das Geschrei der Leidenden, Bedrückten hört und nicht vergißt, weil G'tt dieser Taten gedenkt, darum fordert er -zum „Recht" um dieses Blutes willen auf. Jedoch muß dieses Gebet nicht augenblicklich seine Wirkung ausüben. Das durch unser Gebet erweckte g'ttliche Erbarmen muß das gewünschte „Recht" nicht schon sofort vollziehen. Dazu muß — wie sich der Volksmund auch im Midrasch ausdrückt — „das Maß voll sein". Der Königspsalm 110, der ursprünglich dem Siege Davids über Saul gelten soll, spricht — allgemeiner betrachtet — von dem König der Zukunft, der sein Haupt hoch erhoben tragen darf. Er braucht den Durst des Schlachtfeldes nicht zu verspüren, am Wege schon findet er den Bach, an dem er sich laben kann, und siegreichen Hauptes kehrt er heim. Es muß hier nicht etwa an einen heiligen Bach — das Kidrontal oder ähnliches' gedacht werden, sondern an den erquickenden Bach, der dem blutigen Schlachtfeld seine Schrecken nimmt und auf frieldiche Königsarbeit (hinweist (an das Kidrontal denkt z. B. L. Dürr, Psalm 110 im Lichte der neueren altorientalischen Forschung, Münster 1929, S. 24, der den Psalm messianisch übrigens sonst gut erklärt, die Wörtliche Auffassung ist am besten vertreten durch Hermann Baneth in MGWJ 69 (1925) S. 230ff., wo auch das Unpersönliche der Wendung „voll wars von- Leichen" mit Recht betont wird). So hat auch der zuletzt gebrachte Bibelvers seine Berechtigung und seinen Sinn. Er rundet das Gebet ab. V. Religiöse Auswertung. Was nimmt uns dieses Gebet und die in ihm ausgesprochenen Gedanken und was gibt es uns? Es nimmt den Stachel des persönlichen Hasses, die Erinnerung an die Täter, an die Verursacher aus unserem Herzen. Die Unvergessenheit, das ewige Erinnern der Geschichte darf nicht Menschen gelten, gewiß nicht in Zeiten anormaler Läufe, denn Menschen sind nur die Werkzeuge von Ideen, Werkzeuge G'ttes. Die Taten und .die Gesinnung und die Opfer, die sie gefordert haben, bleiben unvergessen. Sie überwuchern die Täter und die ErinnerunjS an ihr Tun, Der Märtyrergemeinden wollen wir gedenken, aber nicht derer, die ihren Märtyrertod heraufbeschworen haben. Vor Schadenfreude und Rache schützt uns dieses Gebet. Es lenkt unsere Gefühle, die oft von natürlichstem Verstände, nicht vom Ueberschwall augenblicklichen Gefühles geleitet werden, in die rechten Bahnen: zu beten wie Leidende und Unterdrückte und zu überantworten dieses Recht des „Rechtes" in die Hand des Höchsten, dessen Lehren Thorawort, Prophetenmund, Geist der heiligen Schriften verkündet haben. VI. Allgemeine Schlußbemerkungen: Die Tatsache, daß wir den oder die Verfasser nicht kennen, ist ein Zeichen dafür, daß man ursprünglich dieses Gebet nur als Gelegenheitsgebet verfaßt wissen wollte. Der Maharil weiß, daß dieses Gebet „in allen Gegenden des Rheins" gesprochen wird, Die Heimat des. Gebetes ist also leicht zu erraten. Erst als die Leiden sich häuften, behielt man es bei. In einer Anmerkung zum Siddur des Rab Amram Gaon ist zu lesen, daß der Herausgeber dieses Gebet in dem Pinkas der Gemeinde Worms handschriftlich gefunden habe:1 Es gab bereits Zeiten in Israel, in denen man glaubte, dieses Gebet aus unserem Gebetbuche streichen zu können. Vor 114 Jahren kam in Wien ein Siddur heraus, in welchem zu diesem Gebete angemerkt wird: „Dieses Gebet ist eine überflüssige Bitte1 in unseren Tagen. Denn die Römer und andere Menschen, welche unsere Väter und Vorfahren quälten ob der Heilighaltung ihres Glaubens, .diese sind alle längst, verschwunden und fort von dies erWelt. Nur, es ist ein Erbstück der Gemeinde Jakob®, der Seelen der Väter zu gedenken, die der Versuchung widerstanden und zu bitten, daß G'tt uns um ihrer willen helfe." Aber der Wunsch, für das „Seelenheil" der Verstorbenen zu beten und .die sich ewig erneuernden Verfolgungen von Juden und Judentum mußten diesem Gebete seine Stätte lassen. „Denn der größte Lohn wird denen zuteil, die in Frömmigkeit entschlafen sind". (II. Mäkk. 12, 45.) Diese Auffassung vertritt auch bereits das Machsor Vitty und setzt sich dafür ein, daß man für die Toten auch in der Ruhe und Heiligkeit des Schabbath bete (ed. Horwitz ®. 173], So stärkt an jedem Schabbath dieses Gebet den Willen in uns, das Verbot G'tte® zu beachten: „Du sollst .dir nicht Recht verschaffen", vielmehr dieses Recht dem Herrn des Alls überlassen, bei dem Recht und Erbarmen zusammenfanden. Quid novi ex Africa? Von geschätzter Seite wird! uns geschrieben: Die Wochenschrift „Israel" kündet in ihrer Nummer vom 5. Tamus eine Meldung, die inzwischen durch viele Zeitungen die Runde machte: es sei in Rom unter dem Vorsitz des Minister® für die Kolonien und unter Beteiligung des Verbandes der israelitischen Gemeinden Italiens, beschlossien worden,: Vertretung nach Addis=Abeba und Dlredaua zu ©ehicken, um dort israelitische Gemeinden zu organisieren und „di prendeer i primi ccntaita.' con gli elementi Falascia" die ersten Berührungspunkte mit den Faläscha anzuknüpfen. Wenn wir auch in einer Zeit leben, in der man sich über nichts mehr wundert, so kann man doch wähl nicht umbin, über solch merkwürdige Kunde zu staunen. So löblich es auch ist, -daß nun gar unter dem Vorsitz. des Kolomälmihisit'ers ein Beschluß zu Gunsten der Juden in Ahessi'nien gefaßt wurde, so seltsam mutet es an, daß" die Vertreter der israelitischen Gemeinden Italiens anscheinend gar nichts von einer bereits bestehenden Falascha=Bewegüng wissen. Ist es den Herren denn verborgen, daß gerade in Italien quasi die Wiege» cter Falascha-Bewegung gestanden?.' Unternahm nacht sJkon 1904/5 Dr. Jacques Faitlovitch im Auftrage des Baron Edm. Rothschild sowie 1908 und 13 im Auftrage des italie* nischen Pro-Falascha-Komitees, dessen Präsident Prof. Dr. Marguliest, Florenzwar, mehrere Expeditionen nach Abessinien?! Hat nicht Dr. Faitlovitch bereits 1914 im Innern des Landes Wanderschulen und 1923 in der Hauptstadt Addis Abeba eine Zentralschule mit abessimsch-jüdischea Lehrern gegründet, die noch heute besteht?! Unter solchen Umständen klingt die Meldung' „di prendere i primi contatti" wahrlich recht sonderbar» Furchten die Herren denn nicht, daß der Falaschasache unendlicher Schaden augefügt wird, wenn mit Ignorierung solcher Tat* Sachen an die Arbeit gegangen wird? Einem nichtisraelitisohen Minister kann man es natürlich nicht übel nehmen, wenn er von einem bisherigen Kontakt mit den Falaschas nichts weiß. Wie ist aber zu deuten, .daß auch die italienische Judenheit es ignoriert?! Bei gesunder Ueberlegung müßte es sich um geregelte Fortsetzung der ersprießlichen Tätigkeit des Dr. Faitlovitch und seiner Komitees handeln. Wir erwarten von der ruhmreichen Kultur Italiens, daß sie da® auf jüdischem Gebiet bei den Falschs bereits Erreichte nicht vernichte, sondern die Tätigkeit, die der Negus mit Wohlwollen guthieß und schützte, in erhöhtem Maße fördere. A. (Wir haben wiederholt sowohl an leitender Stelle wie in der Wochenrundschau auf .die neuen Pläne der talienischen Juden im Zusammenhange mit dem alten Prof alasciak omilee hingewiesen. Red.) Der Rabbiner als Prinzenerzieher Im „Neuen Wiener Tageblatt" wird darauf hinge* wiesen, daß der Vater des verstorbenen Oberrabbiners von Wien, der spätere Oberrabbiner von Nikolsburg, als junger Student der Germanistik auf Vorschlag des berühmten Germanisten Lachmann von Herzog Max von Bayern zum Lehrer seiner Töchter Elisabeth ,der späteren Kaiserin von Oesterreich, Helene und Marie, der späteren Königin von Neapel, für deutsche Literatur bestimmt wurde. Dieser Unterricht weckte die Begeisterung der späteren Kaiserin Elisabeth für Heinrich Heine, dem sie bekanntlich im Garten ihre® Schlosse® zu Korfu eiji Denkmal setzen ließ. Dem Einfluß des Literaturlett* rers Feuchtwang ist es nach Ansicht Aes Blattes auch wohl zuzuschreiben, daß später die.-/ alternde, schwerkranke Kaiserin sich mit. dem jüdischen Dichter Seligmann Holer in das Studium der jüdischen Dichter des spanischen Mittelalters, des Jehüda Halevy und des Gabirol, vertiefte.