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Der Israelit · 1936-07-23 · Heft 30 (23.7.1936) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 30 (23.7.1936)
Date
1936-07-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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^?**t^?^^!^^^^^! Seite 4 Nr. 30 ^-«^r «t6^*-w*v,*^r«^™f9j^^ Der Israelit .: . .„-..ÄS 23. Juli 1936' Staub von den heiligen Steinen abwischten. Und nun bedecken Staub und Unrat die heiligen Steine, als hüllten sie sich in Staub um die vertriebenen Söhne. Die Sonne, die ihre Strahlen auf die Steine schickt, vermehrt noch ihre Trauer. Sie weinen um die Menschen, die sie betreuten und nun nicht meh kommen, seitdem ganz in ihrer Nähe jener siebzigjährige Greis gefallen ist und sie — die Steine — seinen letzten Todesseufzer aufgenommen haben ... Ich trete an die Wand, wo sich die Bücherlade befand, will ein Tillimbuch herausholen. Wo ist die Lade? Kein Schrein und keine heiligen Bücher mehr. Ich drücke mein Gesicht an die Mauer und bete alle Psalmen, die mir gerade auswendig geläufig sind, auch eigene Gebete. In diesem Augenblick erlebe ich im Geiste wieder alle gehobenen Momnete, deren ich hier, an - der heiligen Stätte, so oft Zeugin war. Freitag nachmittag. Eine Gemeinde, ja. Ge- . meinden in bunter Sabbatkleidung, vom Strahle der Schechinah geküßt, harren dem Satbat entgegen. Auf dem Boden sitzen Dutzende von Juden, beten Psalmen oder schauen in heilige Bücher. Eine herrliche Erez Israel-Sonne lächelt vom Himmel herab und ruft: ,,Sabbat!" . . . Frauen auf der anderen Seite flüstern Gebete aus dicken Gebetbüchern, andere aus' den orientalischen Gemeinden, die nicht zu beten verstehen, küssen stumm die Mauer und beten so auf ihre stille Art, aus tiefstem Innern heraus. Unzählige Lichter flammen auf dem Tische auf. Jetzt erheben Sich auch die vom Baden und stimmen ihre herrlichen Gesänge , an. 'Gesang neben Gesang, Gebet neben Gebet, und alle in einer Harmonie vereinigt. Engel schwirren auf;'4em Mauerrand und breiten singend und segnend ihre Hände über die Beterscharen aus . . . J.om.KippurJ Neiilohstunde., Von oben jenseits. der Mauer kommt mit Schqfarton die Stimme: „Solachti — ich habe vergeben! . . ." T i s c h o h b e a w! Nacht der Tränen. Menschen gespenstern wie Schatten der Mauer entläng. Kommen und gehen. Singen und weinen. Weinen und singen. Und die Mauer selbst weint und singt ... Ich'-weiß nicht, wie lange ich da stand. Wie ich die Augen öffne, bin ich geblendet und muß mich erst langsam in die öde Umgebung hineinfinden. Mein Begleiter gibt Winke. Es ist Zeit. Es ist Zeit, denn nun ergießt sich ein gewaltiger Strom an der Mauer vorbei. Der G'ttesdienst in den großen Moscheen ist zu Ende. Viele Araber schieben sich mit Eseln und Kamelen über den Platz. Es entsteht ein Gedränge. Giftige Blicke streifen mich, doch sehen die Augen auch seitlich zum arabischen Korporal hin und dann geradeaus, als hätten sie mich gar nicht bemerkt. Hinter der Menge bewegt sich eine Anzahl britischer und arabischer Polizisten. Ich höre einen englischen Offizier in der nahen Telefonzelle rufen; „Ueber 6000 Mann besuchten heute die 'Moschee, aber die Menge zerstreut sich ruhig. Neue Polizeikräfte nicht nötig! . . ." Auf dem Rückwege, immer noch in Begleitung des Arabers, stoße ich noch wiederholt auf große Mengen von städtischen Arabern, Fellachen und Beduinen, die vom G'ttesdienst zurückkehren. Kein Wort kommt über ihre Lippen. Es mutet beinahe wie ein Leichenzug an. ■Möge, o heilige Mauer, mein Besuch Dir als der Besuch Deiner vertriebenen Kinder gelten! Ich bringe ihre Grüße Dir und von Dir all meinen Brüdern und Schwestern, all den Zerstreuten Israels, die] unter Tränen sich nach Dir sehnen und zu Dir heute nicht gelangen können, Wochenrundschau, Ein Stipendienfond an der Frankfurter Jeschiwa. Von dem Kuratorium der Frankfurter Je-| schiwa gehen uns nachstehende bedeutsame Mitteilungen zu: Die Frankfurter Jesohiwa war von ihrem großen Gründer s. A. als eine Pflanzstätte echter Thorawissenschaft ins Leben gerufen worden, in der vor allem die jüdische Jugend Deutschlands im Geiste Rabbiner Hirschs s. A. zu ebenso bewußten, gesinnungsstarken Jehudim wie zu tüchtigen B'ne "Thora herangebildet werden sollte. Wenn es ihr beschieden war, in weiten Kreisen die Liebe zur Thora aufs neue zu wekken, wenn nicht nur eine große Schülerzahl im Leben dem Geiste der Jeschiwa die Treue bewahrt, ihr sich das tiefe Verständnis erschlossen hat für die heilig große Forderung jüdischer Lebensbotschaf fe^sich vor allem gründliches Thorawissen anzueignen und aus dem emsigen Thorastudium des Lebens höchste Beglückung zu empfangen, darüber hinaus zahlreiche Schüler in langjährigem Jeschiwaaufenthalt reiches Wissen sich erworben haben und zum Teil in führender Stellung als Rabbiner und Lehrer sich bewährten, so waren solche Erfolge nicht zuletzt von dem Umstände bedingt, daß die Jeschiwa ,von Anfang an stets darauf bedacht war, einen Stamm von tüchtigen, reifen Bachurim zu ihren Schülern zu zählen, die das erforderliche Jesohiwa-Milieu schufen und ihren jüngeren Genossen beispielgebend und anregend zur Seite standen. Die Zeitverhältnisse haben es verursacht, daß solche Bachurim gegenwärtig nicht in der gewünschten Zahl vorhanden sind. Wohl sind der Jesohiwa neue Aufgaben erwachsen, die in ihrer Bedeutung nicht genug gewürdigt werden können: gilt es doch, eine abwandernde Jugend für ihren schweren jüdischen Lebensberuf vorzubereiten. So erfreulich auch das Bild ist, das die Frankfurter Jeschiwa zur Zeit nicht nur" zahlenmäßig (150 Bachurim), sondern auch in ihrer qualitativen Zusammengetzung bietet, so darf doch nicht verkannt werden, daß der Charakter der Jesohiwa und damit auch ihre Effolge wesentlich davon bedingt sind, daß ihr wie ehedem ein Kreis von reifen, tüchtigen Bachurim, die auf ihr zu langjährigem Thorastudium verbleiben, in gewünschter Stärke erstehe. Aus diesen. Erwägungen heraus hat das Kuratorium anläßlich der bevorstehenden zehnten Jährzeit des Gründers der Jeschiwa s. A. nachstehende Beschlüsse gefaßt: 1. Für Baohurim, die die Befähigung zum sogenannten selbständigen Lernen erworben haben und die Voraussetzungen mitbringen, daß sie bei mehrjährigem Verbleib auf der Frankfurter Jeschiwa zu tüchtigen B'ne Thora heranreifen, werden Stipendien bewilligt, die ihnen die Möglichkeit gewähren, befreit von drückenden Sorgen dem emsigen Thorastudium sich ihirizugebea. Aus ihnen sollen einst auch die geistigen Führer hervorgehen, deren die im Aufbruch begriffene Judenheit Deutschlands mehr denn je bedarf. Diese Stipendien werden auch solchen BaÖhürim zuerkannt, die zur Zeit die Frankfurter Jeschiwa nicht besuchen, aber die erforderliche Reife besitzen und gewillt sind, ihr Thorastudium auf der Frankfurter Jeschiwa fortzusetzen. ' 2. Sind diese Stipendien auch vornehmlich für reife Bachurim gedacht, so können sie im Bedürfnisfalle auch solchen jugendlichen Bachurim. gewährt werden, die im Lernen hoch nicht selbständig sind, deren Fleiß und Begabung je- ~ W ~ HÜHHMHY'"W i^ipj Die Mahnung des flTH TOM**) Jährlich steht der Sabbat, an dem tinmn nV» uns verlesen wird, als pin naw im Zeichen de© heraufziehenden Tischo-beaw. Seit nahezu zwei Jahrtausenden beklagt unser Volk den zweimaligen Untergang seines Heiligtum®, ist seihe Seele erfüllt von -dem schweren Leid, das ihm diese lange, Galuthzeit gebracht hat, und harrt voll Sehnsucht des Augenblicks, *) Es war am Sabbat nachmittag, der, wie dieses Jahr, auf den f>,Ä'w fiel, als die Trauerkunde durch die Frankfurter Adas Jeschurun*Gemeinde ging: U n s e>r R a w, Rabbi, Sajorn o n B r e u e r, hat ausgerungen, und; nach Sabbatausgahg wüßte die ganze jüdische Welt, daß ein begnadeter Führer des tho ratreuen deutschen Judentums und eine Säule der Thoralehre von uns gegangen war. Zehn Jahre sind nun seitdem vergangen. Mit dem Werke aus seiner geistigen Nachlassensöhaft nnan 101ÖV das jetzt in allen fünf Teilen komplett vor. uns liegt, spricht nach wie vor sein flammender Geeist und sein beredter Mund zu uns. Wir geben im obigen aus der Abhandlung zu D'in in dem vor kurzem im Verlage der Rabbirier Harsch-Gesellschaft erschiene* nen und in der <Hermon«Druckerei hergestellten fünften Band einiges zum zehnten Ja h r z e i t s t'a g wieder. der das Ende seines Galuth bringt, ein Ende, das aber nicht enthüllt und nur G'tt, dem Lenker unseres Geschickesi, bekannt ist, Denn darin unterscheidet sich ja so auffallend unser jetziges Galuth von dem ersten babylonischen Galuth. Denn während jenes Galuth von kurzer Dauer und sein Ende dm voraus bestimmt war, ist unser jetziges Galuth von langer Dauer und seih Ende uns nicht enthüllt, Als Grund hierfür lehren die Weisen- (Joma 9b); osp nVsna vb oaw nVana tbv n'aiins asp rtona aaw nbinw D'awm „Die Sünden der Ersteren, zur Zeit des ersten Heiligtums, sind enthüllt worden, darum ward auch ihr Galuth ende enthüllt; die Sünden der Letzteren, zur Zeit des zweiten Heiligtums', sind nicht enthüllt worden, darum blieb auch ihr Galuthende verhüllt". — Wir glauben diesen vielbesprochenen Ausspruch der Weisen in folgendem Sinne zu verstehen, naia *j)V»i» n« rwin latuet 'die große, ernste Forderung •des G'tteswortes, die esi jedem einzelnen Glied der jüdischen Gesamtheit zur Pflicht macht, den Irrun* gen seiner Genossen nicht schweigend gegenüberzustehen, sondern durch Mahnung und wiederholte Vorstellungen das Seinige zu tun, um zur Besinnung aufzurufen und Besserung zu bewirken. Nie und nimmer hätte der Abfall von G'ttes Gesetz auch in unserer Zeit solch traurigen Umfang angenommen, wenn stets und überall sich Männer gefunden hätten, die, erfüllt von heiligem Mut und unbeugsamer Ueberzeugungstreue, das offene,', rückhaltlose Wort der nnain zu sprechen gewillt gewesen wären. Man glaubte aber und glaubt immer noch, durch sogenannte politische Klugheit der G'ttessache dienen zu können, die, wie man sich selber beredet, tun Schlimmereis zu verhüten, schweigen zu dürfen meint, wo im Geiste; der Thora lautester Protest als gebieterische Pflicht sich erweist. In dieser Beziehung hat sich die Zeit des zweiten Heiligtums im Gegensatz zum ersten p"nn*a schwer vergangen. Wohl fehlte es zur Zeit des zweiten p"»nn nicht an Männern, die treu zu G'tt und der jüdischen Lebenswahrheit hielten, allein — und das mußte sich verhängnisvoll auswirken — sie hielten mit der Wahrheit der g'ttlichen Forderungen zurück und sprachen nicht unermüdlich und unerschrocken das von G'tt' gewollte Wort der mahnenden Zurechtweisung:; ni m m irrd-iri j&w^awa »V« pivw na-in &b „Jeruschalajim ging zu Grunde, lehren die Weisen (Sabbäth 119b), weil sie sich nicht gegenseitig zurechtwiesen", ffcnpa oma was» weil sie nicht den Mut hatten, aufzuschauen, da sie ja sonst das Unrecht und den Leichtsinn, der in ihrer Umgebung sich'breit machte, hätten sehen müssen. — Qii» iVina sV »a» ri'a i»Ta Zur Zeit des zweiten HeiMgtums wurden die Sünden der Zeit nicht enthüllt, es fehlten 4ie Männer, die das offene, rücksichtslose Wort der ftnaift sprachen; daher fehlte die erste Voraussetzung zii einer gründlichen Erneuerung des jüdischen Lebens,: und deshalb osj?7&JMi& konnte auch das Galuthende nicht enthüllt werden. Anders' lagen 'die Verhältnisse zur Zeit des ersten Heiligtums. Furchtbar war der Verfall, grauenvoll die Entfremdung; aber Männer mit von G'tt erfülltem. Geist, mit von G'tt lohender Begeisterung, 'denen der Bruch der Zeit die Seele zerfraß, traten in die Mitte der Verirrten und Entarteten) um das ' scho- .nungslose Wort der Zurechtweisung1;an sie zu richten: im Namen G'ttes, im Namen der verkannten, geschändeten' Thora das Gewissien, ihres Volkes aufzurütteln, um 'zu bessern, um zu retteh und die sonst unäb weisliche Katastrophe vielleicht noch abzuwen* den.. Wer ahnt nicht dae Größe: einesi Jesaja;; wönn uns aus unserer heutigen Häftpra die wuchtigen

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