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Der Israelit · 1936-07-23 · Heft 30 (23.7.1936) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 30 (23.7.1936)
Date
1936-07-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 30 D e r I s r a e 1 i t 23. Juli* 1936 Dr. Schmuel Deutschländer V'st. (Anläßlich des ersten Jahrzeitstages yxin 3K3 Von Wolf S. Jacobson. 1. Die Gemoro in Bowo Mezio 85b erzählt uns: Schmuel Jarchinoi (das heißt: der Kalenderkundige) war der Arzt von Rebbe. Als Rebbe einst an den Augen erkrankte, sprach er zu ihm: „Ich will dir einen Heilsaft einträufeln," Da erwiderte Rebbe: „Das halte ich nicht aus!'" „So will ich dir die Augen äußerlich einreiben!" „Auch dies halte ich nicht aus," antwortete Rebbe. Hierauf legte er ihm ein Rohr mit Heilmitteln unter das Kopfkissen und Rebbe wurde gesund! Darauf wollte Rebbe ihn mit der Rabbinerwürde schmücken, er konnte es aber nicht durchführen! Darüber grämte Rebbe sich sehr. Doch Schmuel sagte zu ihm: „Aergere dich nicht darüber, ich tat einen Blick in das Buch der Menschheitsgeschichte und darin steht verzeichnet: Schmuel Jarchinoi,:-. ein Weiser wind er genannt werden, ein Rabbiner wird er nicht genannt werden, doch Rebbe wird durch ihn geheilt werden!" In diesem Bericht der Gemoro sehe ich den Hauptinhalt der inhaltsreichen Lebensleistung Schmuel Deutsohländers dargestellt. Dieser Hauptinhalt seines Lebens: das war sein Wirken, sein gemeinsames Wirken mit Sara Sohenirer für die jüdische Tochter, das war seine Leistung für Beth Jacob! Wir wollen uns erinnern, wie es aussah unter der weiblichen jüdischen Jugend des Ostens, bevor ihr in Beth Jacob das Rettungsseil gerecht wurde. Wir wissen, daß das die große Sorge unserer berufensten Führer in Polen war. Wir erinnern uns daran, wie einer unserer Allergrößten auf der Krakauer Zentralratssitzung es schmerzvoll damals ausrief: „Ich habe viele gute und fromme Baohurim, aber wo nehme ich für sie die rechten Frauen her, wo sind die from-s men jüdischen Mädchen in Polen, aus denen die Mütter zukünftiger Geschlechter uns erblühen können?" Das Auge des Rebbe war krank! Wohin er sah, bot sich seinem Blick Schmerz und Wehmut, und so verdüsterte sich sein Blick! Da kam dieser Schmuel! Er war ein rechter Jarchinoi!" Er verstand es, in den Zeiten zu lesen, er war durch die Welt gewandert, kannte das Leben der Juden, kannte das geistige Streben der Jugend, kannte die Gefahren, die mit solchem Streben verbunden sind, wußte aber die Mittel .aufzuzeigen, durch die ' diese Gefahren überwunden und dieses an und für sich nur rühmj liehe Streben m die rechten Bahnen gelenkt werden kann! Dieser Weg, der eine neue Epoche, einleiten sollte und auch eingeleitet hat. durfte aber nur mit der allergrößten Vorsicht beschritten werden. Es mußte peinliche Rücksicht genommen werden auf Bedenken unserer Thoraführer, deren Hauptinteresse und Fürsorge sich bisher nur der männlichen Jugend zugewandt hatte. Es mußten Vorurteile beseitigt, Fehlurteile entkräftet werden. Schmuel Deutschländer war der Mann, der, es verstand, ein großes Erziehungsprogxamm auszuarbeiten, das. auf 'alle Bedenklichkeiten die peinlichste Rücksicht nahm und dennoch zur Heilung führte, daß unsere Großen wieder frohen Auges und freien Blickes auf die Jugend, auch und gerade auf die weibliche Jugend, ihrer Umgebung blicken konnten! Auf diese Weise heilte Schmuel, unser Schmuel Deutschländer, die Äugen Rebbes! Die großen Führer des Ostens wollten oft und oft Deutschländer mit Titeln und Ehren schmücken, aber Deutschländer wich all dem bescheiden aus. „Ich weiß, daß dies die mir von einem gütigen Geschick vorgezeichnete Aufgabe war: auf diesem. Gebiet Arzt, Beistand und Helfer unserer großen rabbinischen Führer zu werden!" Ehrung und Würdigung seiner Leistung wollte und suchte er nicht! Dies w a-r-s -eine Ehre: Helfer unserer Gedaulim zu sein! Das Dichterwort lautet: Wer das Dichten will verstehen Muß ins Land der Dichtung gehen; Wer den Dichter will verstehen, Muß in Dichters Lande gehen! Dieses Wort sagt uns zweierlei: Eine Leistung kann nur vollwertig und ganz sein, wenn sie sich genau den Verhältnissen und Gegebenheiten des Kreises anpaßt, dem diese Leistung gilt! Man kann nicht im luftleeren Raum leben und arbeiten, man muß die Dinge kennen, denen man seinen Dienst und seine Arbeit verschrieben hat! Aber noch ein anderes liegt in diesem Wort: Wenn man die Leistung eines Menschen beurteilen und richtig verstehen will, dann muß man seine Geschichte, seinen Ursprung und den Weg seines Lebens kennen! Das Le'bensschicksal •Sohmuel Deutschläniders müssen wir kennen, dann begreifen .wir, was wir sonst kaum fassen könnten: Woher nahm dieser .Von Jugend an so schwache Mann die Riesenkraft, das Werk zu vollbringen, vor dem wir jetzt nach dem so frühen Ende seines Lebens voll Trauer, aber auch voll Bewunderung stehen? Wer war Deutschländer? Woher kam er, wie entwickelte sich seine Persönlichkeit, an welchen Vorbildern formte er seinen Charakter, vollendete er sein Wesen und sein Wissen! Gleichsam wie die Seeleute Jona fragten: „Was ist dein Werk — woher kommst du — was ist deine Heimat — von welchem Volke stammst du?! Und wenn du, jüdische Tochter, die du das Glück hattest, Deutschländer zu kennen oder die ,dü doch von ihm gehört hast.— denn wenn du treu bist deinem G'tt, wenn du dein Tnach liebst, deine Mizwaus hütest, wenn du ünsern uralten, ewig .neuen jüdischen Weg gehst, dann dankst du es ihm ja mit in erster Reihe —, wenn du aus deinem Innern heraus die gleiche Frage an das Leben und die Leistung Schmuel Deutschländers stellst, so tönt dir aus seinem Grab die Antwort entgegen, mit der damals Jona auf die Fragen der Seeleute erwiderte, eine Antwort auf v i er Fragen: „Ich bin ein Iwri und den Ewigen, den G'tt des Himmels, bete ioh an, der das Meer und das Trockene geschaffen hat"!! Ich bTn e in Jude!! Das ist die Antwort!* Ein Jude, der seinem GHt mit' allen Fasern seiner Seele' liebte und der ihm darum diente mit aller Kraft' seines Herzens, mit allen Fähigkeiten seines1 Geistes, mit allen Organen seines Körpers! Aus seines Judentum, aus seiner < Jüdis.chkeit wuchs Deutschländer die Kraft zu seiner Leistung, daraus" floß seine vollendete Persönlichkeit, daraus seine Güte, sein Menschentum und seine. Menschlichkeit! Doch, so fragst du weiter, wie erwarb er sich diese Kraft des Judeseins, diesen Grad der, G'ttesliebe, die die Wurzel war, seiner Menschenliebe?! Auf dem Urgrund seiner Seele mag die Kraft großer Ahnen geschlummert haben, denn er war Sohn, Enkel und Urenkel von großen und angesehenen! Rabbinern! Sein. Großvater; dessen Namen er trug, ein Schüler des Ghassam Saufer, war . Zeit seines Lebens Raw in Puchow, einer Stadt in Mähren, und zeichnete dem großen Enkel schon die Spuren für eine seiner vielen Tätigkeiten vor: im Jahre 5607 veröffentlichte er einen, von den Gedaule Hasman. anerkannten Kommentar zu Schir Haschirim: „Maren Halwonaun!" Und sein Vater wies ihm den Weg für eine andre Seite seines Wirkens: sein Vater begründete das' S c h u 1 w e r k1 d e r. orthodoxen Gemeinde zu B er 1 in .' , Der'Großvater als Tenächerklärer, dej Vater als Jugendbildner: wir finden beides lni'Sohn und Enkel vollendet wieder! '. [_ Aber, die Entfaltung dieser Kräfte. — das war ganz allein das Werk, ein er unvergleichlichen S e 1 b s t e r x i e - h u n g! In frühester Jugend starben ihm Vater und Mutter, die natürlichen Betreuer des Menschen! Mit dem König David, dessen Psalmen immer auf seiner Lippe, immer in seinem Herzen waren, mag er damals ausgerufen haben: „Denn mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, so möge G'tt mich aufnehmen, G'tt sich meiner annehmen!" Er suchte und fand G'tt in dem „Buche G'tt es" — im Tnach, zu dem sich der früh verwaiste Knabe .hinflüchtete, das dem Mann auf der Höhe des Lebens, in der Fülle der Arbeit der ständige Begleiter blieb, das der Trost blieb in den Schmerzen seines letzten Krankenlagers! Deutschlands Erzieher waren im wörtlichsten Sinne die Männer, die im Ruach Hakaudesch zu ihrer Zeit und zu allen Zeiten gesprochen haben: in seinem Schmerz tröstete ihn Jesaja, seine Klage strömte aus in dem Weinen Jeremias, der Weisheit letzte- Tiefen suchte und fand er in Mischle, und die Höherimomente seines Lebens ließ er sich deuten, und verklären durch Tehillim! .; Tenach war ihm nicht Lernen, sondern Leben, vom ersten Augenblick bis zur letzten Stunde bewußten Denkens! Deutschländer, wohl einer der größten Pädagogen des * orthodoxen Judentums unserer Zeit, vielleicht der größte, in . seiner Selbsterziehung hat er sein Meisterstück geschaffen! Durchs Tnach hat er sich erzogen, sich und andere! Denn ich kenne Menschen, auch des Vaters früh entraten, die als Zehnjährige zu Schülern des. damals eben Zwanzigjährigen wurden — und; die noch heute, nach länger als einem Vier.teljahrhundert, die Formung ..ihrer jüdischen Persönlichkeit ausschließlich auf Deutschländer zurückführen, auf ihn, der niemals eigene Weisheit geben, sondern immer nur Tnaohs Weisheit vermitteln wollte! .Man spricht von Schmuel Deutschländer, dem Inhaber des Doktprtitels. dem berühmten Literaturkenner, dem feinen Kulturmenschen und Kulturträger, dem Mann, voll von europäischer Bildung — ich kann aus der allernächsten Kenntnis des Freundes, aus jahrzehntelanger;seelischer Verbundenheit bezeugen: alle diese Dinge waren: nur um Deutsohländer, i n Deutschender war nur eine Kultur: die urjüdische Kultur, die Kultur des Tenach! .' .Wfenn, man, sich -dies vor Augen hält, dann - versteht man auch: leichter,... begreift das,,, way einem, sonst Rätsel bliebe: daß Deutschländer sich überall einzufühlen wußte,,.überall heimisch war: im Stübl in Krakau, im Beth Hamidrosch in Kpwno ebenso wie in den, Vortragssälen des¬ Westens: die ewige Aktualität des Tenach, die*- keine Grenze des Raumes wie der Zeit kennt,* schuf/ die Sphäre der Gemeinsamkeit, des Vertrauens und der Liebe! Und auch im, Kreis der „Freien.": wenn, er über „Goethe,omd »die--.BtJ?einsprach — .vielleicht wollten sie' von Qpethe hören, er aber sprach zu ihnen von der Bibel — : vom Tnach! .. .;< Dieses eine Wort Tnach zeichnet seinen ganzen inneren Lebensweg! \:-:Uii.v Der äußere kann in wenigen Strichen därgfe- 1 stellt werden: Er ging zunächst den normalen Weg des gesetzestreuen jungen Menschen in? Deutschland, der „Akademiker" werden will: im. Jahre 5648 in iBerlin geboren, besuchte der Frühverwaiste als Zögling des Altonaer Waisenhauses^ zunächst die Volksschule' und därm das: Gymnasium in Altona; die letzten Gymnasialjahre verbrachte er in Berlin. Er studierte in Gießen und' Berlin, wo er gleichzeitig ^das Rabbinerseminar,* besuchte. Den Doktorgrad erwarb er sich durch; ^ine Arbeit über „Goethe und das alte TestaH' ment", eine Arbeit, . die .den ,,andern'* zeigte, daß ihre Größten bei uns"; zu Gast' saßen. Sein Probejahr als Lehramtskandidat legte er an einem Berliner Gymnasium ab -— und'er wäre:

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