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Der Israelit · 1936-07-23 · Heft 30 (23.7.1936) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 30 (23.7.1936)
Date
1936-07-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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23. Juli 1936 - Der Israelit Nr. 30 Seite 9 schlossene, selbständige landwirtschaftliche Siedlung von Juden aus Deutschland in Südamerika bilden. Die Siedlung Groß-Gaglow, die die erste geschlossene Siedlung von Juden in Deutschland gewesen ist, ist einst auf Initiative und unter besonderer Förderung des» Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten entstanden. Vertrauensärzte der Reichsversicherung, 'Berlin, 16. Juli. In den Bestimmungen über Anstellung, Besoldung und Dienstverhältnisse der Vertrauensärzte in der Reichsversicherung, die das Reichsversicheruingsamt unter dem 15. Juli erlassen hat, wird in § 4 vorgesehen, daß 'die Vertrauensärzte arischer Abstammung sein müssen. (ITA.i); Oesterreich. Nach wie vor keine jüdischen Aerzte in den Krankenhäusern. Wien, 15. Juli. Das Mitteilungsblatt der „Vereinigung jüdischer Aerzte" stellt fest, daß in den Wiener Krankenhäusern sechzig Arztstellen frei sind, die unbesetzt bleiben, weil sieit dem 1. April 1933 jüdische Aerzte nicht zu Krankenhausärzten ernannt werden und nichtjüdische Anwärter nicht vorhanden sind. N Die Ueberbürdung der Krankenhausärzte bedeutet eine Gefahr für die Patienten. Die Leiter der Krankenhäuser können an diesen Zuständen nichts ändern, da ohne Weisung des Sozialminisieriums jüdische Aerzte nicht als Hilfsärzte eingestellt werden können und diese Weisung bisher nicht erfolgt ist. Der Rabbiner und der Gemeindevorstand in dem Städtchen Liatowice haben das Ministerium für sozialen Schutz ersucht, eine Untersuchung über eine von Schulkindern verübte Schändung des jüdischen Friedhofs einzuleiten. Bei einem anläßlich des Abschlusses des Schuljahres veranstalteten Ausflug drangen Schüler der Volksschule in den jüdischen Friedhof ein, zertrümmerten Grabsteine und schändeten vierzehn Gräber. Der Schulleiter, an den sich eine Abordnung der jüdischen Bevölkerung wandte, erklärte, er hätte von dem behaupteten Vorfall nichts bemerkt. Ungeheure Aufregung herrscht in jüdischen Kreis sen über einen Vorfall, der deutlich zeigt, wie weit die Verrohung in einem Teil der polnischen Schuljugend infolge andauernder judenfeindKcher Verhetzung gediehen ist. Kinder einer Halbtagskolonie in der Nähe von Warschau hinderten beim Baden im Fluß den zwölfjährigen jüdischen Jungen Bronek 'Hermelin so lange daran, ans Land zu schwing men, bis ihn die Kräfte verließen und er ertrank. An der Beisetzung des Ertrunkenen nahmen 6000 Schüler der Halbtagskolonie und der jüdischen Regierungsschulen, Lehrer, Lehrerinnen und Eltern teil. Die Jüdische Gemeinde hat dem Opfer ein Ehren-, grab gewidmet. Die Kosten der Beerdigung wurden von dem Schulrat getragen. Eine behördliche Untersuchung über die Umstände, unter denen Bron?k Hermelin den Tod fand, wurde eingeleitet. Der judehfeindliche Terror in Polen wieder vor Gericht. Warschau, 15. Juli. Der antijüdische Terror in Polen wird demnächst in einem zweiten Radomer Prozeß wieder aufgerollt werden. Es handelt sich diesmal um die blutigen Vor5 fälle in dem Städtchen Klwow im Kreis Radom, bei denen ein Jude getötet und viele andere verwundet worden sind. Am 29. November 1935 war es in dem zwischen Przytik und Klwow gelegenen Städtchen 0 dr z y w o 1 zu Bauernunruhen gekommen. Die Juden von Odrzywol flüchteten nach Przytik. Drei mit Flüchtlingen vollbesetzte Wagen hatten Przytik ohne Gefahr erreicht. Der vierte Wagen mit etwa dreißig Juden wurde aber von Bauern aus den benachbarten Dörfern überfallen,- die die Insassen aufsi schwerste mißhandelten. Einer der Verletzten, Monisz Poznanski, starb bald daruf in Radom. Der Schuhmacher Hersch Wrublewski lag sechs Wochen lang im Krankenhaus. Er hat die Sprache verloren. 15 Juden wurden schwer verwundet, Erst zwei Wochen nach diesen Vorfällen wurde aus Radom ein Untersuchungsrichter in die Ortschaft entsandt. Obwohl die Ueberfallenen die Namen der angreifenden Bauern angegeben hatten, wurde nur gegen drei Personen die Anklage erhoben. Als Vertreter der jüdischen Privatbeteiligten werden mehrere jüdische Rechtsanwälte bei dem bevprste5 henden Prozeß auftreten. Die blutigen Ereignisse in Klwow sind schon während des Prozesses wegen des Pogroms in Przytik wiederholt erwähnt worden. Es war darauf hingewiesen worden, daß die jüdische Bevölkerung von Przytik nach diesen Vorfällen in ständiger Unruhe lebte. * * * Warschau, 17. Juli. In einem Wald bei dem Dorf Belna wurde der 43jährige jüdische Dorfhändler Baruch Mo n garten aus dem Städtchen Lagow bei Kielce tot aufgefunden. Als der Tat verdächtig wurde der Bauer Kreplak verhaftet, bei dem der ermordete Händler Federn einkaufen wollte. An den Kleidern Kreplaks fanden sich Blutspuren, er hatte bei der Verhaftung einige Dutzend Zloty bei sich. Bei der Warschauer Vorstadt Rerabertow ist von einer Patrouille ein antisemitischer Exzedent erschossen worden, der sich der Verhaftung entzogen hatte. Der Vorfall bot den nationaldemokratischen Kreisen Anlaß zu einer Pogromhetze. In zahlreichen jüdischen Häusern, wurden die Fenster zertrümmert. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht Panik. Juden zeigen sich nicht auf den Straßen. In einem Dorf bei Meseric« wurde das< Haus des Krämers Menachem Turteltaub mit Petro- Bestellung eines Vormundes für ein jüdisches Mündel. Berlin, 19. Juli. Das Landgericht Berlin hat in einem in der „Juristischen Wochenschrift" veröffentlichten Beschluß vom 20. Mai ausgesprochen, daß ein Jude, für den ein Vormund bestellt werden soll, nicht verlangen kann, daß ihm unter allen Umständen ein Jude zum Vor mund bestellt wird. Das Amt a.g e r i c h t hatte ak erste Instanz ausgeführt, daß der nationalsozialistische Staat grundsätzlich Aemter, auch Ehrenämter, nicht an Juden verleiht, und daß dringende Gründe, welche im zur. Entscheidung stehenden Fall die Bestellung eines jüdischen Vormunds erforderlich machten, nicht vorliegen. Dieser Auffassung hat sich das Landge rieht angeschlossen, und zwar unter dem ausdrücklichen Hinweis darauf, daß es diese Auffassung ungeachtet der Tatsache, daß das Mündel jüdischer Abstammung ist, billige. . Tagung' des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes. Dresden, 19. Juli. In. Dresden fand unter starker Beteiligung eine Tagung des Sächsischen Israelitischen Gemeindever5 bandes statt. Auf ihr wurde der Haushaltsplan des Verbandes für das Jahr 1936 angenommen und die Haushaltsrechnung für 1935 geprüft und für richtig befunden. Die kulturelle Betreuung der Kleingemeinden wurde behandelt und es wurden Anregungen ge-; geben; in welcher Weise die getroffenen Maßnahmen (Entsendung von Rednern zu Gemeindevorträgen, Versendung von Bücherkisten für die Gemeindebibliotheken usw.) nochWirksamer gestaltet werden können. Aus den gefaßten Beschlüssen ist eine Ent== Schließung hervorzuheben, wonach die Gemeinden in Zukunft Sammlungen, die von der Reichs Vertretung nicht ausdrücklich als erwünscht bezeichnet sind, künftig nicht zulassen und ihre Mitglieder auffordern werden, sich an diesen Sammlungen nicht zu beteiligen. Femer wurde die vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden vorgeschlagene Regelung des Steuerausgleichs bei Fortzügen angenommen und gleichzeitig eine entsprechende Meldeeinrichtung geschaffen. Im Verlaufe der Tagung sprach das Mitglied des Präsidiälausschusses der Reichsvertretung, Dr. Franz Meyer, 'über: die Tätigkeit der Reichsvertretung. ' ■ Jüdische . Bevölkerungsbewegung in Karlsruhe. Karlsruhe, 15. Juli. Im >,Badischen. Israelitischen Gemeindeblatt"" ist oine statistische Uebersicht über Veränderungen, innerhalb der jüdischen Bevölkerung in Karlsruhe veroffentlicht. Danach ist die judische Bevölkerung in Karlsruhe von 3366 Personen im Jahre 1925 auf 3119 irn Jahre 1933 und auf 2777 im Jahre 1935 zurückgegangen.■, Im Jahre 1920 betrug die Zahl der Geburten hoch 64, 1935 nur noch 10. Dagegen ist die Sterbeziffer von 43 im Jahre 1920 auf 54 im Jahre 1935 angestiegen. Durch den natürlichen Bevölkerungsabgang;: den Sterbeüberschluß, haben also; die Juden in Karlsruhe, unabhängig von Auswanderung und Fortzügen schon um 44 Pensionen abgenommen. Polen. Polnische Regierung garantiert wirtschaftliche Gleichberechtigung der Juden. Warschau,; 13, Juli. '; Der ITA. wird mitgeteilt: . Ministerpräsident General Slawoj Skladkowski hat eine von der letzten Tagung des Hauptratsi von der jüdischen Kaufmannschaft Polens gewählte Abordnung, bestehend aus den Herren M. Meisel, A- Geppner, A. Lewstein,. Ing. Kunki und Direktbr ing. Seidenmann empfangen. Die Abordnung schilderte dem Ministerpräsidenten die Lage der jüdischen Kaufmannschaft, die Angritfen ultranationalistischer polnischer Elemente und einer heftigen Boykottpropaganda in verschiedenen Teilen des Landes ausgesetzt ist. Unter Hinweis, auf die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller wirt= ■schaftlichen Kräfte des Landes zur Belebung der ^Wirtschaft 'und Stärkung der Verteidigungskraft Polens, hob die Abordnung die besondere Schädlichkeit der antisemitischen Agitation hervor, die die Grundlagen von Handel und Industrie bedrohe. . In seiner Antwort erklärte der Ministerpräsident mit voller Entschlossenheit, die Regierung werde unter Bedachtnahme auf Ruhe und Ordnung im Lahde und gemäß dem Grundsatz gerechter und gleicher Behandlung aller Bürger es nicht zulassen, daß irgend; jemand in Polen unverdientes Unrecht zugefügt wird., Jeder Bürger ohne Unterschied des Glaubens und; der Nationalität könne der Arbeit auf seinem Sektor rühi^ nachgehen. Di© Regierung garantiere Sicher* heit und ausnahmslos gleiche Behandlung aller Arbeitsstätten. Die Abordnung übergab dem Ministerpräsidenten die Beschlüsse der organisierten jüdischen Kaufmannschaft, die, sich auf den Fonds für Landesverteidigung beziehen. Sie empfing aus der Unterredung mit dem Premierministetr den Eindruck, daß dieser des festen Willens ist, Ruhe und Ordnung sowie Arbeitsfreiheit für alle Bürger des Landes unbedingt aufrecht zu erhalten. Und trotzd«m neue antijüdische Ausschreitungen! Warschau, 14. Juli. Aus Lodz werden barbarische Uebarfälle auf Juden gemeldet, die sich in der Umgebung der Stadt auf Sommerfrische befinden. Jüdische Sommergäste wurden zu Dutzenden schwer mißhandelt. Der siechsundvierzigjährige Gedalja Rübinstein wurde durch sechs Messerstiche erheblich verletzt. Der achtundzwanzigjährige Berl Lewinski erlitt schwere Verletzungen am Kopf, der sechundfünfzigjährige Mosche Mendel Dabisz wurde durch Messerstiche verwundet, Jechiel ,Ke2maniski erhielt neun tiefe Wunden am Kopf und »erlitt eine schwere Gehirnerschütterung. Er wurde in besorgniserregendem Zustand ins Krankenhaus gebracht. V Aus K a 1 i s z wird berichtet, daß die dortigen Nationaldemokraten versucht haben, das Bethaus in Brand zu stecken. Sie hatten mit Benzin getränkte brennende Lappen in das. Bethaus geworfen. Das Feuer konnte rechtzeitig -bemerkt und gelöscht werden.

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