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Der Israelit · 1936-07-23 · Heft 30 (23.7.1936) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 30 (23.7.1936)
Date
1936-07-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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23: Juli 1936 Der Israelit Nr, 30 Seite 7 weiter den Weg des „deutschen Oberlehrers" gegangen, hätte ihn nicht der Weltkrieg in eine andere, die ihm wesenseigene Bahn gedrängt der Krieg, der so viele der Besten verschlang, wies ihm den W e g d e s Lebens! Ich darf hier in wehmütiger Erinnerung etwas einschalten: Mein Bruder Moses war eine der großen Zukunftshoffnungen des Berliner Rabb nerseminars, dessen Rektor Hoff mann ihn liebte wie ein eignes Kind! ., Nachdem mein Bruder 18 Monate Dienst an der Westfront getan hatte, war es schließlich den unermüdlichen Bemühungen Hoffmanns bei den höchsten Amtsstellen gelungen, meinem Bruder eine Stellung als Buchzensör im Osten zu erwirken: am gleichen Tage, da die Verfügung des Oberbefehlshabers Ost die Kompanie meines Bruders erreichte — am 6. Elul 5676 —- war mein Bruder gefallen!! Es war für meine Eltern und uns Geschwister ein Stück Trost in unserin Schmerz, daß es gelang, diese Stelle dem Freund und Studiengenossen meines seligen Bruders: Deutschland er zu übertragen. Diese Begegnung mit dem Osten, mit dem jüdischen Osten, wurde zur Entscheidung' seines Lebens! Er konnte bald die Stelle des Buchzensors mit der eines Lehrers am hebräischen Gymnasium in Kowno vertauschen, um dann nach Abschluß des Krieges, von 1919—1922, drei Jähre als Schulrat im litauischen Unterrichtsministerium zu wirken. Diese sechs Jahre litauischen Aufenthalts waren die Zeit der Vorbereitung auf seine Berufung: er hatte schon vorher gewußt, daß im jüdischen Osten, trotz allen Zerfalls und allen Abfalls, reiches Leben blühte: jetzt sah und erlebte er dieses Leben! . ■ 'l Hatte sich am Tnach seine Seele entzündet, so entflammte an diesem Leben sein Herz: er sah die ' Jeschiwohmen'schen in dem inneren Reichtum ihrer Geistigkeit und in der äußeren Armut ihrer Lebensführung! Und dieser Widerspruch riß und zerrte an seinem Herzen! Darum konnte auf keinen andern als auf ihn die Wahl fällen, als die erste Kene s sio G e d a u 1 o nach einem 'Mann suchte, der ein großes Werk der Hilfe für die'Stätten des Lernens und Lehrens in. aller Welt aufbauen, der durch die Organisierung des K'ereri Hat h o r a einen Schütz wall' und ein Finan^hstrument für die Thora schaffen sollte: Deutschender, und nur Deutschländer, konnte sich ah' die Aufgabe wagen! Daß er sie nicht völlig losen konnte^ — das ist die Schuld der 'jüdischen1 :'Gemfein'äclfäft; '• daß er sie zu einem guten Teil lösfen 'korihte/ das ist ein wahres Wunder in unserer'Wunder-: armen Gegenwartsgeschichte! Er schuf;: indem er dem schwachen Körper riesige Energien abzwang, ein tragfähiges Fundament für eine internationale Organisation zur Finanzierung der Thorabedürfnisse; fast in allen Ländern der Welt gibt es Vertretungen des Keren Hathbra, die übergroße 'Mehrzähl''von -ihnen hat er ihr beispiellos hingebungsvoller Reise-1 und Redetätig-' keit geschaffen; und "wer sich seinen Argumenten verschloß, weil er schon zu weit ab war von dem Quell der Wahrheit; der erschloß sich seiner Persönlichkeit, einer Persönlichkeit voller Charme und innerer Harmonie, der ließ sich bezaubern von der Anmut, die über ihn ausgegossen war. Wenn der verstorbene Hamburger Raw, Oberrabbiner Spitzer, die deutschen Juden zu einer Entschuldungsaktion für die seinerzeit in ihrem Bestand lebensgefährlich bedrohten, litauischen Jesohiwaus so erfolgreich aufrufen konnte, wenn die deutschen. Juden für das große Werk, des Lubliner Raws gleich am; Anfang, wo der! Pessimismus und die Skepsis der Welt noch nicht durch die Riesenkraft Meir: .Schapir as. entwaffnet worden waren, große Summen'hergaben» wenn sich in Hamburg alle Pädagogen. des: gesetzestreuen Westens auf einer Erziehungskonferenz zusammenfanden, um eine Leistung späterer Jahre zu vermerken, westliche Menschen von geistiger Bedeutung eine Studienreise nach dem ''jüdischen Osten der Jeschiwausj zu den ragenden Führern des jüdischen Volkes machten, eine Reise, deren Segenswirkung noch heute deutlich in vielem spürbar ist, wenn aber — ich will keine' weiteren Einzelheiten aufzäh len — wenn der Westen den Osten liebt, nicht in kühler Distanz entfernter Verwandter, son dern in heißer, tätiger Bruderliebe — er, Schmuel Deutschländer, stand hinter all dieser Leistung: „der belebende Geist, der das Räderwerk trieb!" 3. „Beth Jacob! Kommt, wir wollen gehen im Licht des Ewigen!" Und doch war all dieses noch nicht das Letzte und Höchste in seinem Vollbringen! Als er Sara Schenirer begegnete und dem Werk, das sie begonnen, da erlebte er den Anruf G'ttes und er sprach wie einst Schmuel der Prophet, als ihm die Stimme G'ttes ertönte: „Rede, denn dein Diener hört!" Als ihm der Auftrag wurde, sich des Werkes von Beth Jacob mit anzunehmen und seine Freunde ihn warnten, hauszuhalten mit seiner Kraft, an sich auch einmal zu denken, da hörte er nicht auf ihren Rat, er kannte da kein kühles Ueberlegen, kein Ueberlegen und Schwanken, er fühlte, daß er an diesem Werk mitarbeiten , m ü s s e , und darum stellte er sich zum Dienst bereit! . ■ \ Sara Schenirer und Schmuel Deutschländer! ,Es ist müßig, zu fragen, wer größeren Anteil daran hat, daß, das große Werk der gesetzestreuen Judenheit gelingen, so gelingen konnte! Wahrhaft treue Herzen sind so voll Dank an die Vorsehung, daß sie uns diese beiden Menschen gegeben hat, daß für ein Fragen und. Abwägen kein Raum bleibt! , So wie die Pflanze, um zu gedeihen, das Erdreich braucht, in dem sie wurzelt und die Sonne und den Regen — so brauchte Beth Jacob diese. ^Beiden, um zu gedeihen, um — Beth Jacob zu werden! Beth Jacob, in dessen Schutz die jüdische Jugend unseres Volkes einen neuen Weg geht, der der alte ist, Beth Jacob, unter dessen Zeichen die jüdische Tochter wieder treu, wahr, wurzelhaft, wieder ganz jüdische Tochter wurde! Unter dessen Banner sich alles findet, das Gold höher zu schätzen weiß als Talmi, Kultur, ewige Kultur, höherstellt als 'all das, was. unter dem Schutze der „Zivilisation" sich hineinschmuggelt, jin das reine, ursprüngliche Haus des jüdischen jV.olkes! , Beth Jacob! Das ist der Treueschwur der (Töchter unseres Volkes;: daß sie nicht mehr gehen wollen auf fremden Straßen, daß sie nicht mehr kosten wollen von fremden Früchten, daß sie nicht mehr; weiden wollen auf fremden Fluren, daß sie sich nicht mehr blenden lassen wollen von den Lichtern, die die Mitwelt und Um- •welt entzündet, daß sie allein und immer wan-' dein wollen im „Lichte G'ttes"! f G'ttes Licht, das aufstrahlt über jedem Kapitel im Tenach, aus jedem Blatt der Geschichte unseres Volkes, das aus jeder treu und; bewußt geübten' Mizwo aufblitzt und mit seinem Schein verklärtjedes echte, jüdische Haus! Dieses Beth Jacob schufen Sara Schenirer und Schmuel Deutschländer — in diesem "Beth Jacob haben sie dem jüdischen Volk eine Gabe von ewiger Bedeutung, der jüdischen Tochter eine Verpflichtung von ewiger Dauer gegeben! Nicht das entscheidet, was unsere Statistik lehrt: daß bis heute, 65 000. Mädchen durch die Erziehung von; Beth Jacob gingen, sondern das ist entscheidend; ob j e d e s Mädchen,, das vom Lichte Be^h Jacobs erleuchtet wurde, treu und festj bieibt! Treu und fest gegenüber aller Irrung und "Wirrung 'der Zeit, treu und fest, auf welchen Platz das Schicksal es auch immer stellen'mäg! Denn in jeder jüdischen1 Seele spiegelt sich das ganze jüdische'Volk; „wer eine jüdische Seele erhält, dem wird es angerechnet, wie \«;enn er die ganze Welt, erhalten hätte"! Eine. Seele: zuerst und vor allem doch die eigene Seele!! Daß Sara Schenirer und Schmuel Deutschländer zu solchem Ziele hin die Jugend unseres Volkes führten: die Erben ihres Werkes, die Lehrerinnen und Schülerinnen von Beth Jacob, segnen ihr Andenken, wenn sie von diesem Ziel nie um Haaresbreite abweichen! Sie segnen das Andenken dieser beiden Großen und das S'chus dieser beiden Großen sichert und schützt auch des Werkes Zukunft! '■ i 4. „Wenn die Lippen des Priesters G'tteserkenntnis bewahren, dann sucht man Thora von seinem Mund"! Nur reine und große Menschen dürfen in unserm Volk Lehrer, Führer und Erzieher sein! Nur aus reinem Quell darf das Wasser sprudeln! Jenes Wort: „Richtet euch nach'-meinen Worten, aber nicht nach meinen Taten" kennt die jüdische Lehre nicht! Sie verlangt, daß man fcHVT!"""?K3 ÖMf?Ja Atta, fordert, indem das Gute man das Gute vormacht!! Schmuel Deutschländer war ein Mensch, dessen Leben ein Vorbild, lebendiger Mussar war! Sein Wirken, sein Tun war gekennzeichnet durch den großen Lehrsatz der Thora: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du"! Nächstenliebe, Menschenliebe, Güte, Wohlwollen, Herzlichkeit, Treue und Freundschaft, Mitleid und Mitleiden mit allem, was in seinen Kreis trat, das kennzeichne t e ihn! Abajo lehrt uns, daß die höchste Heiligung des g'ttliphen Nämens darin bestehe, daß man durch sein Vorbild und Leben G'tt im Kreise der Menschen Anhänger werbe: aflKfia O'aiP aiPXrpJP •PT bv. Deutschländers Leben war solch ein Kiddusch Haschern! Wo immer er war, welchen Dienst er verrichtete; die Menschen, die in seinen Kreis traten, sie wurden besser, frommer und gütiger! Denn seine Güte zwang sie zum Nachahmen des Vorbildes, das er ihnen gab! Er erzog die Menschen nioht durch Worte und Mahnung, er zog sie herauf durch Beispiel und eigene Lebensgestaltung! Und er hatte nicht das geringste Wissen von dieser seiner Kraft! Denn er war ein Talmid Chochom in des Wortes ursprünglichstem Sinn! Talmid Chochom? Wer darf sich dieses Titels rühmen? Erwirbt man ihn durch die Fülle des Wissens? Gewiß, auch dadurch, aber nicht allein dadurch! Der Adel des Wesens entscheidet! 15 Eigenschaften werden in Maseches Derech Erez Suto aufgezählt, die dem Talmid Chochom eignen müssen! Und die letzte und höchste: „er sei wie die unterste Schwelle des Hauses, auf die alle treten — und wenn schließlich das ganze Haus einstürzt, diese Schwelle bleibt"! .Vollendete Bescheiden he i t sich eT,t Unsterblichkeit! •). ,:. ,! Ich' kenne kaum einen Menschen, der bescheidener war als Schmuel Deutschländer, der jedem sein Recht, jäi jedem den Vorrang gab! Keinen, der aus der Bescheidenheit' seines Wesens heraus genügsamer, anspruchsloser, hilfsbereiter und gefälliger war als er! Keinen, der so wie er ein Maukir Rabboiion war, der so wie er jeder Not steuerte, jedem Armen half, jede Herzensnot zur Not des eigenen Herzens machte! Deutschländer war ein feinsinniger Tnachforscher, ein hervorragender Pädagoge, ein glänzen- -, der. Organisator, ein hinreißender Redner! Und wäre er all dieses nicht gewesen: das jüdische Volk hätte dennoch in ihm einen seiner Besten besessen! So groß war der Mensch Deutschländer! * ' Der neunte Aw, der Tag, an dem Deutschländer von uns ging, ist seit je der Tag unserer großer Trauer: er nahm uns Schmuel Deutschländer— und seitdem ist unser Trauern an diesem Tag noch größer!

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